Helmut Geist (Geograph)

deutscher Geograph, Professor für Humangeographie

Helmut J. Geist (* 1958 in Kastl) ist ein deutscher Geograph und war von 2006 bis 2012 Professor für Humangeographie an der Universität Aberdeen im schottischen Teil des Vereinigten Königreichs.

LebenBearbeiten

Aufgewachsen in einer ländlichen Handwerkerfamilie in der Oberpfälzer Alb legte Geist seine Reifeprüfung 1977 am Max-Reger-Gymnasium Amberg ab. Er absolvierte ein Studium der Diplom-Geographie in Würzburg und Tucson mit anschließendem Zivildienst bei einer medizinischen Hilfsorganisation.

Im Jahr 1986 wurde Geist Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Wirtschaftsgeographie an der Universität Würzburg und promovierte 1989 mit einer preislich ausgezeichneten Arbeit über agrare Tragfähigkeit in der westafrikanischen Republik Senegal.[1] Als Postdoc arbeitete er von 1994 bis 1998 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und 1999 in Washington DC am German-American Center for Visiting Scholars.[2]

Von 2000 bis 2005 war Geist an der belgischen Universität Louvain-la-Neuve geschäftsführend für das LUCC-Projekt (Land Use and Cover Change) tätig,[3] einem Vorhaben des International Geosphere-Biosphere Programme und des International Human Dimensions Programme on Global Environmental Change. Neben Managementaufgaben erstellte er meta-analytische Studien zu Desertifikation und Entwaldung aus der Perspektive sozialökologischer Landsystemwissenschaft.

Von 2006 bis 2012 war Geist Professor für Humangeographie an der Universität Aberdeen in Schottland als Sixth Century Chair in Human-Environment Interactions.[4][5] Die am Geographischen Institut historisch starke Forschung zu ländlichen Räumen erweiterte er perspektivisch mit einem Fokus auf Mensch-Umweltbeziehungen (nature-society nexus).[6] Im Jahr seines Dienstantritts mitbegründete er das vom Macaulay Institut und der Universität getragene Aberdeen Nodal Office als europäischen Kristallisationspunkt des Globalen Land Programms (GLP) unter der Ägide von Future Earth.[7]

Für die Internationale Geographische Union fungierte Geist als Mitglied des Steuerungskomitees der Kommission Land Use & Land Cover Changes von 2004 bis 2008 und von 2012 bis 2016.[8]

Als Honorarprofessor lehrt Geist seit 2013 Wirtschaftsgeographie an der Internationalen Berufsakademie[9] und Geographische Entwicklungsforschung an der Universität Göttingen.[10]

Wissenschaftliche BedeutungBearbeiten

Im Anschluss an eine entwicklungsgeographisch prominent rezipierte Arbeit über Mais- und Tabakproduktion in Malawi[11] wurde Geist 1992 zu einem Wegbereiter für Politische Ökologie in der deutschsprachigen Geographie.[12][13] Er trug dazu bei, im Sinne integrativer Geographie eine „herrschaftskritische Perspektive“ gesellschaftlicher Naturverhältnisse[14] als „dritte Säule“ zwischen Human- und Physiogeographie auszuweisen.[15]

Über das LUCC-Projekt urteilte man, dass es „in nahezu mustergültiger Weise Bandbreite und Potentiale fachübergreifender Kooperationsmöglichkeiten verschiedenster Fachdisziplinen“ zu Fragestellungen des Anthropozän zeige.[16] Am Beispiel von Trockengebieten entwarf Geist eine landsystemtheoretisch motivierte Klassifizierungsmethode, die erstmals soziale und biophysikalische Indikatoren kombiniert; sie gilt als „[t]he first real attempt to bring these aspects together […] [in] a typology of degradation causes and outcomes“.[17] Forschungsarbeiten von Geist zu globaler Landnutzung fanden Eingang in den IPBES-Bericht 2018 des Weltbiodiversitätsrats[18] und den IPCC-Sonderbericht 2019 des Weltklimarats.[19]

Als Gutachter unterstützte Geist 1998 die Kapstädter Weltbank-Konsultation zu Möglichkeiten und Grenzen globaler Tabakkontrolle.[20] Seitdem begleitet er tabakkritische Projekte weltweit:

  • als wissenschaftlicher Berater des Dokumentarfilms Rauchopfer von Peter Heller, der auf dem Internationalen Film Festival in Parma 2003 mit dem Grand Prix Leonardo in Gold als bester globalisierungskritischer Beitrag des Jahres ausgezeichnet wurde;[21]
  • als Gutachter einer Studiengruppe der Weltgesundheitsorganisation zu Alternativen zum Tabakanbau auf deren Treffen im Juni 2008 in Mexiko-Stadt auf der Basis der Artikel 17&18 Rahmenübereinkommen der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs (2005);[22]
  • als Ko-Autor einer Panel-Studie, von der Kelley Lee und Andere 2016 berichten, dass ein von British American Tobacco in Auftrag gegebenes Gutachten zum WHO-Rahmenübereinkommen zu dem Schluss kommt, dass die Zerstörung tropischer Trockenwälder „[deforestation] may be the single most negative impact of tobacco cultivation on the environment […] given the results of the study by Geist et al. [2009]“;[23] und
  • als Mitverfasser der ersten WHO-Studie 2017 zu den Gesamtwirkungen von Tabakrauchen, die Ökosystemzerstörungen und wirtschaftliche Fehlentwicklung in Anbauländern des globalen Südens konstatiert und transnationalen Tabakkonzernen Greenwashing vorwirft.[24]

Publikationen (Auswahl)Bearbeiten

BücherBearbeiten

  • als Hrsg. mit B. Lohnert: Coping with changing environments. Routledge Revival, Milton Park, UK/ New York, 2018 [1999].
  • mit S. Bialous, C. Curtis, P. S. Granados, Y. H. Hendlin, H. Eunha, N. Lecours, K. Lee, G. E. Matt, J. P. E. Quintana und E. T. d’Espaignet: Tobacco and its environmental impact. World Health Organization, Genf 2017; freier Volltext
  • The causes and progression of desertification. Routledge, London 2017 (Paperback-eBook) bzw. Ashgate, Aldershot (UK), Burlington (VT) 2005 (Hardback).
  • als Hrsg.: Our earth’s changing land. 2 Bände. Greenwood Press, Westport (CT), London 2006.
  • als Hrsg. mit E. F. Lambin: Land-use and land-cover change. Springer, Berlin/Heidelberg 2006.
  • mit P. Heller und J. Waluye: Rauchopfer. Die tödlichen Strategien der Tabakmultis. Horlemann, Bad Honnef 2004.
  • Agrare Tragfähigkeit im westlichen Senegal. Institut für Afrika-Kunde, Hamburg 1989.

ArtikelBearbeiten

  • Landschaftswandern. Kritik der tourismuswirtschaftlichen Inwertsetzung von Mittelgebirge. In: Berichte. Geographie und Landeskunde. Band 94, Heft 4, Dezember 2021, S. 317–334.
  • Tobacco and deforestation revisited: How to move towards a global land-use transition? In: Sustainability. Band 13, Nr. 16, 2021; freier Volltext
  • Integrative Geographie neu denken – z. B. anthropozänisch. In: Geographica Helvetica. Band 73, Nr. 2, 2018, S. 187–191; freier Volltext.
  • mit S. Whitfield und A. A. R. Ioris: Deliberative assessment in complex socioecological systems. In: Environmental Monitoring and Assessment. Band 183, Nr. 1/4, 2011, S. 465–483; freier Volltext.o
  • mit K. Chang, V. Etges und J. M. Abdallah: Tobacco growers at the crossroads. In: Land Use Policy. Band 26, Nr. 4, 2009, S. 1066–1079; freier Volltext.
  • Wandel oder Kollaps? In: Geographische Zeitschrift. Band 94, Nr. 3, 2006, S. 143–159; freier Volltext.
  • mit E. F. Lambin: Proximate causes and underlying driving forces of tropical deforestation. In: BioScience. Band 52, Nr. 2, 2002, S. 143–150; freier Volltext.
  • Global assessment of deforestation related to tobacco farming. In: Tobacco Control. Band 8, Nr. 1, 1999, S. 18–28; freier Volltext PMID 10465812.
  • Exploring the entry points for political ecology in the international research agenda on global environmental change. In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie. Band 43. Nr. 3/4, 1999, S. 158–168.
  • Das Bergland von Namwera. In: Gaia. Band 7, Nr. 4, 1998, S. 255–264; ingentaconnect.com
  • Tropenwaldzerstörung durch Tabak. In: Geographische Rundschau. Band 50, Nr. 5, 1998, S. 283–290.
  • Die orthodoxe und politisch-ökologische Sichtweise von Umweltdegradierung. In: Die Erde. Band 123, Nr. 4, 1992, S. 283–295; freier Volltext.
  • Subsistenzwirtschaft und Weltmarktproduktion in einer peripheren Region Malawis. In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie. Band 30, Nr. 3, 1986, S. 27–51.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. „Einzig zuverlässig ist Bildung“ – Unterfränkische Gedenkjahrstiftung zeichnet 25 Doktoranden aus. In: Fränkisches Volksblatt, 12. Mai 1990.
  2. GACVS Fellowship Recipient Group II
  3. International Geosphere-Biosphere Programme: Land Use and Cover Change. Abgerufen am 23. April 2016.
  4. Scientific contributions while affiliated with University of Aberdeen and other places. auf: researchgate.net, abgerufen am 2. Januar 2018.
  5. L. J. Philip, K.J. Edwards: Centenary of the Department of Geography, University of Aberdeen. In: Scottish Geographical Journal. Nr. 135, 2019, S. 196 ff. hier: S. 208.
  6. „Geist's work offered international perspectives on land-use change, informed by political ecology perspectives, including (…) global economic drivers of local land-use change, (…) desertification and agricultural transitions“. L.J. Philip & A.S. Maclaren. Rural geographical research – Working in rural places and with rural communities. In: Scottish Geographical Journal. Nr. 135, 2019, p. 334f.
  7. H. Geist, R. Birnie, R. Matthews & A. Ioris. Integration and synthesis of global land change science – The new Abderdeen Nodal Office. In: 'Bulletin' (College of Physical Sciences). Nr. 15, 2007, p. 5. Global Land Programme Future Earth Abgerufen am 27. November 2021.
  8. IGU Commission on Land Use and Cover Changes Abgerufen am 2. Februar 2018.
  9. Menschen – Dozent der Berufsakademie erhält Professoren-Titel. In: Thüringer Allgemeine, 31. Oktober/1. November 2014.
  10. Universität Göttingen, Vorlesungsverzeichnis SoSe 2021 Abgerufen am 8. April 2021.
  11. T. Rauch: Vier Jahrzehnte deutschsprachige Geographische Entwicklungsforschung im Spannungsfeld zwischen dialektischem Lernprozess und Zeitgeist. In: Geographische Zeitschrift. Band 106, Nr. 3, 2019, S. 180.
  12. T. Krings: Mensch-Umwelt-Beziehungen in den Tropen unter besonderer Berücksichtigung der Politischen Ökologie als Gegenstand der geographischen Entwicklungsforschung. In: Rundbrief Geographie. (VGDH), Nr. 149, 1998, S. 22; S. Becker, A. Otto: Editorial: Natur, Gesellschaft, Materialität – Aktuelle Herausforderungen der Politischen Ökologie. In: Geographica Helvetica. Nr. 71, 2016, S. 222.
  13. R. L. Bryant: Reflecting on political ecology. In: L. Bryant (Hrsg.): The International Handbook of Political Ecology. Cheltenham & Northhampton: Edward Elgar Publ., Cheltenham & Northhampton 2015, S. 15. Political Ecology Handbook Ch. 2 Abgerufen am 4. Dezember 2021.
  14. S. Bauriedl: Politische Ökologie – Nicht-deterministische, globale und materielle Dimensionen von Natur/Gesellschaft-Verhältnissen. In: Geographica Helvetica. Band 71, 2016, S. 345.
  15. H. Gebhardt, R. Glaser, U. Radtke, P. Reuber (Hrsg.): Geographie – Physische Geographie und Humangeographie. Berlin 2011, S. 76: Das Drei-Säulen-Modell der Geographie.
  16. E. Ehlers: Das Anthropozän. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, S. 237.
  17. Mark Stafford Smith: Desertification – Reflections on the mirage. In: R. H. Behnke, M. Mortimore (Hrsg.): The end of desertification? Disputing environmental change in the drylands. Springer, Berlin/Heidelberg 2016, S. 552.
  18. Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (2018): The assessment report on land degradation and restoration Chapters 3, 4, 5 & 6, abgerufen am 11. September 2019.
  19. Intergovernmental Panel on Climate Change (2019): Climate change and land – Summary for policymakers Chapters 3, 4 & 7, abgerufen am 1. September 2019.
  20. P. Jha & F.J. Chaloupka: Curbing the epidemic – Governments and the economics of tobacco control. World Bank, Washington DC 1999, S. 92. (dt. Ausgabe 2003, S. 110) Abgerufen am 30. Juli 2017.
  21. wocomoDOCS: Die tödlichen Strategien der Tabakindustrie – Rauchen schadet Mensch und Natur. Abgerufen am 24. Oktober 2017.
  22. Study group on economically sustainable alternatives to tobacco growing (in relation to Articles 17 and 18 of the Convention). S. 2 (item 6) & S. 4 (item 17), abgerufen am 30. Juli 2017.
  23. Pain A. et al. 2012: Research and evidence collection on issues related to articles 17 and 18 of the Framework Convention on Tobacco Control.; zitiert nach Lee K. et al. 2016: Manage and mitigate punitive regulatory measures, enhance the corporate image, influence public policy. In: Globalization and Health. 12, p. 55. doi:10.1186/s12992-016-0192-6.
  24. World Health Organization: Big Tobacco Leaves Huge Ecological Footprint. 30. Mai 2017, abgerufen am 3. Januar 2018.