Hauptmenü öffnen

Ingeborg Maus

deutsche Politologin

Ingeborg Maus (* 12. Oktober 1937 in Wiesbaden) ist emeritierte Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Maus gilt als Vertreterin einer prozeduralistischen Demokratietheorie: Angesichts der inhaltlichen Unbestimmtheit von Freiheit und Gleichheit könne deren Konkretisierung erst im demokratischen Gesetzgebungsprozess durch alle versammelten Menschenrechtssubjekte erreicht werden. Zwischen Menschenrechten und Volkssouveränität bestehe ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis: „Unantastbar werden die Freiheitsrechte erst dadurch, dass nicht die Mächtigen, sondern die Machtlosen über die Art ihres Freiheitsgebrauchs befinden“.[1]

Maus kritisiert eine zunehmende Entformalisierung des positiven Rechts, wie sie in der juristischen Konzeption Carl Schmitts unter anderem durch eine Unterscheidung zwischen Verfassung und Verfassungsgesetz ermöglicht worden sei.[2]

Aus dem Werk Immanuel Kants entwickelt Maus eine ambitionierte Auffassung von Volkssouveränität, aus der sie juridische Invokationen eines positivrechtlichen Widerstandsrechts als „refeudalisierende“ Verfallsform kritisiert. [3] Die von Kant in Zum ewigen Frieden mobilisierten Argumente gegen einen Weltstaat überführt Maus in eine Konzeption der Autonomie demokratischer Lernprozesse, gegen die militärische Interventionen, auch wenn sie sich aus moralisch-humanitären Gründen legitimieren, regelmäßig verstießen.[4]

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

SchulzeitBearbeiten

Ingeborg Maus wurde am 12. Oktober 1937 in Wiesbaden als Tochter des Bahnbeamten Heinrich Maus und seiner Ehefrau Emma, geb. Leibl, geboren. 1954 trat Maus in die Untersekunda des Elly-Heuss-Realgymnasiums in Wiesbaden ein, wo sie 1958 das Abitur erwarb.

StudiumBearbeiten

Von 1958 bis 1964 studierte Maus Politikwissenschaft, Germanistik und Philosophie an der Universität Frankfurt am Main und an der Freien Universität Berlin mit den Schwerpunkten Politische Ideengeschichte, Verfassungstheorie und Verfassungsgeschichte. Im Philosophiestudium, das sie bis zur Prüfung im Rigorosum weiterführte, beschäftigte sie sich mit Kant und Hegel. 1964 legte sie in Frankfurt das Staatsexamen für das höhere Lehramt in den Fächern Politikwissenschaft und Germanistik ab.

Maus' Dissertation am Lehrstuhl des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Frankfurt am Main wurde zunächst von Carlo Schmid, später von Christian Graf von Krockow betreut. 1971 schloss sie ihre Promotion mit den Bewertungen »valde laudabile« (schriftlich) und »summa cum laude« (mündlich) ab.

Beruflicher Werdegang an der Universität Frankfurt am MainBearbeiten

Von 1963 bis 1966 arbeitete Maus, zunächst ohne Abschluss, als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Politikwissenschaft der Universität Frankfurt am Main. Anschließend war sie dort bis 1970 mit der Verwaltung einer wissenschaftlichen Assistentenstelle beauftragt. Von 1971 bis 1977 war Maus als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften beschäftigt. 1977 wurde sie zur Dozentin, 1980 zur Professorin im Beamtenverhältnis auf Zeit ernannt.

1980 habilitierte sie für das Gebiet »Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Verfassungstheorie und Rechtssoziologie«. Als schriftliche Habilitationsleistungen wurden bereits veröffentlichte Arbeiten angenommen; Gutachter waren die Professoren Erhard Denninger, Iring Fetscher und Kurt L. Shell.

Von 1987 bis 1991 arbeitete Maus in der von Jürgen Habermas geleiteten Arbeitsgruppe Rechtstheorie.

Ingeborg Maus lebt seit April 2003 im Ruhestand, ist aber weiterhin u. a. als Mitherausgeberin der politisch-wissenschaftlichen Monatszeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik aktiv.

Werke (Auswahl)Bearbeiten

ZitateBearbeiten

„Politische Wahlen sind in einem Ausmaß zu Persönlichkeitswahlen regrediert, daß von einer Involution liberaldemokratischer Systeme zu Wahlmonarchien gesprochen werden muß.“

Ingeborg Maus: Zur Aufklärung der Demokratietheorie 1994

„Viele Protestbewegungen subsumieren sowohl ihr Selbstverständnis dem feudalständischen Institut des Widerstandsrechts als auch ihre Praxis der herrschenden justizstaatlichen Doktrin. Indem ihre symbolischen Regelverstöße eine gerichtliche Klärung der Rechtslage beabsichtigen, bilden ihre Aktionsformen nicht auslösende Momente eines demokratischen Willensbildungsprozesses, der zu einer generellen Gesetzesänderung führte, sondern erschöpft sich darin, den »Rechtsweg« einzuleiten. Damit wird nicht nur die Idee, daß ausschließlich demokratisch gesetztes Recht legitim sei, verabschiedet und die Initiative der Rechtsentwicklung in einem schlichten Sinne an die Gerichte zurückgegeben. Diese erneute Annäherung an mittelalterliche Rechtsverhältnisse gewinnt unter gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen eine neue Dimension. […] Der Prozeß der Refeudalisierung, der bereits in der Abwanderung der Politik aus den klassischen Zentren in die unkontrollierte mächtige Subpolitiken in Ökonomie, Technik und Wissenschaft liegt, wird durch die Favorisierung der Justiz als dezentraler und bloß reaktiver Schlichtungsinstanz noch verschärft.“

Ingeborg Maus: Zur Aufklärung der Demokratietheorie 1994

„Einen gleichsam idealen Anwendungsfall der Widerstandstheorie Kants stellen die 1989er Revolutionen in den sozialistischen Staaten, speziell diejenige in der DDR dar. Sie geben ein Beispiel dafür, dass bis zur höchsten Eskalationsstufe des Widerstands, dem Umsturz eines gesamten politischen Systems, Gewaltfreiheit möglich ist. Ihr Erfolg lag in der massenhaften Demonstration von Kritik, Beschwerden und Gegenvorstellungen, nachdem Formen passiver Verweigerung (bis zum gesellschaftlichen Bummelstreik) ihre Schneisen in die Systeme geschlagen hatten. Alle diese Formen eines von Kant befürworteten Widerstandes richteten sich gegen politische Systeme eines Glückseligkeitsdespotismus, der sich im Sinne der klassischen Metaphysik der Staatszwecke an inhaltlichen Zielen der Gerechtigkeit legitimiert hatte, ohne ein Prozedere vorzusehen, das eine gesamtgesellschaftliche Ermittlung dieser Ziele ermöglicht hätte - gegen Systeme also, deren Überlebensschwäche mit ihrer Unfähigkeit zur Demokratie identisch war.“

Ingeborg Maus: Zur Aufklärung der Demokratietheorie 1994

„Das Bundesverfassungsgericht, das vom Grundgesetz als »Hüter« der geschriebenen Verfassung eingesetzt war, usurpiert in der freizügigen Auslegung einer »Verfassung«, deren Inhalt es selber durch seine Entscheidungen je nach Sachlage stets neu bestimmt, die verfassungsgebende Gewalt des Volkes, ohne dass ein Verfassungsgesetz zustande käme. Auf diese Weise verschwinden auch die rechtsfreien Räume der Bürger, die nur durch präzise Gesetzesbestimmungen ausgegrenzt werden können, während die gesetzgebende Souveränität des Volkes in der Selbstprogrammierung der Apparate verschwindet.“

Ingeborg Maus: Vom Rechtsstaat zum Verfassungsstaat 2004

WeblinksBearbeiten

QuellenBearbeiten

  1. Maus, Ingeborg: Naturrecht, Menschenrecht und politische Gerechtigkeit. Der Kommentar (PDF; 38 kB), in: Dialektik. Enzyklopädische Zeitschrift für Philosophie und Wissenschaften, 1994/1, S. 9–18
  2. Maus, Ingeborg: Bürgerliche Rechtstheorie und Faschismus. Zur sozialen Funktion und aktuellen Wirkung der Theorie Carl Schmitts. 2. Auflage, München: Fink, 1980
  3. Maus, Ingeborg: Zur Aufklärung der Demokratietheorie. Rechts- und demokratietheoretische Überlegungen im Anschluß an Kant. Frankfurt: Suhrkamp, 1992
  4. Maus, Ingeborg: Volkssouveränität und das Prinzip der Nichtintervention in der Friedensphilosophie Immanuel Kants, in: Hauke Brunkhorst (Hg.), Einmischung erwünscht? Menschenrechte und bewaffnete Intervention. Frankfurt am Main: Fischer 1998, S. 88–116