Winfried Nerdinger

deutscher Architekturhistoriker

Winfried Nerdinger (* 24. August 1944[1] in Burgau) ist ein deutscher Architekturhistoriker. Er war Professor für Geschichte der Architektur und Baukonstruktion an der TU München und ist Direktor der Abteilung Bildende Kunst der Bayerischen Akademie der Schönen Künste sowie außerordentliches Mitglied im Bund Deutscher Architekten (BDA). Bis zum 30. September 2012 war er Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München. Für seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen wurde er zum TUM Emeritus of Excellence ernannt. Von Oktober 2012 bis April 2018 war er Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München. Seit Juli 2019 ist er Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.[2]

Winfried Nerdinger, 2017
Winfried Nerdinger, 2017

LebenBearbeiten

Winfried Nerdinger ist der Sohn des im marxistischen Arbeiterwiderstand gegen den Nationalsozialismus aktiven Gebrauchsgrafikers Eugen Nerdinger. Sein Studium der Architektur schloss er 1971 als Diplom-Ingenieur ab und wurde 1979 in Kunstgeschichte an der TU München bei Josef Adolf Schmoll genannt Eisenwerth über das Thema Rudolf Belling und die Kunstströmungen in Berlin 1919–1923 promoviert (ausgezeichnet mit dem erstmals vergebenen Promotionspreis der TU).

Seit 1986 war er Professor für Architekturgeschichte an der TU München. Ferner war er Gastprofessor an der Universität Harvard und der Universität Helsinki sowie Cummings lecturer an der McGill University in Montreal. Zum 30. September 2012 wurde Nerdinger emeritiert. Als „TUM Emeritus of Excellence“ bleibt er weiterhin aktiv der Technischen Universität verbunden. Im Wintersemester 2015/16 hatte Nerdinger die Otto-von-Freising-Gastprofessur an der Katholischen Universität Eichstätt inne.[3] 2016 hielt er die Weiße-Rose-Gedächtnisvorlesung.[4]

Von 1989 bis 2012 war Nerdinger Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München. Als er nach seinem Architekturstudium an die damalige Architektursammlung kam, befand sich diese in einem Abstellraum über der Bibliothek sowie in einer angemieteten Wohnung an der Augustenstraße und beherbergte gerade einmal eine Handvoll Modelle und circa 150.000 Pläne. Bei seiner Emeritierung 2012 waren es über 1.100 Modelle, 550.000 Pläne, 200.000 Fotografien sowie zahllose Archivalien, die Nerdinger zusammengetragen und damit an der TU München das bedeutendste Spezial- und Forschungsarchiv für Architektur in Deutschland aufgebaut hat.

1995 wurde Nerdinger auch Direktor des Architekturmuseums Schwaben in Augsburg. Seit 2004 ist er zudem Direktor der Abteilung Bildende Kunst der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und seit 2006 Vorsitzender der Alvar-Aalto-Gesellschaft.[5]

Von 1. Oktober 2012 bis April 2018 war Winfried Nerdinger Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München. Er war 1988 Mitglied des Initiativkreises, das die Errichtung forderte, und leitete als Gründungsdirektor federführend die inhaltliche Ausgestaltung des am 30. April 2015 mit einem Festakt eröffneten Neubaus am Münchner Königsplatz.

Mit seinen Büchern, Schriften und Ausstellungen hat Nerdinger entscheidende Beiträge zur Erforschung der Kunst- und Architekturgeschichte sowie zu einem öffentlichen Bewusstsein für die Bedeutung von Architektur geleistet. Zu seinen Veröffentlichungen zählen u. a.: Walter Gropius (1985), Revolutionsarchitektur (1989), Neues Bauen in Tel Aviv (1993), Bauen im Nationalsozialismus (1993), Alvar Aalto (1999), Leo von Klenze (2000), Bruno Taut (2001), Gottfried Semper (1803 – 1879) – Architektur und Wissenschaft, (2003), Architektur Macht Erinnerung (2004), Architektur der Wunderkinder – Aufbruch und Verdrängung in Bayern 1945–1960 (2005), Frei Otto – Leicht bauen, natürlich gestalten (2005), Ort und Erinnerung – Nationalsozialismus in München (2006). In letzter Zeit hat sich Nerdinger auch vermehrt mit dem heftig diskutierten Thema Rekonstruktion auseinandergesetzt.[6][7]

EhrungenBearbeiten

Winfried Nerdinger ist Träger des Ritterkreuzes 1. Klasse des Ordens der Weißen Rose der Republik Finnland und erhielt 2006 den Architekturpreis der Landeshauptstadt München. Ferner überreichte ihm der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude 2006 die Medaille „München leuchtet – Den Freunden Münchens“ in Gold (Kulturpreis der bayerischen Landeshauptstadt München) für seine Verdienste als Architekturwissenschaftler. 2009 wurde Winfried Nerdinger mit der Leo-von-Klenze-Medaille, die seit 1996 für herausragende Leistungen in der Architektur, im Wohnungs- und Städtebau und im Ingenieurbau verliehen wird, ausgezeichnet.[8] Im April 2011 erhielt Winfried Nerdinger den Bayerischen Architekturpreis und den Bayerischen Staatspreis für Architektur. Die Bayerische Architektenkammer und die Bayerische Staatsregierung würdigen Nerdingers besonderes Engagement als Architekturhistoriker und Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München sowie seine Verdienste um die Architektur und Baukultur in Bayern. Seit 2015 ist er Mitglied der Academia Europaea.[9]

2017 wurde Nerdinger mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.[10] Am 13. September 2017 erhielt er den „Bene Merito“, die höchste polnische Ehrenmedaille, die vom Außenministerium Polens verliehen wird.[11]

SchriftenBearbeiten

Als Autor

  • Rudolf Belling und die Kunstströmungen in Berlin 1918–1925. Mit einem Katalog der plastischen Werke. Jahresgabe des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 1980. Berlin 1981.
  • Die Architekturzeichnung – Vom barocken Idealplan zur Axonometrie. In Zusammenarbeit mit Florian Zimmermann. München 1985, 2. Auflage 1987; spanische Ausgabe: Dibujos de Arquitectura – Del diseño ideal barroco a la axonometria. Madrid 1987.
  • The Walter Gropius Archive. 3 Bände. New York 1990.
  • Der Architekt Walter Gropius / The Architect Walter Gropius. Berlin 1985, 2. erweiterte Auflage 1996; italienische Ausgabe: Walter Gropius – opera completa. Mailand 1987, 2. Auflage 1993.
  • Theodor Fischer – Architekt und Städtebauer 1862–1938. Mit Beiträgen von Herman van Bergeijk u. a. Berlin 1988; italienische Ausgabe: Theodor Fischer 1862–1938 – Architetto e urbanista. Mailand 1989.
  • Architekturschule München 1868–1993. In Zusammenarbeit mit Katharina Blohm. München 1993.
  • Architektur und Städtebau der 30er/40er Jahre. In Zusammenarbeit mit Werner Durth. Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz Band 46. Bonn 1993.
  • Architekturführer Deutschland 20. Jahrhundert. In Zusammenarbeit mit Cornelius Tafel. Basel 1996; italienische Ausgabe: Germania – Guida all’ architettura del Novecento. Mailand 1995; englische Ausgabe: Germany 20th Century – Architectural Guide. Basel 1996.
  • Architektur, Macht, Erinnerung. Stellungnahmen 1984–2004. Hrsg. Christoph Hölz und Regina Prinz. München 2004.
  • Geschichte, Macht, Architektur. Hrsg. Werner Oechslin. München 2012.
  • Erinnerung gegründet auf Wissen | Remembrance Based on Knowledge. Das NS-Dokumentationszentrum München | The Munich Documentation Centre for the History of National Socialism. München 2018.
  • Das Bauhaus. Werkstatt der Moderne. C.H. Beck München 2018.
  • Walter Gropius. Architekt der Moderne. C.H. Beck München 2019.

Als Herausgeber (Auswahl)

  • Leo von Klenze. Architekt zwischen Kunst und Hof 1784–1864, München u. a. 2000, 2. Aufl.: 2001
  • Gottfried Semper 1803–1879. Architektur und Wissenschaft, München /Zürich 2003 (in Zusammenarbeit mit Werner Oechslin)
  • Frei Otto – Das Gesamtwerk. Leicht bauen – natürlich gestalten, Basel/München 2005; englische Ausgabe: Frei Otto – Complete Works. Lightweight Construction – Natural Design, Basel / Berlin / Boston 2005; chinesische Ausgabe: Frei Otto. Complete Works – Lightweight Constructions. Natural Design, China Architecture & Building Press 2010
  • Architektur wie sie im Buche steht. Fiktive Bauten und Städte in der Literatur, Salzburg 2007; spanische Ausgabe: Arquitectura Escrita, Madrid 2010
  • Geschichte der Rekonstruktion – Konstruktion der Geschichte, München u. a. 2010
  • Die Weisheit baut sich ein Haus. Architektur und Geschichte von Bibliotheken, München u. a. 2011 (in Zusammenarbeit mit Werner Oechslin)
  • Bauen mit Holz. Wege in die Zukunft. Publikation zur Ausstellung im Architekturmuseum der Technischen Universität München in der Pinakothek der Moderne, 10. November 2011 bis 5. Februar 2012, Herausgegeben von Hermann Kaufmann und Winfried Nerdinger in Zusammenarbeit mit Martin Kühfuss, Mirjana Grdanjski. Prestel, München 2011, ISBN 978-3-7913-5180-3.
  • ›L’architecture engagée‹ – Manifeste zur Veränderung der Gesellschaft, München u. a. 2012
  • Der Architekt. Geschichte und Gegenwart eines Berufsstandes. 2 Bände. München 2012.
  • München und der Nationalsozialismus. Katalog des NS-Dokumentationszentrums Beck, München 2015, ISBN 978-3-406-66701-5.
  • In Zusammenarbeit mit Christoph Wilker: Die Verfolgung der Zeugen Jehovas in München 1933–1945. Metropol Verlag, Berlin, 2018. ISBN 978-3-86331-401-9.

LiteraturBearbeiten

  • Helmut Gebhard, Willibald Sauerländer (Hrsg.): Feindbild Geschichte: Positionen der Kunst und Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Symposion zum 60. Geburtstag von Winfried Nerdinger. Wallstein, Göttingen 2007, ISBN 978-3-8353-0166-5.
  • Uwe Kiessler (Hrsg.): Architektur im Museum 1977–2012. Winfried Nerdinger. Förderverein des Architekturmuseums der TU München, München 2012.

AusstellungenBearbeiten

Die drei Bände Architektur Ausstellen / Exhibiting Architecture 1977–2012 sind über Commons[12] als PDF abrufbar.

Ausstellungen 2002–2012: Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne

  • Exemplarisch. Konstruktion und Raum in der Architektur des 20. Jahrhunderts (17. September 2002 – 23. März 2003)
  • Dinner for Architects. Serviettenskizzen für das Architekturmuseum (10. April –18. Mai 2003)
  • Gottfried Semper, 1803–1879. Architektur und Wissenschaft (4. Juni – 31. August 2003)
  • The Unbuilt Monuments. Computeranimationen von Takehiko Nagakura (16. September – 28. September 2003)
  • SchauSpielRaum. Theaterarchitektur (16. Oktober 2003 – 18. Januar 2004)
  • Otto Steidle. Land Stadt Haus (20. November 2003 – 21. März 2004)
  • Die Stadt des Monsieur Hulot,. Jacques Tatis Blick auf die moderne Architektur (19. Februar – 2. Mai 2004)
  • show me the future, wege in die zukunft. engineering und design von Werner Sobek (27. Mai – 29. August 2004)
  • Von innen und außen bewegt. Diener & Diener (30. September 2004 – 9. Januar 2005)
  • Kazunari Sakamoto. Häuser – Poetik im Alltäglichen (21. Oktober 2004 – 9. Januar 2005)
  • Architektur der Wunderkinder. Aufbruch und Verdrängung in Bayern 1945–1960 (3. Februar – 30. April 2005)
  • Die Neuen kommen! Weibliche Avantgarde in der Architektur der zwanziger Jahre (20. April – 5. Juni 2005)
  • Frei Otto. Leicht bauen, natürlich gestalten (26. Mai – 28. August 2005)
  • Ideale Stadt – Reale Projekte. Architekten von Gerkan, Marg und Partner in China (30. Juni – 2. Oktober 2005)
  • Heinz Tesar. Architektur beginnt vor der Architektur (29. September 2005 – 8. Januar 2006)
  • Ort und Erinnerung. Nationalsozialismus in München (22. Februar – 28. Mai 2006)
  • Architektur+Sport. Vom antiken Stadion zur modernen Arena (1. Juni – 3. September 2006)
  • 1234 – die architektur von sauerbruch hutton (22. Juni – 22. Oktober 2006)
  • Architektur wie sie im Buche steht. Fiktive Bauten und Städte in der Literatur (8. Dezember 2006 – 11. März 2007)
  • 100 Jahre Deutscher Werkbund 1907|2007 (19. April – 26. August 2007)
  • Architektur, Menschen und Ressourcen. Baumschlager-Eberle 2002|2007 (11. Oktober 2007 – 13. Januar 2008)
  • Architektur im Kreis der Künste. 200 Jahre Kunstakademie München (15. Februar – 18. Mai 2008)
  • In Sand gezeichnet. Entwürfe von Alvar Aalto (12. Juni – 5. Oktober 2008)
  • Sep Ruf 1908–1982. Moderne mit Tradition (31. Juli – 5. Oktober 2008)
  • Munio Weinraub | Amos Gitai. Architektur und Film in Israel (6. November 2008 – 8. Februar 2009)
  • Multiple City. Stadtkonzepte 1908|2008 (4. Dezember 2008 – 1. März 2009)
  • Klaus Kinold. Der Architekt photographiert Architektur (12. März – 31. Mai 2009)
  • Jabornegg & Pálffy. Bauen im Bestand (25. Juni – 27. September 2009)
  • Die Kunst der Holzkonstruktion. Chinesische Architekturmodelle (22. Oktober 2009 – 28. Februar 2010)
  • Zlín. Modellstadt der Moderne (19. November 2009 – 21. Februar 2010)
  • Wendepunkt(e) im Bauen. Von der seriellen zur digitalen Architektur (18. März – 13. Juni 2010)
  • Von Kapstadt nach Brasília. Neue Stadien der Architekten von Gerkan, Marg und Partner (22. April – 20. Juni 2010)
  • Geschichte der Rekonstruktion. Konstruktion der Geschichte (22. Juli – 31. Oktober 2010)
  • Material Zeit. Wandel Hoefer Lorch & Hirsch (9. Dezember 2010 – 6. März 2011)
  • Fotografie für Architekten. Die Fotosammlung des Architekturmuseums der TU München (31. März – 19. Juni 2011)
  • Walter Benjamin: Eine Reflexion in Bildern (8. April – 19. Juni 2011)
  • Die Weisheit baut sich ein Haus. Architektur und Geschichte von Bibliotheken (14. Juli – 16. Oktober 2011)
  • Bauen mit Holz. Wege in die Zukunft (10. November 2011 – 5. Februar 2011)
  • John Pawson (1. März – 20. Mai 2012)
  • L’architecture engagée. Manifeste zur Veränderung der Gesellschaft (14. Juni – 2. September 2012)
  • Le Corbusier. Le poème de l’angle droit (21. Juni – 2. September 2012)
  • Der Architekt. Geschichte und Gegenwart eines Berufsstandes (27. September 2012 – 3. Februar 2013)
  • Die Befreiungshalle in Kelheim. Vom Nationaldenkmal zum Erbe der Welt (9. August 2013 – 27. Oktober 2013, Archäologisches Museum der Stadt Kelheim)

WeblinksBearbeiten

Commons: Winfried Nerdinger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. PressReader vom 23. August 2014, abgerufen am 1. Oktober 2017
  2. Akademie der Schönen Künste: Nerdinger neuer Präsident
  3. GGF: Otto von Freising-Gastprofessur - Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt. Abgerufen am 31. Mai 2019.
  4. Weiße Rose Gedächtnisvorlesung. LMU München.
  5. Über uns/die Aktiven, Website der Alvar-Aalto-Gesellschaft, abgerufen am 24. März 2012.
  6. von Roman Hillmann: Das Prinzip Rekonstruktion. S. Institut für Denkmalpflege und Bauforschung der ETH Zürich und Architekturmuseum der TU München, Zürich, 24. und 25. Januar 2008, abgerufen am 20. Mai 2018.
  7. http://www.stmwfk.bayern.de/downloads/aviso/2008_1_aviso_rekonstruktion.pdf@1@2Vorlage:Toter Link/www.stmwfk.bayern.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  8. BayStMI: Die Leo-von-Klenze-Medaille
  9. Winfried Nerdinger auf der Website der Academia Europaea
  10. Kunst- und Wissenschaftsminister Dr. Spaenle händigt Prof. Dr.-Ing. Winfried Nerdinger aus München das Bundesverdienstkreuz am Bande aus.
  11. Prof. Dr.-Ing. Winfried Nerdinger erhält die Bene Merito Ehrenmedaille des Außenministers der Republik Polen.
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