Nikolaikirche (Leipzig)

Kirchengebäude in Leipzig

Die Nikolaikirche (offiziell: Stadt- und Pfarrkirche St. Nikolai) ist die älteste und größte Kirche in Leipzig sowie neben der Thomaskirche die bekannteste Kirche der Stadt. Der nach dem heiligen Nikolaus benannte Sakralbau ist Hauptkirche der evangelisch-lutherischen St.-Nikolai-Kirchengemeinde Leipzig. Die Umgestaltung und Ausstattung des Innenraumes der Nikolaikirche stellt eine bedeutende Schöpfung des Klassizismus dar.

Die Nikolaikirche von Nordosten mit der Nikolaisäule (August 2010)

Die Gemeinde der Johanniskirche, deren Gebäude infolge des Bombenangriffs auf Leipzig am 4. Dezember 1943 ausbrannte und 1949 abgerissen wurde, ist seither Bestandteil der Nikolaigemeinde.[1] Die Heilig-Kreuz-Kirche im Leipziger Stadtteil Neustadt ist neben der Nikolaikirche das zweite Gotteshaus der Kirchgemeinde St. Nikolai.

Im Herbst 1989 war die Nikolaikirche zentraler Ausgangspunkt der friedlichen Revolution in der DDR mit dem anschließenden Mauerfall in Berlin am 9. November 1989 und der Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990.

Geschichte und BaugeschichteBearbeiten

Die Stadt- und Pfarrkirche St. Nikolai wurde ab 1165 nach der Verleihung des Stadt- und Marktrechtes an Leipzig im romanischen Stil erbaut. An der Westseite der Kirche ist der romanische Ursprung bis heute sichtbar. Im 15. und 16. Jahrhundert, nachdem Leipzig durch Silberfunde im Erzgebirge zu üppigen Wohlstand gelangte[2], erfolgten Erweiterungen und der vollständige Umbau zur dreischiffigen spätgotischen Hallenkirche.[3]

Am 25. Mai 1539 wurde durch die Predigten der Reformatoren Justus Jonas der Ältere und Martin Luther die Reformation in Leipzig begonnen. Die Kirche wurde damit Sitz des ersten Superintendenten der Stadt Johann Pfeffinger.

In der Nikolaikirche führte Johann Sebastian Bach zahlreiche seiner Kantaten und Oratorien zum ersten Mal mit dem Thomanerchor auf, darunter auch die Johannespassion, sein bis dahin umfangreichstes Werk, am Karfreitag, dem 7. April 1724. Mit dem Amtsantritt von Günther Ramin zog der Thomanerchor, nachdem er die Kirchenmusik seit der Reformation auch in der Nikolaikirche gestaltete, sich 1940 in die Thomaskirche zurück. 1945 wurde darum ein eigener Nikolaikirchenchor gegründet.[4]

Der Mittelturm mit Türmerwohnung, erbaut 1730–1734 von Johann Michael Senckeisen, ist 75 m hoch.[5] Er wurde bis 1932 von einem Türmer bewohnt.[6]

Im Zuge der Aufklärung und Revolutionsarchitektur wurde der Innenraum der Kirche zwischen 1784 und 1797 nach dem Ideal der Urhütte (Bäume (Säulen), Blätterdach usw.) umgestaltet. Darauf weist auch die 1999 errichtete Palmsäule vor der Kirche hin. Die letzten großen baulichen Veränderungen erfolgten von 1901 bis 1902 an der Außenfassade. Das spätgotische Aussehen wurde beibehalten.

 
Die Nikolaikirche auf einer Briefmarke der DDR von 1990

Die Montagsdemonstrationen, die gegen das DDR-Regime gerichtet waren, entwickelten sich aus den Montagsgebeten, die in der Nikolaikirche bereits Anfang der 1980er-Jahre stattfanden und anfänglich nur von einigen wenigen Menschen besucht wurden (vgl. Friedliche Revolution (Leipzig)). In den späten Novembertagen 1982 wurde in der Nikolaikirche zum ersten Mal in der DDR eine große Schautafel mit dem Symbol für Schwerter zu Pflugscharen öffentlich aufgestellt. Ende der 1980er-Jahre gingen allwöchentlich Zehntausende, manchmal sogar über 100.000 Menschen, während der Montagsdemonstrationen auf die Leipziger Straßen, um für Demokratie, freie Wahlen, Reisefreiheit und die Einheit Deutschlands zu demonstrieren.

Auf dem Nikolaikirchhof neben der Kirche wurde 1999 nach Entwürfen des Leipziger Künstlers Andreas Stötzner die Nachbildung einer Dautheschen Säule errichtet, die als Friedenssäule an die Montagsdemonstrationen und die Friedhaftigkeit der Revolution erinnern soll. Im Jahr 1995 drehte Frank Beyer einen nach der Kirche benannten Film, der die Geschehnisse des Jahres 1989 künstlerisch aufarbeitete.

Jahrzehntelang stellte die Nikolaigemeinde ihre Kirche dem Leipziger Propsteichor als Probe- und Aufführungsstätte zur Verfügung. Die Propsteikirche war im Zweiten Weltkrieg beschädigt und später gesprengt worden. Selbst als die Propsteigemeinde in den 1980er Jahren in eine neue Kirche am Rosenthal ziehen konnte, trat ihr Chor weiterhin auch in St. Nikolai auf, und führte dort z. B. jährlich am 2. Weihnachtsfeiertag ein Weihnachtsliedersingen auf.

Bis 1992 gab es an St. Nikolai vier Pfarrstellen, 2006 wurde auch die dritte Pfarrstelle abgeschafft.[7]

Christian Führer war bis zum 30. März 2008 2. Pfarrer der Nikolaikirche. Sein Nachfolger wurde Bernhard Stief. Nachfolger von Superintendent und dem 1. Pfarrer Martin Henker wurde im Jahr 2020 Sebastian Feydt (54), zuvor Pfarrer an der Frauenkirche zu Dresden.[8][9]

Innenraum und AusstattungBearbeiten

Von 1521 stammt die sogenannte Lutherkanzel in der Nordkapelle. Sie stand bis 1785 am dritten südlichen Pfeiler des Hauptschiffes. Von 1784 bis 1797 wurde der Innenraum im klassizistischen Stil durch den Leipziger Stadtbaumeister Johann Carl Friedrich Dauthe grundlegend umgebaut. Die Gemälde der klassizistischen Ausstattung schuf der Leipziger Akademiedirektor Adam Friedrich Oeser. Dauthes Umgestaltung ist beeinflusst durch die Architekturtheorie von Marc-Antoine Laugier. Das Gesamtkonzept folgt Laugiers Forderungen im Kapitel De la difficulté de décorer les églises gothiques seiner Observations sur l’architecture (Den Haag 1765). Laugier äußert sich positiv über die gotischen Kirchenbauten, will sie aber in klassischen Formen korrigieren und mittelalterliche Ausstattungselemente beseitigen.

 
Niedergräfenhainer Altar in der Nordkapelle

Dauthe deutete nach Laugiers Vorstellungen die Pfeiler der spätgotischen Hallenkirche durch Abarbeitung bzw. Antragung eines Stuckmantels in kannelierte Säulen von rötlichem Farbton um. Die aus ihren Palmenkapitellen aufsprießenden hellgrünen Blätter kaschieren den Ansatz der gotischen Kreuzgewölbe. Deren Gewölbefelder sind zu klassischen, mit Rosetten besetzten Kassetten geworden. Alles ist auf den Farbakkord Weiß-Rosa-Hellgrün abgestellt. Die von Doppelsäulen korinthischer Ordnung getragenen Emporen orientieren sich hingegen mehr an Laugiers Essai sur l’architecture (Paris 1753, 2. Aufl. 1755). Im Chor wurde ein hölzernes Tonnengewölbe unterhalb des mittelalterlichen Gewölbes eingezogen.

1903 erwarb die Kirchengemeinde St. Nikolai den zweiflügeligen sogenannten Niedergräfenhainer Altar. Der 1510 von unbekanntem Meister geschaffene Schnitzaltar stand bis 1943 in der Nordkapelle und fand erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg dort wieder seinen Platz.

Neben dem Hauptaltar wurde 1982 für das erste Friedensgebet auf einem Ständer aus Metall ein einfaches Holzkreuz aufgestellt.

Mit mehr als 1400 Sitzplätzen gehört die Nikolaikirche zu den größten Kirchen Sachsens.

OrgelnBearbeiten

 
Zustand der Orgel 1785

Erstmals wird eine Orgel im Jahr 1479 erwähnt, die im südlichen Seitenschiff errichtet war. Mehrfach arbeitete Hermann Raphael Rodensteen an dem Instrument. Johann Lange baute 1597–1598 ein neues Werk (II/P/27), Valentin Silbermann das Gehäuse und Thomas Lichtenstein und sein Geselle Heinrich Eckersen die Seitenflügel. Das Gehäuse wurde 1625–1626 erneuert und das Werk nach Kriegsschäden 1638–1639 durch Andreas Werner instandgesetzt. Zacharias Thayßner erweiterte das Instrument 1693–1694 auf III/P/36. Nach einer Renovierung durch Johann Scheibe im Jahr 1725 folgten Reparaturen durch Zacharias Hildebrandt 1739–1740 und 1750–1751.

In den Jahren 1785–1787 ersetzte der Orgelbauer Johann Gottlob Trampeli das abgängige Instrument durch einen Neubau.[10] Das Schleifladen-Instrument hatte 48 Register auf drei Manualwerken und Pedal. Die Trakturen waren mechanisch.[11]

Eine kleine Orgel ist 1506 bezeugt. Sie wurde 1577 durch ein Instrument von Rodensteen (I/8) ersetzt, das 1693 von Thayßner abgetragen wurde.[12]

Ladegast-Instrument von 1862Bearbeiten

Die heutige Orgel geht auf ein Instrument, das 1862 von dem Orgelbauer Friedrich Ladegast (Weißenfels) mit mechanischen Trakturen und 83 Registern auf vier Manualen und Pedal erbaut wurde, zurück.[13] Ladegasts Klangbild unterschied sich deutlich von dem französischer Orgeln jener Zeit, bspw. von Cavaillé-Coll, indem er das Plenum dieser Orgel am Klangbild Silbermanns ausrichtete. In Ladegasts Orgel waren neun Zungenstimmen, davon fünf durchschlagende, und unter den Manualregistern nur eine einzige aufschlagende Zunge, eine Trompete, vorhanden. Sie eignete sich somit gut für die im 19. Jahrhundert wieder einsetzende Pflege der Musik Bachs. Das E des Principalbass 32` ist die größte Prospektpfeife.[14]

Die ganze Orgel enthielt eine Barker-Maschine. Die Orgel war damals (und ist es auch heute wieder) die größte Orgel Sachsens und hat die romantische Interpretation der Orgelkompositionen Johann Sebastian Bachs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mitgeprägt. Später baute Ladegast die Orgel um, stattete sie mit weiteren Barker-Maschinen aus, und stimmte sie etwas tiefer, auf den um 1885 gängigen Stimmton.

In den Jahren 1902 bis 1903 wurde die Orgel durch die Firma Wilhelm Sauer (Frankfurt/Oder) umgebaut und erweitert. Dabei änderte sich das Klangbild von einem hochromantischen zu einem typisch deutsch-spätromantischem. Das Pfeifenwerk blieb dabei weitgehend erhalten, die ursprünglich mechanischen Schleifladen wurden gegen pneumatische Kegelladen ausgetauscht, ein moderner Spieltisch installiert, und die Windanlage in das Hauptgehäuse verlegt. Gutachter empfanden einige Sauer-Register als missraten und kritisierten, dass Sauer es nicht geschafft habe, aus Ladegasts Werk eine typische Sauer-Orgel zu machen.

1934 versuchte man, von der Orgelbewegung inspiriert, auch die Ladegast-Sauer-Orgel zu barockisieren. Dabei tauschte man zwölf Register gegen neobarocke aus. Diese mischten sich aber schlecht mit dem restlichen Pfeifenbestand, so dass sie eher als Fremdkörper eine Klangaufhellung bewirkten. Außerdem waren sie zu schwach, um das grundtönige Klangbild in solch einem Maße, dass es einem barocken gleichkommt, aufzuhellen.

Im Zuge einer Restaurierung des Instruments in den Jahren 1986 bis 1988 wurden die Trakturen durch VEB Orgelbau Sauer (Frankfurt/Oder) elektrifiziert.

Heutiges InstrumentBearbeiten

 
Ansicht der heutigen Orgel

Nach der Friedlichen Revolution in der DDR stand eine Innenraumsanierung an. Nach dieser war eine Orgelreinigung fällig, so dass überlegt wurde, wie man die Orgel, die zu jener Zeit 94 Register enthielt, bei der Gelegenheit verbessern könne. Unter anderem führte der erhöhte Platzbedarf der von Sauer installierten Windanlage und der Kegelladen dazu, dass die Orgel im Innern „total verbaut“ war, was die Klangabstrahlung behinderte. Zudem war die elektropneumatische Traktur störanfällig.[15][14] Ab 2002 wurde das Instrument dann durch die Orgelmanufaktur Hermann Eule in Bautzen, in Orientierung an der historischen Orgel und unter Wiederverwendung der erhaltenen historischen Substanz im Stil Ladegasts, mit Schleifladen und mechanischen Spieltrakturen, technisch neu gebaut und in dem historischen Gehäuse von 1862 wieder aufgestellt. Die Wiedereinweihung fand am Reformationstag 2004 statt.

a) Die originale Disposition Ladegasts von 1862 wurde wiederhergestellt, wozu neun Register rekonstruiert werden mussten. Hierbei konnte Fa. Eule sich an den beiden anderen großen, erhaltenen Ladegast-Orgeln in den Domen zu Schwerin und Merseburg orientieren. Kennt der Organist diese Disposition, kann er nun einen Klang, wie die Orgel ihn 1862 erzeugte, registrieren.

b) Man wollte jedoch keinen radikalen Rückbau auf den Zustand von 1862, sondern betrachtete die von Sauer hinzugefügten Register als historisch gewachsenen Bestandteil, der erhalten werden soll. Da die Sauer-Register aber einem anderen Klangideal als dem von Ladegast entsprachen, und auf einen höheren Winddruck eingestellt waren, mussten diese an Ladegasts Pfeifenwerk angepasst werden.

c) Fa. Eule errichtete ein neues, fünftes Manualwerk (das Schwellwerk), hauptsächlich, um schwer integrierbare Sauer-Register unterzubringen.

d) Zur klanglichen Verbindung der Sauer-Register mit der Ladegast-Disposition baute Fa. Eule elf zusätzliche, neue Register, hauptsächlich aufschlagende Zungenstimmen, in die gesamte Orgel verteilt ein.[16]

Diese Orgelrestaurierung kostete insgesamt rund 2,3 Millionen Euro. An dieser Summe hat sich der Autobauer Porsche, der in Leipzig ein Werk hat, mit 1,8 Millionen Euro als Sponsor beteiligt. Sichtbar ist dieses Engagement am einzigartigen Spieltisch der Orgel, der in Edelstahl ausgeführt ist und dessen Beschriftungen der Register von Designern des Autobauers entworfen wurden. Auch hat der Spieltisch runde Winddruckanzeiger, die an ein Auto-Armaturenbrett erinnern.[17]

Die Registrieranlage ist elektrisch, die Traktur mechanisch, und teilweise durch Barker-Maschinen unterstützt. Die Orgel hat 102 Register auf fünf Manualwerken und Pedal.[18]

Während der Umbau- und Restaurierungsarbeiten an der Ladegast-Orgel stand das op. 644 von Firma Eule, eine 2002 nach italienischen Vorbildern gebaute, zweimanualige Orgel mit 17 Registern nahe dem Chorraum aufgestellt als Interimsorgel zur Verfügung. Diese Orgel steht seit 2012 in der Marienkapelle des Naumburger Doms.[19][14] An Stelle der Interimsorgel hatte zuvor lange Zeit eine Kleinorgel der Fa. Alexander Schuke aus den 1950er-Jahren gestanden.

GlockenBearbeiten

 
Abgestürzte Osanna am Fuß des Südturms (1917)
 
1964: Aufzug der Schilling-Glocken
 
Osanna im Glockenstuhl (2019)

Im Jahre 1452 wurde im Nordturm der Nikolaikirche die erste Glocke aufgehängt: Die Glocke trug den Namen Osanna; sie war von Nikolaus Eisenberg mit Darstellungen des gekreuzigten Jesus und der vier Evangelisten, des heiligen Martin und des Schutzpatrons dieser Kirche, des heiligen Nikolaus, verziert.[20] Die Glocke läutete nicht nur die Gottesdienste ein, sondern wurde auch als Feuerglocke genutzt.

1633 wurde die Osanna von 1452 durch Beschuss beschädigt; kurz darauf zersprang sie bei einem Läuten. Der Glockengießer Jakob König (Erfurt) schmolz die Bruchstücke 1634 ein und goss eine neue „Osanna“ mit einem Gewicht von „114 Centnern“. Nachdem diese Glocke 1867 einen Sprung erlitten hatte, goss die Leipziger Glockengießerei Gustav Adolph Jauck im Jahre 1869 ein komplettes, neues Geläut mit vier Glocken. Die größte Glocke (auch „Große Glocke“, „Osanna“) mit dem Schlagton g0 wog 4055 kg und wurde im Südturm aufgehängt; ihre Inschrift lautete: EHRE SEI GOTT IN DER HOEHE - An Christo Jesu haben wir die Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden Eph. 4,7. Im Nordturm wurden drei Glocken aufgehängt: die „Brautglocke“ (2.060 kg) mit dem Schlagton h0, die „Beichtglocke“ (1.220 kg) mit dem Schlagton d1 und die „Morgenglocke“ (520 kg) mit dem Schlagton g1.

1737 goss Johann Gottfried Weinholdt (Dresden) eine neue Uhrschlagglocke, welche bis heute in der Laterne des Mittelturms hängt.

1917 mussten drei Glocken an die Rüstungsindustrie abgegeben werden. Als die „Große Glocke“ aus dem Südturm gehoben wurde, riss das Halteseil; die Glocke stürzte ab und drang fast einen halben Meter Tief in das Straßenpflaster ein,[21] soll, abgesehen von einem Materialausbruch am Schlagring, jedoch ohne nennenswerten Schaden geblieben sein.[22] Neben der „Osanna“ wurden auch die Brautglocke und die Morgenglocke zum Einschmelzen abtransportiert. Lediglich die Beichtglocke und die Uhrschlagglocke konnten mit einem Schutzschein des Kunstgewerbemuseums gerettet werden. Der Glockenstuhl und das Holzjoch im Südturm blieben erhalten.

Im Juli 1925 goss Otto Schilling (Apolda) zwei neue Bronzeglocken mit Gewichten von 2150 und 1280 kg und den Schlagtönen h0 und e1. Vor dem 2. Weltkrieg hatte die Nikolaikirche somit drei Läuteglocken.

Im Dezember 1941 wurden die beiden größeren Glocken des Geläuts (mit den Schlagtönen h0 von 1925 und die Beichtglocke = d1 von 1869) wiederum für die Rüstungsindustrie beschlagnahmt. Die Nikolaigemeinde behielt lediglich die e1-Glocke von 1925. Auch die Uhrschlagglocke war nun zum Einschmelzen vorgesehen. Um sie aus dem Turm abzulassen, hätten aber Gewölbe aufgestemmt werden müssen, wodurch die Standsicherheit des Turms laut einem Gutachten von November 1941 gefährdet wäre. Deshalb blieb diese Glocke erhalten.[22]

1964 goss der Glockengießer Franz Schilling zwei neue Glocken. Beide Glocken wurden in einer neu konstruierten, leichteren Rippe mit verringerten Durchmessern gefertigt, da man Bedenken hatte, ob die neue große Glocke (welche bei herkömmlicher Rippenkonstruktion einem Durchmesser von 1,60 m hätte) in dem nach wie vor vorhandenen, nach dem 2. Weltkrieg nur notdürftig instandgesetzten Glockenstuhl des Nordturms montiert und geläutet werden konnte. Durch die Anwendung einer leichteren Rippe konnte ihr Durchmesser auf 1,52 m reduziert werden, was allerdings, in Verbindung mit der Aufhängung an einem gekröpften Stahljoch, auch klangliche Einbußen brachte. Die beiden Klangkörper haben dieselben Schlagtöne wir die beiden 1941 beschlagnahmten Glocken (h0 und d1); sie tragen die Inschriften: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“. Es sind die Worte, die das Geläut von 1869 trug.[23]

Die Kirchgemeinde setzte sich das Ziel, dass zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution am 9. Oktober 2019 ein neues Geläut mit acht Glocken erklingen soll.[24][25] Dazu lief eine Spendensammelaktion mit dem Ziel von 136.000 Euro.[26] Die Namen der Glocken und ihre Aufschriften standen fest.[27][28]

Seit dem 30. Juni 2019 hängen in den Türmen der Nikolaikirche acht bronzene Läuteglocken: ergänzt werden die beiden Glocken von 1964 durch sechs neue Glocken aus der Glockengießerei Bachert, Neunkirchen (Baden). Die e1-Glocke von 1925 passt nicht zum neuen Geläut und wurde in einem kirchlichen Depot untergestellt, bis ein neuer Einsatzort für sie gefunden ist.[29]

Die neuen Glocken gelten in gusstechnischer und klanglicher Hinsicht als gelungen. Bei der tontiefsten Glocke Osanna[30] maß man eine Abklingdauer von über 300 Sekunden.[31] Sie wurde aus Bronze mit 78 % Kupfer und 22 % Zinn gegossen und am 30. Juni 2019 in den Südturm gehoben, wozu das straßenseitige Schallloch des Turms aufgestemmt werden musste.[32] Die Osanna hängt in dem instand gesetzten Glockenstuhl von 1793[33], der bereits die große Glocke von Gustav Adolph Jauck (1869) trug. Da die neue Osanna mit 6700 kg deutlich schwerer als vorgesehen (ca. 6000 kg) geriet, waren zusätzliche, teure Arbeiten am Klöppel und am Joch, sowie eine Überarbeitung der Tragwerksplanung erforderlich geworden.[31] Die anderen sieben Läuteglocken hängen in einem neuen Glockenstuhl im Nordturm, auch die beiden Schilling-Glocken erhielten gerade Holzjoche.[34][35]

Nr. Name Gussjahr Gießer Durchmesser
(mm)
Gewicht
(kg)
Nominal
(16tel)
Inschrift, Anmerkungen
1 Osanna 2019 A. Bachert, Neunkirchen ~ 2.120 6.700[31] g0 −3 Festtagsglocke
Inschrift: Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren. (Lukas 11,28)
2 Gloria 1964 Glockengießer-Familie Schilling in Apolda 1.520 2.342 h0 −3 Auferstehungsglocke
Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. (Lukas 6,21)
3 Kyrie 1.310 1.284 d1 −4 Gebetsglocke
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. (Matthäus 5,6)
4 Credo 2019 A. Bachert, Neunkirchen ~ 1.225 1.065 e1 −3 Bekenntnisglocke
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. (Matthäus 5, 10)
5 Pax ~ 1.150 900 fis1 −3 Friedensglocke
Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Matthäus 5, 9)
6 Benedictus ~ 1.060 710 g1 −1 Segnungsglocke
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. (Matthäus 5,7)
7 Sanctus ~ 965 545 a1 −1 Trauglocke
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. (Matthäus 5, 8)
8 Agnus Dei ~ 880 420 h1 −1 Taufglocke
Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! (Johannes 20, 29)

Geistliche, Organisten und KantorenBearbeiten

Geistliche (1. Pfarrerstelle)Bearbeiten

Organisten und KantorenBearbeiten

SehenswürdigkeitenBearbeiten

 
Das historische Hufeisen

VariaBearbeiten

  • An der südlichen Außenseite des Chores befindet sich in einer Nische ein leicht überdimensioniertes Hufeisen. Seine Herkunft ist ungeklärt. Deshalb ranken sich Sagen darum. Eine schreibt es dem Pferd des heiligen Georg zu, das es beim Kampfe Georgs mit dem Drachen verloren habe. Eine andere bringt es mit dem Tode des Landgrafen Diezmann 1307 in Leipzig in Verbindung, dessen Pferd bei einer Verfolgung durch die Stadt ein Hufeisen verlor, das bis in die Nikolaikirche geschleudert worden sei.[37][38]
Wichtig war das Hufeisen, in welchem ein ehemaliges Zunftzeichen eines Leipziger Schmiedemeisters vermutet werden kann, für wandernde Handwerksgesellen, die mit der genauen Kenntnis der Lage dieses Wahrzeichens der Stadt nachweisen konnten, in Leipzig gewesen zu sein.[39]
  • Mit den Geschehnissen um die Nikolaikirche von 1987 bis 1989 setzt sich der Schriftsteller Erich Loest in seinem 1995 erschienenen Roman Nikolaikirche auseinander.[40] Das Buch wurde auch 1995 verfilmt.
  • Ein etwas anderes Bild aus Sicht jugendlicher Oppositioneller zeichnet der Schriftsteller Martin Jankowski, der jahrelang selbst die Friedensgebete mitgestaltete, in seinem Roman Rabet oder Das Verschwinden einer Himmelsrichtung.[41]
  • Sir Colin Mawby komponierte in Erinnerung an Pfarrer Christian Führer das Oratorium Ecce homo, welches unter Leitung von Frank Steffen Elster (Gewandhaus zu Leipzig) am 26. Mai 2016 mit über 200 Mitwirkenden in der Nikolaikirche uraufgeführt wurde. Es ist „Allen Frauen, Männern und Kindern gewidmet, die versuchen, der inneren Stimme ihres Gewissens trotz Gefahr, Verfolgung und Angst zu folgen – wie die Demonstrierenden der Friedlichen Revolution am 9. Oktober 1989 in Leipzig“.

LiteraturBearbeiten

  • Cornelius Gurlitt: Nikolaikirche. In: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. 17. Heft: Stadt Leipzig (I. Theil). C. C. Meinhold, Dresden 1895, S. 3.
  • Heinrich Magirius: Nikolaikirche Leipzig. (= Kleiner Kunstführer. 1870). Schnell & Steiner, München 1991.
  • Karl Czok: Die Nikolaikirche Leipzig. Edition Leipzig 1992, ISBN 3-361-00390-3.
  • Heinrich Magirius: Die Umgestaltung des Innenraums der Nikolaikirche zu Leipzig durch Johann Carl Friedrich Dauthe 1784 bis 1797. In: Gebaute Vergangenheit heute – Berichte aus der Denkmalpflege. Berlin/ München 1993, ISBN 3-345-00530-1, S. 121–152.
  • Christian Dietrich, Uwe Schwabe (Hrsg.): Freunde und Feinde. Friedensgebete in Leipzig zwischen 1981 und dem 9. Oktober 1989. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 1994.
  • Reinhard Wegner: Gotik und Exotik im Zeitalter der Aufklärung. Der Umbau der Nikolaikirche in Leipzig. In: Deutsche Baukunst um 1800. Böhlau, Köln u. a. 2000, S. 53–63.
  • Martin Jankowski: Der Tag, der Deutschland veränderte – 9. Oktober 1989. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2007, ISBN 978-3-374-02506-0.
  • Armin Kohnle (Hrsg.): St. Nikolai zu Leipzig. 850 Jahre Kirche in der Stadt. Imhof, Petersberg 2015, ISBN 978-3-86568-857-6.
  • St. Nikolai zu Leipzig. 850 Jahre Kirche in der Stadt. Imhof, Petersberg 2015, ISBN 978-3-86568-857-6. (Rezension:[42].)
  • Alberto Schwarz: Das Alte Leipzig – Stadtbild und Architektur. Beucha 2018, ISBN 978-3-86729-226-9, S. 85–86.

WeblinksBearbeiten

Commons: Nikolaikirche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Gemeindeblatt. Abgerufen am 4. Juni 2021 (deutsch).
  2. Textheft zur CD: Die neue Bach-Orgel der Thomaskirche zu Leipzig. Querstand 2001 (Erläuterungen von Thomasorganist Ullrich Böhme zur Kirche und zur Orgel)
  3. Nikolaikirche Leipzig: Kurze Baugeschichte, abgerufen am 6. Mai 2017.
  4. BachChor Leipzig. Abgerufen am 11. April 2021 (deutsch).
  5. Go Vista City Guide Leipzig. Vista Point Verlag, Köln 2005, ISBN 3-88973-646-7, S. 12–13.
  6. Religion im Herzen der Stadt – Die Nikolaikirche in Leipzig. (PDF) Abgerufen am 23. Januar 2019.
  7. https://www.nikolaikirche.de/wp-content/uploads/2021/06/NikolaikircheLeipzig_Pfarrstellen.pdf
  8. Dresdner Frauenkirchen-Pfarrer Feydt zu Leipziger Superintendent ernannt, abgerufen am 26. Januar 2020.
  9. Gottesdienst mit Verabschiedung von Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt. Stiftung Frauenkirche Dresden, 2020, abgerufen am 16. Februar 2021.
  10. Christoph Wolff, Markus Zepf: Die Orgeln J. S. Bachs. Ein Handbuch. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2006, ISBN 3-374-02407-6, S. 68.
  11. Informationen zur Orgel
  12. Ulrich Dähnert: Historische Orgeln in Sachsen. Ein Orgelinventar. VEB Deutscher Verlag für Musik, Frankfurt 1980, ISBN 3-920112-76-8, S. 182.
  13. Informationen zur Disposition der Ladegast-Orgel
  14. a b c E-Mail von Jiri Kocourek (Künstlerischer Leiter der Fa. Eule-Orgelbau) an den Autor
  15. Orgel, nikolaikirche.de
  16. Radiosendung „Orgelmagazin : Friedrich Ladegast zum 200. Geburtstag (4). Die große Orgel der Leipziger Nikoilaikirche (1862) – rekonstruiert und erweitert durch die Firma Hermann Eule Bautzen (2003) Gespräch mit Jiri Kocourek (künstlerischer Leiter der Firma Eule)“. MDR Kultur, 18. März 2018.
  17. Orgel der Nikolaikirche in Porsche-Design erneuert. In: Lausitzer Rundschau. 13. Oktober 2004, abgerufen am 16. Februar 2021.
  18. Nähere Informationen zur Geschichte und Disposition der Orgel der Nikolaikirche auf der Webseite der Firma Eule.
  19. St. Marien am Dom. Evangelische Kirchengemeinde Naumburg/Saale, abgerufen am 4. September 2018.
  20. Peter Schwarz: Das tausendjährige Leipzig. Von den Anfängen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. 1. Auflage. Band 1. Pro Leipzig, Leipzig 2014, ISBN 978-3-945027-04-2, S. 153.
  21. Der Klang der Freiheit – Neue Glocken für St. Nikolai (Memento vom 20. Februar 2020 im Internet Archive), mdr.de, 9. Oktober 2019.
  22. a b Ausführliche Schilderung der Glockengeschichte auf der Webseite der Nikolaigemeinde: https://www.nikolaikirche.de/newsletter/geschichten-der-glocken/
  23. Friedemann Szymanowski: Die Glocken der Nikolaikirche – Geschichte und Geschichten. In: www.nikolaikirche.de, Online-Portal. 6. Mai 2018, abgerufen am 13. Mai 2018.
  24. Osanna und ihre fünf „Schwestern“ – Probeläuten: So klingen die neuen Glocken in der Leipziger Nikolaikirche. In: Leipziger Volkszeitung. 1. Oktober 2019, abgerufen am 3. Oktober 2019: „Zunächst war es ein warmer Bass-Ton, der am Dienstag über der Leipziger City schwebte. Dann kamen sieben höhere Töne hinzu. In der Nikolaikirche findet in diesen Tagen die Intonation des neuen achtstimmigen Geläuts statt. Erstmals zu hören ist dabei auch die Osanna, die neue größte Kirchenglocke der Stadt.“
  25. Christian Hans Schulz: Der Klang der Freiheit – Neue Glocken für St. Nikolai (Dokumentarfilm, 45 Minuten). Mitteldeutscher Rundfunk, Online-Portal, 5. Oktober 2019. Abgerufen am 5. Oktober 2019.
  26. Spendenaufruf: Aus 1 mach 3. In: www.nikolaikirche.de, Online-Portal. 6. Mai 2018, abgerufen am 13. Mai 2018.
  27. Susan Künzel: Nomen est omen – Die Glocken für die Nikolaikirche haben Namen. In: www.nikolaikirche.de, Online-Portal. 6. Mai 2018, abgerufen am 13. Mai 2018.
  28. Informationen zu den Glocken der Nikolaikirche und zu Plänen für ein aktualisiertes Geläut, Leipziger Volkszeitung; abgerufen am 17. April 2017.
  29. Leipziger Nikolaikirche – drei Glocken gehoben, fünf gegossen. Abgerufen am 3. Oktober 2019.
  30. Leipziger Nikolaikirche. Glockengießerei Bachert, abgerufen am 22. Juni 2019.
  31. a b c Dominic Welters: Leipziger Nikolaikirche weiht sechs neue Glocken auf einmal. In: Leipziger Volkszeitung. 23. Juni 2019, abgerufen am 16. Februar 2021.
  32. Ingrid Hildebrandt und Mark Daniel: Feierlicher Akt: Neue Glocken für Leipziger Nikolaikirche – Osanna am Sonntag eingehoben. In: Leipziger Volkszeitung, Online-Portal. 30. Juni 2019, abgerufen am 1. Juli 2019.
  33. https://www.nikolaikirche.de/newsletter/glockenweihe/
  34. Dominic Welters: Neues Super-Geläut für St. Nikolai: Die Finanzierung steht. In: Leipziger Volkszeitung, Online-Portal. 21. Januar 2019, abgerufen am 3. März 2019.
  35. Neue Glocken in der Leipziger Nikolaikirche. In: evangelisch.de. 1. Juli 2019, abgerufen am 16. Februar 2021.
  36. Liste der 1. Pfarrer an St. Nikolai
  37. Wilhelm Schäfer: Das Hufeisen an der Nikolaikirche. In: Deutsche Städtewahrzeichen: Ihre Entstehung, Geschichte u. Deutung. Band 1, Verlagsbuchhandlung J. J. Weber, Leipzig 1858, S. 18–24 (Digitalisat des Buches)
  38. Johann Georg Theodor Grässe: Das Hufeisen an der Nicolaikirche zu Leipzig. (Wikisource)
  39. Claus Uhlrich: Der Marienborn und andere Geschichten aus dem alten Leipzig. ProLeipzig, 2001, ISBN 3-9807201-8-7, S. 67.
  40. Erich Loest: Nikolaikirche. Dt. Taschenbuch-Verlag, München 1997, ISBN 3-423-12448-2.
  41. Martin Jankowski: Rabet oder Das Verschwinden einer Himmelsrichtung. via verbis München 1999, ISBN 3-933902-03-7.
  42. Burkhard Kunkel: Rezension über: St. Nikolai zu Leipzig. 850 Jahre Kirche in der Stadt, Petersberg 2015. In: Neues Archiv für sächsische Geschichte. Nr. 86/15. Neustadt a. d. Aisch 2015, S. 340–342.

Koordinaten: 51° 20′ 25″ N, 12° 22′ 42,8″ O