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Illustration zu „Die Sterntaler“ von Ludwig Richter, 1862
Illustration zu „Die Sterntaler“ von Viktor Paul Mohn, 1882
Illustration zu „Die Sterntaler“ von Heinrich Vogeler, 1907

Die Sterntaler ist ein kurzes Märchen (ATU 779H*). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ab der 2. Auflage von 1819 an Stelle 153 (KHM 153), vorher als Das arme Mädchen an Stelle 83, und geht zum Teil auf Achim von Arnims Novelle Die drei liebreichen Schwestern und der glückliche Färber zurück. Bei Grimm schrieb sich der Titel Die Sternthaler.

Inhaltsverzeichnis

InhaltBearbeiten

Ein armes Waisenkind, das außer einem Stück Brot nichts besitzt, geht in die Welt hinaus. Unterwegs verschenkt es sein Brot, dann seine Mütze, sein Leibchen, sein Röckchen und schließlich auch sein Hemdchen an andere Bedürftige. Da fallen die Sterne als Silbertaler vom Nachthimmel, und es hat ein neues, feines Leinenhemdchen an, in das es sie aufsammelt.

HerkunftBearbeiten

In Jacob Grimms Handschrift von 1810 ist Armes Mädchen eine nur kurze Notiz.[1] In Grimms Anmerkung ab 1812 wurde notiert, dass es aus dunkler Erinnerung aufgeschrieben wurde, und auf Jean Pauls Roman Die unsichtbare Loge. Eine Biographie[2] sowie Achim von Arnims Novelle Die drei liebreichen Schwestern und der glückliche Färber (1812) hingewiesen.[3] Letztere[4] nimmt Grimms Fassung deutlich vorweg und ist vielleicht durch den fragmentartigen Einschub bei Jean Paul inspiriert.[5]

AllegorieBearbeiten

Vielfach wird dieses Märchen der Brüder Grimm als Allegorie eines vorbildlichen christlichen Menschen verstanden, der barmherzig und großzügig an bedürftige Menschen von dem Seinen gibt, auch wenn er selber „am Ende“ dabei scheinbar „nichts“ mehr hat. Diese „innere Einstellung“, als gelebte Grundhaltung, wird „vom Himmel“ durch „Sternthaler“ überreichlich „in himmlischer Währung“ belohnt und mit einem „schmückenden“ feinen „Seelenkleid“ in „Ewigkeit“ von einem „Unsichtbaren“ (aber nicht Unwirkbaren!) „bekleidet“. Die Reise zu den Gestirnen erinnert z. B. auch an Das singende springende Löweneckerchen.

RezeptionenBearbeiten

 
Illustration zum Märchen im Weißfeld rechts unten auf der Rückseite des 1000-DM-Scheins (ab 1992)

Georg Büchner lässt in seinem vermutlich 1836 entstandenen Drama Woyzeck die Großmutter ein ähnliches, jedoch sehr pessimistisches, nihilistisch gefärbtes Märchen erzählen. Darin wandert das Mädchen erst zum Mond, dann zur Sonne und dann zu den Sternen. Die stellen sich aber als ein faules Stück Holz, eine welke Sonnenblume und aufgespießte Mücken heraus: so setzt sich das Mädchen schließlich allein auf einen Stein.[6]

In Eva Marders Version teilt ein Kind mit denen, deren Eltern im Krieg starben, bis es selbst Waise ist, da wird es abgewiesen. Als schwarze Vögel Sterne wie Fackeln vom Himmel werfen, will es sterben.[7] Janosch parodiert das Märchen als Pressebericht von der Verhaftung zweier Krimineller, denen durch einen Rechenfehler oder ein Kleidergeschenk an einen alten Mann die Sterne sozusagen in den Schoß gefallen seien.[8] Bei Fritz Deppert nimmt ein alter Mann dem Kind sein Brot, größere Kinder die Kleider, das hält es für ein gutes Omen und wartet auf die Sterne, die fallen herab und detonieren.[9] Bei Franz Mon schimpfen zum Schluss die Eltern mit Donnerstimme vom Himmel, weil das Kind nackt ist.[10]

Das ZDF widmete dem Sterntaler-Märchen den dritten Teil der Doku-Reihe Märchen und Sagen – Botschaften aus der Wirklichkeit (Erstsendung am 23. Oktober 2005). Demnach werden Funde keltischer Goldmünzen, bekannt als Regenbogenschüsselchen, als Kern der Überlieferung angesehen: Diese wurden im süddeutschen Raum beim Pflügen an die Oberfläche gebracht und nach Regenfällen ausgespült. Die Märchenerzähler wurden durch die Münze Sterntaler inspiriert. Diese hatte Friedrich II. in Umlauf gebracht. Auf ihr ist ein Stern zu sehen.[11]

2011 verfilmte Bavaria Film im Auftrag des Südwestrundfunks das Grimmsche Märchen für Das Erste. Die Verfilmung wurde als Die Sterntaler im Rahmen der ARD-Märchenreihe Sechs auf einen Streich im Weihnachtsprogramm 2011 im Ersten ausgestrahlt.[12]

LiteraturBearbeiten

  • Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. 19. Auflage. Artemis & Winkler, Düsseldorf / Zürich 2002, ISBN 3-538-06943-3, S. 666–668.
  • Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen. Hrsg.: Heinz Rölleke. 1. Auflage. Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort (Band 3). Reclam, Stuttgart 1980, ISBN 3-15-003193-1, S. 250, 501–502.
  • Rölleke, Heinz (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Herausgegeben und erläutert von Heinz Rölleke. S. 60–61, 353–354. Cologny-Geneve 1975. Fondation Martin Bodmer; Printed in Switzerland
  • Heinz Rölleke: Grimms Märchen und ihre Quellen. Die literarischen Vorlagen der Grimmschen Märchen synoptisch vorgestellt und kommentiert (= Schriftenreihe Literaturwissenschaft. Band 35). 2. Auflage. Wissenschaftlicher Verlag, Trier 2004, ISBN 3-88476-717-8, S. 248–251, 566–567.
  • Friedel Lenz: Bildsprache der Märchen. 8. Auflage. Urachhaus, Stuttgart 1997, ISBN 3-87838-148-4, S. 239–242, 249–250.
  • Zimmermann, Harm-Peer: Die Sterntaler. Ein Märchen der Brüder Grimm, gelesen als handfestes Politikum in kontingenztheoretischer Rahmung. In: Zeitschrift für Volkskunde 97, S. 67–94

FilmografieBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Rölleke, Heinz (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Herausgegeben und erläutert von Heinz Rölleke. S. 60–61, 353–354. Cologny-Geneve 1975. Fondation Martin Bodmer; Printed in Switzerland
  2. Die unsichtbare Loge. Erster Theil. Berlin 1793, S. 214 books.google: „Ein elendes Maͤdchen — Kinder wollen in der Geſchichte bloß Kinder — malt' er vor, ohne Abendbrod, ohne Eltern, ohne Bett, ohne Haube und ohne Fehler die aber allemal ſo oft ein Stern ſich putzte, unten einen huͤbſchen Thaler fand u. ſ. w.“
  3. Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen. Hrsg.: Heinz Rölleke. 1. Auflage. Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort (Band 3). Reclam, Stuttgart 1980, ISBN 3-15-003193-1, S. 250, 501–502.
  4. Die drei liebreichen Schwestern und der glückliche Färber, Berlin 1812, S. 231 f. books.google
  5. Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Entstehung, Wirkung, Interpretation. de Gruyter, Berlin / New York 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 319–323.
  6. http://www.zeno.org/nid/2000463747X
  7. Eva Marder: Sterntaler. In: Wolfgang Mieder (Hrsg.): Grimmige Märchen. Prosatexte von Ilse Aichinger bis Martin Walser. Fischer Verlag, Frankfurt (Main) 1986, ISBN 3-88323-608-X, S. 240–241 (1971; zuerst erschienen in: Werner Psaar, Manfred Klein: Wer hat Angst vor der bösen Geiß? Zur Märchendidaktik und Märchenrezeption. Westermann, Braunschweig 1976, S. 274–275.).
  8. Janosch: Die Sterntaler. In: Janosch erzählt Grimm's Märchen. Fünfzig ausgewählte Märchen, neu erzählt für Kinder von heute. Mit Zeichnungen von Janosch. 8. Auflage. Beltz und Gelberg, Weinheim und Basel 1983, ISBN 3-407-80213-7, S. 137.
  9. Fritz Deppert: Sterntaler. In: Wolfgang Mieder (Hrsg.): Grimmige Märchen. Prosatexte von Ilse Aichinger bis Martin Walser. Fischer Verlag, Frankfurt (Main) 1986, ISBN 3-88323-608-X, S. 244 (1972; zuerst erschienen in: Alexander von Bormann (Hrsg.): Gegengesänge, Parodien, Variationen. Moritz Diesterweg, Frankfurt 1975, S. 64–65.).
  10. Franz Mon: stern wie taler. In: Wolfgang Mieder (Hrsg.): Grimmige Märchen. Prosatexte von Ilse Aichinger bis Martin Walser. Fischer Verlag, Frankfurt (Main) 1986, ISBN 3-88323-608-X, S. 245–246 (1974; zuerst erschienen in: Jochen Jung (Hrsg.): Bilderbogengeschichten. Märchen, Sagen, Abenteuer. Neu erzählt von Autoren unserer Zeit. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1976, S. 117.).
  11. Märchen & Sagen: Sterntaler und das himmlische Gold (Memento vom 7. November 2005 im Internet Archive) .
  12. Ute Korn-Amann: Filmarbeiten: Donautal wird zu Klein-Hollywood. Mehrere Szenen für das Märchen „Die Sterntaler“ werden bei Gutenstein gedreht. In: Schwäbische Zeitung vom 3. Februar 2011.

WeblinksBearbeiten

  Wikisource: Die Sterntaler – Quellen und Volltexte
  Commons: Die Sterntaler – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien