Belohnungsaufschub

Belohnungsaufschub (auch Gratifikationsaufschub) ist ein Begriff aus der Psychologie. Er bedeutet, dass eine Belohnung für ein Verhalten nicht sofort, sondern verzögert erfolgt. Dabei wird auf eine sofortige und anstrengungslose, kleinere Belohnung verzichtet, um stattdessen eine größere Belohnung in der Zukunft zu erhalten. Diese kann allerdings entweder erst durch Warten oder durch vorherige Anstrengung erlangt werden.

Marshmallow-TestBearbeiten

Marshmallow-Test mit KindernBearbeiten

Ein bekanntes Experiment zu Impulskontrolle und Belohnungsaufschub wurde durch Walter Mischel durchgeführt. In den Jahren 1968 bis 1974 führte er mit etwa vier Jahre alten Kindern aus der Vorschule des Stanford Campus Experimente zum Belohnungsaufschub durch. In Einzelsitzungen wurde den Kindern ein begehrtes Objekt vor Augen geführt, beispielsweise ein Marshmallow (in Varianten des Experiments wurden u. a. Kekse, Salzgebäck oder Pokerchips aus Plastik verwendet). Der Versuchsleiter teilte dem jeweiligen Kind mit, dass er für einige Zeit den Raum verlassen würde, und verdeutlichte ihm, dass es ihn durch Betätigen einer Glocke zurückrufen konnte und dann einen Marshmallow erhalten würde. Würde es aber warten, bis der Versuchsleiter von selbst zurückkehrte, erhielte es zwei Marshmallows. Hatte das Kind die Glocke nicht betätigt, kehrte der Versuchsleiter gewöhnlich nach 15 Minuten zurück.[1] Die durchschnittlichen Wartezeiten der Kinder betrugen in verschiedenen Abwandlungen des Experiments ca. 6 bis 10 Minuten, streuten allerdings sehr stark um diese Mittelwerte. Das Experiment ist als Marshmallow-Test bekannt geworden, vor allem durch Daniel Golemans Buch EQ. Emotionale Intelligenz.

In einer Längsschnittstudie (Nachbeobachtungsstudien in den Jahren 1980–1981) fand Mischel zudem heraus, dass die Fähigkeit zu Impulskontrolle und Belohnungsaufschub ein verlässlicher Prädiktor für späteren akademischen Erfolg und eine Reihe positiver Persönlichkeitseigenschaften ist. Je länger die Kinder im ursprünglichen Experiment gewartet hatten, desto kompetenter wurden sie als Heranwachsende in schulischen und sozialen Bereichen beschrieben, und desto besser konnten sie mit Frustration und Stress umgehen sowie Versuchungen widerstehen; darüber hinaus zeigten sie auch eine tendenziell höhere schulische Leistungsfähigkeit. Nachdem diese Experimente und Nachuntersuchungen bereits über Jahrzehnte eine weltweite Resonanz in Forschung und Medien gehabt hatten, fasste Mischel seine Ergebnisse 2014 (deutsch 2015) in einem allgemeinverständlichen Buch zusammen.[2][3][4][5] Die Korrelation von Belohnungsaufschub und Erfolg im späteren Leben wurde danach in mehreren anderen Längsschnittstudien bestätigt.[6] Eine Rezension in der FAZ betonte die vielen anschaulichen Beispiele für die Umsetzung im Alltag und das Fazit, „wichtige Entscheidungen nicht in Stress- oder Ausnahmesituationen zu treffen, sondern seine Optionen in ruhiger Umgebung nüchtern abzuwägen.“[7]

Marshmallow-Test mit TierenBearbeiten

Der Marshmallow-Test wurde später auch an verschiedene Tierarten angepasst und mit diesen wiederholt, mit immer größerem phylogenetischen Abstand zum Menschen. Positive Ergebnisse gab es insbesondere bei:[8][9][10][11]

Auch bei den Tintenfischen zeigte sich, dass das Testergebnis mit besseren kognitiven Leistungen korrelierte.[8]

Neurobiologische GrundlagenBearbeiten

Die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub wurde beim Menschen durch Vergleich von Ausfällen nach Gehirnverletzungen (z. B. Schlaganfall) und durch bildgebende Verfahren bei Gesunden untersucht. Beteiligt ist demnach ein Netzwerk verschiedener Gehirnregionen, bei dem jedoch der mediale orbitofrontale Cortex (mOFC) eine zentrale Rolle spielt. Schäden in diesem Bereich führen zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, dass eine sofortige, kleine Belohnung gewählt wird. Es wird vermutet, dass dieser Gehirnbereich an der Folgenabschätzung oder zukunftsbezogenem Vorstellungsvermögen beteiligt ist.[12]

Verwandte BegriffeBearbeiten

Belohnungsaufschub wird teilweise synonym zu verwandten Begriffen wie Impulskontrolle, Selbstdisziplin und Selbstkontrolle verwendet. Alle diese Begriffe beschreiben dabei unter anderem die Fähigkeit, auf eine kleinere, unmittelbare Belohnung zu Gunsten einer größeren Belohnung in der Zukunft zu verzichten.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Walter Mischel: The Marshmallow Test: Mastering Self-Control, Little Brown, New York 2014, ISBN 0-316-23085-5.
  • Walter Mischel: Der Marshmallow-Test: Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit, Siedler Verlag, München 2015, ISBN 978-3-641-11927-0.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. W. Mischel, Y. Shoda, M. L. Rodriguez: Delay of gratification in children. In: Science 244, 1989, S. 933–938.
  2. Walter Mischel: The Marshmallow Test: Mastering Self-Control, Little Brown, New York 2014, ISBN 0-316-23085-5. Deutsch: Der Marshmallow-Test: Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit, Siedler Verlag, München 2015, ISBN 978-3-641-11927-0.
  3. Tomasz Kurianowicz: Marshmallow-Test: Nimm mich! Rezension in FAZ, 5. November 2014.
  4. Jonah Lehrer: DON’T! The secret of self-control. In: The New Yorker. 18. Mai 2009 (Online [abgerufen am 20. Dezember 2010]).
  5. Y. Shoda, W. Mischel, P. K. Peake: Predicting Adolescent Cognitive and Self-Regulatory Competencies from Preschool Delay of Gratification: Identifying Diagnostic Conditions. In: Developmental Psychology 26, 1990, S. 978–986. bingschool.stanford.edu (Memento des Originals vom 8. November 2015 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/bingschool.stanford.edu (PDF).
  6. W. Mischel, O. Ayduk, M. G. Berman, B. J. Casey, I. H. Gotlib, J. Jonides, E. Kross, T. Teslovich, N. L. Wilson, V. Zayas, Y. Shoda: ‘Willpower‘ over the life span: decomposing self-regulation. In: Social cognitive and affective neuroscience. Band 6, Nummer 2, April 2011, S. 252–256, doi:10.1093/scan/nsq081, PMID 20855294, PMC 3073393 (freier Volltext) (Review).
  7. Tomasz Kurianowicz: Marshmallow-Test: Nimm mich! Rezension in FAZ, 5. November 2014.
  8. a b Alexandra K. Schnell, Markus Boeckle, Micaela Rivera, Nicola S. Clayton, Roger T. Hanlon: Cuttlefish exert self-control in a delay of gratification task, in: Proceedings of the Royal Society B, 3. März 2021, doi:10.1098/rspb.2020.3161. Dazu:
  9. Michael J. Beran: Delay of gratification in nonhuman animals: Chimps and monkeys can display patterns of self-control similar to humans, in: Psychological Science Agenda, Mai 2013, American Psychological Association.
  10. Désirée Brucks E, Matteo Soliani, Friederike Range, Sarah Marshall-Pescini: Reward type and behavioural patterns predict dogs’ success in a delay of gratification paradigm, in: Nature Scientific Reports, Nr. 42459, 8. März 2017, doi:10.1038/srep42459.
  11. Michelle Starr: Crows Can Pass The Marshmallow Test as Well as Human Children, New Study Shows, auf: sciencealert vom 25. November 2019.
  12. Manuela Sellitto, Elisa Ciaramelli, Giuseppe di Pellegrino: The neurobiology of intertemporal choice: insight from imaging and lesion studies. In: Reviews in the Neurosciences. Band 22, Nr. 5, 2011, ISSN 0334-1763, S. 565–574, doi:10.1515/RNS.2011.046, PMID 21967518.