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Heinrich Stillings Jünglingsjahre

Autobiographie von Johann Heinrich Jung

Heinrich Stillings Jünglingsjahre (ursprünglich Henrich Stillings Jünglings-Jahre) ist der zweite Teil der Autobiographie von Johann Heinrich Jung (genannt Jung-Stilling), erschienen 1778. Als Fortsetzung von Heinrich Stillings Jugend (1777) reicht er vom Tod seines Großvaters, als er elf, bis zum Weggang aus seiner Heimat, als er 21 Jahre alt ist. Es folgten noch Heinrich Stillings Wanderschaft (1778), Heinrich Stillings häusliches Leben (1789), Heinrich Stillings Lehrjahre (1804).

Inhaltsverzeichnis

ÜbersichtBearbeiten

Der erste Abschnitt beschreibt sehr kurz die Situation zu Hause nach Großvaters Tod und Henrichs vierjährige Zeit in der Lateinschule, ausführlicher seine erste Stelle als Schulmeister. Der Rest des Buches beschreibt den ähnlich langen Zeitraum, als Henrich immer wieder versucht, dauerhaft als Lehrer zu arbeiten, bis er am 12. April 1762 nach Pastor Stollbeins Tod auswandert.

InhaltBearbeiten

Henrich leidet unter den häuslichen Veränderungen durch seinen Onkel, der nach Großvaters Tod heimzieht. Während sein Vater wieder Lehrer ist, geht Henrich von jetzt an vier Jahre in die Lateinschule. Dann verschafft ihm Pastor Stollbein, bei dem er sich gutstellt, eine Stelle als Schulmeister im benachbarten Zellberg. Dort hält er lockeren Unterricht und versteht sich gut mit Jäger Krüger, Alchemieliebhaber und Besitzer vieler Bücher. Den aber hasst der Pastor und lässt Henrich abberufen.

Bei seiner nächsten Stelle beim reichen Steifmann im weiter entfernten Dorlingen ist er verschiedenen Angriffen ausgesetzt. Um Weihnachten besucht er seines Vaters neue Hochzeit, wo er bei einem Waldspaziergang in Ohnmacht fällt, als ihm ein fremdes Mädchen begegnet, das seiner Mutter ähnelt. Auch zu Hause hat er es schwer bei der körperlichen Arbeit, bis er im nahen Leindorf eine Stelle bekommt. Der dortige Pastor ist viel angenehmer. Sein Vater kritisiert seine Gewohnheit, während der Schule Bücher zu lesen. Bei seiner folgenden Stelle in Preising will er sich bessern. Er findet viele neue Romane und fühlt sich wohl bei seiner Zimmerwirtin. Deren zwei Töchter mögen ihn, was zu einer unangenehmen Situation führt. Weil man ihm ein Kartenspiel mit seinen Schülern falsch auslegt, muss er gehen, worauf ihm sein Vater diesmal sehr bitter wird. Ein Freund verhilft ihm in Kleefeld wieder zu einer Stelle. Falschmünzer Graser versucht, ihn zum Komplizen zu machen, indem er vorgibt, auf alchemistischem Weg Silber machen zu können. Diesmal vertreibt ihn ein korrupter geistlicher Inspektor. Eine Stelle im Vorstand eines Bergwerkes lehnt er auf Anraten eines Bekannten aus moralischen Gründen ab. Zu der schweren Arbeit zu Hause kommt jetzt die zunehmende Besorgnis seines Vaters, obwohl er ihn gelegentlich mit zur Landmesserei nimmt. Henrich arbeitet auch bei anderen Meistern, besonders nachdem ihn sein Vater einmal körperlich angreift. Diesmal tröstet ihn ein Gespräch mit seiner Großmutter. Er versteht sich gut mit seinem Meister und dessen Tochter Lieschen. Die Florenburger wollen ihn zum Rektor der Lateinschule wählen, aber nur, bis sie merken, dass Stollbein ihn unterstützt. Der versöhnt sich vor seinem Tod mit seinen Gegnern. Henrich beschließt mit Gott und seinem Vater, an Ostern auszuwandern und findet die Straße zur Handelsstadt Schönenthal.

Romantische SymbolikBearbeiten

Heinrich Stillings Jünglingsjahre setzt den Stil des ersten Teils fort. Die Veränderungen im Haus werden wiederum am Beispiel des eichenen Esstisches voll Segen und Gastfreiheit gezeigt, im ersten Buch schon Beispiel für die großväterlichen Hausordnung. Der Onkel räumt ihn weg und bringt einen gelben ahornen: Das sanfte Wehen des Stillingschen Geistes verwandelte sich ins Gebrause einer ängstlichen Begierde nach Geld und Gut. Auch die Alchemie wird wieder als eher Unglück bringende Sache erwähnt.

Maibuchen in der Landschaft weisen auf den Geist der verstorbenen Mutter hin. In Preising, wohin er auf Antrag eines Predigers und Verwandten seiner Mutter zieht, erwartet ihn tragische Liebe, illustriert durch das Lied vom Schäflein am Felsenstein und die Geschichte von der Bettelfrau. Seine Stimmung an den verschiedenen Orten kommt in den geschilderten Landschaften, Tageszeiten und Himmelsrichtungen zum Ausdruck. In Dorlingen, wo der gotteslästernde Stahlfabrikant wohnt, scheint die Sonne im Westen aufzugehen. Das Buch ist wie das vorige voller typisch pietistischer Wendungen, das Herz klopfte ihm kommt z.B. mehrmals vor.

BinnenstückeBearbeiten

In Fortsetzung der Thematik des alten Stubentisches lässt der Autor ein Kind in der Lateinschule von seinem alten Nachbarn erzählen, den sein erwachsener Sohn vom Esstisch wegsetzen wollte. Diese Geschichte wurde durch die Brüder Grimm bekannt als Der alte Großvater und der Enkel.

In Zellberg erzählt ein Bauer die Sage von den gottlosen Rittern auf dem Kindelsberg mit dem Lied von der Jungfrau auf dem Kindelsberg, das deutlich an zwei Lieder in Heinrich Stillings Jugend erinnert. Die Brüder Grimm übernahmen sie in Deutsche Sagen (Nr. 235 Der Kindelsberg).

Die Tochter von Henrichs Zimmerwirtin in Preising drückt ihre unverstandene Liebe in dem Lied Es graste ein Schäflein am Felsenstein und einer kurzen Erzählung aus, die ebenfalls in Grimms Märchen aufgenommen wurde als Die alte Bettelfrau (Nr. 150).

In seiner schweren Zeit zu Hause nach der unverschuldeten Entlassung aus Kleefeld und der Schelte seines Vaters dichtet Henrich im Herbst Gelb ist die Trauerfarbe. Dabei bestehen wieder Anklänge an die Depression seiner Mutter auf dem Spaziergang vor ihrem Tod. Noch mehr Signalwörter in dem Gedicht Hört ihr lieben Vögelein bei Sonnenuntergang erinnern an Jorinde und Joringel (Vögelein, Bäume, Blumen, Mondenlicht, Herz, Blut, matte Sonnenstrahlen, Mondesstrahl, Morgentau), ähnlich Lieschens Vision von künftiger Armut als uneheliche Mutter (vgl. auch die Bettlerin in Heinrich Stillings Jugend).

Den Abschluss bildet Henrichs Gedicht Noch einmal blickt mein mattes Auge, das seinen Abschied von Heimat und Jugend mit Tod und ewigem Leben vergleicht.

WerksgeschichteBearbeiten

Stilling veröffentlichte den zweiten Teil seiner Autobiographie Heinrich Stillings Jünglingsjahre 1778, also direkt auf seinen erfolgreichen ersten Teil Heinrich Stillings Jugend (1777), den noch sein Studienfreund Johann Wolfgang von Goethe für ihn hatte drucken lassen. Auch der dritte Teil Heinrich Stillings Wanderschaft folgte noch 1778.

Erwähnte Orte und BücherBearbeiten

Zellberg ist Lützel, Dorlingen ist Plettenberg, Leindorf ist Kredenbach, Preising ist Dreis-Tiefenbach, Kleefeld ist Klafeld (heute Teil von Geisweid, Stadtteil von Siegen), Florenburg ist Hilchenbach, Schönenthal ist Elberfeld.

Stilling liest bei Krüger Homer mit Entzücken und erwähnt als frühere Lektüre Vergil.[1] Er liest Mathematik von Tobias Beutel, Nicolas Bion, liest seinen Schülern die Bibel, Kaiser Oktavianus, Die schöne Magelone, Ilias vor und redet mit Krüger über Paracelsus, Jakob Böhme, Graf Bernhard.[2] Der Betrüger Graser hat ein Buch des Alchemisten Basilius Valentinus.[3] Bei dem bösen Steifmann findet er nur eine Bibel und Zions Lehr und Wunder von Doktor Mehl.[4]

In Leindorf liest er Geographie und Christian Wolffs Mathematik. Er erwähnt, dass er bisher Kirchenhistorie, Martergeschichten, Lebensbeschreibungen frommer Menschen, alte Kriegshistorien vom dreißigjährigen Krieg kennt, poetisch nur Eulenspiegel, Kaiser Oktavianus, Reineke Fuchs. Deshalb liest er jetzt Die Asiatische Banise von Heinrich Anshelm von Ziegler und Kliphausen und Des Christlichen Teutschen Groß-Fürsten Herkules und des Böhmischen Königlichen Fräulein Valiska Wundergeschichte von Andreas Heinrich Bucholtz. [5]

Er nennt noch Gottfried Arnolds Leben der Altväter und Unpartheyische Kirchen- und Ketzerhistorie, den Heidelberger Katechismus, Friedrich Adolf Lampe.[6]

LiteraturBearbeiten

  • Jung-Stilling, Johann Heinrich. Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart 1997. S. 89-194. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-000662-7)

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Jung-Stilling, Johann Heinrich. Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart 1997. S. 101, 111. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-000662-7 )
  2. Jung-Stilling, Johann Heinrich. Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart 1997. S. 96, 107. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-000662-7)
  3. Jung-Stilling, Johann Heinrich. Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart 1997. S. 151. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-000662-7)
  4. Jung-Stilling, Johann Heinrich. Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart 1997. S. 116. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-000662-7)
  5. Jung-Stilling, Johann Heinrich. Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart 1997. S. 131-132. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-000662-7)
  6. Jung-Stilling, Johann Heinrich. Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart 1997. S. 134, 144, 146. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-000662-7)