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Asia Bibi

pakistanische Frau, zum Tode durch Erhängen verurteilt

Asia Noreen (Bibi) (* zwischen 1964 und 1971)[1] ist eine Pakistani, die am 8. November 2010 von einem Gericht in Nankana[2] als erste Frau in der Geschichte des Landes wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt wurde.[3] Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Christin den Propheten Mohammed beleidigt habe, was einen Verstoß gegen die Paragraphen 295 B und C des pakistanischen Strafgesetzbuches darstelle.[4]

In zahlreichen internationalen Protesten wurde ihre Freilassung oder Begnadigung gefordert,[5] die aber noch nicht erfolgte. Ihre Familie ist wegen mehrerer Drohungen untergetaucht. Zwei pakistanische Politiker, welche sie unterstützten, wurden 2011 ermordet.

Inhaltsverzeichnis

Persönliches UmfeldBearbeiten

Asia Bibi wuchs in Ittanwali auf, einem Dorf in der Provinz Punjab im Osten Pakistans. Sie heiratete Ashiq Masih (* um 1960), einen Ziegeleiarbeiter, der drei Kinder in die Ehe mitbrachte, und bekam mit ihm zwei weitere Kinder.[6] Zum Zeitpunkt ihrer Festnahme arbeitete sie auf der Farm des Landbesitzers Mohammed Idrees. Ihre Familie bildet mit zwei anderen die christliche Minderheit im Dorf, das von etwa 1500 Familien bewohnt wird.[7]

VorwürfeBearbeiten

Der vorgeworfenen Tat soll ein Streit zwischen muslimischen Arbeiterinnen auf der Farm in Ittanwali und Asia Bibi vorausgegangen sein. Demnach habe Bibi für die Gruppe Wasser geholt und sei daraufhin aufgefordert worden, sich zum Islam zu bekennen, da die anderen Frauen einwandten, das Wasser sonst nicht trinken zu können. Infolgedessen sei eine Diskussion zwischen den Anwesenden entbrannt. Die Schilderungen aller Beteiligten stimmen bis zu diesem Punkt überein. Nach Aussage der Frauen soll Asia Bibi dann behauptet haben, dass Jesus Christus und nicht Mohammed der wahre Prophet Gottes sei, was sie abstreitet.

Nach dem Vorfall war Asia Bibi zu ihrer Familie geflüchtet. Einige Tage später, am 19. Juni 2009, versuchten Einwohner des Dorfes sie in ihre Gewalt zu bringen und zu bestrafen, was durch einen Einsatz der Polizei, verständigt von den Christen im Dorf, verhindert wurde. Diese verhaftete die Frau, nach Aussage der Behörde, um sie vor weiteren Übergriffen zu schützen. Zu einer Freilassung Bibis kam es in der Folgezeit jedoch nicht.[7]

Anklage und UrteilBearbeiten

Auf Druck islamischer Geistlicher wurde in der Folge Anklage gegen Asia Bibi erhoben. Eine erste Anhörung fand am 14. Oktober 2009 statt, der Urteilsspruch erfolgte am 8. November 2010. Darin wird Asia Bibi zum Tod durch den Strang und zur Zahlung einer Geldstrafe von zweieinhalb Jahresgehältern, etwa 850 Euro, verurteilt.[7] In seinem Urteil sprach der Richter Naveed Iqbal von einer unzweifelhaften Schuld und schloss mildernde Umstände aus.[8]

Bibis Ehemann kündigte an, in Berufung gehen zu wollen.[8] Die Berufung wurde im Oktober 2014 durch den Lahore High Court zurückgewiesen,[9] wogegen nur noch eine Berufungsmöglichkeit besteht.[10] Presseberichten zufolge sei in Pakistan noch nie ein Todesurteil wegen Blasphemie vollstreckt worden, viele der Verurteilten würden von Appellationsgerichten freigelassen.[11] Der oberste Gerichtshof ließ die Berufung zu und im Oktober 2016 stand der Fall erstmals auf der Liste der zu behandelnden Fälle.[12]

Öffentliche RezeptionBearbeiten

 
Der Ehemann und eine Tochter von Asia Bibi mit Papst Franziskus in Vatikanstadt, April 2015

Die Anklage und der sich über mehrere Monate hinziehende Prozess fand zunächst kaum mediale Resonanz. Nach eigener Aussage berichtete ein christlich orientiertes Blog im September 2009 erstmals über den Vorfall.[13] Laut Spiegel Online waren mehrere christliche Organisationen während des Prozesses in das Geschehen involviert.[7] Einer breiteren Öffentlichkeit wurde der Fall erst nach der Urteilsverkündigung durch einen Bericht des Daily Telegraph vom 9. November 2010 bekannt.[11] Human Rights Watch forderte, den Paragraphen, auf dessen Basis Asia Bibi verurteilt wurde, abzuschaffen.

Gegenüber der dpa äußerte Shahbaz Bhatti, pakistanischer Minister für Minderheiten, dass Asia Bibi juristisch unterstützt werden solle.[14] Dies war vermutlich ein Grund für seine Ermordung im Jahr 2011. Markus Löning, Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe, sagte: „Wir beobachten das Verfahren gegen Asia Bibi sehr genau. Ihre Verurteilung in erster Instanz macht uns große Sorgen. Menschen aufgrund ihres Glaubens strafrechtlich zu verfolgen, sie gar zum Tode zu verurteilen, ist keinesfalls hinnehmbar.“[15]

Papst Benedikt XVI. appellierte am Ende der Generalaudienz am 17. November 2010 an die pakistanische Regierung: „In diesen Tagen verfolgt die internationale Gemeinschaft mit großer Sorge die schwierige Lage der Christen in Pakistan, die oft Opfer von Gewalt und Diskriminierungen sind […] Heute bringe ich meine geistliche Nähe besonders Frau Asia Bibi und ihren Familienangehörigen zum Ausdruck, während ich darum bitte, dass ihr so bald wie möglich wieder ihre volle Freiheit zurückerstattet wird.“[16]

Mordanschläge im ZusammenhangBearbeiten

Gouverneur Salman TaseerBearbeiten

Am 4. Januar 2011 wurde auf dem Kohsar-Markt von Islamabad der Gouverneur von Punjab, Salman Taseer, durch einen Angehörigen seiner Leibgarde namens Malik Mumtaz Hussein Qadri ermordet. Wie berichtet wurde, erschoss der Attentäter den Gouverneur wegen dessen Kommentaren zum Fall Asia Bibi und dessen Opposition gegen das Blasphemiegesetz.

Minister Shahbaz BhattiBearbeiten

Am 2. März 2011 wurde der Minister für religiöse Minderheiten in Pakistan, Shahbaz Bhatti, auf dem Weg zu seinem Ministerium von drei bewaffneten Männern überfallen und getötet. Den Attentätern war es gelungen, den Wagen des Ministers zum Halten zu bringen, woraufhin sie das Feuer eröffneten. Mindestens acht Kugeln trafen Bhatti, er starb kurz darauf im Krankenhaus. Zu dem Anschlag bekannten sich die Taliban, die in einem Schreiben Gegnern des pakistanischen Blasphemiegesetzes mit dem Tod drohen. „Wenn ich für meine Haltung sterben muss, dann ist das eben so“, hatte der Minister gesagt, der sich in der Vergangenheit für Asia Bibi ausgesprochen hatte. Asif Ali Zardari, Präsident Pakistans, verurteilte den Anschlag. Bhatti war der einzige Christ in der pakistanischen Regierung.[17]

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Unklar, Altersangaben variierten in den Medien zum Zeitpunkt des Urteils, so sprechen BBC und Focus.de von 45 Jahren, Spiegel Online von 38 Jahren. Laut Welt.de stammt letztere Angabe aus einer älteren Quelle, abgerufen am 12. November 2010
  2. Andere Quellen sprechen von Sheikhupura als Sitz des Gerichts, beispielsweise arlingtoncardinal.com (8. November 2010) und Spiegel Online (11. November 2010), abgerufen am 12. November
  3. Pakistani Christian woman appeals over death sentence, abgerufen am 12. November 2010
  4. Free Asia Bibi! Christian Woman Sentenced to Death in Pakistan under 'Blasphemy Law', abgerufen am 12. November 2010
  5. Freilassung von Asia Bibi gefordert (Okt.2011)
  6. Christian's Death Verdict Spurs Holy Row In Pakistan NPR, 14. Dezember 2010
  7. a b c d Gotteslästerung in Pakistan: Christin soll am Galgen sterben, abgerufen am 12. November 2010
  8. a b Entsetzen über Todesurteil gegen Christin welt.de, 11. November 2010
  9. Mst. Asia Bibi v. The State, 2014 LHC 8283 (Memento vom 2. Januar 2015 im Internet Archive)
  10. Radio Vatikan: Pakistan: Gericht bestätigt Todesurteil gegen Asia Bibi, 16. Oktober 2014
  11. a b Christian woman sentenced to death in Pakistan 'for blasphemy', abgerufen am 12. November 2010
  12. Neues Gesetz in Pakistan: Mord ist keine Frage der Ehre, NZZ, 8. Oktober 2016
  13. PRAY: Pakistani woman sentenced to death
  14. Todesurteil in Pakistan: Kritik an Blasphemiegesetz orf.at, 12. November 2010
  15. Gotteslästerung in Pakistan: Minister will sich für Christin einsetzen, spiegel.de, 12. November 2010
  16. Aufruf für die Christen in Pakistan und für die Befreiung Asia Bibis kath.net, 17. November 2010
  17. Pakistan: Taliban töten christlichen Minister, Spiegel Online, abgerufen am 2. März 2011