Armenische Diaspora

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Die armenische Diaspora wird von den Armeniern spyurk (spʰjurkʰ; սփիւռք, reformiert սփյուռք) genannt. In der Vergangenheit wurden die armenischen Gemeinden außerhalb des Armenischen Hochlandes als gaghut (գաղութ gɑˈʁutʰ) bezeichnet; es leitet sich von der aramäischen (klassisch-syrischen) Entsprechung des hebräischen galut (גלות) ab.

Über die unmittelbar an das armenische Siedlungsgebiet angrenzenden Gebiete hinaus wanderten Armenier schon im frühen Mittelalter in entferntere Gebiet nach Westkleinasien, Südosteuropa, Syrien, Ägypten und Persien. Im 16. Jahrhundert unterhielten armenische Kaufleute, auf die weit gestreuten Gemeinschaften ihrer Landsleute gestützt, ein Handelsnetz, das den gesamten eurasischen Raum von Westeuropa bis Ostasien umspannte. Die Verfolgungen und Massaker des 19. und der Völkermord des frühen 20. Jahrhunderts brachten Armenier auch nach Nord- und Südamerika sowie Australien. In Europa war Frankreich das Hauptziel der armenischen Flüchtlinge, hier vor allem die Hafenstädte Marseille und Valence und natürlich auch die Metropole Paris.

Anzahl der Armenier nach Land

Überblick zur armenischen Diaspora in EuropaBearbeiten

Die früheste größere armenische Diasporagruppe auf europäischem Boden waren wahrscheinlich Angehörige der Sekte der Paulikianer, die der byzantinische Kaiser Basileios I. im 9. Jahrhundert zahlreich nach Thrakien deportieren ließ, die aber wahrscheinlich nicht bis ins Spätmittelalter existierten.

 
Armenische Ansiedlung westlich der Krim vor 1700 zwischen Ostgalizien-Podolien und Nordbulgarien

Nach der Zerstörung der armenischen Reiche der Bagratiden und Ardsruni in Ostanatolien nach 1000 emigrierte eine große Zahl Armenier auf die Krim in die damalige byzantinische Provinz Cherson, wo sie, später auch unter venezianischer, genueser und schließlich unter der Herrschaft des Krimkhanats eine zahlreiche und bedeutende Bevölkerungsgruppe bildeten, die vor allem im Fernhandel zwischen Osteuropa und dem Nahen Osten und im Handwerk aktiv war. Von hier aus siedelten sich viele armenische Kaufleute und Handwerker im Spätmittelalter und der Frühneuzeit auch in ost- und südosteuropäischen Städten an.

Die armenischen Bewohner Osteuropas passten sich sprachlich allmählich der umgebenden Bevölkerung an, blieben aber durch ihre Zugehörigkeit zur armenisch-apostolischen, später teilweise zur armenisch-katholischen Kirche von der Umgebung unterscheidbar. Seit dem 18./19. Jahrhundert war ihr Bevölkerungsanteil teilweise durch Abwanderung nach Osten, teilweise durch Ehen mit der Umgebung und Wechsel der Konfession stark rückläufig. Im zu Ungarn gehörenden Siebenbürgen wurden die inzwischen ungarischsprachigen armenischen Christen im Zuge der Magyarisierungspolitik zu den ethnischen Ungarn gezählt und zählten sich mehrheitlich bald selbst dazu. Aber auch ohne nationale Vereinnahmung nahm ihr Anteil in osteuropäischen Ländern allmählich ab.

Seit dem 19. Jahrhundert wurden Russland und Frankreich Schwerpunktländer der armenischen Diaspora in Europa durch Zuwanderung aus Ostanatolien, Kilikien, Syrien und dem Staat Armenien.

Religiöse UnterdrückungBearbeiten

 
Kloster San Lazzaro degli Armeni, das Zentrum der Mechitaristen bei Venedig

Die Armenier konnten, abhängig von den Verhältnissen in ihren neuen Heimatländern, ihre sprachliche und religiöse Identität erhalten. Gerade in Mitteleuropa war der Assimilationsdruck der katholischen Herrscher im 17. Jahrhundert besonders groß. Seit dem 13. Jahrhundert versuchte auch Rom, Teile der armenischen Christenheit zur Konversion oder Union mit dem Heiligen Stuhl zu bewegen und hatte dabei teilweise Erfolg. Nach dem Konzil von Trient (1545–1563) wurden diese Bemühungen im Zuge der Gegenreformation verstärkt, auch mit Hilfe des Jesuitenordens. Mit der Bildung von dem Papst untergeordneten, aber den armenischen Ritus und die armenische Kirchensprache weiter pflegenden armenisch-katholischen Kirchen in Polen-Litauen, danach im Königreich Ungarn, deren Mitgliedschaft für Armenier in beiden Reichen verpflichtend wurden, hatten diese Bestrebungen erste Erfolge. Eine der wichtigsten armenisch-katholischen Persönlichkeiten war Mechitar von Sebasteia (1676–1749), der als Mitglied des Klerus des armenischen Patriarchats von Konstantinopel zum Katholizismus konvertierte und 1717 auf der Insel von San Lazzaro in Venedig die katholische Kongregation der Mechitaristen begründete. Selbst ein großartiger Sprachforscher, wurde Mechitar mit seinen Mönchen zu einem entscheidenden Faktor in der Erforschung der neuzeitlichen armenischen Sprache und Kultur. Die Mechitaristen entwickelten sich auch zur treibenden Bewegung der armenisch-katholischen Mission unter den Armeniern im Nahen Osten, die von der traditionellen armenisch-apostolischen Kirche anfangs bekämpft wurde.

Armenia maritima (Krim)Bearbeiten

 
Die wahrscheinlich älteste von mehreren erhaltenen mittelalterlichen armenischen Kirchen in Feodossija (Kaffa) auf der Krim: Sub Sarkis (St. Sergios, um 1330)

Zu einem ersten Zentrum der armenischen Diaspora im Spätmittelalter auf europäischem Boden wurde die Krim, in deren Städten sich Armenier seit dem 11. Jahrhundert nachweisen lassen. Die Krim wurde als Endpunkt der Karawanenrouten durch das Reich der Goldenen Horde zu einer blühenden Handelszone, vor allem, als die Genuesen ab 1267 die Kontrolle über die Häfen im Süden übernahmen. Die Armenier leisteten ihnen unentbehrliche Dienste als Handelsagenten, Handelspartner und Soldaten. Ihre Zahl wuchs durch weitere Zuwanderung aus Armenien selbst und dem Süden Russlands, wohin die Mongolen Armenier verbracht hatten, und betrug im 14. und 15. Jahrhundert mehrere Zehntausend. In einigen westlichen Quellen wurde der Süden der Krim deshalb als Armenia maritima oder auch Armenia Magna (in historischer Anspielung auf das in der Antike jenseits des Meeres gelegene Magna Graecia) bezeichnet.

Die Krim wurde Mitte des 14. Jahrhunderts als eigenes armenisches Bistum eingerichtet, die Stadt Kaffa allein wies 44 armenische Kirchen und 46.000 Gläubige auf. Die Vertreibung der Genuesen durch die Osmanen und die mit ihnen verbündeten Krimtataren beendete 1475 diese Handelsblütezeit kurzzeitig. Viele Armenier gingen nach Konstantinopel, Bulgarien oder nach Polen-Litauen, wo aber schon zuvor Armenier nachweisbar sind, besonders als städtische Fernhändler und Handwerker.

 
Prozentanteil der armenischen Minderheit in den Kreisen und Städten der Krim in der Volkszählung 1926

Im Krimkhanat erneuerte sich die Blüte der Handelszentren auf der Krim und armenische Kaufleute spielten neben muslimisch-krimtatarischen, griechischen und jüdischen (krimtschakischen und karäischen) eine bedeutende Rolle im Fernhandel des Krimkhanats. Die Stadt Kaffa (krimtat. Kefe, heute Feodossija) blieb bis ins 18. Jahrhundert eine zur Mehrheit armenisch bewohnte Handelsstadt. Nachdem das Krimkhanat im Friede von Küçük Kaynarca 1774 zum unterworfenen Vasallenstaat Russlands wurde, kam es zu Unruhen und Übergriffen zwischen der krimmuslimischen und krimchristlichen Bevölkerung, woraufhin Katharina die Große im Jahr 1778 die meisten Krim-Armenier, Krim-Griechen, Krim-Bulgaren und Krim-Italiener (fast alle damals im Alltag krimtatarisch-sprachig, aber an ihren kirchlichen Zugehörigkeiten und Namen erkennbar) in die Region um Asow und Rostow am Don umsiedelte.

Kleine Minderheiten blieben auch danach auf der Krim. In den Volkszählungen auf der Krim im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schwankte der armenische Bevölkerungsanteil bei durchschnittlich etwa 1–3 %[1]. Erst die Stalinistischen Deportationen nach Nationalität[2] bedeuteten das Ende der armenischen Präsenz auf der Krim, wie überhaupt der gesamten Altbevölkerung aus der Zeit des Krimkhanats (die Mehrheit der Krimjuden waren der Schoah zum Opfer gefallen). Kurz nach der Deportation aller Krimtataren durch den NKWD ab 11./18. Mai 1944 wurden ab 29. Mai/2. Juni auch die armenischen, griechischen und bulgarischen Minderheiten von der Krim deportiert (aufgrund ihrer krimtatarischen Umgangssprache und ihrer traditionell engen Kontakte zu den Krimtataren).[3] Weil die Deportierten von der Krim in sowjetischer Zeit nie voll rehabilitiert wurden, kehrte die Mehrheit der Krimtataren, einige Griechen, Armenier, Bulgaren und auch einige Krimdeutsche, die kurz vorher deportiert wurden, erst nach dem Ende der Sowjetunion auf die Krim zurück. Wegen des Widerstands der in ihre Wohnungen und Häuser zugeteilten Bewohner, leben die meisten heute gemeinsam in neu errichteten Siedlungen.

Armenier in Polen und der Rus (Lehastan)Bearbeiten

 
Armenische Kathedrale von Lemberg, errichtet 1356–63, 1689–1945 armenisch-katholisch, seit 2001 wieder armenisch-apostolisch

Seit dem 11. Jahrhundert waren Armenier in das Gebiet der russischen Fürstentümer eingewandert. Nach der mongolischen Eroberung 1240 bildete sich ihre Gemeinden in den westlichen Gebieten Galizien, Wolhynien und Podolien (in armenischen Quellen werden diese Gebiete „Lehastan“ genannt), die 1340 von Kasimir III. an das Königreich Polen angegliedert wurden. Kasimir III. gewährte wie den Juden auch den Armeniern das Recht, ihren Glauben zu praktizieren und eigene Gerichte zu erhalten.

 
Häuser armenischer Kaufleute in der zum UNESCO-Welterbe gehörenden Renaissance-Planstadt Zamość.

Weitere Einwanderungen, vor allem auch von der Krim nach 1475, ließen die armenischen Gemeinschaften in zahlreichen Städten der heutigen Westukraine anwachsen. Ihr Zentrum bildete Leopolis/Lemberg, seit 1364 Sitz eines armenischen Bischofs und wichtigster Gerichtsort der Armenier. Anfang des 17. Jahrhunderts lebten 2500 Armenier in der Stadt. Die führende Schicht waren die reichen Handelsherren, die eine bedeutende Rolle im Handel zwischen den osteuropäischen Reichen Polen-Litauen, Russland und Ungarn auf der einen Seite, meist über das Krimkhanat und die rumänischen Balkanländer Moldau, Walachei und Siebenbürgen zum Osmanischen Reich und Persien auf der anderen Seite spielten. Diese Kaufleute und Fernhändler spielten eine treibende und führende Rolle bei der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ansiedlung von Armeniern in den ost- und südosteuropäischen Ländern westlich der Krim. Ihnen folgten armenische Handwerker und weitere meist städtische Bevölkerungsgruppen. Von der armenisch-christlichen Gemeinschaft in Polen-Litauen vom 13.–17. Jahrhundert sind zahlreiche Urkunden, Chroniken und andere Schriften in traditioneller armenischer Schrift erhalten, aber die Alltagssprache, in der sie verfasst wurden, war nicht die armenische Sprache, sondern die traditionelle Turksprache der Krim, anfangs Kiptschakisch, später Krimtatarisch genannt, durchsetzt mit armenischen Lehnwörtern, weshalb die Sprachform auch Armeno-Kiptschakisch oder Armeno-Krimtatarisch genannt wird.[4] Das zeigt, dass die Krimarmenier schon im frühen Krimkhanat des Spätmittelalters durch Beziehungen zu ihren krimtatarischen Nachbarn die kiptschakisch-krimtatarische Sprache übernommen hatten und sie in Polen als interne Umgangssprache noch lange beibehielten. Erst im 17./18. Jahrhundert gingen sie zur polnischen Umgangssprache über. Armenier leisteten aber auch in der militärischen Verteidigung des Landes dem polnischen Königreich wichtige Dienste. Mehrere tausend Armenier zogen 1683 im Heer des Jan III. Sobieski zum Entsatz der Stadt von den Osmanen nach Wien.

 
Die barocke Innenarchitektur der armenisch-katholischen Kathedrale von Iwano-Frankiwsk (errichtet 1743–63) zeigt den katholischen Einfluss auf die armenisch-katholische Kirche

Galizien wurde zu einem Zentrum des frühen armenischen Buchdrucks und der Literatur. Die Jesuiten gründeten im 17. Jahrhundert ein Seminar in Lemberg zur Förderung der armenischen Studien und Literatur. Damit verbunden war aber ein steigender Assimilationsdruck der polnischen weltlichen und kirchlichen Autoritäten auf die Armenier, wie auf alle nichtkatholischen Konfessionen, der zu zahlreichen Konversionen führte. 1596 mussten die Orthodoxen die Union von Brest eingehen, 1689 erkannte der armenische Bischof von Lemberg die Hoheit des Papstes bei Beibehaltung des armenischen Ritus und der altarmenischen Kirchensprache an. Dadurch entstand der früheste regionale Vorläufer der armenisch-katholischen Kirche, die wie alle mit Rom unierten Kirchen kulturelle Annäherungen an römisch-katholische Traditionen entwickelten. Der kirchlichen Union folgte die sprachliche Polonisierung; aus Ablehnung der Union mit Rom und aufgrund der schwindenden wirtschaftlichen und politischen Prosperität des polnisch-litauischen Staates emigrierten viele Armenier nach Russland, Konstantinopel, Persien oder in die Walachei. Das Ende des armenischen Ritus im Osten von Lehastan brachte 1820 nach der Annexion Podoliens im Rahmen der polnischen Teilungen die russische Herrschaft. In Lemberg selbst und Galizien konnte das armenisch-katholische Glaubensleben unter österreichische Herrschaft fortgesetzt werden, das Bistum umfasste 1880 etwa 3000 armenisch-katholische Christen polnischer Sprache, die in Österreich-Ungarn deshalb oft „Armeno-Polen“ genannt wurden. In begrenztem Umfang überstand diese Gemeinde auch die erneute polnische Herrschaft, den Zweiten Weltkrieg und die Sowjetherrschaft und bestand 1970 noch aus 1500 Mitgliedern, die meisten Gemeindemitglieder wurden nach dem Weltkrieg aber, wie fast alle polnischsprachigen Bewohner Lembergs nach Breslau umgesiedelt. Heute existiert in der Westukraine wieder eine kleine armenisch-apostolische Gemeinde mit der im 14. Jahrhundert errichteten Kathedrale von Lemberg als Zentrum. In Polen existieren armenisch-katholische Kirchen heute in Gliwice, Warschau und Danzig, armenisch-polnische Kulturvereine (Ormiańskie Towarzystwo Kulturalne) neben diesen drei Orten noch in Opole, Breslau, Krakau und Poznań.

Armenier in den rumänischen DonaufürstentümernBearbeiten

 
Fürstentümer Moldau (blau) und Walachei (hellbraun) und die im 18. Jahrhundert abgetretenen Gebiete Bukowina und Kleine Walachei (schraffiert) mit den ältesten armenischen Ansiedlungen um 1402 (blau), weiteren bis 1475 (violett) und armenischen Siedlungen bis 1700 (hellbraun), dem Bistum in Suceava (Chatschkar-Symbol) und armenisch-apostolischen Händler-Gilden und Karawansereien
 
Das Zamca-Kloster am Südrand von Suceava war in der Frühneuzeit Sitz der armenischen Bischöfe von Moldau

Seit dem 14. Jahrhundert fanden Armenier im Fürstentum Moldau (heute Moldawien und Ostgebiete von Rumänien) eine Heimat. 1350 errichteten sie eine erste Kirche in Botoșani, 1395 eine zweite in Jassy (Iași). 1401 erlaubte Fürst Alexander der Gute ihnen die Errichtung eines Bistums in Suceava. Während die Gemeinden nach 1475 durch Immigranten von der Krim verstärkt wurden, verringerten sich die Mitgliederzahlen durch osmanische Deportationen, polnische Angriffe und Flucht vor religiöser Verfolgung durch die Fürsten des 16. und 17. Jahrhunderts. Sie hatten bis 1790 Bestand, als etwa 4000 Armenier nach Russland auswanderten.

Nach 1475 immigrierten Armenier vor allem in die Walachei (Südgebiete von Rumänien) und bauten 1620 eine erste Kirche in Bukarest. Wie in anderen Regionen spielten sie eine zentrale Rolle im Handel und seit dem 19. Jahrhundert nahmen sie aktiv am intellektuellen, künstlerischen und politischen Leben des entstehenden rumänischen Staates teil. Im Unterschied zu den katholischen Ländern Polen-Litauen und Ungarn unter den Habsburgern war die armenische Minderheit in den orthodoxen Donaufürstentümern Moldau und Walachei keinem Druck zur kirchlichen Union mit Rom ausgesetzt, sondern blieb armenisch-apostolisch, verwendete im Alltag aber auch zunehmend die rumänische Sprache.

Die von Stalin in den Jahren 1946 bis 1948 geförderte „Repatriierung“ von Armeniern aus Osteuropa in die Armenische Sowjetrepublik schwächte die Gemeinden. Diese Einwanderung in die Armenische Sowjetrepublik wurde nach der Umsiedlung von 100.000 Armeniern aus der Diaspora wieder gestoppt. Eine weitere Auswanderungswelle erfolgte in den 1950er und 1960er Jahren nach Westeuropa und in den Mittleren Osten. 1956 wurden noch 6.400 Armenier gezählt, 1992 nur mehr 2000 vor allem in Bukarest, Constanța und Tulcea.

In den Ländern der Stephanskrone (Siebenbürgen/ Ungarn)Bearbeiten

 
Teilweise armenische Siedlungen in Siebenbürgen nach der Volkszählung 1850

Seit dem hohen Mittelalter fanden Armenier ihren Weg nach Siebenbürgen, wo im 14. Jahrhundert sogar ein armenischer Bischof residierte. Im 15. und 16. Jahrhundert flohen Armenier vor allem aus der Moldau über die Karpaten. 1680 gewährte ihnen der religiös tolerante, evangelische Fürst von Siebenbürgen gewisse Privilegien und Handelskonzessionen und 1696 nach der Vertreibung der Osmanen gewährten die neuen habsburgischen Herren Sonderrechte. Die Armenier durften eigene Gerichte unterhalten, vor allem in ihren zwei Hauptsiedlungen Gherla nordöstlich von Klausenburg (Cluj) und Elizabethspol (Dumbrăveni), nordöstlich von Hermannstadt (Sibiu). Eine Karte aus vermutlich erster Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt noch mehrere Orte in der Siebenbürgen als hauptsächlich armenisch bevölkert an.[5] Ihre Gesamtzahl betrug wohl 20 000.

Auch hier wurden sie nach Übernahme Siebenbürgens in die ungarische Herrschaft der katholischen Habsburger Ende 17. Jahrhundert zum Übertritt zum katholischen Glauben gedrängt und nach der Angliederung Galiziens an Österreich wurde dem armenisch-katholischen Bischof von Lemberg die Jurisdiktion über die Armenier in Siebenbürgen anvertraut. 1848 nahmen einige armenische Gemeinden aktiv an der Revolution Ungarns gegen die Habsburger teil. Drei Generäle armenischer Herkunft waren unter den militärischen Führern der Erhebung, zwei wurden 1849 hingerichtet. Die armenischen Städte mussten daraufhin hohe Zahlungen leisten und verloren ihre Privilegien. Die kirchliche Verwaltung wurde einem nichtarmenischen Bischof unterstellt. So verringerte sich in den folgenden Jahrzehnten ihre Zahl, aber in Siebenbürgen bestehen bis heute armenisch-katholische Gemeinden.

Armenier in ÖsterreichBearbeiten

Armenische Kaufleute bildete ihr Handelsnetz bis Wien und siedelten ab dem 17. Jahrhundert in der Donaumetropole. Von den zahlreichen Armeniern, die im Heer des Polenkönigs Johann III. Sobieski 1683 an der Entsatzschlacht gegen die Osmanen teilnahmen, blieben einige in der Stadt und Kaiser Leopold I. gewährte ihnen einige Privilegien.

 
Armenisch-katholisches Mechitaristenkonvent in Wien

Neue Impulse erhielt das Armeniertum in Wien mit der Ansiedlung einer Kongregation der katholischen Mechitaristen 1810/1811, die sich 1773 vom Mutterkonvent in Venedig abgespaltet hatten. Nach einem Feuer 1835 wurden die Kirche und der Konvent im siebten Wiener Gemeindebezirk neu errichtet. Die Wiener Patres brachten eine Reihe von hervorragenden Linguisten und Historikern hervor, darunter den berühmten Pater Arsen Aydenian (1824–1902), der 1866 eine grundlegende Grammatik des modernen Armenisch herausgab. Der Konvent zog zahlreiche Studenten aus den armenischen Gemeinden Osteuropas und des Nahen Ostens an und unterhielt mit der Zeitschrift Handes Amsorya („Monatliche Rundschau“) ab 1887 ein viel beachtetes Fachorgan, das bis in die 1980er Jahre Bestand hatte und seit kurzem wieder von Armenien aus herausgegeben wird.

Mitte des 19. Jahrhunderts lebten in der Österreichischen Monarchie ca. 16.000 Armenier.[6]

 
Armenisch-apostolische Kirche St. Hripsime in Wien

Emigranten aus dem Osmanischen Reich verstärkten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die Wiener Gemeinde, so dass der Bau einer eigenen Kirche erwogen wurde. 1966 wurde die Armenisch-Apostolische Kirche in den Ökumenischen Rat der Kirchen aufgenommen, seit 1972 gilt sie als gesetzlich anerkannte Gemeinde. Am 21. April 1968 erfolgte die Einweihung der unter dem Patrozinium der armenischen Erzmärtyrerin St. Hripsime (4. Jahrhundert) stehenden Kirche in der Kolonitzgasse 11 im dritten Wiener Gemeindebezirk. Katholikos Wasgen I., der selbst der rumänischen Diaspora entstammte, ist das Oberhaupt der armenischen Kirche mit Sitz in Etschmiadsin in Armenien. 1980 errichtete er eine neue Diözese für Mitteleuropa mit Sitz in Wien. Die Armenisch-Apostolische Kirche, deren Gemeinde in Österreich 3000 Seelen zählt, unterhält Beziehungen zur römisch-katholischen Kirche und den anderen Konfessionen und ist ein besonders aktives Mitglied der Stiftung „Pro Oriente“. Wien wurde deshalb auch zu einem zentralen Ort für die Vorbereitung der Aussöhnung zwischen Rom und den altorientalischen, miaphysitischen Kirchen.

Die international erfolgreiche armenische Opernsängerin Hasmik Papian lebt in Wien. Die in Jerewan geborene Künstlerin tritt regelmäßig an der Wiener Staatsoper auf, ebenso wie an vielen anderen renommierten Opernhäusern in aller Welt wie der Scala in Mailand, der Metropolitan Opera in New York oder der Opéra Bastille in Paris.

Nach Angaben der Erzdiözese Wien leben in Österreich etwa 7.000 Armenier, davon ca. 3.000 in Wien.[7]

 
Flagge der armenischen Diaspora Ende des 19. Jahrhunderts

Armenier in FrankreichBearbeiten

Für die gregorianischen Armenier in Frankreich errichtete Katholikos Karekin II. Nersissian im Dezember 2006 eine einheitliche Armenische Diözese Frankreich mit der armenischen Kathedrale in Paris als Zentrum und 24 Pfarreien im ganzen Land. Am 22. Juni 2007 wurde Bischof Norvan Zakarian, zuvor Vikarbischof in Lyon, zum ersten Primas der neuen Diözese gewählt und am Folgetag durch das Katholikat in Etschmiadsin bestätigt.

Armenier in DeutschlandBearbeiten

Die Zahl der Armenier in der Bundesrepublik Deutschland liegt – nach Angaben der Botschaft der Republik Armenien in Deutschland – zwischen 50.000 und 60.000.[8] Die größte Gemeinschaft ist in Köln anzutreffen.

Armenier in AbchasienBearbeiten

Seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt es in Abchasien eine bedeutende armenische Gemeinde. Eine dortige Volkszählung ergab 2011 die Zahl von fast 42.000 Armeniern, was einem Anteil von 17,3 % der Bevölkerung spricht. In einigen Gebieten stellen Armenier dort sogar die Mehrheit.

Weitere LänderBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Ergebnisse der Volkszählungen auf der Krim 1793–1989 nach ethnischer Zugehörigkeit und Kreisen und Städten (russisch)
  2. zu den nationalen Deportationen im Stalinismus vgl. z. B. Gerhard Simon: Nationalismus und Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion: Von der Diktatur zur nachstalinistischen Gesellschaft. S. 217–232.
  3. Auflistung der stalinistischen Deportationen bei „Demoskop Weekly“ (russisch)
  4. Omeljan Pritsak: Das Kiptschakische in Philologiae Turcicae Fundamenta, Bd. 1, Wiesbaden 1959, S. 74 ff; E. Schütz: An Armeno-Kipchak Chronicle on the Polish-Turkish Wars in 1620-1621. Budapest 1998.
  5. Versuch einer Sprachenkarte der Österreichischen Monarchie. Verlag von Gustav Ernich, abgerufen am 11. Februar 2018 (deutsch).
  6. Ethnografische Karte der Österreichischen Monarchie. Abgerufen am 22. Oktober 2018.
  7. Die zwei armenischen Kirchen in Österreich. Erzdiözese Wien. 19. Juni 2016. Abgerufen am 20. Juni 2016
  8. Allgemeine Informationen Botschaft der Republik Armenien in Deutschland. Abgerufen am 16. Juni 2016.