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Dieser Artikel beschreibt ein Sekret des Bibers. Für den gleichnamigen Mediziner, siehe Horst Bibergeil.
Bibergeil

Bibergeil, auch Castoreum (von griechisch-lateinisch castor, ‚Biber‘), ist ein Sekret aus den Drüsensäcken (Castorbeutel, Geildrüsen, Geilsäcke, Bibergeile) des Bibers. Das Sekret besteht aus einem komplexen Gemisch von chemischen Verbindungen, die wahrscheinlich aus Sekundärmetaboliten des Urins gebildet werden.[1] Der Biber nutzt das fetthaltige Sekret zur Fellpflege und zum Markieren seiner Reviergrenzen.

Die beiden zwanzig bis einhundert Gramm schweren, etwa hühnereigroßen, bis ins 16. Jahrhundert für Hoden[2] gehaltenen Drüsensäcke des Bibers, die sich bei beiden Geschlechtern zwischen After und äußeren Geschlechtsorganen befinden und von einer braunschwarzen runzligen Haut umgeben sind, werden dem getöteten Tier entnommen und rauchgetrocknet. Das darin enthaltene Bibergeil ist harzartig und bräunlich. Der Geruch ähnelt dem des Baldrians, der Geschmack kann als bitter, scharf und aromatisch beschrieben werden. Die Parfümerie schätzt Bibergeil wegen seiner aphrodisischen Note.

Inhaltsverzeichnis

Chemische ZusammensetzungBearbeiten

24 der zahlreichen, im Bibergeil enthaltenen chemischen aromatischen Verbindungen konnten mittlerweile als pheromonähnlich wirkende Substanzen identifiziert werden.[3] Am stärksten an dieser Wirkung beteiligt sind die folgenden vier Substanzen, jeweils zwei Phenole und Ketone:

Daneben wurden noch fünf weitere Inhaltsstoffe identifiziert, die einen geringeren Anteil an der Wirkung ausmachen:

VerwendungBearbeiten

MedizinBearbeiten

In der Medizin wurde Bibergeil bis ins 19. Jahrhundert gegen Krämpfe, hysterische Anfälle, Nervosität und vieles mehr eingesetzt.[4] Schon in der gräco-romanischen Antike wurde die Substanz gegen viele Erkrankungen, u. a. auch gegen Epilepsie eingesetzt.[5][6][7] Bibergeil war so gefragt, dass es zur Gefährdung der Biber kam. Eine tatsächliche medizinische Wirkung wird durch die enthaltene Salicylsäure (Inhaltsstoff der Weidenrinde, siehe Aspirin) vermutet. Heute hat Bibergeil lediglich in der Homöopathie eine Bedeutung.

Bibergeil ist als Castoreum canadense in den Apotheken als Tinktur und Pulver erhältlich.

NahrungBearbeiten

In den USA ist Castoreum von der Food and Drug Administration auch als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen und als unbedenklich eingestuft.[8] Eine Kennzeichnungspflicht besteht in USA nur als „natürliches Aroma“, überwiegend als Vanille-, Himbeer- und Erdbeeraroma.[9]

Eine Verwendung als Lebensmittelzusatzstoff ist nicht unumstritten, da der Biberjagd in Nordamerika ein schädlicher Einfluss auf die Biberpopulation nachgesagt wird (in Europa gilt der Biber als geschützt nach Anhang II und IV der FFH-Richtlinie[10][11]). Aufgrund der nur vagen Kennzeichnungspflicht ist in den USA auch für Veganer und Vegetarier keine eindeutige Zuordnung von mit Bibergeil versetzten Produkten möglich.

In Skandinavien wird Bibergeil zur Aromatisierung des „Bäverhojt“ eingesetzt, eines traditionellen Schnapsgetränks.[12]

ParfümerieBearbeiten

In der Parfümerie ist Bibergeil, dem eine aphrodisierende (erotisierende) Wirkung nachgesagt wird, Bestandteil von einigen Parfüms. Ähnliche Substanzen werden heute synthetisch hergestellt und in Kosmetika eingesetzt.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. B. V. Burger: Mammalian semiochemicals. In: Topics in Current Chemistry. Bd. 240, 2004, S. 231–278. doi:10.1007/b98318, online (PDF; 582 kB), auf indiana.edu, abgerufen am 11. Februar 2017.
  2. Johann Heinrich Dierbach: Die Arzneimittel des Hippokrates oder Versuch einer systematischen Aufzählung der in allen hippokratischen Schriften vorkommenden Medikamente. Heidelberg 1824, S. 229 f. („kastorios orchis“)
  3. D. Müller-Schwarze, P. W. Houlihan: Pheromonal activity of single castoreum constituents in beaver, Castor canadensis. In: Journal of Chemical Ecology. 17. Jahrgang, Nr. 4, April 1991, Springer, Niederlande, doi:10.1007/BF00994195.
  4. Theodor Husemann. Handbuch der gesammten Arzneimittellehre. Band II, 2. Aufl., Springer, Berlin 1883, S. 933, archive.org (3. Aufl.) 1892, S. 492, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorfhttp://vorlage_digitalisat.test/1%3Dhttp%3A%2F%2Fdigital.ub.uni-duesseldorf.de%2Fvester%2Fcontent%2Fpageview%2F1697535~GB%3D~IA%3D~MDZ%3D%0A~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3DHeinrich-Heine-Universit%C3%A4t%20D%C3%BCsseldorf~PUR%3D.
  5. Dioskurides. De materia medica. Übersetzung Berendes 1902, Buch II, Kapitel 26, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorfhttp://vorlage_digitalisat.test/1%3Dhttp%3A%2F%2Fdigital.ub.uni-duesseldorf.de%2Fvester%2Fcontent%2Fpageview%2F1697535~GB%3D~IA%3D~MDZ%3D%0A~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3DHeinrich-Heine-Universit%C3%A4t%20D%C3%BCsseldorf~PUR%3D.
  6. Plinius der Ältere. Naturalis historia. Buch XXXII, § 26-31.
  7. Galenos. De simplicium medicamentorum temperamentis ac facultatibus. lib. VII, Cap. XI/15 (nach Kühn 1826, Bd XII, S. 337), online auf biusante.parisdescartes.fr, abgerufen am 1. Februar 2017.
  8. G. A. Burdock: Safety assessment of castoreum extract as a food ingredient. In: Int. J. Toxicol. 26, Nr. 1, 2007, S. 51–55, doi:10.1080/10915810601120145.
  9. Thomas E. Furia: CRC Handbook of Food Additives. Volume 2, Second Edition, Chemical Rubber Company, CRC Press, 1980, ISBN 0-8493-0543-8, S. 253, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
  10. Anhang II FFH-Richtlinie, abgerufen Oktober 2012.
  11. Anhang IV und V der FFH-Richtlinie, abgerufen Oktober 2012.
  12. HJT, abgerufen 16. Juli 2014.

LiteraturBearbeiten

  • Barbara Mertin: Castoreum - das Aspirin des Mittelalters. Biologiezentrum Linz, Österreich, 2003, Oenisia 9, zugleich Kataloge der OÖ. Landesmuseen, Neue Serie 2, 2003, S. 47–51.
  • Meinolf Schumacher: Der Biber – ein Asket? Zu einem metaphorischen Motiv aus Fabel und ‚Physiologus. In: Euphorion. 86, 1992, S. 347–353.
  • Stefan Wulle: Bilsenkraut und Bibergeil. Technische Uni Braunschweig, 1999, ISBN 3-927115-41-X (50 Jahre DFG-Sondersammelgebiet Pharmazie, zur Entwicklung des Arzneischatzes: Begleitheft und Auswahlbibliographie zur Ausstellung vom 30. April bis 16. September 1999).
  • G. Olhoff: Irdische Düfte – Himmlische Lust: Eine Kulturgeschichte der Duftstoffe. Springer, Basel 1992, ISBN 978-3-0348-6161-8, S. 139 ff.

WeblinksBearbeiten

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