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Haben oder Sein (Untertitel: Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft) ist ein populäres gesellschaftskritisches Werk des Sozialpsychologen Erich Fromm aus dem Jahr 1976. Es zählt mit Die Kunst des Liebens aus dem Jahr 1956 zu seinen bekanntesten Werken. Ebenfalls erschien es wie dieses zuerst in der US-amerikanischen Buchserie World Perspectives und wurde dann in zahlreiche Sprachen übersetzt. Es ist daher zugunsten der Massentauglichkeit entsprechend spärlich mit Fußnoten versehen. Es handelt von einer philosophischen Anthropologie der Gesellschaft und beschreibt die zwei Charakterstrukturen Haben und Sein (Sozialordnung) und setzt sich kritisch mit den Thematiken auseinander.

Inhaltsverzeichnis

EntstehungBearbeiten

Die Arbeit ist eine empirische psychologische und soziologische Analyse der Existenzweisen (sowohl individuell als auch gesellschaftlich, siehe Gesellschaftscharakter) des Habens und des Seins und führt Ansätze seiner früheren Arbeiten fort. Sie ist im humanistischen Geist Fromms geschrieben und stellenweise – verfasst ein Jahrzehnt vor Glasnost und Perestroika – vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und insbesondere der Gefahr eines Atomkrieges (Kubakrise usw.) zu verstehen.

Ersetzt man die von Fromm verwendeten und für die damalige Zeit aktuellen maschinenfixierten Beispiele durch computerfixierte, so ist das Werk zum größten Teil noch immer hochaktuell. Die Grundgedanken zum kybernetischen Charakter[1] bzw. monozerebralen Menschen aus Fromms umfangreichster Untersuchung Anatomie der menschlichen Destruktivität erscheinen hier auch wieder. Diese neue Persönlichkeitsausprägung zeichnet sich durch „das Vorherrschen der rein verstandesmäßigen Ebene und der Unterentwicklung des emotionalen Bereichs“[2] aus.[3]

InhaltBearbeiten

Das Werk ist in die Einführung und drei Hauptteile unterteilt. In der Einführung legt Fromm seine kulturpessimistische Sichtweise dar, übt sich in Kapitalismuskritik und beschreibt „eine Gesellschaft notorisch unglücklicher Menschen“.[4] Im ersten Teil zeigt Fromm unter anderem etymologische, soziolinguistische, philosophische, religiöse und alltägliche Beispiele für den Unterschied zwischen Haben und Sein auf und analysiert dann im zweiten Teil den Unterschied der beiden Charakterorientierungen. Im dritten Teil schließlich legt er die Krise der (damaligen und heutigen) Gesellschaft dar und stellt Lösungsansätze vor.

Haben oder Sein in der PraxisBearbeiten

Am Ende seines Werkes arbeitet Fromm Gemeinsamkeiten derjenigen Denkweisen heraus, die sich vom Gedanken des Habens gelöst haben und sich der Sicht des Seins verpflichtet fühlen. Dieser Geist des Seins zeichnet sich durch folgende Punkte aus:

  1. die Arbeit habe der Erfüllung der wahren Bedürfnisse des Menschen und nicht den Erfordernissen der Wirtschaft zu dienen
  2. das Verhältnis der Ausbeutung der Natur durch den Menschen wird durch das der Kooperation zwischen Mensch und Natur ersetzt
  3. der wechselseitige Antagonismus zwischen den Menschen ist durch Solidarität ersetzt
  4. oberste Ziele des gesellschaftlichen Arrangements seien das menschliche Wohlsein und die Verhinderung menschlichen Leids
  5. maximaler Konsum ist durch einen vernünftigen Konsum (Konsum zum Wohle des Menschen) ersetzt
  6. der einzelne Mensch wird zur aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben motiviert

Denker, bei denen Fromm diese geistige Grundhaltung erkennt, sind u. a. Thoreau, Emerson, Albert Schweitzer, Ernst Bloch, Ivan Illich, die jugoslawischen Schriftsteller um die Zeitschrift Praxis, Ernst Friedrich Schumacher, Erhard Eppler.

Gemeinschaften, in denen dieser Geist gelebt wird, seien u. a. die israelischen Kibbuzim, die hutterischen Gemeinden, die Communautées de Travail.

Fromm skizziert eine Gesellschaft, in der Menschen in sogenannten Nachbarschaftsgruppen zusammenleben und ein „Oberster Kulturrat“ Medien, Forschung und Entwicklung so neutral wie möglich kontrolliert. Dieser Aufsichtsrat sollte sich nach Fromms Empfehlung aus „Männern und Frauen, deren Integrität über jeden Zweifel erhaben ist“[5], zusammensetzen. Ziel davon soll zum Beispiel sein, dass dadurch „Profit und militärische Nutzbarkeit“[6] in der wissenschaftlichen Forschung minimiert werden.

AusgabenBearbeiten

  • To Have or to Be? (englischsprachige Originalausgabe), Erstauflage 1976.
  • Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. München: dtv, 2010, 37. Aufl., 271 S. ISBN 978-3-423-34234-6

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität. 25. Auflage. dtv, München 2015, ISBN 978-3-499-17052-2, S. 393–403.
  2. vgl. Erich Fromm: Haben oder Sein - Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. 38. Auflage. dtv, München 2011, ISBN 978-3-423-19519-5, S. 185.
  3. vgl. Erich Fromm: Haben oder Sein - Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. 38. Auflage. dtv, München 2011, ISBN 978-3-423-19519-5, S. 179–187.: Der ‹Marketing-Charakter› und die ‹kybernetische Religion›
  4. Erich Fromm: Haben oder Sein - Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. 44. Auflage. dtv, München 2017, ISBN 978-3-423-34234-6, S. 18.
  5. Erich Fromm: Haben oder Sein. 44. Auflage. dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München 2017, ISBN 978-3-423-34234-6, S. 236.
  6. Erich Fromm: Haben oder Sein. 44. Auflage. dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München 2017, ISBN 978-3-423-34234-6, S. 239.