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„Sturm auf die Kartoffelstände“, Lithografie von Vinzenz Katzler

Als Kartoffelrevolution werden Tumulte bezeichnet, die sich zwischen dem 21. April und 23. April 1847 in der preußischen Hauptstadt Berlin ereigneten. Die Ursachen lagen in der elenden sozialen Situation größerer Teile der Stadtbevölkerung. Anlässe lieferten die stark erhöhten Lebensmittelpreise aufgrund vorangegangener Missernten. Erst durch Einsatz von Militär konnten die Unruhen nach drei Tagen beendet werden. Die Tumulte werden zusammen mit dem Ersten Vereinigten Landtag zur unmittelbaren Vorgeschichte der Berliner Märzrevolution von 1848 gerechnet. Der Name Kartoffelrevolution geht auf den Umstand zurück, dass die Unruhe mit der Plünderung von Kartoffelständen begann. Laut dem Historiker Manfred Gailus sei es jedoch eher eine „Brotrevolution“ gewesen.

Inhaltsverzeichnis

UrsachenBearbeiten

Zu den sozialen Spannungen siehe auch → Berlin im Vormärz (1815–1848)

Für das Zustandekommen der Berliner Kartoffelrevolution waren drei Faktoren ausschlaggebend: Erstens fiel die Kartoffel- und Getreideernte von 1846 um 30 bis 50 % geringer aus als in den Vorjahren. Zweitens reagierten preußische Regierung und Stadtverwaltung nur unzureichend auf den Ernteausfall. Zur Vorbeugung sozialer Unruhen hatte die Obrigkeit in allen deutschen Residenzstädten- abgesehen von Stuttgart und Berlin- frühzeitig Getreidevorräte aufgekauft.[1] Die preußische Regierung beauftragte erst im Januar 1847 den „Geheim-Sekretär“ damit, russisches Getreide aufzukaufen. Dieser erwarb daraufhin minderwertige Ware, die bei der Ankunft im Hafen von Stettin bereits verdorben war. Der noch essbare Ladungsteil wurde durch die Zugabe von Gersten- und Maismehl gestreckt. Die Berliner Stadtverordnetenversammlung ihrerseits hatte zwar schon im Oktober 1846 in einer Petition den preußischen König König Friedrich Wilhelm IV. darum gebeten, den Export von Getreide, Kartoffeln und Spiritus zu verbieten. Der preußische Innenminister Ernst von Bodelschwingh der Ältere antwortete jedoch darauf, dass die Petition ohne Wissen des Berliner Magistrats eingereicht worden war. Wegen dieses „bürokratischen Formfehlers“ sei es nicht an den König weitergegeben worden.[2]

Die aus dieser Situation resultierende Verknappung der Lebensmittel in der Stadt ließ laut Rüdiger Hachtmann im April 1847 die Preise für Roggen um das Doppelte und für Kartoffeln um das „Drei- bis Vierfache“ ansteigen. In der Folge waren wirtschaftlich schwächere Gruppen der Stadt mehr noch als zuvor von Hunger und Unterernährung betroffen.[3] Dem konnte drittens das vorherrschende Wirtschaftssystem wenig entgegenwirken. Ein Polizeierlass von 1846 hatte den Berliner Bäckern vorgeschrieben, ihre „Preislisten“ von einem „Revier-Polizei-Leutnant“ kontrollieren zu lassen. Dementsprechend waren offiziell Preise für bestimmte Brotgrößen einzuhalten. Tatsächlich ließen sich diese Vorschriften von der Marktpolizei jedoch nicht flächendeckend durchsetzen. In vielen Fällen hatten die Berliner Bäcker daher Gelegenheit, die Vorschriften zu umgehen, indem sie etwa minderwertiges Material verwendeten oder geringe Brotgrößen zu hohen Preisen verkauften. Die in Jahrzehnten angesammelte Wut der Marktkäufer über diesen alltägliche Missstand, so Manfred Gailus, habe sich schließlich in der Kartoffelrevolution entladen.[4]

Die Bauern aus der ländlichen Umgebung Berlins erhöhten die Preise für ihre Kartoffeln, die sie auf den Wochenmärkten der Stadt anboten. Der Normalpreis für eine Metze (etwa 2 bis 2,5 Kilogramm) Kartoffeln hatte einen Silbergroschen (Sgr.) betragen, Ende Januar 1847 war er auf drei Sgr. gestiegen. Als Gerüchte aufkamen, wonach amtlich ein Höchstpreis von zwei Sgr. festgesetzt worden sei, ließ das Polizeipräsidium dementieren – man habe nicht die Absicht, sich in den freien Handel einzumischen. Stattdessen gab es, wie schon in den Jahren zuvor, vereinzelt karitative Aktivitäten der wohlhabenden Bürgerschaft und des Adels. Private Einrichtungen wie eine „Armen-Speisungs-Anstalt“ oder die „Kottwitzsche Armen-Beschäftigungs-Anstalt“ versuchten, die Folgen der sozialen Missstände zu lindern. „Zugunsten der Armen“ fanden Wohltätigkeitsbälle statt. Außerdem wurden Mehlersatzprodukte und der Verzehr von Pferdefleisch empfohlen.

Mitte April 1847 war der Kartoffelpreis auf fünf Silbergroschen gestiegen, den halben durchschnittlichen Tagesverdienst eines Arbeiters; für die zahlreichen Arbeitslosen und Gelegenheitsarbeiter und ihre meist vielköpfigen Familien wurde ihr Hauptnahrungsmittel noch weniger erschwinglich. Erst jetzt hob der Berliner Magistrat vorübergehend die kommunale Steuer auf Mehl und Getreide auf, die an den Stadttoren zu zahlen war. An den hohen Preisen für Kartoffeln änderte sich kaum etwas. Die Maßnahme schwächte allerdings die Finanzkraft der Stadt in einer ohnehin schwierigen Situation – 1847 mussten schon 40 Prozent des Etats zur Unterstützung für zahlreiche bedürftige Einwohner aufgewendet werden, etwa durch Zuschüsse zur öffentlichen Armenspeisung und für Brotgutscheine.

Die UnruhenBearbeiten

Ausbreitung im StadtgebietBearbeiten

In der Forschung wird bis heute darüber gestritten, wo die Kartoffelrevolution genau ihren Ausgangspunkt nahm. Die Schwierigkeiten hierbei bestehen zum einen in der großräumigen Verteilung der Unruhe im Stadtgebiet und der zahlreichen Aktionen von voneinander unabhängigen Gruppen. Am Morgen des 21. April 1847 kam es in etwa zeitgleich an acht Marktplätzen der Stadt zu Ausschreitungen. Zentren dieser ersten Unruhen waren meist die äußeren Stadtbezirkte Berlins. Zu nennen sind hier vor allem die Friedrichstadt, die Rosenthaler Vorstadt und der Bereich östlich des Alexanderplatzes. Waren am Morgen des 21. April nur die Marktplätze betroffen, weitete sich der Aufstand am Mittag auch auf die Straßen und Läden aus. Das Gebiet um das Berliner Stadtschloss und die Straße Unter den Linden wurden nun ebenfalls erfasst.[5] Laut Rüdiger Hachtmann begann die Kartoffelrevolution konkret am Belle-Alliance-Platz, dem heutigen Mehringplatz. An einen Kartoffelstand reizte eine Bäuerin mit „derben Antworten“ eine Menschenmenge so weit, dass mehrere Frauen sich gewaltsam auf sie stürzten und die Kartoffeln stahlen. Diese Aktion, so Hachtmann, habe dem Aufstand den Namen Kartoffelrevolution eingebracht.[6] Nach Manfred Gailus war hingegen der Gendarmenmarkt Ausgangspunkt der Unruhen. Wegen überteuerter Preise habe eine Menschenmenge eine Kartoffelhändlerin angegriffen. Diese flüchtete sich in ein Bäckerhaus in der Charlottenstraße, das anschließend von der Menge belagert, gestürmt und geplündert wurde.[7]

Weiterer VerlaufBearbeiten

Ähnliche Szenen ereigneten sich auf dem Molkenmarkt und dem Dönhoffplatz, wo Marktstände zerstört und Händler bedroht wurden. Die jeweils zwei Marktpolizisten vor Ort konnten die Übergriffe nicht verhindern.

Der übliche Donnerstags-Wochenmarkt auf dem Alexanderplatz fand am 22. April nicht statt, weil die Händler nach den Ereignissen des Vortages ausblieben. Es sammelten sich aber hier und an anderen Plätzen erregte Menschen, meist Bewohner der Vorstädte, die begannen, Bäckereien und Fleischereien in den Nebenstraßen zu plündern. Die preußische Militärverwaltung, die sich am Mittwoch noch nicht zuständig gefühlt hatte, aktivierte angesichts der Plünderungen in den Mittagsstunden ihre Berliner Garnison und ließ zahlreiche Verhaftungen vornehmen. Empörte Demonstranten warfen daraufhin die Fensterscheiben des Kronprinzenpalais Unter den Linden ein, dort wohnte Prinz Wilhelm von Preußen, der Befehlshaber des Gardekorps (und spätere Kaiser Wilhelm I.). Am Freitag, dem 23. April, wurde das ganze Stadtgebiet durch systematisch eingesetztes Militär kontrolliert. Insbesondere auf den Marktplätzen dieses Wochentages – Gendarmenmarkt, Dönhoffplatz und Neuer Markt – war die Bewachung so effektiv, dass die Händler sich allmählich wieder einfanden und neue Unruhen ausblieben. Dazu kam, dass die Berliner Stadtverwaltung überraschend eine größere Menge Kartoffeln zum Preis von 2½ Silbergroschen je Metze anbieten konnte, um die Lage zu beruhigen.

Gegen etwa hundert Teilnehmer an den Unruhen ergingen Gefängnis- und Zuchthausstrafen. Das härteste Urteil traf einen 32-jährigen Arbeiter, Vater von zwei Kindern; er wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er einen Offizier geschlagen und einem Soldaten den Säbel entrissen hatte. Die meisten Verurteilten kamen durch eine Amnestie aus Anlass des Geburtstags von König Friedrich Wilhelm IV. am 15. Oktober 1847 wieder frei. 25 Jahre später erinnerte Kaiser Wilhelm I. an die „Kartoffelrevolution“, als man ihm von Mieterkrawallen in Berlin berichtete: dergleichen sei nicht zu unterschätzen – nur ein Jahr nach den relativ harmlos scheinenden Unruhen von 1847 habe die Märzrevolution von 1848 den ganzen Staat gefährdet.[8]

ZeitzeugnisseBearbeiten

Der überforderte Berliner Magistrat legte dem preußischen Innenminister den Entwurf eines Plakates vor, das am 24. April 1847 veröffentlicht werden sollte. Allerdings war der Aufruf zu diesem Zeitpunkt durch die Militäreinsätze schon überholt und wurde zu den Akten gelegt. In dem Text hieß es:

„Seit gestern ist unsere Stadt Zeuge der strafbarsten Excesse. Sie erfüllen den ruhigen Bürger mit Entrüstung, zugleich aber mit großer Besorgnis. Wenn auch die Not des Augenblickes schwer auf vielen Einwohnern unserer Stadt lastet: die Kommunalbehörden müssen sich das Zeugnis geben, alles, was zu tun möglich und notwendig war, mit den gutgesinnten Einwohnern der Stadt gemeinschaftlich getan zu haben, um diese Not allen unseren bedrängten Einwohnern zu erleichtern. […] Mitbürger unserer Stadt! Wirken Sie mit uns dahin, […] daß der Mutwille und die Bosheit in der ruhigen Haltung der ordnungsliebenden Einwohner unserer Stadt ihr Ende finden.“[8]

Adolf Streckfuß (1823–1895) war ein politisch interessierter Schriftsteller und Beobachter der revolutionären Vorgänge um 1848 in Berlin. Rückblickend schrieb er 1867:

„Die Kartoffelrevolution, diesen Namen hat der unglückliche Aufstand des Proletariats in der Berliner Geschichte erhalten, war mit dem 22. April beendet. Sie hatte nicht den geringsten politischen Hintergrund und dennoch eine Bedeutung, denn sie zeigte, daß in der sonst so ruhigen Stadt Berlin der günstige Moment einen Sturm erzeugen konnte. Ein zusammengelaufener Volkshaufen vermochte zwei Tage lang die Hauptstadt in Schrecken zu setzen, obwohl er ohne Halt in der Bürgerschaft dastand. Was war zu erwarten, wenn die Bürgerschaft sich dem Aufstande anschlösse? Das sollte die Zukunft bald lehren.“[9]

LiteraturBearbeiten

  • Hans-Heinrich Bass: Hungerkrisen in Preußen während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Band 8. Scripta Mercaturae, St. Katharinen 1991, ISBN 3-922661-90-4 (teilweise zugleich Dissertation an der WWU Münster, 1990).
  • Manfred Gailus: Strasse und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preussens, 1847–1849. In: Veröffentlichungen des Max-Planck-Institut für Geschichte Göttingen. Band 96. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1990, ISBN 3-525-35632-3 (teilweise zugleich Dissertation an der TU Berlin, 1988).
  • Wilfried Löhken: Die Revolution 1848. Berlinerinnen und Berliner auf den Barrikaden. In: Berliner Geschichte(n). Band 2. Edition Hentrich, Berlin 1991, ISBN 3-926175-80-X, S. 10 ff.
  • Adolf Streckfuß: Berlin im 19. Jahrhundert. In vier Bänden (1867–1869). Band 3. Seidl, Berlin 1867, S. 325 ff. (als Faksimile auf CD-ROM erschienen bei: Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, Göttingen 2006).
  • Adolf Streckfuß: Berliner März 1848. Das Neue Berlin, Berlin 1948.
  • Inga Weise: Die Berliner Kartoffelrevolution. Eine Fallstudie zum sozialen Protest im Vormärz. Freie Universität, Berlin 1991 (Magisterarbeit an der Freien Universität Berlin 1991).
  • Kurt Wernicke: Vormärz – März – Nachmärz. Studien zur Berliner Politik- und Sozialgeschichte 1843–1853. Edition Luisenstadt, Berlin 1999, ISBN 3-89542-105-7.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Manfred Gailus, Straße und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preußens 1847- 1849, Göttingen 1990, S. 306
  2. Manfred Gailus, Straße und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preußens 1847- 1849, Göttingen 1990, S. 323–324
  3. Rüdiger Hachtmann: Berlin 1848. Eine Politik- und Gesellschaftsgeschichte der Revolution. Dietz, Bonn 1997, S. 82.
  4. Manfred Gailus, Straße und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preußens 1847- 1849, Göttingen 1990, S. 311–312.
  5. Manfred Gailus, Straße und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preußens 1847- 1849, Göttingen 1990, S. 307
  6. Rüdiger Hachtmann: Berlin 1848. Eine Politik- und Gesellschaftsgeschichte der Revolution. Dietz, Bonn 1997, S. 82–83.
  7. Manfred Gailus, Straße und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preußens 1847- 1849, Göttingen 1990, S. 309
  8. a b Kurt Wernicke: … der betretene Weg der Unordnung. Kartoffelrevolution in Berlin 1847. In: Berlinische Monatsschrift 4/1997 beim Luisenstädtischen Bildungsverein
  9. Adolf Streckfuß: Berlin im 19. Jahrhundert. Bd. 3, Berlin 1867, S. 325 ff.