Für die deutsche Sprache gibt es einige Vorschläge zu geschlechtsneutralen Personalpronomen, wie beispielsweise das Pronomen xier, welches bereits seit 2012 existiert und von Illi Anna Heger entwickelt wurde.[1] Ein weiteres Beispiel ist das neutrale Pronomen en, welches von dem Verein für Geschlechtsneutrales Deutsch vorgeschlagen wird, oder das Pronomen they, welches aus dem Englischen stammt und ebenfalls Einzug in die deutsche Sprache als geschlechtsneutral gefunden hat.[2]

Inzwischen existieren für das Gendern verschiedene Varianten. Bekannt sind beispielsweise die Paarform (z. B. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter), das Gendersternchen (z. B. Mitarbeiter*innen) oder der Versuch einer vollständig neutralen Bezeichnung (z. B. Mitarbeitende). Sobald es jedoch um die Verwendung von Pronomen geht, stoßen die bisherigen Vorschläge und Regelungen an ihre Grenzen. Nach bisherigen offiziellen Regelungen bleibt nur das sie und / oder er. Ziel der genderneutralen Pronomen ist daher, auch Menschen außerhalb des binären Geschlechtersystems einzuschließen.

Ziel Bearbeiten

Die Gender-Debatte sorgt für hitzige Diskussionen. Kritiker der geschlechtsneutralen Sprache sind unter anderem der Meinung, dass die Verwendung jener für unlesbare oder unschöne Texte sorge oder das Abändern der Sprache ein unangebrachter Eingriff in das Kulturgut sei.[3]

Befürworter hingegen behaupten, es gehe ihnen nicht um das Vorschreiben einer neuen Sprachform, sondern vielmehr um die Erweiterung der Sprache um Ausdrucksformen, welche alle Menschen unabhängig des binären Geschlechtersystems inkludiere.[4]

Verwendung und Grammatik Bearbeiten

Neutrale Personalpronomen sollen nach Ansicht der Befürworter verwendet werden:

  • um über eine unspezifische Person beliebigen Geschlechts zu sprechen
  • wenn es um eine spezifische Person geht, deren Geschlecht bzw. Pronomen der Person unbekannt ist
  • wenn über eine Person gesprochen wird, deren Geschlecht im Kontext irrelevant ist oder geheim gehalten werden soll
  • bei Übersetzungen ins Deutsche, z. B. wenn ein Artikel über eine Person geschrieben wird, die in ihrer Landessprache ein geschlechtsneutrales Pronomen verwendet
  • oder bei Personen, die nicht-binär sind

In Abhängigkeit des Kontextes sei in der Sprache eine Anpassung der Pronomen notwendig. Im binären System handelt es sich bei den Formen sie und er um die Nominativformen. Die Possessivpronomen ihr oder sein drücken einen Besitz aus, während die Dativpronomen ihr/ihm und die Akkusativpronomen sie/ihn die Zusammenhänge im Satz darstellen. In Abhängigkeit des geschlechtsneutralen Pronomens gibt es auch für deren Deklination unterschiedliche Vorschläge. Das Pronomen xier kann zu den Personalpronomen xier/xieser/xiem/xien (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ), die Artikel bzw. Relativpronomen dier/dies/diem/dien und die Possessivpronomen (z. B. xiese, xieser, xieser, xiese für ein Objekt im grammatikalischen Femininum) eingeteilt werden.[1]

Das Pronomen en wiederum könnte in en als Nominativ, ens als Possessivpronomen, em als Dativform und en als Akkusativform eingeteilt werden, während das Pronomen they mit they/their/them/them dekliniert wird.[2]

USA Bearbeiten

Das US-Wörterbuch Merriam-Webster’s Dictionary enthält seit September 2019 eine eigene Bedeutung für das Fürwort they:

„verwendet, um auf eine einzelne Person zu referieren, deren Geschlechtsidentität nicht-binär ist (siehe nonbinary Bedeutung C)“ „used to refer to a single person whose gender identity is nonbinary (see nonbinary sense c)“

Ende 2015 hatte die große US-Tageszeitung The Washington Post das Pronomen in seiner Bedeutung für nicht-binäre Personen seinem Wortschatz beigefügt. Im März 2017 folgte die Nachrichten- und Presseagentur Associated Press (AP) und nahm die nicht-binäre Verwendung von they in ihr AP Stylebook auf. Im selben Jahr erschien eine erste Studie zur Verwendung geschlechtsneutraler Pronomen – bis dahin kamen sie in akademischen Texten kaum vor. Der einflussreiche US-Styleguide Chicago Manual of Style erlaubt das singulare they in seiner 17. Auflage 2018 im mündlichen sowie im informellen schriftlichen Sprachgebrauch; für den förmlichen schriftlichen Gebrauch wird es nur in Bezug auf individuelle Personen erlaubt, die sich mit den geschlechtlichen Fürwörtern he („er“) oder she („sie“) nicht identifizieren. Auch das Oxford English Dictionary führt die nicht-binäre Bedeutung von they.

Im März 2019 kam eine dreiteilige Sprachstudie zu dem Ergebnis, dass die Verwendung neutraler Fürwörter die Akzeptanz von Frauen in öffentlichen Positionen und der LGBTIAQ+-Gemeinschaft erhöht. Ende 2019 wählte die nordamerikanische Gelehrtengesellschaft American Dialect Society das Pronomen they zum Wort des Jahrzehnts; ihr Wort des Jahres war (my) pronouns („[meine] Pronomina“). Erklärt wurden beide Kürzungen damit, dass sich Pronomina als grundlegender Teil von Sprache auch zu einer Anzeige sozialer Trends entwickelt hätten. Bereits 2015 hatte die Gesellschaft they zum Wort des Jahres gewählt.

Seit Januar 2021 bietet die Website der US-Bundesregierung in Kontaktformularen eine Pronomen-Liste zur Selbstbezeichnung, die auch they/them enthält. Die Businesskontakt-Plattform LinkedIn führt im Juni 2021 die Auswahl und Anzeige von persönlichen Pronomen ein: she/her („sie/ihr“), he/him („er/ihn“) und das nichtbinäre they/them; auf deutschsprachigen Seiten gendert LinkedIn seit September 2020 mit Gender-Doppelpunkt.

Deutschland Bearbeiten

2018 stellte der Rat für deutsche Rechtschreibung (RdR) in einem Bericht zur „geschlechtergerechten Schreibung“ fest, „dass der gesellschaftliche Diskurs über die Frage, wie neben männlich und weiblich ein drittes Geschlecht oder weitere Geschlechter angemessen bezeichnet werden können, sehr kontrovers verläuft. Dennoch ist das Recht der Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen, auf angemessene sprachliche Bezeichnung ein Anliegen, das sich auch in der geschriebenen Sprache abbilden soll.“[5]

Der Rat untersuche und beobachte weiterhin die verschiedenen Schreibweisen und Ausdrucksmittel wie Gendersternchen, Unterstrich (Gender-Gap) oder den Zusatz (m, w, d), wobei „d“ für die dritte Geschlechtsoption „divers“ steht. Die Frage nach genderneutralen Pronomen kam dabei aber nicht auf. Im März 2021 bekräftigte der Rat „seine Auffassung, dass allen Menschen mit geschlechtergerechter Sprache begegnet werden soll und sie sensibel angesprochen werden sollen. Dies ist allerdings eine gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Aufgabe, die nicht allein mit orthografischen Regeln und Änderungen der Rechtschreibung gelöst werden kann.“ Die Aufnahme von Genderzeichen „oder anderen verkürzten Formen zur Kennzeichnung mehrgeschlechtlicher Bezeichnungen im Wortinnern in das amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung [werden] zu diesem Zeitpunkt nicht empfohlen. […] Der Rat für deutsche Rechtschreibung wird die weitere Schreibentwicklung beobachten.“

2019 schrieb das rheinland-pfälzische Familienministerium in seiner Handreichung „Geschlechtergerechte Sprache“, dass unter „transidenten und intergeschlechtlichen Menschen“ Pronomen zur Eigenbezeichnung diskutiert würden, und nennt das englische they sowie die neugeprägte deutsche Singularform „sier“ (als Zusammenziehung von „sie“ und „er“). Das Ministerium empfahl, sofern möglich bei der Anrede oder bei Anschreiben nur den Vor- und Familiennamen zu verwenden und „Herr“ oder „Frau“ wegzulassen. Dies entspricht auch den Empfehlungen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Das Fürwort „sier“ benutzt beispielsweise Planningtorock, eine musikalisch und performerisch in Berlin tätige Person. In den Übersetzungen der preisgekrönten Wayfarer-Trilogie der Science-Fiction-Autorin Becky Chambers werden nicht-binäre Charaktere mit dem zusammengesetzten Pronomen „ser“ beschrieben.

Geschlechtsneutrale Pronomen und ihre Verwendung in der Literatur Bearbeiten

Inzwischen haben diverse neu erfundene geschlechtsneutrale Pronomen Einzug in die deutschsprachige Literatur gefunden.

  • Das Pronomen xier im Buch Blind von Annette Juretzki[6]
  • Das Pronomen xier in Ace in Space von Judith C. Vogt und Christian Vogt
  • Das Pronomen raa in PX39-61 – Eine andere Welt von Evelyn Marker
  • Das Pronomen xier in Humbug über Xenosol von Tino Falke
  • Die Pronomen sier, hen, dey und xier in Dies ist mein letztes Lied von Lena Richter
  • Das Pronomen they/them im Original und sier/sien in der deutschen Fassung in Mädchen, Frau etc. von Bernardine Evaristo
  • Das Pronomen dey in Wie Wellen im Sturm von Alicia Zett
  • Die Pronomen they/them und zhe/zher im Original, beide übersetzt mit xier in der deutschen Fassung in den Star Wars Romanen Hoffnung der Königin, Die Hohe Republik - Kampf um Valo, Die Hohe Republik - Mitternachtshorizont, Die Hohe Republik - Mission ins Verderben und Hunters - Kampf um die Arena[7]
  • Das Pronomen they/them im Original, übersetzt mit xier in der deutschen Fassung in den Star Wars Comics Die Hohe Republik - Ende der Jedi, Doktor Aphra - Crimson Reign - Ewigkeit

Aktionstage Bearbeiten

  • Oktober, dritter Mittwoch (19. Oktober 2022):
    Internationaler Tag der Pronomen (International Pronouns Day), 2018 ins Leben gerufen von einer Initiative, um den Respekt und das Teilen von persönlichen Pronomen (Fürwörtern) sowie die allgemeine Bildung dazu zu verstärken.[8][9][10]

Siehe auch Bearbeiten

Belege Bearbeiten

  1. a b Pronomen, Nichtbinär-Wiki, Stand: 18. Juli 2023
  2. a b Pronomen, Verein für Geschlechtsneutrales Deutsch e.V., Stand: 27. Juli 2023
  3. F. Payr (2021). Von Menschen und Mensch*innen. Wiesbaden: Springer. (Seite IX)
  4. Hintergrund und Motivation, Verein für Geschlechtsneutrales Deutsch e.V. (Stand 27. Juli 2023)
  5. Rat für deutsche Rechtschreibung (2018). Empfehlung zur "geschlechtergerechten Schreibung". (Stand 27. Juni 2023)
  6. Anna Hegert: DiverserLesen230703. annaheger.de, 3. Juli 2023, abgerufen am 4. Oktober 2023.
  7. Illi Anna Heger: Pronomentexte. annaheger.de, abgerufen am 18. Oktober 2023.
  8. Fragen & Antworten: Common Questions: What is International Pronouns Day? In: Pronounsday.org. Abgerufen am 19. Juli 2022 (englisch).
  9. Neil McDonald: Happy International Pronouns Day! There’s a lot of discussion in the media and online recently about the use of gender pronouns. In: Stonewall.org.uk. 21. Oktober 2020, abgerufen am 19. Juli 2022 (englisch).
  10. Dennis Baron: International Pronouns Day. In: Blogs.Illinois.edu. 9. Oktober 2018, abgerufen am 19. Juli 2022 (englisch; Forscher).