Tretinoin

organische Verbindung, Arzneistoff

Tretinoin, auch Vitamin-A-Säure (kurz: VAS) bzw. all-trans-Retinsäure (engl.: all-trans-retinoic acid, kurz: ATRA) ist eine Substanz, deren chemische Struktur sich vom Vitamin A1 (Retinol) ableitet. Sie zählt zu den nicht-aromatischen Retinoiden der ersten Generation.

Strukturformel
Strukturformel von Tretinoin
Allgemeines
Freiname Tretinoin
Andere Namen

all-trans-3,7-Dimethyl-9-(2,6,6-trimethyl-1-cyclohexenyl)nona-2,4,6,8-tetraensäure

Summenformel C20H28O2
Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 302-79-4
EG-Nummer 206-129-0
ECHA-InfoCard 100.005.573
PubChem 444795
ChemSpider 392618
DrugBank DB00755
Wikidata Q29417
Arzneistoffangaben
ATC-Code
Wirkstoffklasse

nicht-aromatisches Retinoid

Eigenschaften
Molare Masse 300,435 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Schmelzpunkt

182 °C[1]

Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [1]
07 – Achtung 09 – Umweltgefährlich

Achtung

H- und P-Sätze H: 302​‐​411
P: 273 [1]
Toxikologische Daten

2000 mg·kg−1 (LD50Ratteoral)[1]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

DarstellungBearbeiten

Tretinoin entsteht durch Oxidation von all-trans-Retinal, das sich durch Oxidation aus all-trans-Retinol gewinnen lässt:

AnwendungsgebieteBearbeiten

Tretinoin findet als Arzneistoff Anwendung: Systemisch wird es in der Therapie der Akuten Promyelozytenleukämie (APL) eingesetzt, ein Subtyp der Akuten myeloischen Leukämie (AML). Topisch kommt es als wirksamer Bestandteil von Creme- und Gelzubereitungen oder alkoholischen Lösungen bei der Therapie der Akne und weiterer hyperkeratotischer Hautkrankheiten sowie in der Kosmetik zum Einsatz. Tretinoin ist in Europa und Nordamerika zugelassen, entsprechende Medikamente sind in der Regel rezeptpflichtig.

WirkungsmechanismenBearbeiten

  • Durch eine Translokation auf genetischer Ebene entsteht in den Promyelozyten ein Hybridrezeptor für die Retinsäure. Es kommt zu einer Aktivierung der Zellteilung und damit zur Expansion leukämischer Zellen. Systemisch eingesetztes Tretinoin greift in diesen Prozess ein, indem es zu einer Differenzierung (Ausreifung) der Leukämiezellen führt. Es entstehen reife Granulozyten mit Verlust der mitotischen Aktivität. Tretinoin wird in Kombination mit Chemotherapie eingesetzt und erbringt so Heilungsraten von bis zu 80 Prozent.
  • Tretinoin stimuliert die Mitosetätigkeit an keratinisierenden Epithelien und hemmt gleichzeitig die Keratinproduktion. So kommt es zur Parakeratose und Verdünnung des Stratum corneum. Für die Therapie der Akne bedeutet das, dass die pathologisch veränderte Zelldifferenzierung der Keratinozyten im Follikelinfundibulum günstig beeinflusst, die Kohärenz der Hornlamellen gelöst und der Keratinpfropf aus dem Follikelinfundibulum herausgehoben wird. Neben echter Komedolyse erfolgt auch eine Prophylaxe gegen Komedonenneubildung.[2]
  • Tretinoin bietet ein breites immunmodulatorisches Spektrum: In Abhängigkeit vom Zustand der behandelten Haut kann es immunsuppressiv, immunstimulatorisch, proinflammatorisch oder antiinflammatorisch wirken.

NebenwirkungenBearbeiten

Bei der Behandlung der Promyelozytenleukämie kann es durch die Bindung der nun ausgereiften Leukämiezellen an die Lungengefäße zu einem akuten Atemnotsyndrom kommen. Dabei kann eine Flüssigkeitseinlagerung (Pleura- oder Perikarderguss bzw. Lungenödem) oder eine Infiltratbildung in der Lunge mit Fieber auftreten. Zur Behandlung des Atemnotsyndroms wird die systemische Zufuhr von Tretinoin unterbrochen. Die Letalität des Syndroms beträgt rund 10 %.[3] Darüber hinaus können bei der systemischen Anwendung Kopfschmerzen, Pseudotumor cerebri sowie unerwünschte Wirkungen an Haut und Gastrointestinaltrakt auftreten.[4]

Kombinationen mit anderen WirkstoffenBearbeiten

Zur Verbesserung des therapeutischen Effektes und Verringerung unerwünschter Wirkungen bei der topischen Anwendung wird Tretinoin mit anderen Wirkstoffen kombiniert. Als Fertigpräparate werden zur Aknetherapie die Kombination mit dem Antibiotikum Erythromycin und zur Behandlung schwerer Verhornungsstörungen wie Ichthyosis die Kombination mit Harnstoff (Urea) angeboten.

2013 fand eine prospektive Vergleichsstudie mit 60 Teilnehmern, dass die Kombination von Tretinoin mit einem bestimmten Aloe Vera-Gel nach acht Wochen Behandlung ein besseres Ergebnis bei leichter bis mittelschwerer Akne erzielte als das Retinoid allein.[5]

Schwangerschaft und StillzeitBearbeiten

Bei gebärfähigen Frauen darf Tretinoin aufgrund seiner allgemein teratogenen Wirkung nicht oder nur nach Ausschluss einer Schwangerschaft systemisch angewandt werden. Der Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) schätzt ein, dass nach topischer Retinoidanwendung die systemische Exposition voraussichtlich vernachlässigbar ist und schädliche Wirkungen auf den Fötus unwahrscheinlich sind. Übermäßige Anwendung und eine geschädigte Hautbarriere könnten jedoch zu einer erhöhten systemischen Exposition führen, so dass das teratogene Risiko auch nach lediglich topischer Anwendung nicht vollständig auszuschließen ist. Vorsichtshalber und vor dem Hintergrund, dass die topische Anwendung keine lebensbedrohlichen Erkrankungen betrifft, empfahl der PRAC, dass die Anwendung topischer Retinoide, Tretinoin inklusive, während der Schwangerschaft und bei Frauen, die eine Schwangerschaft planen, kontraindiziert sein soll.[6]

Siehe auchBearbeiten

HandelsnamenBearbeiten

Monopräparate

Airol (D, CH), Cordes VAS (D),[7] Eudyna (A), Retin-A (A, CH), Vesanoid (D, A, CH)

Kombinationspräparate

Aknemycin plus (D), Balisa VAS (D), Carbamid + VAS Creme Widmer (D, CH), Keratosis Creme forte (A), Pigmanorm (D, CH), Sebo-psor (CH), Ureotop + VAS Creme (D), Verra-med (CH)

Vesanoid wird als Kapsel eingenommen während die anderen Präparate als Lösung, Creme oder Salbe äußerlich angewendet werden.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d Datenblatt Retinoic acid bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 24. April 2011 (PDF).
  2. Fanta, Messeritsch-Fanta, Steyr: Akne 1999: brauchen wir den Hautarzt noch? In: Der Hautarzt. 12/1999, S. 900–911; Springer-Verlag. Vorschau und Volltext@1@2Vorlage:Toter Link/www.springerlink.com (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. .
  3. M. Wetzler, G. Marcucci, C. Bloomfield: Acute and Chronic Myeloid Leukemia. In: Dan L. Longo, Anthony S. Fauci u. a. (Hrsg.): Harrison's Principles of Internal Medicine. 18. Auflage. Band 1, S. 912.
  4. Edward A. Sausville, Dan L. Longo: Principles of Cancer treatment. In: Dan L. Longo, Anthony S. Fauci u. a. (Hrsg.): Harrison's Principles of Internal Medicine. 18. Auflage. Band 1, S. 705.
  5. Zohreh Hajheydari, Majid Saeedi, Katayoun Morteza-Semnani, Aida Soltani: Effect of Aloe vera topical gel combined with tretinoin in treatment of mild and moderate acne vulgaris: a randomized, double-blind, prospective trial. In: Journal of Dermatological Treatment. 2013, S. 1–7, doi:10.3109/09546634.2013.768328, PMID 23336746.
  6. Anhang II zum Durchführungsbeschluss der Kommission vom 21. Juni 2018 betreffend die Zulassungen für die Humanarzneimittel „Retinoide (acitretin, adapalen, alitretinoin, bexaroten, isotretinoin, tazaroten, tretinoin)“ gemäß Artikel 31 der Richtlinie 2001/83/EG des Europäischen Parlaments und des Rates (PDF).
  7. ROTE LISTE 2017, Verlag Rote Liste Service GmbH, Frankfurt am Main, ISBN 978-3-946057-10-9, S. 223.