Waschascha

altes Volk in Ägypten

Waschascha (auch Wašaša, Waschasch, Waschesch, Weschesch, Wešeš, Uashashau oder Uasheshu) ist die Bezeichnung eines Volkes, das in altägyptischen Quellen der 20. Dynastie des Neuen Reiches verzeichnet ist. Es bildete einen Teil der sogenannten Seevölker, die Ägypten um 1177 v. Chr. angriffen und durch Pharao Ramses III. im Nildelta besiegt wurden.

Waschascha in Hieroglyphen
V4G1M8G1M8G1T14 A1 Z3
N25

W3š3š3[1]
Waschascha
V4G1N37
N37
T14 A2 Z3

W3šš[2]
Waschesch

Quellen und DeutungenBearbeiten

Unter den „Seevölkern“ sind die Waschascha (w3š3š3), neben den Akjawascha (jḳ3w3š3), am wenigsten belegt. Ihre Herkunft ist ungeklärt. Die Waschascha werden nur in Texten zur Regentschaft Ramses’ III. erwähnt. Dazu gehören der Siegesbericht am zweiten Pylon des Totentempels Ramses’ III. in Medinet Habu und Spalte 76 des Papyrus Harris I (auch großer Papyrus Harris).[3][4] Ikonografisch sind die Waschascha nicht fassbar, sodass ihr Erscheinungsbild unklar bleibt.[5] Im Tempel von Medinet Habu ist für das Jahr 8 der Regierungszeit Ramses’ III. in ägyptischen Hieroglyphen zu lesen:

 
Erwähnung der Waschascha im Totentempel Ramses’ III. in Medinet Habu (unteres Viertel der mittleren Kolumne)
 
Waschascha in Hieroglyphenschrift

„Es wurde ein Lager aufgeschlagen an einem Ort im Inneren von Amurru. Sie vernichteten seine Leute und sein Land, als sei es nie gewesen. Sie kamen nun, indem die Flamme vor ihnen bereitet war, vorwärts gegen Ägypten, ihre Zwingburg (?). Die plst, ṯkr, šklš, dnjn und wšš, verbündete Länder, legten ihre Hände auf alle Länder bis ans Ende der Welt; ihre Herzen waren zuversichtlich und vertrauensvoll: Unsere Pläne gelingen.“[3]

Einen ersten Vorschlag zur Herkunft der Waschascha versuchte 1872 François Chabas, der sie auf Grund lautlicher Ähnlichkeiten mit den italischen Oskern gleichsetzte,[6] die zumindest zur Zeit der Großen Griechischen Kolonisation (ab dem 8. Jahrhundert v. Chr.) in Süditalien ansässig waren. Dies widersprach der von Gaston Maspero vertretenen „Anatolischen These“ zur Heimat der Seevölker, der die Waschascha 1873 mit dem karischen Namen Wassos verband. Henry R. Hall, der die Auffassung Masperos übernahm, dass die Seevölker aus dem östlichen Mittelmeerraum stammten, identifizierte sie 1922 mit den kretischen Waksioi.[7] Dem folgend meinte der Ägyptologe und Althistoriker Peter W. Haider 1988, dass die Waschascha aus Ostkreta stammen könnten.[8] In der neueren Forschung wird zuweilen auch eine Verbindung mit Iasos an der südlichen Westküste Kleinasien vertreten.[9] Die Namensendung der Waschascha auf sch deutet auf eine Zuordnung zur „alteingesessenen ägäischen Bevölkerung“.[5]

 
Papyrus Harris I, Spalte 76
(Nennung der Waschascha in Zeile 7)

Einige Wissenschaftler setzen die Waschascha mit den Akjawascha gleich,[10] die nur unter Pharao Merenptah erwähnt sind und oft mit den Achäern in den Epen Homers und dem in hethitischen Quellen erwähnten – sehr wahrscheinlich mykenischen – Reich Aḫḫijawa verbunden werden. Die Akjawascha sind in Zusammenhang mit dem Libyerkrieg im fünften Regierungsjahr Merenptahs auf der Athribis-Stele aus Kom el-Ahmar und in der Siegesinschrift im Hof hinter dem siebenten Pylon des Karnak-Tempels, dem Cachettehof, belegt.[11] Eine Gemeinsamkeit zwischen den Akjawascha und den Waschascha besteht in der Zuweisung „vom Meer“, die beide mit den Schardana (š3rdn) teilen.[12][13] Im Papyrus Harris I, geschrieben im Todesjahr Ramses’ III. in linksläufiger hieratischer Schrift, heißt es dazu in den Zeilen 6 bis 8 der Spalte 76 (Übersetzung von Wolja Erichsen):

„Ich (Ramses III) erweiterte alle Grenzen Ägyptens und schlug alle, die sie von ihren Ländern aus angegriffen hatten. Ich tötete die dnjn, die auf ihren Inseln sind, die ṯkr und die plst sind zur Asche geworden. Die šrdn und die wšš des Meeres wurden, als hätten sie nie existiert. Sie wurden gefangengenommen und in Gefangenschaft nach Ägypten gebracht, (zahlreich) wie der Sand am Meeresufer. Ich siedelte sie in Festungen an, bezwungen in meinem Namen. Ihre Militärtrupps waren zahlreich wie Hunderttausende. Ich bevorratete sie alle jedes Jahr mit Kleidung und Essen auf Staatskosten aus den Speichern.“[14][15][16][17]

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Frederik Christiaan Woudhuizen: The Ethnicity of the Sea Peoples. Erasmus Universiteit, Rotterdam 2006, A Historiographic Outline, S. 36 (yumpu.com [abgerufen am 10. April 2016]).
  2. Ernest A. T. Wallis Budge: An Egyptian Hieroglyphic Dictionary. Band I. Murray, London 1920, S. 149 (Textarchiv – Internet Archive).
  3. a b Edward Noort: Die Seevölker in Palästina. Kampen 1994, S. 56–57 (books.google.de [abgerufen am 10. April 2016]).
  4. Samuel Birch (Hrsg.): Facsimile of an Egyptian hieratic papyrus of the reign of Rameses III, now in the British Museum. Papyrus Harris no 1. British Museum, Department of Egyptian and Assyrian Antiquities, London 1876, Plate LXXVI, S. 28 und 76 (digi.ub.uni-heidelberg.de – Englische Übersetzung digi.ub.uni-heidelberg.de [abgerufen am 10. April 2016]).
  5. a b Heike Sternberg-el Hotabi: Der Kampf der Seevölker gegen Pharao Ramses III. Rahden 2012, S. 50.
  6. Heike Sternberg-el Hotabi: Der Kampf der Seevölker gegen Pharao Ramses III. Rahden 2012, S. 37.
  7. Heike Sternberg-el Hotabi: Der Kampf der Seevölker gegen Pharao Ramses III. Rahden 2012, S. 38.
  8. Heike Sternberg-el Hotabi: Der Kampf der Seevölker gegen Pharao Ramses III. Rahden 2012, S. 41.
  9. Alexander Herda: Karkiša-Karien und die sogenannte Ionische Migration. In: Frank Rumscheid (Hrsg.): Die Karer und die Anderen. Internationales Kolloquium an der Freien Universität Berlin 13. bis 15. Oktober 2005 (2009), S. 57 f. Anm. 158 (mit Belegen).
  10. Shell Peczynski: The Sea People and their Migration. Rutgers University, New Brunswick (New Jersey) 2009, The Confederation of Lands and Tribes United to Form the Sea Peoples Front, S. 43 (history.rutgers.edu [PDF; 3,2 MB; abgerufen am 10. April 2016]).
  11. Heike Sternberg-el Hotabi: Der Kampf der Seevölker gegen Pharao Ramses III. Rahden 2012, S. 19–22.
  12. Shelley Wachsmann: The Gurob Ship-Cart Model and its Mediterranean Context. Texas A&M University Press, 2013, ISBN 978-1-60344-429-3, S. 142 (books.google.de).
  13. Shell Peczynski: The Sea People and their Migration. Rutgers University, New Brunswick (New Jersey) 2009, The Confederation of Lands and Tribes United to Form the Sea Peoples Front, S. 39 (history.rutgers.edu [PDF; 3,2 MB; abgerufen am 10. April 2016]).
  14. Edward Noort: Die Seevölker in Palästina. Kampen 1994, S. 83 (books.google.de).
  15. Helmuth Th. Boßert: Alt Kreta: Kunst und Kunstgewerbe im ägäischen Kulturkreise. Wasmuth, Berlin 1921, Scherden, S. 51 (digi.ub.uni-heidelberg.de).
  16. August Eisenlohr: Der große Papyrus Harris. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig 1872, S. 27 (Textarchiv – Internet Archive).
  17. August Strobel: Der spätbronzezeitliche Seevölkersturm. de Gruyter, Berlin 1976, ISBN 3-11-006761-7, Der Seevölker-Sturm in Historie und Mythos, S. 18 (books.google.de).