Die Ahnen ist ein 1872 bis 1880 in sechs Bänden im Verlag Salomon Hirzel in Leipzig erschienener historischer Romanzyklus von Gustav Freytag, der von der Völkerwanderungszeit bis zur Gegenwart reicht und damit 1500 Jahre umspannt. Die einzelnen Romane erzählen in acht, motivisch immer wieder miteinander verknüpften Zeitschnitten die Geschichte einer zunächst adeligen, später bürgerlichen Familie, deren königliche Abstammung sich in dem unbewusst tradierten Familiennamen König widerspiegelt.

Wie Felix Dahns Ein Kampf um Rom und Victor von Scheffels Ekkehard gehören Die Ahnen der Gattung des von historischer und topographischer Treue bestimmten sogenannten Professorenromans an, der die Vermittlung historischen Wissens an eine breitere Öffentlichkeit zum Ziel hat. Freytag, der 1838 mit einer Dissertation „Über die Anfänge der dramatischen Poesie bei den Germanen“ an der Universität Breslau promoviert worden war und hier anschließend als Privatdozent lehrte, unternahm es hierin, gleichsam ein Geschichtsbild „von unten“ zu entwerfen, in dem weniger prominente Einzelpersonen als Akteure im historischen Geschehen mit den großen Persönlichkeiten der Zeit in Verbindung treten. „Zum Unterschied von F. Dahn und anderen Gründerzeitautoren beruht in den Ahnen die Kontinuität der nationalen Einheit nicht auf den spektakulären Taten einzelner großer historischer Persönlichkeiten, sondern auf den alltäglichen, unauffälligen Leistungen eines Kollektivs. Den übersteigerten Personenkult seiner Epoche lehnte Freytag ab, wie er auch gegenüber Bismarck zeitlebens eine gewisse Reserve bewahrte. Der beachtliche Erfolg der Ahnen (bis 1900 gab es 27 Auflagen mit etwa 70 000 Exemplaren), hängt mit der darin vollzogenen Synthese einer liberalen Geschichtsauffassung und der damals populären biologischen Evolutionstheorie Darwins zusammen.“[1] Demgegenüber ist die (selbst)kritische Einschätzung in der in Freytags Selbstverlag erschienenen Literaturgeschichte von Eduard Engel überraschend, wonach die Romanfolge „Trotz manchen Schönheiten im einzelnen … nur einen Achtungserfolg errungen“ habe und „nicht mehr zum lebendigen Literaturbesitz“ gehöre, „wenn sie je dazu gehört hat“, indem „eine volle Belebung der Vergangenheit wie in Scheffels Ekkehard Freytag nicht gelungen“ sei.[2]

Die Ahnen, Band 3
(Erstausgabe 1874)
Die Ahnen, 3. Band, 1874

EntstehungBearbeiten

Den unmittelbaren Anstoß zur Entstehung des Werks gab Freytags Teilnahme als Kriegsberichterstatter im Deutsch-Französischen Krieg 1870–71. Entsprechend dieser Erfahrung dominieren im Werk Episoden kriegerischer Auseinandersetzungen. „Die mächtigen Eindrücke jener Wochen arbeiteten in der Seele fort; schon während ich auf den Landstraßen Frankreichs im Gedränge der Männer, Rosse und Fuhrwerke einherzog, waren mir immer wieder die Einbrüche unserer germanischen Vorfahren in das römische Gallien eingefallen, ich sah sie auf Flößen und Holzschilden über die Ströme schwimmen, hörte hinter dem Hurra meiner Landsleute vom fünften und elften Korps das Harageschrei der alten Franken und Alemannen, ich verglich die deutsche Weise mit der fremden, und überdachte, wie die deutschen Kriegsherren und ihre Heere sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt haben bis zu der nationalen Einrichtung unseres Kriegswesens, dem größten und eigentümlichsten Gebilde des modernen Staates. – Aus solchen Träumen und aus einem gewissen historischen Stil, welcher meiner Erfindung durch die Erlebnisse von 1870 gekommen war, entstand allmählich die Idee zu dem Roman Die Ahnen.“[3] Das Entstehungsdatum zur Zeit der Reichsgründung von 1871 äußert sich zudem in der Idee der deutschen Nationwerdung, die leitmotivisch die einzelnen Teile des Werks durchzieht.

HandlungBearbeiten

Ingo und IngrabanBearbeiten

Im ersten Teil von Ingo und Ingraban hatte der aus seiner Heimat östlich der Oder vertriebene Vandalenkönig Ingo auf Seiten der Alemannen an der Schlacht von Straßburg 357 gegen den römischen Kaiser Julian teilgenommen. Auf der anschließenden Flucht gelangt er nach Thüringen, wo er die Fürstentochter Irmgard trifft und – nach Entführung – heiratet. Zusammen mit thüringischen Siedlern gründet er eine Siedlung an der als „Bach der (germanischen Schicksalsgöttin) Idis“ bezeichneten Itz bei der (hier als Idisburg genannten) späteren Veste Coburg. Die Weigerung, sich dem Herrschaftsanspruch Thüringens unterzuordnen, führt zur Katastrophe und zum Tod von Ingo und Irmgard bei der Zerstörung ihrer Burg. Ihr einjähriger Sohn wird von der Dienerin Frieda aus der brennenden Burg gerettet.

Der zweite Teil der Erzählung beginnt im Jahre 724 während der fränkischen Missionierung Thüringens und der Gründung des Klosters Ohrdruf an der Ohra durch Bonifatius. Hineinspielt die Auseinandersetzung mit den ansässigen Sorben, deren Hauptburg in Ebersdorf lokalisiert wird. Ingraban/Ingram, einem Nachkommen Ingos, gelingt es, seine Braut Walburg aus sorbischer Geiselhaft zu befreien. Nachdem auch er sich zum christlichen Glauben bekehrt hat, folgt er schließlich dreißig Jahre später 754/755 Bonifatius auf seinem Missionszug zu den Friesen, auf dem er mit ihm den Tod findet.

Das Nest der ZaunkönigeBearbeiten

„Im Nest der Zaunkönige liegt der Hauptteil des Herrenbesitzes um die Drei Gleichen, Vorberge des Thüringer Waldes bis in die Nähe von Erfurt, in einem Landstrich, wo die Dorfnamen, welche auf ‚leben‘ endigen, vorherrschen.“[4] Der Hauptsitz der Familie, die nun den spöttischen Beinamen „Reguli“, „kleine Könige“ bzw. „Zaunkönige“ trägt, wird mit Ingersleben (hier „Ingramsleben“ genannt) bei Erfurt identifiziert.

Die Erzählung setzt im Jahre 1003 auf dem Höhepunkt der Konsolidierungskämpfe Kaiser Heinrichs II. in der Abtei Hersfeld ein, deren Konvent und Abt selbst in der Nachfolgefrage verstritten sind. Dem für den Kirchendienst bestimmten Immo, der hier seine schulische Ausbildung erfährt, gelingt die Flucht aus dem Konvent, um in der Folgezeit auf kaiserlicher Seite in der Auseinandersetzung teilzunehmen. In der Schweinfurter Fehde Kaiser Heinrichs mit Hezilo, dem Markgrafen Heinrich von Schweinfurt, bewährt sich Immo bei der Belagerung der Burg Sulzbach, wo er seine Geliebte, die hessische Grafentochter Hildegard, befreit. Da diese für den Eintritt in ein Kloster bestimmt war, folgte deren Entführung auf die hier im Besitz der Familie genannte Mühlburg bei Erfurt. Nach anschließender kaiserlicher Verurteilung Immos und Einnahme der Burg wurde er jedoch begnadigt und in den Besitz der Burg wiedereingesetzt.

Die Brüder vom deutschen HauseBearbeiten

Die Erzählung Die Brüder vom deutschen Hause beginnt im Jahre 1226 unter dem thüringischen Landgraf Ludwig IV., „dem Heiligen“, und seiner, hier „Frau Else“ genannten, Gemahlin, der Hl. Elisabeth. Hauptperson der Erzählung ist der auf Ingersleben wohnende Ivo, der sich der Hohen Minne, dem Turnier und dem Minnesang verschrieben hat, während sein Oheim, Graf Meginhard, auf Mühlburg sein Leben als Raubritter bestreitet, womit zugleich Ideal und Wirklichkeit des Feudalismus gegenübergestellt wird. Auf einem „Mairitt“ zum Turnier nach Erfurt, der ihm zugleich ritterliche Ehre und wirtschaftlichen Schaden einbringt, begegnet er erstmals den Rittern des Deutschen Ordens, deren christliche Aufopferungsbereitschaft ihn beeindruckt. Von Hermann von Salza lässt er sich im zum Kreuzzug Friedrichs II. nach Jerusalem anwerben. In Akkon, dem Sitz des Deutschen Ordens, wird er persönlicher Vertrauter Kaiser Friedrichs II., in dessen Auftrag er eine diplomatische Mission ausführt und dabei in die Gefangenschaft der ismailitischen Assassinen gerät. Befreit von seinen Dienstmannen, wird er von Friderun, der Tochter des Richters des Dorfes Friemar bei Gotha, heimgeführt, um hier festzustellen, dass sein Landbesitz während seiner Abwesenheit veruntreut wurde. Als beide in der Verfolgung der protoreformatorischen Katharer unter Konrad von Marburg im Hof Ingersleben eingeschlossen werden, verschreiben sich Ivo und Friderun dem Deutschen Orden. Mit dem Landmeister Hermann von Balk nehmen sie 1231 im Rahmen der Ostkolonisation im Kulmerland an der Gründung der Stadt Thorn teil.

Marcus KönigBearbeiten

Die Erzählung Marcus König setzt 1519 in Thorn ein, wo der Titelheld als angesehener Patrizier und Mitglied des Artushofs etabliert ist. Nachdem sich die Stadt um 1454 aus der Herrschaft des Deutschen Ordens gelöst und dem polnischen König unterstellt hatte, führte der polnische Versuch der Integration auch des verbleibenden Ordensstaates zur kriegerischen Auseinandersetzung zwischen König Sigismund I. und dem Hochmeister Albrecht von Brandenburg-Ansbach, die mit dem Waffenstillstand von Thorn 1521 und – nach Einführung der Reformation – 1525 im Vertrag von Krakau mit der Anerkennung Albrechts als weltlichen Herzog in Preußen endete. Marcus König, der den Hochmeister mit seinem Vermögen unterstützt hatte, die Herrschaft des Deutschen Ordens über Thorn zurückzugewinnen, wendet sich enttäuscht ab und verlässt die Stadt.

Parallel dazu verfolgt der Autor die Liebesgeschichte des jungen Georg König, in humanistischer Weise nach dem heldenmütigen römischen Konsul Regulus benamt, mit der aus Kursachsen stammenden Magistertochter Anna Fabritius. In dem Tumult aus Anlass der Verbrennung protestantischer Bücher an der Johanneskirche setzt sich Georg für ihren Vater ein, vermag aber aus dem Gefängnis zu fliehen, während die Familie des Magisters der Stadt verwiesen wird. Zusammen geraten sie in die Gewalt eines im Dienst des Deutschordens stehenden Landsknechtshaufens, dessen Fähnrich Georg gezwungenermaßen wird. Die nach Lagerbrauch geschlossene und daher nicht rechtsgültige Ehe mit Anna, der ein nach dem Stadtgründer Roms, Romulus, benannter Sohn entstammt, wird schließlich durch Martin Luther sanktioniert. Marcus König, von Luther versöhnt, stirbt schließlich auf der Feste Coburg.

Als ein Beispiel der sozialen Mobilität und der Verschiebung von Wertigkeiten wird der verarmte, im Dienst des Ordensstaates stehende Ritter Henner Ingersleben geschildert, ein Nachfahre des in der vorangegangenen Geschichte auftretenden unfreien Dienstmanns der Familie, der nun im Gegenzug behauptet, deren Vorfahren seien einst Knechte auf dem Hof seiner Familie gewesen.

Die GeschwisterBearbeiten

Die fünfte Erzählung Die Geschwister ist wieder in sich zweigeteilt und behandelt die Geschichte zweier Militärpersonen aus der Familie. Die erste, „Der Rittmeister von Alt-Rosen“, beginnt 1647 gegen Ende des Dreißigjährigen Kriegs. Hauptpersonen sind Bernhard König, der als Rittmeister in dem sachsen-weimarischen Regiment des General Rosen dient, und seine im Tross mitgeführte Schwester Regine. Statt sich an die kriegsführenden Parteien Frankreich und Schweden verhandeln zu lassen, beschließt das Regiment – nach Ausschaltung des bisherigen Offizierskorps – sich dem Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha-Altenburg zu verpflichten, der jedoch das Angebot ausschlägt, worauf sich das Regiment dem in schwedischen Diensten stehenden Grafen Königsmarck unterstellt. In einem Dorf am thüringischen Rennsteig wird das Geschwisterpaar von Judith Möring vor einem Angriff marodierender Söldner in Sicherheit gebracht. Während Regine wegen vermeintlicher prophetischer Fähigkeiten an den Herzogshof versetzt wird, wird Judith der Hexerei verdächtigt und findet sich der Hexenverfolgung ausgesetzt, wird aber von Bernhard in einem nächtlichen Überfall befreit. Beide verleben das letzte Kriegsjahr friedlich in einem Patrizierschloss bei Nürnberg, wo ihr Sohn Bernhard Georg geboren wird. Zuletzt nehmen sie an der schwedischen Belagerung von Prag (1648) teil, um, nach Unterzeichnung des Westfälischen Friedens, von hier auf das ererbte Gut Judiths in Schlesien zu ziehen, wo sie aber beim Einzug von einem Rivalen erschossen werden. Das gerettete Kind wird von Bernhards Schwester Regina, die mit einem Pfarrer in der Nähe Gothas verheiratet ist, aufgezogen.

In „Der Freikorporal bei Markgraf-Albrecht“, ist der Sohn Bernhard Georg König, der seine militärische Dienstzeit als Feldprediger unter Feldmarschall Lottum im Heere des englischen Königs Wilhelm von Oranien im Niederländisch-Französischen Krieg (1672–1678) verbracht hatte und an der Belagerung von Namur (1695) im brandenburgischen Kontigent unter General Friedrich von Heiden teilgenommen hatte, mit einer vermögenden Leipziger Kaufmannstochter verheiratet und als Verwalter eines Guts in der Lausitz sesshaft. Ihre beiden Söhne Friedrich und August werden, ihrem unterschiedlichen Charakter entsprechend, für die geistliche Laufbahn bzw. den Militärdienst vorgesehen. Während Friedrich an der Universität Leipzig studiert, tritt August dem preußischen Infanterieregiment Markgraf Albrecht bei, wo er zum Freikorporal ernannt wird, dabei aber die Strenge der preußischen Disziplin erfahren muss. In der Zwischenzeit hält sich Dorothea von Borsdorf, in die beide Brüder gleichermaßen verliebt sind, bei Verwandten in Thorn auf, wo sie 1724 Zeuge des Thorner Blutgerichts und der ethnischen Konflikte zwischen Deutschen und Polen wird. Friedrich, der sie aus Thorn heimholen soll, wird durch einen Werber des Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau zum preußischen Militärdienst gepresst, von Friedrich Wilhelm I. von Preußen aber entlassen mit der Verpflichtung, als Ersatzmann für seinen Bruder August bereitzustehen. Als dieser wegen der zwischen dem preußischen König und August dem Starken auftretenden Spannungen als Leutnant in sächsische Dienste wechselt, kommt es zum erwarteten Eklat, worauf sich sein Bruder Friedrich dem König zur Verfügung stellt. Die Intervention Dorotheas, die sich für Friedrich entschieden hat, bringt dessen Ernennung zum Feldprediger im Regiment Markgraf Albrecht. Der Bruder Albrecht fällt 1744 als sächsischer Hauptmann in der Schlacht von Kesselsdorf, während Friedrich und Dorothea zu dieser Zeit in einem märkischen Pfarrhaus leben.

Aus einer kleinen StadtBearbeiten

„In der letzten Erzählung Aus einer kleinen Stadt sind“, so das Selbstzeugnis Freytags, „Eindrücke, welche dem Schlesier in seiner Jugendzeit kamen, sorglos und reichlich benutzt. Man kann in dem einsamen Pfarrhofe mit seiner alten Holzkirche, welche neben einem heidnischen Ringwall steht, das Dorf Wüstebriese bei Ohlau wiederfinden, in welchem der Vater meiner Mutter Pastor war.“[5] Der Ort der Handlung wird beschrieben als „… eine ansehnliche Kreisstadt im Flachland der schlesischen Oder, in der Mitte ein weiter Marktplatz, der Ring, darauf das Rathaus. Von den Ecken des Marktes liefen vier Hauptstraßen zu den beiden Toren. … Das Ganze war von einer Mauer umgeben, über welcher noch die Tortürme ragten; alles hübsch regelmäßig, wie von klugen Riesenknaben aus einem Baukasten aufgesetzt.“ Die Erzählung setzt im Jahre 1805 ein und umspannt die Zeit der Eroberungszüge Napoleons und der anschließenden Befreiungskriege.

Hauptperson ist der Arzt Ernst König, ein Enkel des Militärgeistlichen und Pfarrers Friedrich König. In einem benachbarten Pfarrdorf, das seit dem Dreißigjährigen Krieg wüst liegt und mit dem Pfarrdorf Judiths identisch ist, lernt er den Pfarrer und dessen Tochter Henriette kennen, und auch der dem Dorf benachbarte „Ringwall der Vandalen“ verweist auf den sagenhaften Ursprung der Familie, auf den der Held der Erzählung hier unbewusst stößt. In die Idylle fallen die preußische Mobilmachung und die Schlacht von Jena, in deren Folge der Ort von dem französischen Offizier Dessalle besetzt wird, der sich zu ihrem Schutz, aber ohne ihr Einverständnis, mit Henriette verlobt. Ernst König schließt sich als Militärarzt in der Grafschaft Glatz dem schlesischen Widerstand unter dem Generalgouverneur der Provinz Schlesien, Graf Friedrich Wilhelm von Götzen an, dem es gelingt, Stadt und Festung Glatz bis zum Frieden von Tilsit zu halten und damit für Preußen zu retten. Zurückgekehrt wird er von Henriette vor seiner bevorstehenden Verhaftung gewarnt und flieht über die Grenze nach Böhmen, wo er sich den Freischaren des Herzogs von Braunschweig anschließt. Der Russlandfeldzug Napoleons tangiert die Region, wobei dem fliehenden Kaiser sarkastischer Weise das Buch Dr. Katzenbergers Badereise von Jean Paul überreicht wird. In seinem Gefolge findet sich auch, verwundet, der inzwischen zum Oberst avancierte Dessalle, der von Ernst König betreut wird und sich nach Genesung in das Pfarrhaus transferieren lässt. Dem von König Friedrich Wilhelm III. 1813 in Breslau erlassenen Aufruf An mein Volk zur Bildung einer Landwehr folgt auch König. Es kommt zu einem Zusammenstoß zwischen König und Dessalle, welcher auf Henriette verzichtet.

Schluss der AhnenBearbeiten

Ein gesondertes Kapitel stellt der Schluss der Ahnen dar. „Hauptsache bei der kleinen Handlung des Schlusses war für mich, die poetische Idee, welche die einzelnen Geschichten verbindet, noch einmal vorzuführen und auf derselben Stätte, auf welcher sich die Katastrophe der ersten Geschichte vollzog, das Ganze zu schließen.“[6] Diesmal sind es Viktor König und seine Schwester Katharina, die im Mittelpunkt der Geschichte stehen. Während seines Studiums an der Universität Breslau gerät Viktor, der einer der aus den Befreiungskriegen hervorgegangenen Burschenschaften, den „Vandalen“, angehört, in Konflikt mit dem Senior der „Thüringen“, Richard Henner von Ingersleben, dem Sohn eines zuvor genannten pensionierten Majors Henner. Der Konflikt wird durch ein Duell ausgetragen, was die Relegation beider Kontrahenten zur Folge hat. Freytag, der selbst Mitglied der Studentenverbindung Borussia Breslau war, verarbeitet in diesem Abschnitt deutlich genug autobiographische Züge. Viktor König beschließt sein Studium an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin mit einer kunstwissenschaftlichen Dissertation zu Aristoteles, an die sich unmittelbar die Berufung auf eine Professur anschließt. Bei einem Heimatbesuch wird ihm die Verlobung seiner Schwester Katharina mit Henner mitgeteilt. Erst während der Märzrevolution 1848 in Berlin kommt es zur Versöhnung zwischen Henner, der inzwischen als Journalist arbeitet, und dem im Barrikadenkampf verwundeten Viktor. Nach Einführung der Pressefreiheit beschließen beide, nachdem auch Viktor seine akademische Karriere aufgegeben hat, die Gründung einer eigenen Zeitschrift. Durch seine Verheiratung mit Valerie, der Tochter des Kammerherrn von Bellerwitz, beweist er zugleich das Ende einer Klassentrennung, die als Thema das Buch durchzogen hat. Ein letzter Abschnitt, schon zur Zeit des Dänischen Krieges von 1864, und somit unmittelbar vor der Reichsgründung von 1871, führt im Archiv der Feste Coburg – dort hatte die erste Erzählung Ingo ihr dramatisches Ende gefunden – zur Entdeckung der Lutherbibel mit der Dedikation an Marcus König und der Revelation, dass es sich bei dem französischen Oberst Dessalle um ein Familienmitglied der Königs handelt, um damit zugleich den Bogen von anderthalb Jahrtausenden zum Ausgangspunkt zurückzuspannen.

WirkungBearbeiten

„Während sich die Literaturkritik weitgehend von dieser ‚Kulturgeschichte in Romanform‘ distanzierte (so bezeichnete Fontane „Die Ahnen“ als ein „Dekadenzprodukt zur Zeit des Wilhelminismus“), war die Resonanz bei den Lesern enorm“.[7]

Werke, basierend auf Freytags Romanzyklus Die AhnenBearbeiten

Der erste Teil der Ahnen, Ingo, der unter allen Erzählungen die größte dramatische Dichte aufweist und in vielem an Richard Wagners Ring des Nibelungen erinnert, erfuhr nach dem Tode Freytags mehrere Bühnenbearbeitungen als Oper oder Schauspiel:

  • Ingo. Große Oper in 4 Akten. Text nach dem gleichnamigen Roman von Gustav Freytag. Musik von Philipp Bartholomé Rüfer (op. 35). Clavierauszug von Max Reger. Musikdruck. Thelen, Berlin 1895.
  • Ingo. Oper in zwei Teilen (4 Aufzügen) nach Gustav Freytags Roman. Bearbeitet und in Musik gesetzt von Bernhard Scholz. Vollständiger Text der Oper. Selbstverlag. Deutsche Genossenschaft dramatischer Autoren und Komponisten, Leipzig (ca. 1898).
  • Ingo. Dramatisches Sittenbild aus deutscher Vergangenheit. Nach Gustav Freytags gleichnamigen Roman bearbeitet von Max Ringer. Verlagsanstalt neuer Literatur und Kunst. Wien – Leipzig 1904.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Dietmar Goltschnigg: Vorindustrieller Realismus und Literatur der Gründerzeit. In: Viktor Žmegač (Hg.): Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Band II/1. Beltz, Athenäum, Königstein 1996, S. 68.
  2. Eduard Engel: Geschichte der deutschen Literatur des Neunzehnten Jahrhunderts und der Gegenwart. 5. Auflage, G. Freytag, Leipzig 1913, S. 228.
  3. Gustav Freytag: Erinnerungen aus meinem Leben. Hirzel, Leipzig 1887, S. 658f.
  4. Gustav Freytag: Erinnerungen aus meinem Leben. Hirzel, Leipzig 1887, S. 666.
  5. Gustav Freytag: Erinnerungen aus meinem Leben. Hirzel, Leipzig 1887, S. 671.
  6. Gustav Freytag: Erinnerungen aus meinem Leben. Hirzel, Leipzig 1887, S. 673.
  7. Manfred Orlick: Zum 200. Geburtstag von Gustav Freytag. In: Literaturkritik 2016 [1]