Bacillus Calmette-Guérin

Lebendimpfstoff gegen Tuberkulose und Lepra

Das Bacille Calmette-Guérin (BCG) ist ein von den Franzosen Albert Calmette (1863–1933) und Camille Guérin (1872–1961) Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Wildtyp des Mykobakteriums Mycobacterium bovis durch dauernd wiederholte Fortzüchtung entwickeltes abgeschwächt-virulentes (attenuiertes) Bakterium, das in 173 Ländern als Lebendimpfstoff gegen Tuberkulose (TB) verwendet wird.[1][2] Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Ländern mit einer hohen Inzidenz für Tuberkulose und einer hohen Lepra-Belastung alle Neugeborenen bei Geburt zu impfen.[3] Der BCG-Impfstoff befindet sich auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation.[4]

Länder mit einer niedrigen Prävalenz für Tuberkulose und Lepra können Impfungen auf Risikogruppen beschränken.[3] Die Impfung schützt auch etwas gegen Mycobacterium ulcerans und nicht-tuberkulose Mykobakterien (NTM).[2] Zwar schützt die BCG-Impfung Kinder vor manchen Formen der Krankheit, jedoch weder Kinder noch Erwachsene vor der häufigsten Tuberkulose-Form, der Lungentuberkulose, und konnte daher die Tuberkulose weltweit nicht eindämmen.[5] Die in Deutschland noch aktuelle Anwendung von BCG liegt im Bereich der Blaseninstillation. Mycobacterium-bovis-BCG wird in Deutschland – mit Ausnahme eines einzigen Stammes – in die Risikogruppe 3 (RG 3) gestuft.

GeschichteBearbeiten

Der französische Mikrobiologe Albert Calmette und der Veterinärmediziner Camille Guérin arbeiteten 1908 am Pasteurinstitut in Lille. Ihre Arbeit umfasste die Erzeugung von Tuberkulosekulturen und den Test verschiedener Nährmedien. Dabei fanden sie heraus, dass fortlaufendes Subkultivieren mittels eines Nährmediums auf der Basis von Glycerin, Galle und Kartoffeln die Virulenz der Tuberkelosebakterien abschwächte. Daher untersuchten sie die Frage, ob sich durch wiederholte Züchtung ein attenuierter Impfstoff entwickeln ließe.

Die Forschung dauerte bis 1919, wobei die Impfung mit den reduziert virulenten Bakterien die Tuberkulose in Versuchstieren nicht stoppen konnte. 1919 wechselten Calmette und Guérin zum Pasteurinstitut in Paris über, wo sie 1921 den BCG-Impfstoff für menschliche Nutzung entwickelten.

1928 wurde dieser Impfstoff durch das Gesundheitsgremium des Völkerbundes akzeptiert. Aufgrund von Impfgegnern wurde er erst nach dem Zweiten Weltkrieg umfassend verwendet. Zwischen 1945 und 1948 impften Hilfsorganisationen etwa 8 Millionen Babys in Osteuropa und verhinderten damit den nach einem größeren Krieg vorausgesagten Anstieg der Tuberkulose-Erkrankungszahlen. In Deutschland wurde die Impfung als Folge des Lübecker Impfunglücks, bei dem von 256 geimpften Säuglingen 77 starben, erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt.

Selektive VakzinierungBearbeiten

In Ländern mit einer niedrigen Prävalenz für Tuberkulose und Lepra empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation, die Impfungen auf Risikogruppen zu beschränken.[3] Hierzu zählen:

  • Neugeborene von Eltern (oder anderen engen Kontakten/Verwandten) mit einer aktuellen oder vorangegangenen Tuberkulose- oder Lepra-Erkrankung
  • Neugeborene in Haushalten mit Kontakten zu Ländern mit hoher Tuberkulose-Inzidenz oder Lepra-Belastung
  • Neugeborene in anderen lokal identifizierten Risikogruppen mit Tuberkulose- und/oder Lepra-Erkrankungen.[3]

Länder mit sinkenden Tuberkulose-Raten sollen regelmäßig ihre epidemiologische Situation bewerten und einen Wechsel der Impfstrategie von universeller Impfung zu selektiver in Betracht ziehen.[3] In den meisten europäischen Ländern und in Nordamerika wird die BCG-Immunisierung lediglich in Risikogruppen verwendet. Die Schweiz beendete die Routine-BCG-Immunisierungen 1987, Österreich 1989 und Deutschland 1998.[1] Die BCG-Impfung wird seit 1998 von der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut nicht mehr empfohlen („Gründe: günstige epidemiologische Situation in Deutschland mit geringem Infektionsrisiko in der Bevölkerung, eine Schutzeffektivität von 50-80% in Abhängigkeit von Alter und der Art der Erkrankung, sowie nicht selten unerwünschte Nebenwirkungen (attenuierter Lebendimpfstoff).“).[6]

RisikogruppeBearbeiten

Die Gefährlichkeitseinstufung von Mikroorganismen ist für die EU in der EU-Richtlinie 2000/54/EG festgelegt. Diese Einstufung wird bei Bedarf durch nationale Verordnungen und Gesetze modifiziert, die der EU-Richtlinie übergeordnet sind. Mycobacterium bovis gehört nach deutschem Recht zur Risikogruppe 3 (RG 3). Nach Prüfung befand der Ausschuss für Biologische Arbeitsstoffe (ABAS), der die deutsche Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin berät, dass das seit vielen Jahrzehnten auf verschiedenen Kontinenten weiterkultivierte BCG heterogene Stämme hervorgebracht hat und dass diese Stämme Mycobacterium bovis nicht ähnlicher sind als Mycobacterium tuberculosis (RG 3). In seinem Begründungspapier für die Einstufung (Beschluss 14/2013 des ABAS vom 3. Dezember 2013) weist der Ausschuss drauf hin, dass Untersuchungen sogar größere Ähnlichkeit mit Labor-adaptierten Mycobacterium tuberculosis-Stämmen als mit jüngsten Isolaten von Mycobacterium bovis oder Mycobacterium tuberculosis ergeben haben, und stufte auch die BCG-Stämme in die RG 3 und damit strenger ein, als die EU-Richtlinie vorgibt.[7] Die einzige Ausnahme bildet der Stamm BCG Pasteur 1173P2 (RG 2; Beschluss 15/2013 des ABAS vom 3. Dezember 2013), der besser erforscht und charakterisiert ist als die übrigen BCG-Stämme und dem im Vergleich zu zahlreichen anderen BCG-Stämmen zusätzliche DNA-Regionen fehlen, deren Gene bzw. Genprodukte für die Pathogenität und Infektiosität des Erregers eine Rolle spielen.[8][9]

Die Einstufung von Mycobacterium bovis als RG 3 (nun ohne Ausnahme der BCG-Stämme) wurde vom ABAS in den TRBA 466 von 2010 sowie von 2015 publiziert und in den Gemeinsamen Ministerialblättern (GMBl) der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) und des ABAS bekanntgegeben (Ausgabe Dezember 2010; Ergänzung April 2012, GMBl Nr. 15–20 vom 25. April 2012, S. 380 sowie Ausgabe August 2015 GMBl 2015, Nr. 46–50 vom 25. August 2015).[10]

Generell darf eine niedrigere Einstufung von Tochterstämmen nur dann erfolgen, wenn wissenschaftlich erwiesen ist, dass Pathogenität, Immunogenität und Virulenz des zu bewertenden Stammes dies rechtfertigen.

Nach der Risikogruppe eines Mikroorganismus richtet sich die Biologische Schutzstufe (S bzw. BSL), unter der die Arbeit mit ihm durchgeführt werden muss: RG 3 = S 3. Unter geringerer Schutzstufe, als durch die Risikogruppe vorgegeben, darf nur dann mit einem Erreger gearbeitet werden, wenn durch den Laborbau identische Sicherheitsbedingungen für Mitarbeiter und Umwelt garantiert werden.

Anwendung als ImpfungBearbeiten

Die wichtigste Indikation von BCG ist die Impfung gegen Tuberkulose. Die Impfung verhindert zwar weder die Verbreitung von Tuberkulosebakterien, noch schützt sie vor einer Ansteckung; sie verringert allerdings das Risiko einer Miliartuberkulose und tuberkulöse Meningitis bei Kindern. Zusätzlich zeigt die BCG-Impfung einen geringen Schutz gegen Infektionen mit Mycobacterium leprae, Mycobacterium ulcerans und anderen nicht-tuberkulose Mykobakterien (NTM)[2], sowie nicht-spezifische Effekte (non-specific effects).[11][12][13] Die Impfung muss streng intradermal von einer in dieser Technik geschulten Fachkraft verabreicht werden.[3]

Eine Impfung im Kindesalter ist bei indigenen Völkern in den USA und Kanada mit einem geringeren Lungenkrebsrisiko assoziiert.[14]

Aussagekraft des Tuberkulin-TestsBearbeiten

Die Impfung mit BCG bewirkt einen falsch positiven Tuberkulin-Test. Da es trotz BCG-Impfung zu Tuberkulose kommen kann, ist der Tuberkulin-Test bei BCG-geimpften Personen nicht geeignet, eine aktuelle Tuberkulose auszuschließen.

Anwendung bei Morbus AlzheimerBearbeiten

Eine erste Studie[15] hat theoretische Überlegungen, dass BCG die Inzidenz der Alzheimer-Krankheit reduzieren könnte, bestätigt.

Anwendung bei BlasenkrebsBearbeiten

Eine weitere Indikation von BCG ist die Behandlung von oberflächlichem Blasenkrebs. In den späten 1980er Jahren zeigte sich, dass eine BCG-Harnblaseninstillation eine effektive Form der Krebsimmuntherapie dieser Krankheit darstellen kann.[16] Obwohl die exakten Mechanismen noch immer unerforscht sind, bewirkt BCG hier offenbar eine lokale Immunreaktion gegen den Tumor.

NebenwirkungenBearbeiten

Die Sicherheit der Anwendung von BCG bei Blasenkrebs ist dadurch eingeschränkt, dass es zu Nebenwirkungen kommen kann, die der Tuberkulose gleichen. Der Befall betrifft meist den lokalen Bereich in Blasennähe, kann aber auch selten andere Organe betreffen. Dann kann Mycobacterium bovis nachgewiesen werden. Hauptsymptome im Akutfall sind Fieber und Nachtschweiß. Diese sogenannte BCG-Erkrankung oder BCGitis tritt selten auf, kann jedoch insbesondere bei Immuninkompetenz auch lebensbedrohend verlaufen.[17] Behandelt wird meist mit 3-fach antituberkulöser Therapie. Eine differenzierte Meldung ans Gesundheitsamt ist sinnvoll, aber im Gegensatz zur Tuberkulose nicht verpflichtend.[18]

VPM1002Bearbeiten

Am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin wurde BCG mit Hilfe gentechnischer Verfahren mit dem Ziel einer besseren Sicherheit und Wirksamkeit abgeändert. Das Produkt wurde 2004 durch die Vakzine Projektmanagement GmbH in Hannover lizenziert und erhielt den Namen VPM1002.

VPM1002 gegen TuberkuloseBearbeiten

Eine Phase-I-Studie mit VPM1002[19] wurde in den Jahren 2009 und 2010 in Neuss mit 80 Probanden getestet, die Verträglichkeit danach als gut bewertet. Bis 2020 wird VPM1002 durch die indische Muttergesellschaft von VPM in einer Phase-II/III-Studie[20] an 2000 Menschen in Indien getestet.[21] 500 Mitarbeiter von Kliniken im niederländischen Nimwegen wurden mit BCG geimpft und gegen eine nicht geimpfte Kontrollgruppe verglichen. Der Versuch soll mit VPM1002 an 1000 Mitarbeitern in deutschen Kliniken wiederholt werden.[22]

VPM1002 gegen SARS-CoV-2Bearbeiten

Die Vakzine Projektmanagement GmbH untersucht auch, ob VPM1002 den Verlauf von COVID-19-Erkrankungen mildern kann. Dies soll als Zwischenlösung dienen, bis ein spezifischer SARS-CoV-2-Impfstoff verfügbar ist.[23] Auf Grund der unspezifischen Wirkung von VPM1002 wird gehofft, dass das Präparat auch gegen etwaige Varianten von SARS-CoV-2 wirksam ist.[24]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • P. Andersen, T. M. Doherty: The success and failure of BCG - implications for a novel tuberculosis vaccine. In: Nat. Rev. Microbiol. Band 3, Nummer 8, August 2005, S. 656–662, doi:10.1038/nrmicro1211. PMID 16012514. (Review).

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b BCG World Atlas: A DATABASE OF GLOBAL BCG VACCINATION POLICIES AND PRACTICES. Abgerufen am 23. Februar 2018.
  2. a b c WHO SAGE BCG Working Group: Report on BCG vaccine use for protection against mycobacterial infections including tuberculosis, leprosy, and other nontuberculous mycobacteria (NTM) infections. SAGE, 22. Oktober 2017, abgerufen am 23. Februar 2018.
  3. a b c d e f WHO.: BCG vaccines: WHO position paper – February 2018. In: Weekly Epidemiological Record, 23 February 2018, vol. 93, 08 (pp. 73–96). Abgerufen am 23. Februar 2018.
  4. WHO Model Lists of Essential Medicines. (PDF) In: WHO. 2019, abgerufen am 4. April 2020 (englisch).
  5. Auf dem Weg zu einem neuen Tuberkulose-Impfstoff. Max-Planck-Gesellschaft, 23. März 2015, abgerufen am 11. März 2020.
  6. Tuberkulose-Impfung in Deutschland? Welche Möglichkeiten gibt es, wenn die Impfung für einen Auslandsaufenthalt gefordert wird? In: RKI. 3. Januar 2018, abgerufen am 11. März 2020.
  7. https://www.baua.de/de/Themen-von-A-Z/Biologische-Arbeitsstoffe/TRBA/pdf/Mycobacterium-bovis.pdf?__blob=publicationFile&v=4
  8. https://www.baua.de/de/Themen-von-A-Z/Biologische-Arbeitsstoffe/TRBA/pdf/Mycobacterium-bovis-BCG-Pasteur-1173P2.pdf?__blob=publicationFile&v=3
  9. Roland Brosch et al.: Genome plasticity of BCG and impact on vaccine efficacy. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. Band 104, Nr. 13, 27. März 2007, S. 5596–5601, doi:10.1073/pnas.0700869104, PMID 17372194, PMC 1838518 (freier Volltext).
  10. http://www.baua.de/cae/servlet/contentblob/672886/publicationFile/48583/TRBA-466.pdf
  11. Julian P. T. Higgins et al.: Association of BCG, DTP, and measles containing vaccines with childhood mortality: systematic review. In: BMJ (Clinical research ed.). Band 355, 13. Oktober 2016, S. i5170, doi:10.1136/bmj.i5170, PMID 27737834, PMC 5063034 (freier Volltext).
  12. Chee Fu Yung: Non-specific effects of childhood vaccines. In: BMJ. Band 355, 13. Oktober 2016, doi:10.1136/bmj.i5434, PMID 27737824.
  13. Deeva Uthayakumar et al.: Non-specific Effects of Vaccines Illustrated Through the BCG Example: From Observations to Demonstrations. In: Frontiers in Immunology. Band 9, 4. Dezember 2018, S. 2869, doi:10.3389/fimmu.2018.02869, PMID 30564249, PMC 6288394 (freier Volltext).
  14. Nicholas T. Usher et al.: Association of BCG Vaccination in Childhood With Subsequent Cancer Diagnoses: A 60-Year Follow-up of a Clinical Trial. In: JAMA network open. Band 2, Nr. 9, 4. September 2019, S. e1912014, doi:10.1001/jamanetworkopen.2019.12014, PMID 31553471, PMC 6763973 (freier Volltext).
  15. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0224433
  16. R. De Jager et al.: Long-term complete remission in bladder carcinoma in situ with intravesical TICE bacillus Calmette Guerin. Overview analysis of six phase II clinical trials. In: Urology. Band 38, Nr. 6, Dezember 1991, S. 507–513, doi:10.1016/0090-4295(91)80166-5, PMID 1836081.
  17. Robert Koch-Institut (Hrsg.): Epidemiologisches Bulletin 18 / 2006. 5. Mai 2006, doi:10.25646/4231.
  18. Epidemiologisches Bulletin 18 / 2006. In: RKI. 5. Mai 2006, abgerufen am 10. März 2020.
  19. L. Grode et al.: Safety and immunogenicity of the recombinant BCG vaccine VPM1002 in a phase 1 open-label randomized clinical trial. In: Vaccine. 2012, doi:10.1016/j.vaccine.2012.12.053, PMID 23290835.
  20. NCT03152903 ClinicalTrials.gov
  21. MPG: Impfstoff-Kandidat gegen Tuberkulose in Phase-II/III-Studie
  22. Johann Grolle: Alarm im ganzen Körper. In: Der Spiegel. Nr. 14, 2020, S. 104–106 (online28. März 2020).
  23. Tuberkulose-Impfstoff soll Ärzte und Pfleger vor Corona schützen: Die Zwischenlösung im Kampf gegen Covid-19. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Online, aktualisiert am 3. April 2020
  24. Abwehr-Kräfte - Immun-Booster gegen Sars COV2. Versuch: Abwehrkräfte stärken. Beitrag im heute-journal vom 6. April 2020, Video, 2 Min.