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Ernst Laas

deutscher Pädagoge und Philosoph

Ernst Laas (* 16. Juni 1837 Fürstenwalde/Spree; † 25. Juli 1885 Straßburg) war ein deutscher Pädagoge und Philosoph des Positivismus.

Inhaltsverzeichnis

BiographieBearbeiten

Laas wuchs als Sohn des Schneidermeisters Joh. Peter Laas (1807–57) und dessen Frau Berta Ida Flora (1818–52), geb. Beil, in Fürstenwalde in wirtschaftlich beschränkten Verhältnissen auf. Die Unterstützung des General von Massow ermöglichte ihm den Besuch des Joachimsthalschen Gymnasium. Von 1854 bis 1856 war er als Hauslehrer tätig. Anschließend immatrikulierte er sich an der Universität Berlin. Er studierte Theologie und bei Friedrich Adolf Trendelenburg Philosophie. Trendelenburg war bekannt für seine Kenntnisse in Philosophiegeschichte. In seinen Vorlesungen lehrte er, dass ein Philosoph aus der Philosophiegeschichte viel für sein eigenes und über das Philosophieren anderer lernen könne.[1] Laas promovierte 1859 in Philosophie mit einer Arbeit über Das Moral-Prinzip des Aristoteles.

1860 wurde er Lehrer für Deutsch, Griechisch, Lateinisch und Hebräisch am Friedrichs-Gymnasium Berlin und 1868 am Berliner Wilhelmsgymnasium. Er heiratete 1861 seine Frau Martha (1839–1919), geb. Vogeler. Beide wurden Eltern von fünf Söhnen. 1872 erhielt er an der nach dem Krieg 1871/72 wieder neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Universität zu Straßburg einen Lehrstuhl für Philosophie, den er bis zu seinem Tod innehatte.

In seinen Vorlesungen befasste er sich anfangs mit literatur- und kulturhistorischen (u.a. zu Luther, Lessing, Herder und Goethe) und pädagogischen Themen. Er las über die Pädagogik zur Zeit des Humanismus und der Reformation, über pädagogische Theorien in antiker und neuer Zeit, sowie über Erziehung und Unterricht. Seine Vorlesungen enthielten immer auch schon philosophische Anteile. Ab 1878 las er nur noch über Philosophie und bildete sich in Mathematik und Naturwissenschaften fort.[2]

Einer seiner Studenten, der aus Wien stammende Philosoph Benno Kerry (1858–1889) gab nach seinem Tod den literarischen Nachlass heraus.[3] Laas, so schrieb Kerry, veröffentlichte kenntnisreiche und detaillierte Studien zur theoretischen Philosophie seiner Zeit, vor allem zu Kant. Er schrieb außerdem sein dreiteiliges Hauptwerk "Idealismus und Positivismus", in dem er sich für den Positivismus aussprach. Die Tatsachen seines Positivismus waren für ihn die Vorstellungen, die Menschen durch "warnehmen"[4],bzw. "empfinden" über die Welt entwickeln. Diesen sensualistischen, bzw. positivistischen Ansatz hielt er dem idealistischen Ansatz der Mehrheit seiner Zeitgenossen gegenüber für den philosophisch überlegenen und produktiveren. Jeder der möchte, so Laas, kann seine Tatsachen und die anderer nachprüfen, Stellung dazu nehmen und eigenes entwickeln.[5]

Laas' positivistische Philosophie soll zu seinen Lebzeiten in Straßburg viel Anklang gefunden haben. Sie wurde aber auch Anlass für kontroverse Diskussionen um Erkenntnistheorie und Moralphilosophie. Laas z. B. behauptete – ähnlich wie Hume und Mill -, im Unterschied zu Vertretern der Kantischen Philosophie, dass die menschliche Vernunft nicht in der Lage sei, Ideen und Begriffe hervorzubringen, die die Objektivität unseres Wissens und moralischen Handelns garantierten. Menschen seien immer auf das angewiesen, was sie "warnehmen" und "empfinden".

1882 wurde der Neukantianer Windelband nach Straßburg berufen. Aus seiner Sicht war die positivistische Philosophie von Laas ein radikaler Relativismus, bzw. antiphilosophische Sophistik, die philosophische Werte, wie objektive Erkenntnisse und Moral in Frage stellte. Windelband sah es daher – wie Klaus Köhnke interpretierte – als seine 'missionarische Aufgabe' an, gegen Laas in Straßburg die traditionelle deutsche, d. h. vor allem kantische und idealistische Philosophie wieder zur Geltung zu bringen. Politisch sei dies - so Köhnke - von Seiten des Ministeriums ausdrücklich unterstützt worden.[6]

Positivistisches PhilosophierenBearbeiten

Laas hat sich von seinem Lehrer Trendelenburg dessen „historische Methode“, aber nicht dessen metaphysische Resultate angeeignet. Das Ergebnis seiner kritischen Studien der Geschichte der Philosophie, insbesondere der aristotelischen und kantischen, war vielmehr eine immer entschiedener hervortretende Hinneigung zum (französischen und englischen) Empirismus, deren folgerichtigen Abschluss sein Hauptwerk: "Idealismus und Positivismus" (Berlin 1879–84, 3 Bde.) bildet.

Während er unter jenem die besonders durch Platon und Kant vertretenen Bestrebungen versteht, mit Hilfe vor aller Erfahrung im Geist gelegener ontologischer und ethischer Begriffe ein System übersinnlicher Welterkenntnis aufzubauen, bezeichnet er diesen, den er für den „wissenschaftlich allein berechtigten“ Standpunkt hält, als Versuch, eine einheitliche, auch den sittlichen Anforderungen genügende Weisheit „auf der festen Basis der Erfahrung“ zu begründen. „Kants Analogien der Erfahrung“ (Berlin 1876) und „Kants Stellung in der Geschichte des Konflikts zwischen Glauben und Wissen“ (Berlin 1882) geben darüber Auskunft.

Schulische ReformideenBearbeiten

Laas setzte sich für gründliche Reformen aller bestehenden höheren Lehranstalten, insbesondere der Gymnasien ein. Er veröffentlichte seine Ideen 1872 in Der deutsche Unterricht auf höheren Lehranstalten. Die Durchführbarkeit seiner Ideen hatte er in der Arbeit mit seinen Schülern geprüft. Außerdem erhob er die Notwendigkeit von Reformen im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Kulturgeschichte. Er erläuterte, wie die vorhandenen Lehrpläne entstanden waren und welche Rolle diese zur Zeit Ihrer Entstehung gespielt hatten. So wollte er verdeutlichen, dass es sich bei seinen Reformvorschlägen, nicht um revolutionäre Eingriffe in die Schule handelte, sondern um längst überfällige Konsequenzen aus den veränderten gesellschaftspolitischen Bedingungen. Dies ergab ein Buch, das 'er schon als junger Lehrer vermisst habe'.[7]

Die überholten Unterrichtsinhalte ergaben sich aus seiner Sicht aus der Tatsache, dass die in seiner Zeit noch gültigen Lehrpläne bereits im 16. Jhd. entstanden waren. Der Reformator Melanchthon habe damals die Inhalte und Methoden des Unterrichts entsprechend den zeitlichen Erfordernissen festgelegt. Latein sei wie schon im Mittelalter Unterrichtsfach und Unterrichtssprache geblieben. Dies habe der Bedeutung des Lateinischen als Sprache der Wissenschaften und als europaweiter Verkehrssprache entsprochen. Diese Bedingungen gebe es heute nicht mehr. Die Nationalsprachen hätten an Bedeutung gewonnen.

Die alten Lehrpläne aber wären bisher nicht geändert geworden. Dies führe inzwischen von Seiten vieler, die an der Unterrichtsgestaltung der Schule beteiligt seien, zu Kritik und Unmut an den verwendeten Methoden und Inhalten. Vor allem verhinderten die veralteten Lehrpläne eine Weiterentwicklung der höheren Lehranstalten zu allgemein bildenden Institutionen, die eigentlich den Bedürfnissen und Interessen der Menschen ihrer Zeit dienen sollten. Latein sei nicht mehr die Sprache der wissenschaftlichen und gebildeten Welt. Es sei daher nicht mehr zeitgemäß, so beschrieb Laas mit dem Hinweis auf die Zustände in den Schulen, wenn Schüler in der Abitursprüfung an einer bestimmten Fehlerzahl in grammatischen Latein-Prüfungen scheiterten.

Er schlug weitreichende Veränderungen vor: neben anderem eine Reduzierung der altsprachlichen Fächer im Bereich Grammatik- und formaler Stilübungen. Der letzte Vorschlag bezog sich vor allem auf die gymnasiale Praxis, dass Schüler nach Vorlage formulierte und auswendig gelernte eigene Texte, als "Vorträge" vor der Klasse hielten. Laas hielt diese "Vorträge" wegen ihrer geringen Qualität für vergeudete Lernzeit.[8] Statt derartiger Formalien sollten die inhaltliche Interpretation der antiken Schriftsteller, einschließlich der Texte deutschsprachiger Autoren der Gegenwart den Unterricht vorrangig bestimmen. So könnten die Schüler auch lernen, wirklich eigenständige Texte zu schreiben. Laas hatte dabei die persönliche Entwicklung der Schüler im Blick, die im Rahmen der bisherigen Lehrpläne nicht angemessen gefördert werde. [9] Diese Idee hatte Laas schon 1868 in Der deutsche Aufsatz in der ersten Gymnasialklasse (Prima.) ausführlich erläutert und durch Materialien ergänzt.

SchriftenBearbeiten

  • Eudaimonia Aristotelis in ethicis principium quid velit et valeat. Berlin 1859.
  • Aristotelische Textes Studien. Berlin 1863. Digitaler Reader
  • Der deutsche Aufsatz in der ersten Gymnasialklasse (Prima) ein Handbuch für Lehrer und Schüler enthaltend Theorie und Materialien. Berlin 1868. Digitaler Reader
  • Goethe und das Elsass. Leipzig 1871.
  • Der deutsche Unterricht auf höheren Lehranstalten. Berlin 1872. Digitaler Reader
  • Die Pädagogik des Johannes Sturm. Berlin 1872.
  • Gymnasium und Realschule : alte Fragen, mit Rücksicht auf das bevorstehende preussische Unterrichtsgesetz historisch und kritisch von Neuem beleuchtet. Berlin 1875.
  • Kants Analogien der Erfahrung : eine kritische Studie über die Grundlagen der theoretischen Philosophie. Berlin 1876.
  • Idealismus und Positivismus. 3 Teile. Berlin 1879-84.
    • Erster Teil: Prinzipien des Idealismus und Positivismus. Berlin 1879. Digitalisat
    • Zweiter Teil: Idealistische und positivistische Ethik. Berlin 1882. Digitalisat
    • Dritter Teil: Idealistische und positivistische Erkenntnistheorie. Berlin 1884. Digitalisat
  • Die Kausalität des Ich. Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd.4. Leipzig 1880. Digitalisat
  • Kants Stellung in der Geschichte des Conflicts zwischen Glauben und Wissen : eine Studie. Berlin 1882.
  • Zur Frauenfrage. Berlin 1883.
  • Litterarischer Nachlaß, hrsg. von Benno Kerry. Wien 1887

LiteraturBearbeiten

  • Rudolf Lehmann: Der Deutsche Unterricht: eine Methodik für höhere Lehranstalten. Berlin 1897. Nachdruck der 3. neub. Aufl. 1909, (TP Verone) Zypern 2016.
  • Dragischa Gjurits: Die Erkenntnistheorie des Ernst Laas. Eine Darstellung des Correlativismus. Diss. Leipzig 1902.
  • Rudolf Hanisch: Der Positivismus von Ernst Laas. Halle 1902.
  • P. Jacob Krohn: Der Positivismus von Ernst Laas. Bern 1907. Digitalisat
  • Katharina Awakowa-Sakijewa: Die Erkenntnistheorie von Ernst Laas. Zürich 1916.
  • Friedbart Holz: Laas, Ernst. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 13, Duncker & Humblot, Berlin 1982, ISBN 3-428-00194-X, S. 359 f. (Digitalisat).
  • Ernst Laas. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band Band, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig/Wien 1885–1892, S. Seite.
  • Ludwig Salamonowicz: Die Ethik des Positivismus nach Ernst Laas. Diss. Berlin 1935.
  • Nikolaus Koch: Das Verhältnis der Erkenntnistheorie von Ernst Laas zu Kant : ein Beitrag zur Geschichte des Positivismus in Deutschland. Diss. Köln 1939.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Vgl. Friedrich Adolf Trendelenburg: Historische Beiträge zur Philosophie. Berlin 1846, S.VII. Digisat
  2. Vgl. Benno Kerry Einleitung zu: Ernst Laas: Literarischer Nachlass. Wien 1887, Nachdruck der Ausgabe 1902 bei Nabu public Domain Reprints 2012, S, 5-6.
  3. Quelle: Holz, Friedbert, "Laas, Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 359-360.
  4. Laas' Schreibweise, die er durchgängig beibehielt.
  5. Vgl. Kerry, a.a.O. S. 7-8.
  6. Klaus Christian Köhnke: Neukantianismus zwischen Positivismus und Idealismus? In: Hübinger/Bruch/Graf (Hgs.): Kultur und Kulturwissenschaften um 1900: Idealismus und Posivisimus. Stuttgart 1997, S. 41–52.
  7. Laas: Der deutsche Unterricht auf höheren Lehranstalten. Berlin 1872, S.IV-VI. Zitat S. VI.
  8. Vgl. Rudolf Lehmann: Der Deutsche Unterricht: eine Methodik für höhere Lehranstalten. Berlin 1897. Nachdruck der 3. neub. Auflage 1909, TP Verone Zypern 2016, S. 107.
  9. Vgl. Laas: a.a.O., S. 3–40.