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Georg-Speyer-Haus

medizinische Forschungseinrichtung in Frankfurt/Main

Das Georg-Speyer-Haus ist als Stiftung des privaten Rechts eine Forschungseinrichtung in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gelände des Universitätsklinikums Frankfurt am Main. Schwerpunkte der Forschung sind die Verbesserung der Chemotherapie, speziell das Gebiet der klinischen Erprobung neuer Methoden der Krebsbehandlung und die Behandlung von AIDS. Anfang April 2006 erregte es auch außerhalb der medizinischen Fachkreise Aufsehen, nachdem es Ärzten und Naturwissenschaftlern des Instituts gelungen war, erstmals in Deutschland eine erfolgreiche Gentherapie beim Menschen durchzuführen.

Personelle und finanzielle AusstattungBearbeiten

Das Georg-Speyer-Haus beschäftigte 2010 rund 100 Mitarbeiter. Die Grundfinanzierung wird zu gleichen Teilen aus Bundesmitteln und aus Mitteln des Landes Hessen getragen, hinzu kommen Projektfördermittel von Forschungsförderungsinstitutionen, Forschungs- und Entwicklungsverträgen, Erträgen aus dem Stiftungskapital und aus Spenden. Der Jahresetat beträgt ungefähr 8,5 Millionen Euro.[1]

Direktor des Instituts ist seit dem 1. August 2013 der Mediziner Florian Greten,[2] der in dieser Tätigkeit dem Stiftungsvorstand verantwortlich ist. Das Georg-Speyer-Haus ist mit der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität durch einen Kooperationsvertrag verbunden.

ForschungsbereicheBearbeiten

Das Georg-Speyer-Haus befasst sich heute wie zu Zeiten seiner Gründung mit zwei Forschungsthemen: Zum einen mit dem Entstehen und der Bekämpfung von Tumoren, zum anderen mit der Bekämpfung von Infektionen. Auf dem Gebiet der Tumorbiologie werden insbesondere die Mechanismen der Regulation des Zellwachstums und der Zelldifferenzierung untersucht sowie die Unterschiede der Signalübertragung zwischen Tumorzellen und normalen Zellen. Im Bereich der Infektionsbiologie werden insbesondere die Immuntherapie der HIV-Infektion mit Hilfe von genetisch modifizierten Zellen untersucht sowie Ansätze zu einer molekularen Therapie von Erkrankungen des Blutsystems.

Anfang April 2006 gab das Institut bekannt, dass ihm eine Gentherapie beim Menschen geglückt sei. Zwei Patienten mit septischer Granulomatose habe man eigene, gentechnisch veränderte blutbildende Stammzellen übertragen, die im Körper auch 18 Monate nach dem Eingriff noch voll funktionstüchtig waren (Details siehe Septische Granulomatose#Gentherapie).

GeschichteBearbeiten


Georg und Franziska Speyer
 
Das Georg-Speyer-Haus

Der Name des Instituts geht zurück auf den Bankier Georg Speyer (1835–1902), Inhaber des Frankfurter Bankhauses Lazard Speyer-Ellissen und Mitglied der deutsch-jüdischen Unternehmerfamilie Speyer. Aus seinem Vermögen stiftete er 1901 die damals gewaltige Summe von einer Million Goldmark und legte damit den finanziellen Grundstein für die Georg und Franziska Speyer'schen Studienstiftung zur „Pflege der Wissenschaft und des höheren wissenschaftlichen Unterrichts“. Aus dieser Stiftung gingen später wesentliche Teile der Universität Frankfurt hervor.

Nach seinem Tod beschloss seine Witwe Franziska Speyer eine weitere Million Goldmark zur Gründung eines Georg-Speyer-Hauses zu stiften: Auf dem Gelände des Städtischen Krankenhauses sollte eine „Akademie für praktische Medizin“ eingerichtet werden. Nachdem sich deren Gründung hinzog, überzeugte Ludwig Darmstaedter die Stifterin, ihren Plan zu ändern und stattdessen die Forschung von Paul Ehrlich zu unterstützen. Dieser hatte bereits seit 1896 zunächst in Berlin und ab 1899 in Frankfurt am Main u. a. die chemotherapeutische Behandlung von Infektionskrankheiten und von Krebs erforscht. In Frankfurt leitete er das Königliche Institut für experimentelle Therapie, dem auch die staatliche Kontrolle der im Handel befindlichen Heilsera anvertraut wurde (und aus dem später das Paul-Ehrlich-Institut hervorging).

1905 stellte der Frankfurter Oberbürgermeister Franz Adickes der Stifterin Franziska Speyer kostenlos Bauland für das geplante Institut zur Verfügung, das nach seiner Fertigstellung ins Eigentum der Stadt überging und von dieser bis heute unterhalten wird. Am 3. September 1906 wurde das Georg-Speyer-Haus feierlich eröffnet und seinem ersten Direktor, Paul Ehrlich, übergeben. Nachdem Ehrlich im Jahr 1909 Arsphenamin zur Behandlung von Syphilis entwickelt hatte, gingen die Lizenzerträge an die Stiftung zwecks weiterer Förderung der Forschung. 1908 erhielt Paul Ehrlich den Nobelpreis für Medizin.

1935 wurden alle Schriften Paul Ehrlichs von den Nationalsozialisten aus der Institutsbibliothek entfernt, 1938 wurde das Institut umbenannt in Forschungsinstitut für Chemotherapie, um auch den Namen der jüdischen Stifterfamilie zu eliminieren.

1945 erhielt das Institut, das im Krieg schwer beschädigt wurde, den angestammten Name wieder: Chemotherapeutisches Forschungsinstitut Georg-Speyer-Haus. Allerdings schrumpfte das Stiftungsvermögen bis 1949 von 10 Millionen Mark vor der Währungsreform auf nur noch 130.000 Mark. Erst ab 1950 wurde das Institut durch das so genannte Königsteiner Abkommen gemeinsam durch die Bundesländer finanziert. Prominentester Institutsleiter nach dem Krieg war Niels Kaj Jerne, der 1984 den Nobelpreis für Medizin erhielt.

1986 trennte sich das Georg-Speyer-Haus vom Paul-Ehrlich-Institut, was zu einem Einbruch der Forschungsmittel führte. Unter Helga Rübsamen-Schaeff (1987 bis 1993 geschäftsführende Direktorin) wandte man sich der HIV-Forschung zu und konnte erstmals in Deutschland HIV-Stämme isolieren und verschiedene Varianten charakterisieren, was zu einer für das Überleben des Instituts ausschlaggebenden Forschungsförderung führte.[3]

Koordinaten: 50° 5′ 44,3″ N, 8° 39′ 56,7″ O

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Georg-Speyer-Haus: Annual Report 2014, S. 75, Volltext (PDF)
  2. Georg-Speyer-Haus, Organigramm, abgerufen am 6. Oktober 2015
  3. Biographie Rübsamen-Schaeff, Hessen Portal