Democratic National Convention 1968

Konvent zur Bestimmung eines neuen Kandidaten der Demokratischen Partei für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten
Hubert Humphrey, nominiert als demokratischer Präsidentschaftskandidat

Die Democratic National Convention 1968 fand vom 26. bis 29. August im International Amphitheatre in Chicago, Illinois, statt. Da Präsident Lyndon B. Johnson angekündigt hatte, keine Wiederwahl anzustreben, bestand der Zweck des Konvents darin, einen neuen Kandidaten der Demokratischen Partei für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu bestimmen.

Der Konvent fand in einem Jahr der Gewalt, der politischen Turbulenzen und der Unruhen in den Vereinigten Staaten statt. So wurde Robert F. Kennedy, der sich neben Senator Eugene McCarthy um die Nominierung beworben hatte, knapp drei Monate vor dem Konvent, am 5. Juni 1968, ermordet. Bereits 1967 hatten Protestgruppen der Gegenkultur und Anti-Vietnamkriegsgruppen sich abgesprochen, nach Chicago zu kommen und den Konvent zu stören. Vertreter der Stadt hatten dagegen versprochen, Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten. Acht Tage lang kam es im Umfeld des Konvents zu Zwischenfällen zwischen Demonstranten und der Chicagoer Polizeibehörde sowie der Nationalgarde. Die Ausschreitungen und die Polizeigewalt erlebten ihren Höhepunkt mit vielen Verletzten in der Nacht vom 28. August 1968.[1][2]

Der Konvent nominierte schließlich Vizepräsident Hubert H. Humphrey und Senator Edmund S. Muskie aus Maine als Kandidaten für das Amt des Präsidenten beziehungsweise des Vizepräsidenten.

Politische Lage vor der National ConventionBearbeiten

Film von der Convention vom Inneren des International Amphitheatre (United States Information Agency). Ab Minute 3:34 Auszüge aus der Rede des Keynote-Speakers Daniel Inouye

Die Demokratische Partei, die das Repräsentantenhaus, den Senat und das Weiße Haus kontrollierte, war 1968 wegen Johnsons Kriegspolitik gespalten. Senator Eugene McCarthy trat im November 1967 in den Wahlkampf ein und forderte den amtierenden Präsidenten Johnson heraus. Im März 1968 erklärte Robert F. Kennedy seine Kandidatur. Johnson, der innerhalb seiner Partei auf Widerspruch stieß und der die Vorwahl in New Hampshire nur knapp gewonnen hatte, gab die Kandidatur am 31. März auf.[3] Stattdessen trat Vizepräsident Hubert Humphrey in den Wahlkampf ein, der an keinen Vorwahlen teilgenommen hatte. Er erbte die Stimmen der Delegierten, die zuvor Johnson unterstützt hatten, und sammelte dann Delegierte in den Caucus-Staaten.

Mit der Ermordung Kennedys am 5. Juni wuchs die Spaltung der Demokratischen Partei.[4] Die Delegierten, die Kennedy unterstützt hatten, waren nach seinem Mord unentschieden. Die Unterstützung innerhalb der Partei teilte sich zwischen Senator McCarthy, der als Friedenskandidat angesehen wurde, Vizepräsident Humphrey, der als Fortführer von Johnsons Politik angesehen wurde, und Senator George McGovern, der einige Kennedy-Anhänger ansprach.

Channing E. Phillips, der Kennedys Wahlkampf in Washington, D.C. geleitet hatte, wurde von den Mitgliedern der Distriktdelegation nach dem Tod von Kennedy als Kandidat nominiert. Somit war er der erste Afroamerikaner, der eine Nominierung auf einem Konvent der demokratischen Partei als Kandidat für das Amt des Präsidenten erhielt.[5]

Ergebnis der National ConventionBearbeiten

Vor dem Beginn des Konvents am 26. August gab es in mehrere Staaten konkurrierende Delegiertenlisten, die versuchten, sich Sitze auf dem Konvent zu sichern. Einige dieser Auseinandersetzungen mit den Delegierten endeten erst am 26. August zu Beginn des Konvents. Dort wurde abgestimmt, welche Delegierten aus Texas, Georgia, Alabama, Mississippi und North Carolina an dem Kongress teilnehmen durften.

Am Ende ernannte die Demokratische Partei Humphrey zum Kandidaten, obwohl 80 Prozent der Primary-Wähler für Antikriegskandidaten waren. Die Nominierung wurde als Folge des Einflusses von Präsident Johnson und des Bürgermeisters von Chicago, Richard J. Daley, gesehen. Bei den Präsidentschaftswahlen am 5. November 1968 wurde jedoch nicht Humphrey gewählt, sondern der Republikaner Richard Nixon.

Kandidaten für das Amt des Präsidenten Anzahl Stimmen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten Anzahl Stimmen
Hubert Humphrey 1759,25 Edmund S. Muskie 1942,5
Eugene McCarthy 601 nicht abgestimmt 604,25
George McGovern 146,5 Julian Bond[6] 48,5
Channing E. Phillips 67,5 David Hoeh 4
Dan K. Moore 17,5 Edward M. Kennedy 3,5
Edward M. Kennedy 12,75 Eugene McCarthy 3,0
Bear Bryant 1,5 Andere 16,25
James H. Gray Sr. 0,5
George Wallace 0,5

Quelle: Keating Holland, All the Votes… Really, CNN[7]

Planungen im Vorfeld der National ConventionBearbeiten

Demokratische ParteiBearbeiten

Am 7. Oktober 1967 trafen sich Daley und Johnson bei einer Spendenaktion für Johnsons Wahlkampagne. Während des Treffens erklärte Daley dem Präsidenten, dass der Präsident die Swing States mit seinen Wahlstimmen verlieren könnte, wenn der Konvent nicht in Illinois abgehalten würde. Johnsons Kriegspolitik hatte bereits eine große Spaltung innerhalb der Partei geschaffen und Daley hoffte, dass die Auswahl von Chicago für den Konvent weitere Konflikte mit der Opposition beseitigen würde.[8]

Einige Demokraten wollten die Nationalversammlung von Chicago nach Miami verlegen. Auch die Republikanische Partei wollte dort ihre National Convention abhalten. Man erhoffte so den für Chicago angekündigten Protesten zu entgehen. Die Fernsehsender befürworteten ebenfalls eine Verlegung nach Miami, da sie dort bereits die notwendige Infrastruktur installiert hatten.[9]

Der Bürgermeister von Chicago, Richard J. Daley, setzte schließlich seinen politischen Einfluss ein, um die National Convention in Chicago durchzuführen. Er versprach die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung und drohte Humphrey, dem wahrscheinlichsten Kandidaten, seine Unterstützung zu entziehen, falls der Konvent nicht in Chicago stattfinden würde. Präsident Johnson sprach sich ebenso für Chicago aus.[9] Der Leiter des Ausschusses für die Auswahl des Standorts, David Wilentz, gab als offiziellen Grund für die Wahl von Chicago die zentrale geografische Lage an, welche die Transportkosten senken sollte.[10]

Yippies und MOBEBearbeiten

 
Yippie-Mitbegründer Jerry Rubin bei einer Rede 1970

Die Youth International Party war eine der bekanntesten Gruppen bei der Organisation der Proteste. Die Parteianhänger, die Yippies, politisierten die Hippie-Ideologie und setzten Straßentheater und andere Taktiken ein, um die Kultur der Vereinigten Staaten zu kritisieren mit dem Ziel, Veränderungen herbeizuführen. Ursprünglich sollte ein „Festival of Live“ für 100.000 Menschen in Chicago organisiert werden. Da die Gruppe für solch ein Unterfangen weder die finanziellen noch die organisatorischen Ressourcen oder eine Genehmigung besaß, schrieben sie Artikel, veröffentlichten Flugblätter, hielten Reden und veranstalteten Kundgebungen und Demonstrationen, um anzukündigen, dass sie nach Chicago kommen würden und was dort passieren würde. Verschiedene Aktionen wie Straßenblockaden und das Einspeisen von LSD in die Wasserversorgung der Stadt wurden angedroht.

Um eine stärker integrierte Bewegung zu schaffen, wollten die Yippies jemanden von der Black Panther Party sprechen lassen. Die Führung der Black Panther sandte dazu Bobby Seale. Er wollte eine Rede für die Menschenrechte und gegen den Vietnamkrieg halten.[11]

Die andere Gruppe hinter den Protesten gegen den Konvent war das National Mobilization Committee to End the War in Vietnam (oft als MOBE abgekürzt). MOBE war eine Dachorganisation, zu der verschiedene Gruppen gehörten, die sich gegen eine amerikanische Beteiligung am Vietnamkrieg aussprachen. MOBE wurde von einem kleinen Vorstand geleitet, der den allgemeinen Rahmen für die Massendemonstrationen festlegte, Einladungen an die über 500 Gruppen auf ihren Mailinglisten verschickte und Aktivitäten zwischen den Gruppen koordinierte. MOBE mobilisierte damit etwa 10.000 Demonstranten.

Polizei und NationalgardeBearbeiten

Die Polizei von Chicago bereitete sich auf alle möglichen Bedrohungen vor, nachdem es bereits im Jahr 1967 und im Frühjahr 1968 in den Vereinigten Staaten zu einer Reihe von Unruhen gekommen war. Die Rassenunruhen in Newark 1967 forderten 26 Tote und hunderte von Verletzten, die fünf Tage andauernden Rassenunruhen in Detroit 1967 forderten 43 Todesopfer und 1189 Verletzte, über 7000 Personen wurden verhaftet.[12] Im April 1968 war es in vielen Städten zu schweren Unruhen wegen der Ermordung von Martin Luther King Jr. mit insgesamt neun Toten gekommen.

Der Veranstaltungsort wurde mit Stacheldraht gesichert, alle Polizisten mussten 12-Stunden-Schichten arbeiten. Etwa 5000 bis 6000 Nationalgardisten wurden speziell auf die Demonstrationen vorbereitet. Daneben wurden etwa 6000 Angehörige der US-Army und der 101st Airborne Division mobilisiert, die mit Flammenwerfern und Bazookas ausgerüstet waren. Etwa 1000 Agenten des FBI und der Defense Intelligence Agency befanden sich in der Stadt.[13] Richard J. Daley sagte später, dass es Hinweise auf Pläne zur Ermordung der demokratischen Anführer, einschließlich seiner selbst, gab.[14]

Genehmigungen für GegenveranstaltungenBearbeiten

Sowohl MOBE als auch die Yippies benötigten Genehmigungen der Stadt, um ihre jeweiligen Veranstaltungen abzuhalten. Die Stadt hatte mehrere Gründe, um MOBE und Yippie die Genehmigungen zu verweigern. Die Stadt war besorgt über mögliche Unruhen unter der schwarzen Bevölkerung während des Konvents. Um dies zu vermeiden, nutzte die Stadt ihren Einfluss bei den Organisationen der schwarzen Bevölkerung wie der Woodlawn Organization, dem Black Consortium und der Operation Breadbasket, um zu erreichen, dass sich ihre Mitglieder ruhig verhielten. Einige der militanten schwarzen Führer wurden ermutigt, die Stadt während des Konvents zu verlassen, um nicht in Gewaltausbrüche verwickelt zu werden.[15]

Die Stadt glaubte, dass eine Demonstration weißer Protestler, die mit großem Polizeiaufgebot oder einer Eskorte der Nationalgarde durch die schwarzen Wohnbezirke marschieren würde, diese in Aufruhr versetzen würde. Daher lehnte die Stadt kategorisch jegliche Genehmigungen für Demonstrationen ab, die Parks in oder Marschrouten durch schwarze Gebiete beinhalteten.

Als letzten Versuch reichte MOBE beim Bundesgericht eine Klage ein, um Chicago zu zwingen, Genehmigungen für eine Kundgebung im Soldier Field oder dem Grant Park zu erteilen. Der Antrag wurde jedoch mit dem Hinweis auf die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung abgelehnt.[16]

Vorfälle vor und während der National ConventionBearbeiten

Anti-Kriegs-Demonstranten im Lincoln Park, Chicago. Von Minute 18:20 bis 18:45 sind Bilder vom Tränengaseinsatz und den Zusammenstößen zu sehen.

Der Beginn der Gewalt in der Kongresswoche wird unter anderem auf die Erschießung von Dean Johnson durch Chicagoer Polizisten zurückgeführt. Dean Johnson, 17 Jahre alt, und ein anderer Junge wurden am frühen Morgen des 22. August von der Polizei wegen einer Ausgangssperre angehalten. Als Johnson eine Pistole zog, erschossen die Polizisten ihn.[17]

Pigasus-NominierungBearbeiten

Am Freitag, dem 23. August, begannen die geplanten Proteste. Jerry Rubin und andere Yippies versuchten, als Yippie-Kandidaten für das Amt des Präsidenten das Schwein Pigasus, the Immortal zu nominieren.[18] Auf dem Platz des Civic Centers hatten sich mehrere hundert Zuschauer und Reporter versammelt, als Rubin dort mit Pigasus ankam. Die Polizei wartete dort bereits, und sobald das Schwein freigelassen wurde, wurden Rubin, Phil Ochs und fünf weitere Yippies festgenommen.

Samstag, 24. AugustBearbeiten

Am Samstag, dem 24. August, um 6 Uhr morgens, begann die polizeiliche Überwachung des Lincoln Parks. In den Nächten davor hatte die Polizei den Park um 23:00 Uhr geräumt und zeigte tagsüber starke Präsenz. Die Demonstranten vereinbarten, nicht nach der Ausgangssperre im Park zu bleiben, sondern den Protest auf die Straßen zu bringen. Gegen 23 Uhr führte der Dichter Allen Ginsberg die Demonstranten aus dem Park auf die Straße. Die Führer der Students for a Democratic Society (SDS) organisierten mehrere Hundert Demonstranten, die durch die Straßen marschierten, während die Polizei den Lincoln Park bewachte. Als die Demonstranten die Kreuzung Wells Street und North Avenue blockierten, traf ein Polizeikontingent ein und löste die Menge auf. Mehrere Polizeiwagen wurden daraufhin mit Steinen beworfen, elf Personen wurden festgenommen.

Sonntag, 25. AugustBearbeiten

Am Sonntag hatte MOBE einen Marsch unter dem Motto „Meet the Delegates“ organisiert. Um 14 Uhr marschierten zwischen 200 und 300 Demonstranten vom Conrad Hilton über die Straße und weitere 500 marschierten durch den Loop nach Süden. Nach der Ankunft der Polizei zogen die Demonstranten in den nahe gelegenen Grant Park, um eine Massenverhaftung zu vermeiden, und anschließend in den nahegelegenen Lincoln Park, wo das „Festival of Life“ begann.

Um 16 Uhr begann das Festival mit MC5, der einzigen Band, die zum Festival erschienen war.[19] Die Polizei ließ nicht zu, dass ein Pritschenwagen als Bühne diente, weil sie befürchtete, die Yippies würde ihn dazu benutzen, die Menge aufzustacheln. Als der Inhaber eines Imbissstandes darauf bestand, seine Steckdosen nicht mehr für die Verstärker zu verwenden, kam es zu einem Tumult. Während Rubin und andere Yippies aufgeregt versuchten, den Sound wieder in Gang zu bringen, nutzte Hoffman die Verwirrung, um den Pritschenwagen hereinzubringen. Es wurde eine Vereinbarung mit der Polizei getroffen, wonach der Lastwagen in der Nähe geparkt werden konnte, nicht jedoch im Park. Die Menge, die sich um und auf dem Lastwagen versammelt hatte, merkte nicht, dass eine Einigung erzielt worden war und dachte, der Lastwagen würde entfernt.

Hoffman erklärte, die Polizei habe das Musikfestival gestoppt, und informierte die Anwesenden über Ausbreitungstaktiken, um eine Verhaftung zu vermeiden. Als die nächste Polizeischicht ihren Dienst antrat, wurden sie über die angespannte Situation im Park informiert. Aufgrund der Anzahl der Drohungen durch die Demonstranten befürchtete die Polizei, möglicherweise bewaffneten Demonstranten gegenüberzutreten. Um 21 Uhr bildete die Polizei eine Gefechtslinie um die Toiletten des Parks. Dies zog eine Menge von Demonstranten an, die die Polizei belästigten. Die Menge wuchs schnell, bis die Polizei mit ihren Schlagstöcken gegen die Menge vordrang und sie zerstreute. Gegen 23 Uhr hatte die Polizei die Demonstranten aus dem Park vertrieben. Die meisten Demonstranten versammelten sich aber in der Nähe, um die Polizei zu verspotten.

Anfangs behielt die Polizei ihre Gefechtslinie bei, als jedoch ein Trupp angewiesen wurde, die Clark Street zu räumen, um den Verkehr aufrecht zu erhalten, verlor sie die Kontrolle. Ein Kleinkrieg zwischen Polizei und Demonstranten mit vielen Verletzten begann. Jerry Rubin sagte zu einem Freund:

“This is fantastic and it’s only Sunday night. They might declare martial law in this town.”

„Das ist fantastisch und es ist erst Sonntagnacht. Sie könnten den Ausnahmezustand in dieser Stadt ausrufen.“

Jerry Rubin: chicago68.com[17]

Die Ordnung in der Stadt wurde erst am frühen Montagmorgen wiederhergestellt.

Battle of Michigan AvenueBearbeiten

Die schlimmsten Zusammenstöße folgten am Mittwoch, dem 28. August, und werden als „Battle of Michigan Avenue“ bezeichnet. Die Polizei hielt die Demonstranten auf ihrem Marsch zum Kongressgelände unter Anwendung drastischer Gewalt an. Die Situation geriet außer Kontrolle: Die Polizisten versprühten massiv Tränengas und schlugen auf Demonstranten und viele Unbeteiligte wie Reporter oder Ärzte, die medizinische Hilfe anboten, ein.

Der Schriftsteller und Regisseur Norman Mailer war Augenzeuge der Zusammenstöße:

“The police attacked with tear gas, with Mace, and with clubs, they attacked like a chain saw cutting into wood, the teeth of the saw the edge of their clubs, they attacked like a scythe through grass, lines of twenty and thirty policemen striking out in an arc, their clubs beating, demonstrators fleeing. Seen from overhead, from the nineteenth floor, it was like a wind blowing dust, or the edge of waves riding foam on the shore.”

„Die Polizei griff mit Tränengas an, mit Mace, und mit Schlagstöcken, sie griffen an wie eine Kettensäge sich durch Holz schneidet, die Zähne der Säge die Kante ihrer Schlagstöcke, sie griffen an wie eine Sense durch Gras, Reihen von zwanzig und dreißig Polizisten formten einem Bogen, ihre Schlagstöcke schlagen, Demonstranten fliehen. Von oben gesehen, aus dem neunzehnten Stock, war es wie Wind, der Staub verweht, oder wie der Saum von Wellen, die Schaum am Ufer spülen.“

Norman Mailer: 1968. The World Transformed.[20]
 
Die Delegierten von Illinois, darunter Bürgermeister Daley, beschimpfen Ribicoff während seiner Rede.

Während der Vorkommnisse wurde George McGovern von Senator Abraham Ribicoff nominiert. Angesichts der Bilder von den Zusammenstößen sagte er bei der Nominierungsrede:

“With George McGovern as President of the United States, we wouldn’t have to have Gestapo tactics in the streets of Chicago.”

„Mit George McGovern als Präsident der Vereinigten Staaten hätten wir keine Gestapo-Taktik in den Straßen von Chicago.“

Abraham Ribicoff: cnn.com.[9]

Die Delegierten von Illinois, besonders Bürgermeister Daley, drohten darauf Ribicoff und beschimpften ihn übel.

Im Kongressbericht von Bürgermeister Daley wurde später eine Liste von 152 Polizisten vorgestellt, die am Mittwoch im Nahkampf verwundet worden waren. Obwohl die genaue Anzahl der verletzten Demonstranten nicht bekannt ist, gab das Medizinische Komitee für Menschenrechte (MCHR) an, dass die meisten der etwa 500 auf den Straßen behandelten Menschen unter leichten Verletzungen und den Auswirkungen von Tränengas litten. Während der gesamten Kongresswoche wurden 101 Zivilisten in örtlichen Krankenhäusern wegen nicht näher bekannten Verletzungen behandelt, 45 allein davon am Mittwochabend.

BerichterstattungBearbeiten

 
Dan Rather (2006)

Viele Vorfälle wurden live im Fernsehen übertragen. Der bekannte CBS-Nachrichtenkorrespondent Dan Rather wurde vor laufenden Kameras von Sicherheitsleuten festgehalten und zusammengeschlagen, während er versuchte, einen Delegierten aus Georgia zu interviewen, der vom Sicherheitsdienst aus dem Gebäude geführt wurde. Rathers Kommentare beim Zusammenstoß mit den Sicherheitsleuten wurden live über das Mikrophon seines Headsets übertragen.

Nachdem die Wachen Rather losgelassen hatten, sagte er zu Walter Cronkite, dem Hauptnachrichtensprecher der CBS Evening News:

“Walter, we tried to talk to the man and we got violently pushed out of the way. This is the kind of thing that has been going on outside the hall, this is the first time we’ve had it happen inside the hall. We, I’m sorry to be out of breath, but somebody belted me in the stomach during that. What happened is a Georgia delegate, at least he had a Georgia delegate sign on, was being hauled out of the hall. We tried to talk to him to see why, who he was, what the situation was, and at that instant the security people, well as you can see, put me on the deck.”

„Walter, wir haben versucht mit dem Mann zu reden und wurden gewaltsam aus dem Weg geschoben. Dies sind die Dinge, die draußen passiert sind, aber das ist das erste Mal, dass es in der Halle passiert ist. Wir, tut mir leid, dass ich außer Atem bin, aber jemand hat mich dabei in den Bauch geschlagen. Was passiert ist, ist, dass ein Delegierter aus Georgia, zumindest hatte er ein Georgia-Delegierten-Schild, aus der Halle gezogen wurde. Wir haben versucht, mit ihm zu sprechen, um herauszufinden, warum, wer er ist, wie die Situation war, und in diesem Moment haben die Sicherheitsleute, wie Sie sehen können, mich auf die Fahrbahn geworfen.“

Dan Rather: CBSNews.com[21]

Walker-ReportBearbeiten

Die U.S. National Commission on the Causes and Prevention of Violence (Nationale Kommission für die Ursachen und die Verhütung von Gewalt) ernannte den späteren Gouverneur von Illinois, Daniel Walker, zum Leiter einer Untersuchungskommission, die die gewaltsamen Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten auf der Democratic National Convention von 1968 untersuchte. Im Dezember 1968 veröffentlichte das Team den Bericht „Rights in Conflict“, bekannt als Walker-Report.[22]

Der Bericht wurde kontrovers diskutiert. In dem Bericht heißt es, dass Demonstranten zwar die Polizei absichtlich belästigt und provoziert hatten, die Polizei jedoch mit willkürlicher Gewalt gegen Demonstranten und umstehende Passanten reagiert hatte, die Walker als „Polizeiaufstand“ (Police Riot) bezeichnete. Der Bericht beschuldigte viele Polizisten, Straftaten begangen zu haben, und verurteilte das Versäumnis, diese Polizisten strafrechtlich zu verfolgen.

McGovern-Fraser-KommissionBearbeiten

Der Konvent von 1968 war für die Demokraten katastrophal, sowohl wegen der Demonstrationen und gewaltsamen Reaktionen der Polizei vor dem Kongresssaal als auch wegen des Konvents selbst. Mit Hubert Humphrey wurde jemand nominiert, der nicht in einer einzigen Vorwahl angetreten war. Eugene McCarthy, der von sich behaupten konnte, seine Anziehungskraft auf die Wähler in den Vorwahlen demonstriert zu haben, verlor dagegen die Nominierung.

Die Unzufriedenheit mit dem als undemokratisch empfundenen Nominierungsprozess veranlasste die Demokraten, eine „Kommission für Parteistruktur und Delegiertenauswahl“, bekannt als „McGovern-Fraser-Kommission“, einzusetzen, um die geltenden Regeln für die Wahl zu prüfen und die Art und Weise, wie Kandidaten nominiert wurden. Die Einsetzung der Kommission wurde am zweiten Tag des Konvents gebilligt.[23] Die Kommission legte offenere Verfahren und Leitlinien für positive Maßnahmen zur Auswahl der Delegierten fest. Parteiführer konnten danach die Konvent-Delegierten nicht länger im Geheimen auswählen.

Der erste nach den neuen Regeln bestimmte Präsidentschaftskandidat war im Jahr 1972 George McGovern selbst. Seine erdrutschartige Niederlage bei der folgenden Präsidentschaftswahl führte zur Kritik, dass gut organisierte Randgruppen und „Extremisten“ zu viel Einfluss auf die Demokratische Partei gewonnen hätten. Eine weitere Kommission unter Vorsitz von Barbara Mikulski empfahl Änderungen, wie etwa die Einführung von Superdelegierten. Diese Änderungen wurden schließlich, nach einer weiteren verlorenen Präsidentschaftswahl im Jahr 1980 eingeführt und stärkten wieder den Einfluss der Parteiführung im Nominierungsprozess.[24]

Chicago SevenBearbeiten

 
Zeichnung von Bobby Seale während des Prozesses (gezeichnet für CBS Evening News); Im Hintergrund ist der Staatsanwalt Arnold Markle zu sehen.

Nach den Unruhen in Chicago erhob das Justizministerium Anklage gegen die sogenannten Chicago Seven, bestehend aus Abbie Hoffman, Tom Hayden, David Dellinger, Rennie Davis, John Froines, Jerry Rubin und Lee Weiner wegen Verschwörung und Aufrufung zur Gewalt in Chicago; das Verfahren gegen den achten Angeklagten, Bobby Seale, wurde getrennt verhandelt.[25] Während des Prozesses fanden täglich Demonstrationen statt. Im Februar 1970 wurden fünf der sieben Angeklagten wegen Aufstachelung zum Aufruhr verurteilt, aber keiner wurde der Verschwörung für schuldig befunden. Wegen Missachtung des Gerichts wurden sie zu Haftstrafen zwischen zweieinhalb Monaten und vier Jahren verurteilt. 1972 wurden die Verurteilungen im Berufungsverfahren aufgehoben, die Regierung lehnte es ab, den Fall erneut vor Gericht zu bringen.

KritikBearbeiten

Nach den Protesten in Chicago glaubten einige Demonstranten, die Mehrheit der Amerikaner würde sich wegen der Ereignisse in Chicago und insbesondere wegen des Verhaltens der Polizei mit ihnen solidarisieren. Obwohl die Berichterstattung in Presse und Fernsehen den Antikriegsdemonstranten größtenteils Verständnis entgegenbrachte, blieb die Mehrheit der US-Amerikaner den Protesten gegenüber überwiegend teilnahmslos.[26] Meinungsumfragen zeigten außerdem, dass die Mehrheit der Amerikaner die Taktik des Bürgermeisters unterstützte.[27] Daley selbst teilte mit, dass er 135.000 Briefe erhalten hatte, die seine Sichtweise unterstützten und nur 5000, die sie verurteilten.

In den Medien wurde oft kommentiert, dass Amerika nach den Ereignissen auf dem Konvent beschloss, für Richard Nixon zu stimmen. Adam Garfinkle, der Gründungsherausgeber des Magazins The American Interest, schrieb über die Proteste:

“New Left tactics adopted in 1968 were politically nihilistic, increasingly violent, and overwhelmingly counterproductive both to the new Left and to stopping the war. […] The New Left, by systematically trashing Humphreys campaign, thus helped to prolong the war and prolonged the killing, for a Humphrey administration almost surely would have effected a faster withdrawal than the Nixon administration did.”

„Die Taktik der Neuen Linken von 1968 war politisch nihilistisch, zunehmend gewalttätig und sowohl für die neue Linke als auch für die Beendigung des Krieges überwiegend kontraproduktiv. […] Die Neue Linke, indem sie die Kampagne von Humphreys systematisch zerstört hat half, den Krieg zu verlängern und das Töten zu verlängern, denn eine Humphrey-Regierung hätte mit ziemlicher Sicherheit einen schnelleren Rückzug bewirkt als die Nixon-Regierung.“

Adam Garfinkle: Journal of Contemporary History[28]

Die Democratic National Convention 1968 in der KulturBearbeiten

Die Vorkommnisse beim Konvent und der Prozess gegen die Chicago Seven regten Graham Nash zur Komposition des Lieds Chicago an. Die erste Zeile des Liedes, „So your brother’s bound and gagged, and they’ve chained him to a chair“ („Dein Bruder ist gefesselt und geknebelt, und sie haben ihn an einen Stuhl gekettet“) bezieht sich auf Vorkommnisse beim Prozess gegen den Black-Panther-Anführer Bobby Seale. Der Richter ließ Seale knebeln und an einen Stuhl ketten, nachdem dieser wiederholt den Richter und die Staatsanwaltschaft beleidigt und beschuldigt hatte.[9]

Die Unruhen während des Konvents bilden den Handlungsrahmen des Films Medium Cool von Haskell Wexler aus dem Jahr 1969, der Elemente des Spielfilms und des Dokumentarfilms verbindet. Der Film enthält eine Reihe von Szenen, die während der Unruhen gefilmt wurden.[29] Der Text des Lieds Peace frog von The Doors aus dem Jahr 1970, der auf dem Album Morrison Hotel veröffentlicht wurde, bezieht sich auf die Gewalt vom Konvent von 1968.[30]

LiteraturBearbeiten

  • Frank Kusch: Battleground Chicago: The Police and the 1968 Democratic National Convention, The University of Chicago Press, Chicago, 2008, ISBN 978-0-226-46503-6
  • Todd Gitlin: The Sixties: Years of Hope, Days of Rage. Bantam Books, Toronto, 1987, ISBN 0-553-37212-2

WeblinksBearbeiten

 Commons: Democratic National Convention 1968 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Demonstrationen und Proteste beim Democratic National Convention 1968 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Sicherheitskräfte beim Democratic National Convention 1968 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Remembering 1968: Chicago’s bloody Democratic Convention, CBSnews.com. Abgerufen am 11. August 2019.
  2. A party that had lost its mind: In 1968, Democrats held one of history’s most disastrous conventions, Washingtonpost.com. Abgerufen am 11. August 2019.
  3. A Pearl Harbor in politics: LBJs stunning decision not to seek reelection, Washingtonpost.com. Abgerufen am 11. August 2019.
  4. Attentat auf Robert Kennedy, Deutlandfunk.de. Abgerufen am 11. August 2019.
  5. Channing Phillips, civic activist, politician dies, Washingtonpost.com. Abgerufen am 11. August 2019.
  6. Julian Bond war zu diesem Zeitpunkt erst 28 Jahre alt und daher verfassungsrechtlich nicht für das Amt des Vizepräsidenten zugelassen.
  7. All The Votes…Really, cnn.com. Abgerufen am 11. August 2019.
  8. David Farber:: Chicago ’68. Chicago, University of Chicago Press, 1988, ISBN 0226-23801-6, S. 116.
  9. a b c d Brief History Of Chicago’s 1968 Democratic Convention, cnn.com. Abgerufen am 11. August 2019.
  10. David Farber: Chicago ’68. Chicago, University of Chicago Press, 1988, ISBN 0226-23801-6, S. 117.
  11. “Violence Was Inevitable”: How 7 Key Players Remember the Chaos of 1968’s Democratic National Convention Protests.
  12. The long hot summer of 1967
  13. Todd Gitlin: The Sixties: Years of Hope, Days of Rage. Bantam Books, Toronto, 1987, ISBN 0-553-37212-2, S. 323–324.
  14. Frank Kusch: Battleground Chicago: The Police and the 1968 Democratic National Convention, The University of Chicago Press, Chicago, 2008, ISBN 978-0-226-46503-6, S. 58–59.
  15. Dennis D. Wainstock: Election Year 1968: The Turning Point, Enigma Books, New York, ISBN 978-1-936274-41-3, S. 131.
  16. Adam Cohen, Elizabeth Taylor: American Pharaoh: Mayor Richard J. Daley; Little, Brown, and Company, 2001, ISBN 0759524270
  17. a b Chicago ’68 A Chronology.
  18. Frank Kusch: Battleground Chicago: The Police and the 1968 Democratic National Convention, The University of Chicago Press, Chicago, 2008, ISBN 978-0-226-46503-6, S. 60.
  19. The MC5 Performs at the 1968 Chicago Democratic National Convention, Right Before All Hell Breaks Loose.
  20. Carola Fink, Philipp Gassert, Detlef Junker: 1968. The World Transformed. German Historical Institute, Washington, D. C., Cambridge University Press. 1998, ISBN 0-521-64141-1, S. 226–227.
  21. Dan Rather. A Reporter remembers.
  22. Rights in Conflicts.
  23. Elaine C. Kamarck: Primary Politics: How Presidential Candidates Have Shaped the Modern Nominating System. Washington, DC: Brookings Institution Press. ISBN 978-0-8157-0292-4, S. 14.
  24. Stephen S. Smith/Melanie J. Springer: Choosing Presidential Candidates. in: Stephen S. Smith/Melanie J. Springer (Hrsg.): Reforming the Presidential Nomination Process. Brookings Institution, Washington 2009 ISBN 978-0-8157-0288-7 S. 1–23, hier S. 6f.
  25. A Special Supplement: The Trial of Bobby Seale.
  26. John P. Robinson: Public Reaction to Political Protest: Chicago 1968. In: Public Opinion Quarterly. 34, S. 1–9, doi:10.1086/267768.
  27. Leo Bogart: Polls and the Awareness of Public Opinion, Transaction Publishers, 1985, ISBN 0-88738-620-2, S. 235.
  28. David Culbert: Television’s Visual Impact on Decision-Making in the USA, 1968: The Tet Offensive and Chicago’s Democratic National Convention. In: Journal of Contemporary History, 33, No. 3, 1998, S. 419–449.
  29. Rezension des Films.
  30. Song facts: Peace frog.