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Godehard Brüntrup

deutscher Philosoph und Hochschullehrer
Godehard Brüntrup SJ (2009)

Godehard Brüntrup SJ (* 19. März 1957 in Fulda) ist ein deutscher Philosoph und Jesuit und seit 2003 Professor für Philosophie an der Hochschule für Philosophie München mit den Schwerpunkten Metaphysik, Philosophie des Geistes und Sprachphilosophie.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Nach dem Eintritt in den Jesuitenorden studierte Brüntrup ab 1979 Philosophie an der Hochschule für Philosophie und der Ludwig-Maximilians-Universität München und schloss sein Studium 1984 mit dem Magister Artium ab. Zu seinen akademischen Lehrern zählten u. a. Wolfgang Stegmüller und Lorenz Bruno Puntel. Nach Abschluss des Philosophiestudiums folgte ein Studium der katholischen Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main und der Universität Innsbruck, das er 1989 als Diplom-Theologe abschloss.

1990 begann er unter seinem Doktorvater Peter Bieri an seiner Dissertationsschrift zu arbeiten, nach deren Einreichung er 1993 an der FU Berlin promoviert wurde. 2003 habilitierte er sich an der Hochschule für Philosophie und wurde dort zum Professor berufen. Ab 1984 lehrte und forschte Brüntrup an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten, u. a. der Rutgers University, der University of Notre Dame und der University of Arizona. Im Jahre 2002 lehnte er einen Ruf zum Full Professor der Fordham University ab, lehrte aber dort seitdem mehrfach als Gastprofessor.

Seit Januar 2012 ist Brüntrup Inhaber des Erich-Lejeune-Stiftungslehrstuhls für Philosophie und Motivation – in dieser Rolle beschäftigt er sich insbesondere mit Fragen der philosophischen Psychologie, der Metaphysik mentaler Verursachung, der Theorie des freien Willens sowie der Handlungstheorie.[1] Für das Wintersemester 2013/14 nahm Brüntrup einen Ruf als James Collins Visiting Professor in Philosophy der Saint Louis University an. Seitdem verbringt er regelmäßig den August/September als Extracurricular Professor an der St. Louis University.[2]

ForschungsschwerpunkteBearbeiten

Brüntrup gilt als Vertreter der analytischen Philosophie. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Metaphysik, Philosophie des Geistes, Sprachphilosophie, analytische Religionsphilosophie, Philosophie der Psychologie sowie die Geschichte der analytischen Philosophie.

In der Philosophie des Geistes tritt Brüntrup für eine nicht-reduktive, dennoch naturalistische Theorie des Geistes ein: Er argumentiert, dass der Emergenzbegriff ohne die panpsychistische Annahme graduell abgestufter proto-mentaler Eigenschaften zu einer dualistischen Position führt.[3] In der Tradition von Alfred N. Whitehead vertritt er die These, dass die intrinsischen Eigenschaften der Materie analog zu mentalen Eigenschaften gedacht werden müssen.[4] Er plädiert daher für einen erweiterten Begriff des Physischen, so dass seine Position keinen Idealismus impliziert, sondern den Panpsychismus mit einem Panphysikalismus verbindet. Zentral ist dabei die Zurückweisung des Materiebegriffes von René Descartes, der bis heute das naturwissenschaftliche Denken prägt.[5] Im Gegensatz zum reduktionistischen Programm des alten materialistischen Naturalismus spricht Brüntrup daher mit Gregg Rosenberg von einem „liberalen Naturalismus“, der Vorstufen des Mentalen zu den fundamentalen Eigenschaften der Natur rechnet.

Seit seiner Tätigkeit an der Fordham University forscht Brüntrup zur Prozessphilosophie – im Speziellen zur Philosophie von Alfred North Whitehead. Unter seiner Leitung hat sich die Hochschule für Philosophie zu einem bedeutenden Forschungsstandort zur Prozessphilosophie Whiteheads im deutschsprachigen Raum entwickelt. Welche Rolle prozessphilosophisches Denken für Brüntrup spielt, sieht man auch daran, dass Prozessphilosophie in vielen seiner weiteren Forschungsschwerpunkte ihre Anwendung findet: so vertritt er eine organismische Theorie von Selbst, des Willens und der Motivation und sein Denken in der Religionsphilosophie weist immer wieder eine große Nähe zur Prozesstheologie und der prozessphilosophischen Religionsphilosophie auf, so hat er beispielsweise eine prozesstheologische Interpretation des Lebens nach dem Tode[6] vorgelegt hat.

Im Grenzbereich von Philosophie des Geistes, Handlungstheorie und Philosophie der Psychologie plädiert Brüntrup für eine realistische, prozess-philosophische Theorie des Selbst. Er argumentiert, dass Menschen sich dann zu integralen Personen entwickeln, wenn sie in einer Kongruenz von persönlichen Zielen und subjektiven Fähigkeiten mit der Orientierung an einem Sinnzusammenhang leben. Seine philosophischen Ansätze sind dabei wesentlich von den Motivationstheorien der humanistischen Psychologie und dem Münchner Psychologen Hugo M. Kehr beeinflusst. Zusammen mit Hugo M. Kehr (Lehrstuhl für Psychologie der TU München) und Felix Tretter (Leiter des Kompetenzzentrum Sucht des Bezirkskrankenhauses Haar b. München) hat Brüntrup das interdisziplinäre Projekt "Motivational and Volitional Processes of Human Integration: Philosophical and Psychological Approaches to Human Flourishing" ins Leben gerufen.[7] In den vergangenen Jahren hat Brüntrup zusammen mit seinem Schüler Ludwig Jaskolla mehrere Projekte in dem Forschungsprojekte durchgeführt. Darunter das Projekt "On the Importance of Intellectual Humility in Becoming a Person"[8], das als Teil des Projekts "The Philosophy and Theology of Intellectual Humility" (geleitet von Eleonore Stump und John Greco, St. Louis University) durchführt wurde, sowie das Cluster-Forschungsprojekt "Varieties of Normative Agency"[9], das als Cluster im Rahmen des Projektes "The Philosophy and Science of Self-Control" (geleitet von Alfred Mele, University of Florida) durchgeführt wurde.

In der analytischen Religionsphilosophie plädiert Brüntrup dafür, dass sich die Theologie für die Entwicklungen der aktuellen analytischen Philosophie und auch der Naturwissenschaften öffnen soll. In diesem Rahmen organisierte Brüntrup z. B. 1998 eine internationale Fachkonferenz zum Thema „The Rationality of Theism“[10]. Seit 2009 ist Brüntrup als Regionaleditor des European Journal of Philosophy of Religion für den deutschsprachigen Raum tätig.[11] Seit Herbst 2010 leitet Brüntrup einen Teilbereich des Projektes "Analytische Religionsphilosophie" der John Templeton Foundation.[12] In Zusammenarbeit mit dem Inhaber des Lehrstuhls für Fundamentaltheologie der LMU München, Armin Kreiner, leitet Brüntrup eine Templeton-Cluster-Initiative mit dem Thema "Divine Omnipotence, Human Freedom and the Problem of Evil: Towards an Analytic Concept of Theodicy".[13] Seit 2015 leitet er zusammen mit Tobias Müller einen Teilbereich des internationalen, interdisziplinären Forschungsprojekts "Analytic Theology and the Nature of God", das in Kooperation mit den Universitäten Innsbruck, Regensburg und der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen durchgeführt wird.[14] Im Rahmen dieses Forschungsprojekts hat sich Brüntrup u. a. in die Debatte um die Konsistenz[15] und die Anwendung des Panentheismus[16] in der Religionsphilosophie eingebracht.

Seit den 1980er Jahren interessiert sich Brüntrup darüber hinaus für computergestützte Ontologien. In den Jahren 2008/2009 war er als Leiter einer Forschungsgruppe im Rahmen angewandter Ontologien tätig. Dieses Projekt zur „DomOnto - Erstellung einer universal einsetzbaren Ontologie zur Fragebogenerstellung“[17] wurde vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie im Rahmen von PRO INNO II gefördert und in Zusammenarbeit mit dem Softwareentwickler Comelio GmbH durchgeführt.

Gesellschaftliches EngagementBearbeiten

Als im Jahr 2010 die sexuellen Übergriffe von Jesuiten an Minderjährigen öffentlich wurden, reagierte Brüntrup umgehend mit dem Beitrag EINE KOPERNIKANISCHE WENDE?[18] in Die Tagespost und gab das Buch Unheilige Macht[19] mit heraus.

Filmische DokumentationenBearbeiten

Werke (Auswahl)Bearbeiten

Monographien und SammelbändeBearbeiten

  • (1994) Mentale Verursachung – Eine Theorie aus der Perspektive des semantischen Antirealismus. Kohlhammer, Stuttgart.
  • (1999) Brüntrup, Godehard / Ronald Tacelli (eds.): The Rationality of Theism. Studies in Philosophy and Religion. Vol. 19. Kluwer Academic, Dordrecht.
  • (2010) Brüntrup, Godehard / Maria Schwartz / Matthias Rugel (eds.): Auferstehung des Leibes – Unsterblichkeit der Seele. Kohlhammer, Stuttgart.
  • (2012) Das Leib-Seele-Problem – Eine Einführung. 4. durchgesehene Auflage. Kohlhammer, Stuttgart.
  • (2012) Brüntrup, Godehard / Maria Schwartz (eds.): Warum wir handeln. Philosophie der Motivation. Kohlhammer, Stuttgart.
  • (2013) Brüntrup, Godehard (ed.): "Minds: Human and Divine" erschienen als "Special Issue" des "European Journal for Philosophy of Religion" 5/1.
  • (2016) Brüntrup, Godehard / Ludwig Jaskolla (eds.): "Panpsychism: Contemporary Perspectives". Oxford University Press, New York, erschienen im Rahmen der "Philosophy of Mind Series" (ed. David Chalmers).
  • (2016) Brüntrup, Godehard / Ludwig Jaskolla (eds.): "Divine Motivation vs. Human Autonomy: Meta-Ethics Between Autonomy and Heteronomy", erschienen als "Special Focus" des "European Journal for Philosophy of Religion" 8/3.

ArtikelBearbeiten

  • (1995) Mentale Verursachung und metaphysischer Realismus. in: Theologie und Philosophie. (70), 203–223.
  • (1998) Is Psycho-physical Emergentism Committed to Dualism? The Causal Efficacy of Emergent Mental Properties. in: Erkenntnis. (6), 1–19.
  • (2001) Emergenz. Von der Unvorhersagbarkeit zur Selbstorganisation. in: Grazer Philosophische Studien. (61), 301–305.
  • (2004) Liberaler Naturalismus und die Wirklichkeit des Phänomenalen Erlebens. in: Goebel, B. / G. Kruip (eds.): Probleme des Naturalismus. Philosophische Beiträge. mentis, Paderborn, 183–210.
  • (2009) Natural Individuals and Intrinsic Properties. in: Honnefelder, L. / E. Runggaldier/ B. Schick (eds.): Unity and Time as Problem in Metaphysics. Walter de Gruyter, Berlin/New York, 237–252.
  • (2010) 3,5-Dimensionalismus und Überleben – ein prozessontologischer Ansatz. in: Brüntrup, Godehard / Maria Schwartz / Matthias Rugel: Auferstehung des Leibes – Unsterblichkeit der Seele. Kohlhammer, Stuttgart, 245–268.
  • (2011a) Gehirn, Geist, Gott. in: "Quaestiones Disputatae 240, Diesseits des Schweigens. Wie von Gott sprechen?" Herder, Freiburg, 64–86.
  • (2011b) [mit Ruben Schneider] How Molinists Can Have Their Cake and Eat It Too. In: Kanzian, Ch. / W. Löffler / J. Quitterer (eds.): "The Ways Things Are". ontos, Frankfurt, 221–241.
  • (2012a) Analytische Religionsphilosophie. In: Jahresbericht der Hochschule für Philosophie 2010/11, 4–15.
  • (2012b) Motivation und Verwirklichung des autonomen Selbst. In: Brüntrup, Godehard / Maria Schwartz (eds.): "Warum wir handeln. Philosophie der Motivation". Kohlhammer, Stuttgart, 175–200.
  • (2013a) Panpsychism. In: "New Catholic Encyclopedia Supplement 2012-13: Ethics and Philosophy" (ed. Robert L. Fastiggi). Gale, Detroit.
  • (2013b) Reales und Ideales Selbst. In: Viertbauer, Klaus / et al. (eds): "Das autonome Subjekt. Eine Denkform in Bedrängnis". Regensburg.
  • (2013c) [mit Ruben Schneider] Complete Concept Molinism. In: "European Journal for Philosophy of Religion" 5/1, 93–108.
  • (2014a) Die Religionskritik Freuds. In: Frick, Eckhard / Hamburger, Andreas (eds.): Freuds Religionskritik und der "Spiritual Turn". Stuttgart 2014: Kohlhammer, 64–74.
  • (2014b) Quantum Mechanics and Intentionality. In: Corradini, Antonella / Meixner, Uwe (eds.): Quantum Physics Meets The Philosophy Of Mind. Berlin/Boston: 2014: De Gruyter, 35–49.
  • (2014c) Reales und Ideales Selbst. In: Viertbauer et al. (eds): Das autonome Subjekt. Eine Denkform in Bedrängnis. Regensburg 2014: Friedrich Pustet, 135–158.
  • (2015a) Complete Concept Molinism – Der Molinismus vollständiger Begriffe. In: Thomas Marschler & Thomas Schärtl (eds.): Ein Gespräch zwischen systematischer Theologie und analytischer Philosophie. Münster 2015: Aschendorff. 363–378.
  • (2015b) Atheismus. Begriffsbestimmung, Verbreitung, Geschichte, Argumente. In: Heinrich Oberreuter (ed.): Staatslexikon der Görres-Gesellschaft. 8. Aufl. München: Herder.
  • (2016a) Emergent Panpsychism. In: Brüntrup, Godehard / Jaskolla, Ludwig (eds.): Panpsychism. Oxford 2016: Oxford University Press.
  • (2016b) Immortality. [with Peter Gemeinhardt and Christine Helmer] In: Allison Jr., Dane / Helmer, Christine / Schröter, Jens / Römer, Thomas / Seow, Choon-Leong / Walfish, Barry / Ziolkowski, Eric (eds.): Encyclopedia of the Bible and Its Reception Online. Berlin 2016: De Gruyter.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. http://www.hfph.de/hochschule/lehrende/prof-dr-godehard-bruentrup-sj
  2. https://www.domradio.de/themen/weltkirche/2018-08-22/angst-vor-dem-gottesdienst-missbrauch-den-usa-deutscher-jesuit-ueber-die-wut-der-glaeubigen
  3. Brüntrup, Godehard: Is Psycho-Physical Emergentism Committed to Dualism? The Causal Efficacy of Emergent Mental Properties. in: Erkenntnis (6)1998, 133–151.
  4. Brüntrup, Godehard: Natural Individuals and Intrinsic Properties. in: Honnefelder, Ludger / Edmund Runggaldier / Benedikt Schick (eds.): Unity and Time in Metaphysics. De Gruyter, Berlin: 2009, 237–252.
  5. Brüntrup, Godehard: Das Leib-Seele-Problem (4. Aufl.), Stuttgart, Kohlhammer: 2012, 8. Kapitel „Ein neuer Begriff der Materie“, 152–177.
  6. https://www.hfph.de/hochschule/lehrende/prof-dr-godehard-bruentrup-sj/articles/2010d.pdf
  7. http://www.hfph.mwn.de/drittmittelprojekte/philosophie-und-motivation (Memento vom 16. Februar 2014 im Internet Archive)
  8. https://www.hfph.de/forschung/drittmittelprojekte/archiv/humility-project
  9. https://www.hfph.de/forschung/drittmittelprojekte/self-control@1@2Vorlage:Toter Link/www.hfph.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven  Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  10. Brüntrup, Godehard / Ronald Tacelli (eds.): The Rationality of Theism. Studies in Philosophy and Religion. Vol. 19. Kluwer Academic, Dordrecht: 1999.
  11. Archivlink (Memento des Originals vom 27. Juli 2010 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.philosophy-of-religion.eu
  12. http://www.hfph.mwn.de/drittmittelprojekte/templeton-projekt-analytische-religionsphilosophie (Memento vom 19. Januar 2011 im Internet Archive)
  13. http://www.hfph.mwn.de/drittmittelprojekte/templeton-cluster (Memento vom 2. Januar 2012 im Internet Archive)
  14. Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 17. November 2015 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.hfph.de
  15. Brüntrup, Godehard. "Why 'Panentheism' Might not Be a Useful Concept." In: European Journal for Philosophy of Religion, 2018, im Erscheinen begriffen.
  16. Brüntrup, Godehard & Ludwig Jaskolla. "Panpsychismus und Handeln Gottes". In: Gasser, Georg / Thomas Schärtl-Trendel / Ludwig Jaskolla. Handbuch für Analytische Theologie. Münster: Aschendorff, 2017. 919–948.
  17. http://www.comelio.com/forschung/befragungen
  18. Godehard Brüntrup SJ: EINE KOPERNIKANISCHE WENDE? 2010, abgerufen am 6. November 2018 (d).
  19. Godehard Brüntrup, Christian Herwartz, Hermann Kügler (Hrsg.): Unheilige Macht - Der Jesuitenorden und dieMissbrauchskrise. 2. Auflage. W. Kohlhammer, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-17-023289-1, S. 202.