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Ernst Laas

deutscher Pädagoge und Philosoph
Laas in seiner Straßburger Zeit.

Ernst Laas (* 16. Juni 1837 Fürstenwalde/Spree; † 25. Juli 1885 Straßburg) war ein deutscher Pädagoge und Philosoph des Positivismus.

Inhaltsverzeichnis

BiographieBearbeiten

Laas wuchs als Sohn des Schneidermeisters Joh. Peter Laas (1807–57) und dessen Frau Berta Ida Flora (1818–52), geb. Beil, in Fürstenwalde in wirtschaftlich beschränkten Verhältnissen auf. Die Unterstützung des General von Massow ermöglichte ihm den Besuch des Joachimsthalschen Gymnasium. Von 1854 bis 1856 war er als Hauslehrer tätig. Anschließend immatrikulierte er sich an der Universität Berlin. Er studierte Theologie und bei Friedrich Adolf Trendelenburg Philosophie. Trendelenburg war bekannt für seine Kenntnisse in Philosophiegeschichte. In seinen Vorlesungen lehrte er, dass ein Philosoph aus der Philosophiegeschichte viel für sein eigenes und über das Philosophieren anderer lernen könne.[1] Laas promovierte 1859 in Philosophie mit einer Arbeit über Das Moral-Prinzip des Aristoteles.

 
Ehemaliges Gebäude des Joachimthalschen Gymnasiums, Berlin-Wilmerdorf, Bundesallee

1860 wurde er Lehrer für Deutsch, Griechisch, Lateinisch und Hebräisch am Friedrichs-Gymnasium Berlin und 1868 am Berliner Wilhelmsgymnasium. Er heiratete 1861 seine Frau Martha (1839–1919), geb. Vogeler. Beide wurden Eltern von fünf Söhnen. 1872 erhielt er an der nach dem Krieg 1871/72 wieder neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Universität zu Straßburg einen Lehrstuhl für Philosophie, den er bis zu seinem Tod innehatte.

 
Universität Straßburg Ende des 19. Jhds.

In seinen Vorlesungen befasste er sich anfangs mit literatur- und kulturhistorischen (u. a. zu Luther, Lessing, Herder und Goethe) und pädagogischen Themen. Er las über die Pädagogik zur Zeit des Humanismus und der Reformation, über pädagogische Theorien in antiker und neuer Zeit, sowie über Erziehung und Unterricht. Seine Vorlesungen enthielten immer auch schon philosophische Anteile. Ab 1878 las er nur noch über Philosophie und bildete sich in Mathematik und Naturwissenschaften fort.[2]

Einer seiner Studenten, der aus Wien stammende Philosoph Benno Kerry (1858–1889) gab nach seinem Tod den literarischen Nachlass heraus.[3] Laas, so schrieb Kerry, veröffentlichte kenntnisreiche und detaillierte Studien zur theoretischen Philosophie seiner Zeit, vor allem zu Kant. Er schrieb außerdem sein dreiteiliges Hauptwerk "Idealismus und Positivismus", in dem er sich für den Positivismus aussprach. Die Tatsachen seines Positivismus waren für ihn die Vorstellungen, die Menschen durch "warnehmen"[4],bzw. "empfinden" über die Welt entwickeln. Diesen sensualistischen, bzw. positivistischen Ansatz hielt er dem idealistischen Ansatz der Mehrheit seiner Zeitgenossen gegenüber für den philosophisch überlegenen und produktiveren. Die von ihm behaupteten Tatsachen nämlich, so Laas, könne jeder - der möchte - nachprüfen, Stellung dazu nehmen und Eigenes entwickeln.[5]

Laas' positivistische Philosophie soll zu seinen Lebzeiten in Straßburg viel Anklang gefunden haben. Sie wurde aber auch Anlass für kontroverse Diskussionen um Erkenntnistheorie und Moralphilosophie. Laas z. B. behauptete – ähnlich wie Hume und Mill -, im Unterschied zu Vertretern der Kantischen Philosophie, dass die menschliche Vernunft nicht in der Lage sei, Ideen und Begriffe hervorzubringen, die die Objektivität unseres Wissens und moralischen Handelns garantierten. Menschen seien immer auf das angewiesen, was sie "warnehmen" und "empfinden".

1882 wurde der Neukantianer Windelband nach Straßburg berufen. Aus seiner Sicht war die positivistische Philosophie von Laas ein radikaler Relativismus, bzw. antiphilosophische Sophistik, die philosophische Werte, wie objektive Erkenntnisse und Moral in Frage stellte. Windelband sah es daher – wie Klaus Köhnke interpretierte – als seine 'missionarische Aufgabe' an, gegen Laas in Straßburg die traditionelle deutsche, d. h. vor allem kantische und idealistische Philosophie wieder zur Geltung zu bringen. Politisch sei dies - so Köhnke - von Seiten des Ministeriums ausdrücklich unterstützt worden.[6]

Positivistisches PhilosophierenBearbeiten

Historische AnlässeBearbeiten

Laas stand eigenständig philosophierend im Gedankenaustausch mit Philosophen des 19. Jh. Seit ungefähr 1830 nahm der Positivismus im Zusammenhang mit dem Aufschwung der anderen Wissenschaften und dem Zusammenbruch des Deutschen Idealismus eine zunehmend wichtige Rolle in der Philosophie ein. [7] Die Neukantianer waren damit beschäftigt, ihr philosophisches Vorbild auf den neuesten Stand der aktuellen Wissenschaftsentwicklung zu bringen und weiterzuentwickeln. Sie widersprachen positivistischen Philosophen aus ihrer Sicht z. B. damit, ohne apriorische Voraussetzungen seien keine Urteile über Tatsachen möglich. Es ergaben sich dabei unter den Neukantianern positivistische Thematisierungen Kantischer Ideen. So wurde diskutiert, ob die apriorischen Elemente - z. B. Kants Begriffe und Kategorien - nicht auch als Tatsachen zu gelten hätten.[8]

Laas hielt den Positivismus für die „wissenschaftlich allein berechtigte“ Philosophie. Dieser sei nämlich frei von den "willkürlichen Absolutheiten der spekulativen Philosophie", vor allem der Hegels - so P. Jacob Kohn in seiner Dissertation über Laas' Positivismus - und verwende die zur Zeit praktizierte Methode der Wissenschaften.[9] Laas unternahm daher mit seiner dreibändigen Veröffentlichung Idealismus und Positivismus den Versuch, eine einheitliche, auch den 'sittlichen' Anforderungen genügende Philosophie „auf der festen Basis der Erfahrung“, genauer auf der Basis sinnlicher 'Warnehmung' zu begründen.[10] Er verwendete für diese Basis auch Termini wie Tatsachen, Empfindungen, Erlebnisse und Erinnerungen.

Im ersten Band seiner Trilogie stellte Laas mit Interpretationen von Texten Platons, Kants, nichtkantianischer Philosophen und dem Positivismus nahe stehenden Philosophen, z. B. Condillacs, der frühen Neuzeit die allgemeinen Grundlagen seines Positivismus dar. Er verwendete dazu eine "historisch-kritische" Methode, die er bei seinem Lehrer Trendelenburg kennen gelernt hatte. Indem er zwischen 'Grundlegendem' einer Philosophie und dem davon 'Abgeleiteten' unterschied[11], schloss er, dass es in der Geschichte der Philosophie eigentlich nur zwei Arten von Philosophien gebe.[12]:

Nämlich eine positivistische, die von sinnlichen "Warnehmungen"[13], bzw. Tatsachen ausgehe und Aussagen über Nicht-sinnliches ablehne, sowie eine idealistische, die - wie z. B. Kant - von ontologischen Instanzen, wie "Vernunft" und ethischen Abstrakta, wie dem "Sollen", ausgehe, die 'vor jeder Erfahrung' (a priori) in der menschlichen Vernunft bzw. dem Verstand vorhanden seien. Gegenüber dem Apriorischen werde von Idealisten den sinnlichen "Warnehmungen", "Empfindungen" und "Tatsachen" nur eine untergeordnete Rolle zugedacht.[14] Die erste Philosophie, die Laas auch als "sensualistische" charakterisierte, ließe sich auf Protagoras aus Abdera und die zweite auf Platon zurückzuführen.

Auf den ersten Blick, so Laas, sähe es so aus, als ob die "transzendentalphilosophische Wendung ...von der platonischen Auffassung himmelweit abzuliegen scheint." Auf den zweiten Blick ergebe sich jedoch eine "interessante Verwandtschaft". Haben nicht die "Verstandesgesetze ... etwas von dem paradigmatischen Charakter der platonischen Ideen an sich?" Und kommt nicht die zentrale Rolle der apriorischen Formen parallel zu den platonischen Ideen "auf das voraussetzungslose Unum et bonum (das Eine und Gute) heraus?"[15]

Gegenwärtig, so Laas, sei die idealistische Philosophie nicht in der Lage, Vorschläge zu entwickeln, die auf den derzeitigen wissenschaftlichen Entwicklungsstand philosophisch angemessen antworteten. Anstatt von "Tatsachen", bzw. sinnlichen "Warnehmungen" wie die anderen Wissenschaften auszugehen, bauten idealistische Philosophen immer noch an Systemen übersinnlicher Welterkenntnis – wie z. B. Vertreter der Transzendentalphilosophie und der Hegelschen Philosophie -, die die Gewissheit wissenschaftlichen und alltäglichen Handelns begründen sollen. Diese Gewissheit habe die Erkenntnistheorie Kants - wie die Diskussionen unter Philosophen des 19. Jahrhunderts zeigten - nur versprochen, aber bisher das Versprochene nicht einlösen können.[16] Laas Schriften über Kants Analogien der Erfahrung (Berlin 1876) und Kants Stellung in der Geschichte des Konflikts zwischen Glauben und Wissen (Berlin 1882) geben darüber ausführlich Auskunft.

Laas sah sich in der Nachfolge der Philosophie David Humes und vor allem in der von John Stuart Mills und empfahl den Positivismus, bzw. Sensualismus als eine wünschenswerte gemeinsame Richtung für die Philosophie seiner Zeit. Den Gründer des Positivismus Auguste Comtes anerkannte er zwar als Positivisten, vermisste bei ihm aber brisante philosophische Themen, wie z. B. Aussagen über Subjekt und Objekt.[17] Andere Ideen Comtes – u. a. dessen Wissenschaftslehre – verwarf er. Er distanzierte sich auch von den religiösen Ideen des späten Comte, die er für "mythisch und romantisch" hielt.[18]

Laas positivistische Ideen wurden nach seinem Tod nicht weiter diskutiert. Nachfolger wie Avenarius, Mach, Ostwald und Ratzenhofer ignorierten ihn völlig.[19] Laas wurde in Eislers Philosophenlexikon[20] und in Meyers Großem Konversations-Lexikon[21] erwähnt. In den gängigen Philosophiegeschichten des 20. Jahrhunderts finden sich keine näheren Darstellungen seiner Ideen.

Über die philosophische und politische Brisanz seiner Analyse schrieb Laas im Schluss des 3. Bandes seiner Trilogie: Als er seine philosophischen Überzeugungen grundsätzlich in Gegensatz zu Kant und Platon stellte, als er "dem von unzähligen Stimmen gefeierten Idealismus den Krieg zu erklären schien", als er seine Ansichten in historischen Zusammenhang mit dem mehrheitlich verächtlich gemachten Sophisten Protagoras setzte, als er 'eine gewisse Vorliebe für den Skeptiker David Hume verriet', als er seine Philosophie als Positivismus bezeichnete, ... da musste er auf "mancherlei Missverständnisse und dialektische Fechterstreiche gefasst sein".

Doch er bereue es nicht, den Gegensatz zwischen Idealismus und Positivismus stark betont zu haben. Im Gegenteil, er halte einige Lebens- und Weltanschauungen, die heute im Namen der idealistischen Philosophie vertreten werden, nicht bloß für unzutreffend, sondern sogar für "gefährlich", ja für "kulturgefährlich". Je länger er auf den Gebrauch des Wortes "Idealismus" vor allem in Deutschland achte, desto mehr falle ihm auf, dass es von denen als "bequeme Handhabe" gebraucht werde, denen eigene Gedanken und Kenntnisse fehlen oder deren Sache "eine faulige Stelle" habe. Das Wort "Idealismus" rufe stets "ein blindes Gefühl ... des Wohlwollens" hervor. Er hoffe dennoch, dass seine Darstellung zu einer angemessenen Erkenntnis der Sache der positivistischen Philosophie beitrage, auch wenn man ihm Feindseligkeit gegen 'das Götzenbild nationaler Voreingenommenheit' unterstelle.[22]

Über den sensualistischen PositivismusBearbeiten

Laas sah die Möglichkeiten der Philosophie grundsätzlich anders als die Idealisten Platon und Kant. Letztere hatten behauptet, jeder Mensch verfüge über ein geistiges Vermögen, namens Vernunft. Mit dieser Instanz sei – so Laas - historisch betrachtet durch Kant die bisherige scholastische Metaphysik lediglich durch einen anderen Terminus ersetzt worden. Sensualisten, bzw. Positivisten bestreiten Instanzen wie Gott und Vernunft, und behaupten, dass allem Denken, Urteilen, allen Vorstellungen "sinnliche Empfindungen" bzw. "Warnehmungen"[23] oder "Tatsachen" zu Grunde liegen. Idealisten behaupteten gegen jede Erfahrung, dass die Instanz "Vernunft" Denken und Handeln bestimme und alles beurteilen könne, auch das, was ein Mensch noch nicht erfahren habe.

Positivisten denken sensualistisch, und gehen ausschließlich vom sinnlich Erfahrbaren, von Tatsachen aus. Letztere seien im Unterschied zum "Unsinnlichen" transzendentaler Kategorien und platonischer Ideen jedem Menschen zugänglich und regten eigenes Denken und Handeln an. Sinnlich Erfahrbares, bzw. die Welt der Materie und der Naturwissenschaften, könne in ausreichendem Maße durch sich gegenseitig bedingende Faktoren erklärt werden. Wie schon Hume deutlich gemacht habe, sei es fragwürdig, kausale Zusammenhänge zu konstruieren und diese gewohnheitsmäßig für "wahr" zu halten.[24]

Aus idealistischer Sicht werde dagegen eingewendet, dass sinnlich Erfahrbares nicht als Basis fürs Forschen tauge, weil es sich kontinuierlich verändere. Dies gelte auch für das psychische Geschehen, bzw. unser "Warnehmen", Denken, Urteilen, Fühlen. Alles sei im Fluss, wie schon Heraklit gesagt haben soll. Diese Aussage sei für Platon der Anlass gewesen, ewige, gleichbleibende Ideen zu erfinden. Kant habe die Skepsis Humes veranlasst, apriorische, erfahrungsfreie Begriffe zu behaupten, um Gewissheit zu erzeugen.[25] Damit, folgert Laas, haben beide Philosophen die Menschen einem gläubigen Vertrauen in ihre idealistischen Behauptungen überlassen, anstatt zum Überprüfen anhand von Tatsachen zu raten.[26]

Für einen Positivisten ist "Veränderung", bzw. "Wandel", ein empirisches Faktum, die die Philosophie akzeptieren und erforschen muss, wenn sie dem Denken und Handeln wissenschaftliche Orientierungen geben möchte. Sogar die Geographie, die Erdteile und das Klima unterlagen in den verschiedenen Erdzeitaltern Veränderungen. Je weiter wir zeitlich zurückgehen, umso mehr verflüchtige sich unsere Erde, wie wir sie heute kennen in einem "Chaos". Die gegenwärtige Wissenschaftsentwicklung zeige, dass es trotz aller Veränderung und allen Wandels, auch trotz aller Irrtümer, brauchbare Forschungsergebnisse gebe.[27] Aus unseren "Warnehmungen", so Laas, entstehen nämlich Erinnerungen und Vorstellungen, d. h. "psychische 'Wirklichkeiten'." mit denen wir wissenschaftlich arbeiten können. [28]

Zu den Veränderungen der Welt zählte Laas auch die Veränderungen, bzw. Variationen der "Warnehmungen". Menschen nähmen nicht nur Tatsachen individuell unterschiedlich war. Sogar das vermeintlich Gleiche werde zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich "wargenommen". Dies ist einer der stärksten und allgemein nachvollziehbaren Einwände gegen den Idealismus, der ja davon ausgeht, es gäbe im Menschen Ideen bzw. eine Vernunft die gleichbleibende Erkenntnisse ermögliche. Ähnliches kritisierte u. a. Johann Ulrich aus Jena einer der ersten und bekannten Kantinterpreten und Zeitgenosse Kants. Protagoras habe diese alltägliche Erfahrung oder Tatsache, mit seinem Satz Der Mensch ist das Maß aller Dinge zum Ausdruck gebracht. Platon habe diesen Satz – Protagoras interpretierend - im Theaitetos 160c um den Gedanken ergänzt: Die Dinge sind für mich so, wie sie für mich sind und für dich so, wie sie für dich sind.[29]

Falls die - damit behauptete - ganz und gar individuelle Sichtweise jedes Menschen, eine zutreffende Tatsache sei, so werde jeder idealistische Versuch überflüssig - sei es durch eine irgendwie geartete Ideenlehre oder noch raffiniertere transzendentalphilosophische Konstruktionen -, "Warnehmungen" in Objektives verwandeln zu wollen. Er werde auf den weiteren "Blättern" zeigen, dass Ähnliches zwar dem Positivismus gelingen könne, jedoch auf ganz andere Weise als üblich.[30]

Sein Positivismus, so Laas am Ende des ersten Bandes seiner historisch-kritischen Analyse, sei ein Idealismus "ganz von dieser Welt." Die Ideen, die er verwende, seien allerdings selbstgemacht und hätten ihre Wurzeln in sinnlichen Warnehmungen. Sie stammten nicht aus der reinen Vernunft oder dem platonischen Ideenreich, sondern eher aus ganz nützlichen Wünschen und menschlichen Bedürfnissen für eine Verbesserung der Gesellschaft.[31]

Schulische ReformideenBearbeiten

Laas setzte sich für gründliche Reformen aller bestehenden höheren Lehranstalten, insbesondere der Gymnasien ein. Es herrsche dort immer noch, so Laas, die Form der Bildung, die ohne Verbindung zur Natur und zum Leben auszukommen glaube. Er veröffentlichte seine Ideen 1872 in Der deutsche Unterricht auf höheren Lehranstalten. Die Durchführbarkeit seiner Ideen hatte er in der Arbeit mit seinen Schülern geprüft. Er betonte, dass es sich bei seinen Reformvorschlägen, die der kulturellen Weiterentwicklung nützen sollten, nicht um revolutionäre Eingriffe in die Schule handelte, sondern um längst überfällige Konsequenzen aus den veränderten gesellschaftspolitischen Bedingungen. Dies ergab ein Buch, das 'er schon als junger Lehrer vermisst habe'.[32]

Die überholten Unterrichtsinhalte ergaben sich aus seiner Sicht aus der Tatsache, dass die in seiner Zeit noch gültigen Lehrpläne bereits im 16. Jhd. entstanden waren. Der Reformator Melanchthon habe damals die Inhalte und Methoden des Unterrichts entsprechend den zeitlichen Erfordernissen festgelegt. Latein sei daher wie schon im Mittelalter Unterrichtsfach und Unterrichtssprache geblieben. Dies habe der Bedeutung des Lateinischen als Sprache der Wissenschaften und als europaweiter Verkehrssprache entsprochen. Diese Bedingungen gebe es heute nicht mehr. Die Nationalsprachen hätten an Bedeutung gewonnen.

Die alten Lehrpläne aber seien bisher nicht geändert geworden. Dies führe inzwischen von Seiten vieler, die an der Unterrichtsgestaltung der Schule beteiligt seien, zu Kritik und Unmut an den verwendeten Methoden und Inhalten. Vor allem verhinderten die veralteten Lehrpläne eine Weiterentwicklung der höheren Lehranstalten zu allgemein bildenden Institutionen, die den Lernbedürfnissen und -interessen der Menschen ihrer Zeit dienen sollten. Am meisten profitierten die Schüler, die den Lehrerberuf ausüben wollten. Daher könne man die Gymnasien auch als "Spezialschulen für das gelehrte Schulwesen" bezeichnen.[33] Latein sei aber nicht mehr die Sprache der wissenschaftlichen und gebildeten Welt. Es sei daher nicht mehr zeitgemäß, so beschrieb Laas mit dem Hinweis auf die Zustände in den Schulen, wenn Schüler in der Abiturprüfung an einer bestimmten Fehlerzahl in grammatischen Latein-Prüfungen scheiterten.

Er schlug weitreichende und in der Diskussion seiner Zeit umstrittene Veränderungen vor: vor allem eine Reduzierung der Grammatik- und formaler Stilübungen in den altsprachlichen Fächern. Der letzte Vorschlag bezog sich speziell auf die Unterrichtspraxis, Schüler nach Vorlage formulierte und auswendig gelernte eigene Texte, als "Vorträge" vor der Klasse halten zu lassen. Laas hielt diese "Vorträge" wegen ihrer geringen inhaltlichen Qualität und minimalen Lernanreize für vergeudete Zeit.[34] Statt derartiger formaler Inhalte sollte vorrangig die inhaltliche Interpretation der antiken Schriftsteller, einschließlich der Texte deutschsprachiger Autoren der Gegenwart den Unterricht bestimmen. So könnten die Schüler auch lernen, wirklich eigenständige Texte zu schreiben. Laas hatte dabei die persönliche Entwicklung der Schüler im Blick, die im Rahmen der bisherigen Lehrpläne nicht angemessen gefördert werde. [35] Diese Idee hatte Laas schon 1868 in Der deutsche Aufsatz in der ersten Gymnasialklasse (Prima.) ausführlich erläutert und durch Materialien ergänzt.

SchriftenBearbeiten

  • Eudaimonia Aristotelis in ethicis principium quid velit et valeat. Berlin 1859.
  • Aristotelische Textes Studien. Berlin 1863. Digitaler Reader
  • Der deutsche Aufsatz in der ersten Gymnasialklasse (Prima) ein Handbuch für Lehrer und Schüler enthaltend Theorie und Materialien. Berlin 1868. Digitaler Reader
  • Goethe und das Elsass. Leipzig 1871.
  • Der deutsche Unterricht auf höheren Lehranstalten. Berlin 1872. Digitaler Reader
  • Die Pädagogik des Johannes Sturm. Berlin 1872.
  • Gymnasium und Realschule : alte Fragen, mit Rücksicht auf das bevorstehende preussische Unterrichtsgesetz historisch und kritisch von Neuem beleuchtet. Berlin 1875.
  • Kants Analogien der Erfahrung : eine kritische Studie über die Grundlagen der theoretischen Philosophie. Berlin 1876.
  • Idealismus und Positivismus. 3 Teile. Berlin 1879–84.
    • Erster Teil: Prinzipien des Idealismus und Positivismus. Berlin 1879. Digitalisat
    • Zweiter Teil: Idealistische und positivistische Ethik. Berlin 1882. Digitalisat
    • Dritter Teil: Idealistische und positivistische Erkenntnistheorie. Berlin 1884. Digitalisat
  • Die Kausalität des Ich. Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 4. Leipzig 1880. Digitalisat
  • Kants Stellung in der Geschichte des Conflicts zwischen Glauben und Wissen : eine Studie. Berlin 1882.
  • Zur Frauenfrage. Berlin 1883.
  • Litterarischer Nachlaß, hrsg. von Benno Kerry. Wien 1887

LiteraturBearbeiten

  • Rudolf Lehmann: Der Deutsche Unterricht: eine Methodik für höhere Lehranstalten. Berlin 1897. Nachdruck der 3. neub. Aufl. 1909, (TP Verone) Zypern 2016.
  • Dragischa Gjurits: Die Erkenntnistheorie des Ernst Laas. Eine Darstellung des Correlativismus. Diss. Leipzig 1902.
  • Rudolf Hanisch: Der Positivismus von Ernst Laas. Halle 1902.
  • P. Jacob Krohn: Der Positivismus von Ernst Laas. Bern 1907. Digitalisat
  • Katharina Awakowa-Sakijewa: Die Erkenntnistheorie von Ernst Laas. Zürich 1916.
  • Friedbart Holz: Laas, Ernst. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 13, Duncker & Humblot, Berlin 1982, ISBN 3-428-00194-X, S. 359 f. (Digitalisat).
  • Ernst Laas. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band Band, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig/Wien 1885–1892, S. Seite.
  • Ludwig Salamonowicz: Die Ethik des Positivismus nach Ernst Laas. Diss. Berlin 1935.
  • Nikolaus Koch: Das Verhältnis der Erkenntnistheorie von Ernst Laas zu Kant : ein Beitrag zur Geschichte des Positivismus in Deutschland. Diss. Köln 1939.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Vgl. Friedrich Adolf Trendelenburg: Historische Beiträge zur Philosophie. Berlin 1846, S.VII. Digisat
  2. Vgl. Benno Kerry Einleitung zu: Ernst Laas: Literarischer Nachlass. Wien 1887, Nachdruck der Ausgabe 1902 bei Nabu public Domain Reprints 2012, S, 5-6.
  3. Quelle: Holz, Friedbert, "Laas, Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 359–360.
  4. Laas' Schreibweise, die er durchgängig beibehielt.
  5. Vgl. Kerry, a.a.O. S. 7–8.
  6. Klaus Christian Köhnke: Neukantianismus zwischen Positivismus und Idealismus? In: Hübinger/Bruch/Graf (Hgs.): Kultur und Kulturwissenschaften um 1900: Idealismus und Posivisimus. Stuttgart 1997, S. 41–52.
  7. Vgl. Johannes Hirschberger: Kleine Philosophiegeschichte. 6. Aufl. Freiburg 1966, S. 167.
  8. Vgl. Gerhard Lehmann: Geschichte der Philosophie. Berlin 1953, Bd. IX, S. 85f. – Siehe auch Moritz Schlick: Positivismus und Realismus. In: Erkenntnis 3, 1932, S. 1–31.
  9. Vgl. P.Jacob Kohn: Der Postitivismus von Ernst Laas. Bern 1907, S. 2.
  10. Vgl. Laas: Idealismus und Positivismus. Band I, S. 273. - 'Warnehmung' ist die von Laas durchgängig benutzte Schreibweise.
  11. Laas, a. a. O., I, S. 4. - Außerdem A. Trendelenburg: Über den letzten Unterschied der philosophischen Systeme. Historische Beiträge zur Philosophie. Bd. II, Berlin 1855, S. 1.
  12. Vgl. zum fundamentalen Gegensatz in der Philosophie, Laas, a. a. O., I, S. 4–6.
  13. Schreibweise Laas.
  14. Vgl. zu Kants Kritik der reinen Vernunft Laas, a. a. O. I, S. 69–73.
  15. Laas, a. a. O., I, S. 72.
  16. Laas, a. a. O., I, S. 15.
  17. Vgl. P. Jacob Kohn: Der Positivismus von Ernst Laas. Bern 1907, S. 3.
  18. Vgl. Laas, a. a. O., I, S. 184.
  19. Vgl. Ludwig Stein: Der soziale Optimismus (1905). Reprint Kessinger 2010, S. 178.
  20. [[Rudolf Eisler (Philosoph)|]]: Philosophen-Lexikon. Berlin 1912, S. 371–373. zeno.org
  21. Meyers Großes Konversations-Lexikon. Band 12. Leipzig 1908, S. 2-3.
  22. Laas, a. a. O., III, S. 665f.
  23. Schreibweise von Laas.
  24. Laas, a. a. O., III, S. 2–5.
  25. Laas, a. a. O., III, 5.
  26. Laas, a. a. O., I, S. 230.
  27. Laas, a. a. O., III, S. 8.
  28. Laas, a. a. O., I, S. 232.
  29. Laas, a. a. O., III, S. 12.
  30. Mit "Blättern" bezeichnete Laas gelegentlich, die von ihm beschriebenen Seiten seiner Veröffentlichung.
  31. Laas, a. a. O., I, S. 272–75.
  32. Laas: Der deutsche Unterricht auf höheren Lehranstalten. Berlin 1872, S.IV-VI. Zitat S. VI.
  33. Laas: a.a.O., S. 4f.
  34. Vgl. Rudolf Lehmann: Der Deutsche Unterricht: eine Methodik für höhere Lehranstalten. Berlin 1897. Nachdruck der 3. neub. Auflage 1909, TP Verone Zypern 2016, S. 107.
  35. Vgl. Laas: a.a.O., S. 3–40.