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Friedrich Magirius

deutscher evangelisch-lutherischer Theologe
Friedrich Magirius (2014)

Friedrich Magirius (* 26. Juni 1930 in Dresden) ist ein deutscher evangelisch-lutherischer Theologe und ehemaliger Kommunalpolitiker.

Beruflicher WerdegangBearbeiten

Der Vater, Martin Magirius, war Amtsgerichtsrat, die Mutter Hannah als Berufsschullehrerin tätig. Friedrich Magirius wuchs bis zum Abitur in Radebeul auf. Er studierte Theologie 1948–1950 an der Kirchlichen Hochschule Berlin-Zehlendorf in West-Berlin und von 1950 bis 1953 an der Universität Greifswald. Sein Vikariat absolvierte er bei der Inneren Mission in Sachsen und in der Kirchengemeinde Löbau. Ab 1955 wirkte Magirius als Internatsleiter und Lehrer an der Kirchlichen Vorschule am Diakonissenhaus Moritzburg.

1958 trat er seine erste Pfarrstelle in Einsiedel an, später wurde er Pfarrer an der Dresdener Kreuzkirche. Von 1974 bis 1982 war er Leiter der Aktion Sühnezeichen in der DDR, wobei er sich in Polen Ansehen erwarb.

Von 1982 bis zu seiner Pensionierung 1995 war Magirius Superintendent des Kirchenbezirks Leipzig-Ost und gemeinsam mit Christian Führer Pfarrer an der Leipziger Nikolaikirche, wo er Einfluss[1] auf den Verlauf der Leipziger Montagsdemonstrationen und der Revolution von 1989 hatte.[2]

Von 1990 bis 1994 bekleidete er überdies das Amt des Stadtpräsidenten von Leipzig, das es nur während dieser Übergangszeit gab.[3]

Politisches WirkenBearbeiten

Seine Rolle vor und während der friedlichen Revolution 1989 ist umstritten. Ihm Wohlgesinnte versuchen ihn als „Mann des Ausgleichs“ darzustellen.[4] Die Leipziger DDR-Bürgerrechtler kritisieren, Magirius habe als Kirchenfunktionär stets gegen sie gearbeitet.[5] Auch als Moderator des „Runden Tisches“ habe er seine Einseitigkeit zugunsten der alten Parteien und Organisationen des SED-Staates nicht zu verbergen vermocht. Er sei für die Beendigung der Montagsdemonstrationen eingetreten, habe sich damit jedoch nie durchsetzen können.

Besonders im Vorfeld von Auszeichnungen wandten sich Akteure aus dem einstigen organisierten Widerstand an die Öffentlichkeit, zuletzt 2005 vor Verleihung der Ehrenmedaille der Stadt Leipzig.[6]

Die Absetzung des SED-kritischen Pfarrers Christoph Wonneberger als Koordinator für die Friedensgebete an der Leipziger Nikolaikirche im August 1988[7] geht auf eine Entscheidung von Magirius zurück.[8] Er schrieb: „Lieber Bruder Wonneberger […] Wir haben eine neue Gestaltung der Friedensgebete für die nächsten Wochen vorbereitet. Meinerseits stelle ich noch einmal fest, dass Sie damit von Ihrer bisherigen Aufgabe entbunden sind.“[9] Auch Christian Führer, der Pfarrer der Nikolaikirche, beugte sich dem Druck staatlicher Stellen und unterstützte die Superintendentur Ost beim Ausschluss aller Leipziger Bürgerrechtsgruppen von der Gestaltung der Friedensgebete.[10]

Erst nach mehreren Monaten intensiver Protestaktionen konnten Christoph Wonneberger und die organisierte Leipziger Opposition – wie Arbeitsgruppe Menschenrechte, Arbeitskreis Gerechtigkeit Leipzig, Initiativgruppe Leben, Arbeitsgruppe Umweltschutz, Frauen für den Frieden – einen Kompromiss erreichen, der den Gruppen die Gestaltung der Friedensgebete unter der Leitung und Verantwortung jeweils eines Pfarrers ermöglichte. Die Gruppen wurden dann neben Christoph Wonneberger von den evangelischen Pfarrern Klaus Kaden und Rolf-Michael Turek sowie dem katholischen Priester Hans-Friedrich Fischer unterstützt.[11][12]

Magirius selbst verteidigte sein Handeln laut Hamburger Abendblatt vom 15. Februar 1992 mit den Worten: „Als Christ sitzt man immer zwischen den Stühlen. Christus wurde dafür ans Kreuz geschlagen.“

EhrungenBearbeiten

  • 1989 Verleihung der „Goldenen Kamera“[13]
  • 1990 wurde Friedrich Magirius der Gustav-Heinemann-Bürgerpreis in der Paulskirche verliehen, wo „Bürgerrechtler das Transparent mit der Aufschrift ‚Superintrigent Magirius – Revolutionsheld nach Sendeschluß‘ entrollten.“[12] Der Neologismus „Superintrigent“ war gewollt wertende Anspielung auf Amt wie Handlungsweise.
  • 1995 Ernennung zum „Offizier der Ehrenlegion“ durch den französischen Generalkonsul Eugène Berg in Leipzig[14][15]
  • 1997 Verleihung des Kommandeurkreuzes des „Verdienstordens der Republik Polen“ durch den Generalkonsul der Republik Polen in Leipzig in Anwesenheit des Botschafters Andrzej Byrt[16]
  • 2005 Verleihung der Ehrenbürgerwürde der polnischen Stadt Kraków/Krakau.
  • 2005 Verleihung der „Ehrenmedaille der Stadt Leipzig[17][18]
  • Friedrich Magirius ist Ehrenmitglied des StadtSchülerRats Leipzig (Grund: Mitbegründer des SSR Leipzig)[19]

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Vgl. Gesellschaft für Zeitgeschichte: Friedensgebete
  2. Vgl. Christian Dietrich, Uwe Schwabe (Hrsg. im Auftrag des Archives Bürgerbewegung e. V. Leipzig): Freunde und Feinde. Friedensgebete in Leipzig zwischen 1981 und dem 9. Oktober 1989. Dokumentation. (PDF-Datei; 3,91 MB) Mit einem Vorwort von Harald Wagner, Leipzig, Evangelische Verlagsanstalt, 1994.
  3. Biografie des ehemaligen Nikolaikirche-Pfarrers Friedrich Magirius erschienen. In: lichtfest.leipziger-freiheit.de. 10. März 2017, abgerufen am 5. August 2018.
  4. Christine Reuther: Ein Mann des Ausgleichs. In: Der Sonntag. Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens. 24. Juni 2010, archiviert vom Original am 15. März 2014; abgerufen am 5. August 2018.
  5. Offener Brief ehemaliger Mitwirkender in subversiven Gruppen Leipzigs an Friedrich Magirius anlässlich einer geplanten Ehrung; 22. Februar 1995.
  6. Offener Brief an OBM Wolfgang Tiefensee vom 14. Juni 2005 sowie Offener Brief an Friedrich Magirius vom 23. Juni 2005
  7. Robert-Havemann-Gesellschaft: Friedliche Revolution 1989/ 90.
  8. Neues Forum Leipzig: Zur Geschichte der Friedensgebete. 25 Jahre Friedensgebete in St. Nikolai 2007.
    Vgl. Rubrik Stasi: Pfarrer denunzierte Pfarrer. In: FOCUS-Magazin Nr. 2 vom 9. Januar 1995, S. 13.
  9. Peter Wensierski: Handeln statt Beten. In: Der Spiegel 43/2009 vom 19. Oktober 2009, S. 42–46, hier S. 45.
  10. Robert-Havemann-Gesellschaft: Friedliche Revolution 1989/90. Vgl. Christian Dietrich, Uwe Schwabe: Freunde und Feinde. Dokumente zu den Friedensgebeten in Leipzig zwischen 1981 und dem 9. Oktober 1989. Hrsg. im Auftrag des Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V., Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 1994, ISBN 3-374-01551-4.
  11. Christian Dietrich: Fallstudie Leipzig 1987–1989. Die politisch-alternativen Gruppen in Leipzig vor der Revolution. Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ Band VII/1, 1995; Christian Dietrich, Uwe Schwabe im Auftrag des Archiv Bürgerbewegung e. V. (Hrsg.): Freunde und Feinde. Dokumente zu den Friedensgebete in Leipzig zwischen 1981 und dem 9. Oktober 1989; Leipzig 1994.
  12. a b Peter Wensierski: Handeln statt Beten. In: Der Spiegel 43/2009 vom 19. Oktober 2009, S. 42–46.
  13. GOLDENE KAMERA 1990 – 25. Verleihung. In: Goldenekamera.de. Abgerufen am 5. August 2018.
  14. Ehrenhafter Stasi-Spitzel. In: Focus 9/1995 vom 25. Februar 1995, S. 15.
  15. Frank Feiertag: Magirius – Offizier in besonderem Einsatz an Präsident Mitterrands [sic] Hoftafel. In: telegraph, Heft 2 (1995), Berlin, S. 11–12 (PDF-Datei; 3,50 MB)
  16. Magirius bekommt Kommandeurkreuz, in: Leipziger Volkszeitung vom 18. Juni 1997, S. 19.
  17. Offener Brief an OBM Wolfgang Tiefensee vom 14. Juni 2005.
  18. Leipzig ehrt Magirius mit Ehrenmedaille der Stadt@1@2Vorlage:Toter Link/www.radiodresden.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven  Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.; Radio Dresden, 26. Juni 2005
  19. Ehrenmitglieder. Abgerufen am 21. Juni 2018 (deutsch).