Hauptmenü öffnen

Stefan Kühl

deutscher Soziologe und Historiker

LebenBearbeiten

Nach Zivildienst bei der Offenen Behindertenarbeit der Evangelischen Jugend München, studierte er Soziologie, Geschichtswissenschaft und Wirtschaftswissenschaft an der Universität Bielefeld, der Johns Hopkins University Baltimore, der Université Paris X-Nanterre und University of Oxford.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter war er an der Université de Bangui (Zentralafrikanische Republik), der Universität Magdeburg und der Universität München tätig. Er promovierte in Soziologie an der Universität Bielefeld mit einer Arbeit über die internationale Verflechtung in der Eugenik und Rassenhygiene und in Wirtschaftswissenschaft an der Technischen Universität Chemnitz mit einer Arbeit über Risikokapital in der New Economy.

Er habilitierte sich in Soziologie an der Universität München mit einer Arbeit über neue Organisationsformen. Er war Gastprofessor an der Venice International University und der Universität Hamburg. Er war von 2004 bis 2007 Professor für Soziologie an der Helmut-Schmidt-Universität – Universität der Bundeswehr Hamburg. Seit 2007 ist er Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld.

Forschungsgebiete: Gesellschaftstheorie, Organisationssoziologie, Interaktionssoziologie, Arbeitssoziologie, Professionssoziologie, Wissenschaftsgeschichte.

ForschungenBearbeiten

Dezentralisierte OrganisationsformenBearbeiten

Organisationssoziologischer Schwerpunkt sind die ungewollten Nebenfolgen neuer Organisationsformen in Unternehmen, Verwaltungen, Universitäten, Ministerien und Krankenhäusern. Dabei wurden insbesondere das „Politisierungsdilemma“, „Komplexitätsdilemma“ und „Identitätsdilemma“ herausgearbeitet, die bei sehr weitgehender Dezentralisierung und Abflachung der Hierarchie in Organisationen entstehen können.[1]

Eugenik und RassenhygieneBearbeiten

Wissenschaftssoziologischer Forschungsschwerpunkt ist die internationale wissenschaftliche Verflechtung in der Eugenik und Rassenhygiene. Nachdem die "Nazi Connection" von US-amerikanischen Eugenikern zu NS-Rassenpolitikern in der Zeit vor und nach 1933 nachgewiesen werden konnte, konzentrierte sich die Forschung besonders auf Bedeutung der internationalen Kooperation bei der Etablierung von Eugenik und Rassenhygiene als wissenschaftliche Disziplinen Anfang des 20. Jahrhunderts.

RisikokapitalfinanzierungBearbeiten

Wirtschaftssoziologischer Forschungsschwerpunkt ist die Auswirkung einer Finanzierung über Risikokapital auf die Struktur von Unternehmen. Durch die Finanzierung über Risikokapital entstehe ein Exit-Kapitalismus, in den alle Beteiligten am Beginn einer Unternehmung an ihren baldigen Ausstieg denken. Mit Exit-Kapitalismus wird dabei eine Sichtweise von Kapitalbesitzern bezeichnet, denen es darum geht, einmal erworbene Unternehmensanteile nach kurzer Zeit mit einem hohen Exit-Profit zu verkaufen.[2]

Coaching und SupervisionBearbeiten

In der Forschung über Coaching und Supervision geht es vorrangig um die Einordnung dieser personenorientierten Beratungsansätze in die allgemeine Organisationstheorie.[3] Bekannt wurden die Forschungen besonders durch die These, dass es in der Coachingszene eine Scharlatanerieproblem gibt, weil es nur rudimentäre Ansätze zur Bildung einer Profession gäbe.[4] Kontrovers diskutiert wurde die aus der soziologischen Systemtheorie abgeleitete These, dass die Personalentwicklungsinstrumente Coaching und Supervision ein stumpfes Schwert zur Veränderung der Struktur von Organisationen ist, aber wichtige latente Funktionen haben, weil Konflikte in Organisationen in personenorientierten Beratungssettings isoliert und so strukturelle Konflikte personalisiert werden.[5]

HochschulenBearbeiten

Im Rahmen der Entwicklung einer systemtheoretischen Organisationssoziologie ist eine auch in der Hochschulpolitik-Diskussion wahrgenommene Kritik an der Bologna-Reform entstanden.[6] Als Ursache für die wachsende Bürokratisierung der Hochschulen und die zunehmende Verschulung von Bachelor- und Masterstudiengängen werden nicht eine neoliberale Verschwörung zum Umbau der Hochschulen, Steuerungsphantasien von Hochschulleitungen oder handwerkliches Ungeschick bei der Konzeption von Studiengängen identifiziert. Vielmehr werden die Probleme der Bologna-Reform als ungewollte Nebenfolge der Einführung von Leistungspunkten (ECTS-Punkte) verstanden. Durch den Zwang jede Arbeitsstunde eines der Studierende in eine Zeiteinheit vorauszuplanen entstände ein „Sudoku-Effekt“ – die Notwendigkeit, die in Leistungspunkten ausgedrückten Veranstaltungen, Prüfungen und Module so miteinander zu kombinieren, dass das Studium punktemäßig „aufgeht“.[7]

Veröffentlichungen (Auswahl)Bearbeiten

OrganisationsforschungBearbeiten

  • Der Sudoku-Effekt. Hochschulen im Teufelskreis der Bürokratie. Eine Streitschrift. Bielefeld: transcript Verlag, 2012.
  • Organisationen. Eine sehr kurze Einführung. Wiesbaden: VS Verlag, 2011.
  • Coaching und Supervision. Zur personenzentrierten Beratung in Organisationen. Wiesbaden: VS Verlag, 2008.
  • Sisyphus im Management. Die verzweifelte Suche nach der optimalen Organisationsstruktur. Frankfurt a. M.; New York: Campus, 2. Auflage 2015 (1. Auflage 2002).
  • Das Regenmacher-Phänomen. Widersprüche und Aberglauben im Konzept der lernenden Organisation. Frankfurt a. M.; New York: Campus, 2. Auflage 2015 (1. Auflage 2002).
  • Wenn die Affen den Zoo regieren. Die Tücken der flachen Hierarchien. Frankfurt a. M.; New York: Campus; 6. Auflage 2015 (1. Auflage 1994).

Wirtschafts-, Arbeits- und IndustrieforschungBearbeiten

  • Exit. Wie Risikokapital die Regeln der Wirtschaft verändert. Frankfurt a. M.; New York: Campus, 2003.
  • Arbeits- und Industriesoziologie. Eine Einführung. Bielefeld Transcript, 2004.

Wissenschafts- und TechnikforschungBearbeiten

  • The Nazi Connection. Eugenics, American Racism and German National Socialism. New York; Oxford: Oxford University Press; 1994, 2. Auflage 2002, (Übersetzung in die japanische Sprache 1999).
  • Die Internationale der Rassisten: Aufstieg und Niedergang der internationalen eugenischen Bewegung im 20. Jahrhundert. 2. aktualisierte Auflage. Frankfurt a. M.; New York: Campus, 2014.

GenozidforschungBearbeiten

  • Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust. Berlin: Suhrkamp, 2015[8]

HerausgeberschaftenBearbeiten

Methoden empirischer SozialforschungBearbeiten

  • Handbuch Methoden der Organisationsforschung. Quantitative und Qualitative Methoden (herausgegeben mit Petra Strodtholz und Andreas Taffertshofer). Wiesbaden: VS Verlag, 2009.
  • Handbuch der quantitativen Methoden der empirischen Sozialforschung (herausgegeben mit Petra Strodtholz und Andreas Taffertshofer). Opladen: VS-Verlag, 2005.
  • Methoden der Organisationsforschung. Ein Handbuch (herausgegeben mit Petra Strodtholz). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002.

BeratungsforschungBearbeiten

  • Black Box Beratung? Empirische Studien zu Coaching und Supervision (herausgegeben mit Karolina Galdynski). Wiesbaden: VS Verlag, 2009.
  • Organisation und Intervention. Ansätze für eine sozialwissenschaftliche Fundierung von Organisationsberatung (mit Manfred Moldaschl). München und Mering: Rainer Hampp Verlag, 2010.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Stefan Kühl (1998): Wenn die Affen den Zoo regieren. Die Tücken der flachen Hierarchien. Frankfurt a. M./New York: Campus, S. 82ff.
  2. Stefan Kühl (2002): Exit. Wie Risikokapital die Regeln der Wirtschaft verändert. Frankfurt a. M.; New York: Campus, S. 14ff.
  3. Stefan Kühl (2008): Coaching und Supervision. Zur personenorientierten Beratung in Organisationen. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.
  4. Archivierte Kopie (Memento vom 23. Mai 2014 im Internet Archive)
  5. Stefan Kühl (2008): Coaching und Supervision. Zur personenorientierten Beratung in Organisationen. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S. 153.
  6. Siehe zur Diskussion unter den Wissenschaftsministern die Stellungnahme von Mathias Brodkorb Archivierte Kopie (Memento vom 19. Januar 2015 im Internet Archive)
  7. Stefan Kühl (2012): Der Sudoku-Effekt. Hochschulen im Teufelskreis der Bürokratie. Eine Streitschrift. Bielefeld: transcript.
  8. Micha Brumlik: Ganz normale Organisationen. Rezension, in: taz, 8. November 2014, S. 16