Gesellschaft des Rüdenbandes

Adelsgesellschaft des Spätmittelalters

Die Gesellschaft des Rüdenbandes, auch Gesellschaft mit dem Rüdenband, oder Die Rüdenbänder war eine Adelsgesellschaft des Spätmittelalters. Sie wurde Im ausgehenden 14. Jahrhundert gegründet und vereinigte Adlige aus dem oberlausitzer und niederschlesischen Raum. Im 15. Jahrhundert fand sie auch Mitglieder in Franken, Bayern und Schwaben.

GeschichteBearbeiten

Der Zeitpunkt der Gründung der Gesellschaft mit dem Rüdenband ist nicht bekannt. Ein erster Beleg für ihre Existenz findet sich 1389 anlässlich eines Turniers in Görlitz. Hier befiehlt Herzog Johann von Görlitz ausdrücklich der Stadt dy rodin bender zu ehren.[1] Schon im Vorjahr hatte in Liegnitz ein Turnier stattgefunden.[2] Die Gründung der Adelsgesellschaft könnte daher als Versuch gewertet werden, die Residenz Johanns von Görlitz aufzuwerten.[3]

Einen umfassenderen Einblick in das Gesellschaftsleben der Rüdenbänder vermitteln die 1413 besiegelten Statuten der Gesellschaft.[4] Ob es bereits im 14. Jahrhundert schriftlich niedergelegte Statuten gab ist unklar. Liegnitz und Görlitz finden sich bereits 1388/89 als Höfe der Gesellschaft, wie dies auch die späteren Statuten festlegten. Außerdem scheint es personale Kontinuitäten gegeben zu haben.[5] Anlass dafür, die Statuten 1413 zu besiegeln und möglicherweise auch anzupassen, könnte der Erbstreit Ludwig II. von Liegnitz und Brieg mit seinem Halbbruder Heinrich IX. von Liegnitz und Lüben gewesen sein. Es werden auch die Schlacht bei Tannenberg, die Pest des Jahres 1413 und die Oppelner Fehde erwogen.[6]

Mit der Vergabe des Rüdenbandes an den jungen Markgrafen Johann von Brandenburg durch Ludwig II. 1420 verbreitete sich die Gesellschaft auch in den oberdeutschen Raum, wie eine 1425 ausgestellte Urkunde zeigt.[7] Die zentrale Stellung Ludwigs II. in der Gesellschaft – Markgraf Johann bezeichnete ihn als deren „König“ – führte nach dessen Tod 1436 offenbar schnell zum Verfall der Gesellschaft.[8] Die Rüdenbandgesellschaft hat möglicherweise die Gründung des Schwanenordens durch Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg inspiriert.[9]

StatutenBearbeiten

In den Statuten von 1413 tritt die Gesellschaft mit dem Rüdenband als eine Adelsgesellschaft mit einem weiten Tätigkeitsfeld entgegen.[10] Nach außen ein Beistandsbündnis, wirkte die Gesellschaft nach innen als Friedensbündnis: Konflikte unter Gesellen sollten durch Schiedsgerichte der Gesellschaft oder von den Konfliktparteien selbst gewählte Schiedsrichter gelöst werden. Gelang dies nicht, sollte einer der Fürsten den Streit entscheiden. Kam ein Mitglied ohne eigene Schuld zu schaden oder wurde gefangen genommen, verpflichteten sich die Rüdenbänder zur Unterstützung.

Wichtig war den Rüdenbändern offenbar auch die Durchsetzung strenger Standesschranken. Weder durfte ein Mitglied unehrenhafter Tätigkeit nachgehen, noch das Rüdenband an Frauen niederen Standes geben. Adligen Frauen stand die Gesellschaft offen. Nach dem Bericht Ghillebert de Lannoys stellten sie sogar die Hälfte der Mitglieder.[11]

Darüber hinaus verstanden sich die Rüdenbänder als religiöse Gesellschaft, die vor allem die Marienverehrung betrieb.[12] Ihren ersten Jahresbeitrag planten sie gemeinsam zu einer ewigen Messe in Liegnitz zu stiften, bevor sie im zweiten Jahr einen Hof (Turnier) in Liegnitz und darauf einen Hof in Görlitz veranstalten wollten. Diese Turniere sollten von den Mitgliedern kräftig beworben werden. Den Abschluss eines jeden Turniers sollten Memorialgottesdienste für die verstorbenen Mitglieder der Gesellschaft bilden. Für ihre religiösen Stiftungen erhob die Gesellschaft des Rüdenbandes jährliche Mitgliedsbeiträge von 12, 6 resp. 2 Schock Groschen vom Bischof, den Fürsten resp. den einfachen Rittern und Edelknechten. 1420 betrug der Beitrag jedenfalls in Oberdeutschland nur noch 1 Schock Groschen, der dem Kloster Langenzenn zugutekommen sollte.[13]

Als Oberhaupt der Gesellschaft wirkte in den 1420er Jahren Herzog Ludwig II. von Brieg, der von Markgraf Johann 1425 als König bezeichnet wird. Selbst nannte er sich der geselleschaffte mit dem Rüdenpand oberster Haubtmann.[14] Die Statuten von 1413 kennen diese Stellung nicht. Aus dem Kollegium der Fürsten ist lediglich Bischof Wenzel von Breslau durch einen höheren Mitgliedsbeitrag herausgehoben. An zweiter Stelle in der Hierarchie der Rüdenbänder stehen die Fürsten, die an allen Entscheidungen der Gesellschaft teilhatten und als letztinstanzliche Schiedsrichter zwischen Mitgliedern tätig waren. Die Statuten legen nahe, dass es ferner ein stehendes Schiedsgericht gab. Noch über den einfachen Mitgliedern der Gesellschaft standen Älteste in den sechs Landsmannschaften der Gesellschaft. Jeweils vier Älteste standen der Mitgliedschaft in Böhmen, im Herzogtum Liegnitz, in den Herzogtümern Schweidnitz, Brieg und Breslau, in der Oberlausitz, im Herzogtum Sagan und Glogau sowie im Herzogtum Oels und Cosel vor.

Der Beitritt zur Gesellschaft mit dem Rüdenband war nach den Statuten für adlige Männer und Frauen nur auf den Turnieren der Gesellschaft möglich. 1420 nimmt Herzog Ludwig II. als Hauptmann für sich in Anspruch das Rüdenband selbstständig verleihen zu dürfen. Der Austritt war mit einer Strafzahlung von 3 Schock Groschen verbunden. Ausgeschlossen wurden Mitglieder die sich dem Schiedsspruch eines Fürsten widersetzten, unehrenhaften Tätigkeiten betrieben oder das Rüdenband unbefugt verliehen. Trug ein Mitglied das Rüdenband nicht, hatte er eine Strafe von sechs Groschen zu zahlen.

MitgliederBearbeiten

Die Zahl der Mitglieder gab Ghillebert de Lannoy 1414 mit 700 Rittern und Edelknechten und ebenso vielen weiblichen Mitgliedern an. Es dürfte sich dabei aber um eine Übertreibung handeln.[15] Als Quellen für die Mitgliedschaft der Gesellschaft mit dem Rüdenband sind, neben den Statuten von 1413[16], das portugiesische Wappenbuch (John Rylands University Library Latin MS 28) zu nennen.[17] In den Görlitzer Ratsrechnungen findet sich ferner eine Reihe von Teilnehmern des Turniers von 1389.[18]

Für eine Reihe von Mitgliedern steht eine enge Beziehung zum Hof Herzog Ludwigs II. fest.[19] Die Oberlausitzer Gesellschaftsältesten nahmen ebenso eine herrschaftsnahe Stellung ein.[20]

Einige der führenden Mitglieder nahm 1410 an der Schlacht bei Tannenberg teil.[21]

HeraldikBearbeiten

Das portugiesische Wappenbuch John Rylands University Library Latin MS 28 zeigt eine Anzahl von Wappen, die durch Ketten an goldene, silberne und Bronzene Rüdenbänder gekettet sind.[22] Eine andere Version der heraldischen Verwendung zeigt das Wappen des Brieger Herzogs bei Conrad Grünenberg. Hier umgibt das Rüdenband den Schild des Wappens.[23]

LiteraturBearbeiten

  • Holger Kruse, Kirstin Kamenz, Art. Rüdenband (1413), in: Holger Kruse, Werner Paravicini, Andreas Ranft (Hrsg.), Ritterorden und Adelsgesellschaften im spätmittelalterlichen Deutschland (Kieler Werkstücke. Reihe D: Beiträge zur europäischen Geschichte des späten Mittelalters 1), Frankfurt/Main 1991, S. 250–255.
  • Hermann Markgraf, Über eine schlesische Rittergesellschaft am Anfange des 15. Jahrhunderts (Rüdenband), in: Ders., Kleine Schriften zur Geschichte Schlesiens und Breslaus, Breslau 1915, S. 81–95. Digitalisat
  • Werner Paravicini, Von Schlesien nach Frankreich, England, Spanien und zurück. Über die Ausbreitung adliger Kultur im späten Mittelalter, in: Jan Harasimowicz, Matthias Weber (Hrsg.), Adel in Schlesien: Herrschaft – Kultur – Selbstdarstellung, München 2010, S. 135–205.
  • Philipp Ernst Spieß, Von der Gesellschaft mit dem Rüdenband, in: Ders., Archivische Nebenarbeiten und Nachrichten vermischten Inhalts mit Urkunden, Bd. 1. Halle 1783, S. 101–103. Digitalisat

FußnotenBearbeiten

  1. vgl. Richard Jecht, Die ältesten Görlitzer Ratsrechnungen bis 1419 (Codex diplomaticus Lusatiae superioris III), Görlitz 1905/10, S. 129 Z. 3ff.
  2. vgl. Richard Jecht, Die ältesten Görlitzer Ratsrechnungen bis 1419 (Codex diplomaticus Lusatiae superioris III), Görlitz 1905/10, S. 117 Z. 5f.
  3. Zur v. a. architektonischen Seite des Ausbaus von Görlitz zur herzöglichen Residenz vgl. Siegfried Hoche, Herzogtum Görlitz (1377–1396), in: Lenka Bobková, Jana Konvicna (Hrsg.), Rezidence a správní sídla v zemích České koruny ve 14.-17. století (Residenz und Verwaltungssitze in den Ländern der böhmischen Krone im 14.–17. Jahrhundert), Prag 2007, 403–412.
  4. ed. Markgraf 1915, 91–95
  5. So wird Peter von Gusk cum suis sociis in der Woche des Turniers geehrt. Ebenso ein Herr von Rechenberg cum Polonibus. vgl. Richard Jecht, Die ältesten Görlitzer Ratsrechnungen bis 1419 (Codex diplomaticus Lusatiae superioris III), Görlitz 1905/10, S. 127 Z. 20, S. 128 Z. 10.
  6. vgl. Kruse, Kamenz 1991, 251. Für eine eilige Besieglung im Vorfeld eines Tages mit Heinrich IX. sprechen folgende Eintragungen in den Görlitzer Ratsrechnungen: Zwischen 12. und 25. August weilt der Gesellschaftsälteste Christoph Rex von Gersdorf mit Freunden in Görlitz. Im September reitet er mit Gesellen und Freunden nach Bunzlau zu einem Tag mit Herzog Heinrich. vgl. Richard Jecht, Die ältesten Görlitzer Ratsrechnungen bis 1419 (Codex diplomaticus Lusatiae superioris III), Görlitz 1905/10, S. 651 Z. 5, S. 652 Z. 13.
  7. vgl. Spieß 1783, S. 102f
  8. vgl. Kruse, Kamenz 1991, S. 250. Markgraf 1915, S. 90
  9. vgl. Kruse, Kamenz 1991, S. 254.
  10. ed. Markgraf 1915, S. 92–95
  11. vgl. Kruse, Kamenz 1991, S. 250 Anm. 1.
  12. Spieß 1783, S. 102 f.
  13. vgl. Spieß 1783, S. 102.
  14. vgl. Spieß 1783, 102 f.
  15. vgl. Kruse, Kamenz 1991, S. 253.
  16. s. Markgraf 1915, S. 95.
  17. s. Digitalisat, S. n145
  18. s. Richard Jecht, Die ältesten Görlitzer Ratsrechnungen bis 1419 (Codex diplomaticus Lusatiae superioris III), Görlitz 1905/10, S. 127 Z. 18, S. 128 Z. 4ff.
  19. vgl. Paravicini 2010, S. 164
  20. Christoph Rex von Gersdorff als Diener Wenzels und Sigismunds, Peter von Gusk ebenfalls als Diener Wenzels, sein Bruder Ulrich ist Landesältester und Hauptmann in der Oberlausitz, der Vater Christophs von Gersdorff auf Königshain Heintze war ebenfalls Landesältester, vgl. Walter Boetticher, Der Adel des Görlitzer Weichbildes um die Wende des 14. und 15. Jahrhunderts, in: Neues Lausitzisches Magazin 104 (1928), S. 58f, 77, 86f.
  21. vgl. Sven Ekdahl, Das Soldbuch des Deutschen Ordens 1410/1411. 2. Teil: Indices mit personengeschichtlichen Kommentaren, Köln 2010, passim zu Wilhelm v. Hasenburg, Heinrich von Lazan, Nickel und Hans v. Zedlitz, Martin v. Busewoy, Christoph Rex von Gersdorff, Nickel von Kittlitz, Franz von Warnsdorf, Heinrich von Dohna, Nikolaus von Stiebitz, Friedrich Schaff.
  22. Latin MS 28, S. 127 Digitalisat S. n145
  23. Rudolf von Stillfried-Alcantara, Adolf Matthias Hildebrandt (Hrsg.), Des Conrad Grünenberg, Ritters und Burgers zu Constenz, Wappenbuch. Volbracht am nünden Tag des Abrellen do man zalt tusend vierhundert drü und achtzig jar. In Farbendruck neu herausgegeben, 2. Faksimile-Band, Starke, Görlitz 1884, S. 2. (Digitalisat)