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Der Begriff Sozialethik, auch Gesellschaftsethik genannt, bezeichnet einen Teilbereich der angewandten Ethik, der sich vorwiegend mit den gesellschaftlichen Bedingungen eines guten Lebens befasst. Hieraus ergeben sich Fragen nach der Stellung des Individuums in der Gesellschaft, nach Werten wie Freiheit, Toleranz, Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit und richtigen Strukturen für gesellschaftliche Institutionen wie Recht, Wirtschaft, Unternehmensethik, Arbeit, Ehe, Familie, Migration, Kultur, Medien oder dem Gesundheitssystem, nach gerechtem Lohn oder Armut und der Umsetzung dieser Themen in der Politik.

In der Sozialethik wird der Gegenstand der Ethik vom Individuum auf die soziale Ordnung hin verschoben. Ihr Gegenstandsbereich berührt sich mit dem der „Soziallehre“, die aber häufig, z.B. in der Katholischen Soziallehre, als lehramtliche Sozialdoktrin verstanden wurde. Im nicht konfessionell geprägten Feld der Philosophie hat sich dafür eher der Ausdruck „politische Philosophie“ eingebürgert. Inzwischen hat sich das sozialethische Themenspektrum auf zahlreiche Fragen der angewandten Ethik erweitert.

Außer in der christlichen Theologie und Soziallehre gibt es wissenschaftliche Reflexionen über normative Vorgaben und Zielvorstellungen sozialen Verhaltens auch schon früher in der Sozialphilosophie, der Gesellschafts- und Staatstheorie sowie in der Wirtschaftstheorie. [1]

Der Begriff der Sozialethik entstand im Kontext gesellschaftlicher Wandlungsprozesse des 19. Jahrhunderts und wurde erstmals von Alexander von Oettingen eingeführt.[2] Im weiteren Verlauf der Ideen-Geschichte hat der Begriff insbesondere für die Christlichen Soziallehre Bedeutung erlangt. Während die Sozialethik in der katholischen Soziallehre als Teilgebiet der Ethik, etwa neben der Individualethik, verstanden wird, hat sich in der evangelischen Soziallehre weitgehend die Vorstellung durchgesetzt, dass ethische Probleme überhaupt erst im Zusammenleben der Menschen entstehen, so dass Ethik im Prinzip immer Sozialethik ist. [3]

Inhaltsverzeichnis

Abgrenzung zu anderen DisziplinenBearbeiten

Das Verhältnis von Sozial- und Individualethik ist in der Literatur umstritten. Trotz der inzwischen unbestrittenen Unterscheidung zwischen Individual- und Sozialethik dauert die Diskussion über deren Zuordnung bis heute an, wobei in jüngerer Zeit darauf hingewiesen wird, dass die sozialethischen Fragestellungen gegenüber den individualethischen an Bedeutung gewonnen haben. [4] Viktor Cathrein vertrat die Ansicht, dass sich die Ethik direkt an die Individuen und nur indirekt oder mittelbar an die Gesellschaft richtet. Die Ethik sei daher wesentlich als Individualethik aufzufassen. Dagegen wies Arthur F. Utz ausdrücklich auf die Eigenständigkeit der Sozialethik gegenüber der Individualethik hin, die er beide aus der „Personalen Ethik“ ableitete. Das Sozialethische sei immer dort gegeben, „wo zwischen zwei oder mehreren Menschen eine übergeordnete Einheit begriffen wird, in welcher nicht mehr dieser oder jener in seiner gesonderten Beziehung zum eigenen Ziel, sondern vielmehr beide zusammen als Ganzes erfaßt werden.“[5] Das Individuum könne keine vom Ganzen getrennten Zwecke verfolgen, da es sonst sinnwidrig handeln würde, weswegen Utz in gewisser Weise der Sozialethik eine Vorrangstellung gegenüber der Individualethik einräumt.

Bezüglich des Verhältnisses von Moraltheologie und Christlicher Sozialethik werden grundsätzlich zwei verschiedene Positionen vertreten[6]:

  1. Die Moraltheologie und die Sozialethik werden als Teildisziplinen der Theologischen Ethik verstanden und somit eine - wenn auch nicht unbedingt gleichwertige - Eigenständigkeit der Sozialethik gewährleistet
  2. Die Moraltheologie wird der Sozialethik übergeordnet, wobei diese als ein Teilgebiet der speziellen Moraltheologie angesehen wird.

BegriffsgeschichteBearbeiten

Der Begriff „Sozialethik“ wird 1867 vom lutherischen Theologen Alexander von Oettingen eingeführt [7] Er will damit eine neue Form der Ethik zu begründen, die eine „inductiv-numerische Erfahrungswissenschaft“ von den „sittlichen Bewegungsgesetzen“ sein soll. [8] Während der Ansatz von Oettingens primär von protestantischen Sozialkonservativen rezipiert wird, orientiert sich der Katholizismus an der „Soziallehre“ der Kirche. Durch neuscholastische Ethiker wird diese primär als Ableitung einer „christlichen Gesellschaft“ aus dem „Naturrecht“ konzipiert. [9] Prinzipien der „katholischen Soziallehre“ sind „Personwürde“, Solidarität, Subsidiarität und Sozialpflichtigkeit des Privateigentums. Einige protestantische Theologen wie Christian Palmer und Franz Hermann Reinhold Frank lehnen den Begriff Sozialethik ab, weil nicht gesellschaftliche Institutionen (Kirche, Staat, Nation), sondern allein die „einzelne Person“ als sittliches Subjekt gelten könne. [10]

Mit wachsender Ausdifferenzierung der Gesellschaft erhalten sozialethische Konzepte immer mehr eine einheitsstiftende Funktion. Die Sozialethik etabliert sich dabei zu einer neben der Individual- und Personalethik gleichwertigen Disziplin. Seit dem Kulturkampf wird sie mit konkurrierenden sozialpolitischen Konzepten verbunden. Die 1892 gegründete Deutsche Gesellschaft für ethische Kultur, Moralphilosophen aus dem Umfeld des Marburger Neukantianismus sowie Soziologen wie Ferdinand Tönnies [11] und Georg Simmel [12] verwenden den Begriff der Sozialethik für eine moralische Kritik der herrschenden Zustände, die aus ihrer Sicht zu sehr durch ökonomische Faktoren geprägt sind.

Ernst Troeltsch bestreitet 1912 mit seiner Schrift Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen (1912) die Möglichkeit, aus der christlichen Tradition verbindliche Maßstäbe zur Ordnung der Gesellschaft abzuleiten und durch eine religiös inspirierte Sozialreform die Krisen der Moderne zu meistern. Er stößt damit eine intensive Debatte an, vermag sich aber mit seiner skeptischen Sicht in der protestantischen Theologie nicht durchzusetzen.

In den 1920er und 1930er Jahren wird die „Sozialethik“ in breiten protestantischen Kreisen zum Kampfbegriff gegen den liberalen Individualismus und „atomistische“ Gesellschaftskonzepte. Dies spiegelt sich auch in den von Karl Barth und Paul Althaus geführten Kontroversen um eine Begründung der Sozialethik durch die lutherische Zweireichelehre bzw. die reformierte Lehre von der „Königsherrschaft Jesu Christi“ wieder. [13] Heinz-Dietrich Wendland verlangt, die Sozialethik in eine „Sozialtheologie“ zu überführen, die aus dem Glauben ein eigenes „Sozialprinzip“ ableitet und die „Gemeinschaft der Heiligen“ (Communio sanctorum) zum verbindlichen Modell politischer Vergemeinschaftung erklärt. [14]

Seit 1945 lassen sich in der Theologie beider Konfessionen verstärkt Ansätze zur disziplinären Verselbständigung der Sozialethik erkennen. Reinhold Seeberg gründet 1927 an der Berliner Universität erstmals ein eigenes Institut für Sozialethik, dem weitere folgen. Daneben werden eigene Lehrstühle für Sozialethik bzw. Soziallehre eingerichtet. Dies entspricht auch den politischen Bedürfnissen beider Großkirchen, die durch päpstliche Enzykliken bzw. Denkschriften Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse und die moralische Kultur der Gesellschaft zu gewinnen versuchen. Das wachsende Gewicht der Sozialethik wird nach 1945 zudem durch die ökumenische Bewegung gestärkt.

Als wichtige Vertreter gegenwärtiger Debatten gelten Johannes Messner, Oswald von Nell-Breuning, Joseph Höffner, Anton Rauscher, Alfred Klose oder Friedhelm Hengsbach. Eine moderne Interpretation der Sozialethik liefert auch die „ökonomische Ethik“ der ordnungspolitisch ausgerichteten Schule von Ingo Pies und Karl Homann.[15]

ThemenBearbeiten

Ethik bleibt auch als Sozialethik auf sittliche Praxis bezogen; nur Personen können im moralisch relevanten Sinn Handlungen ausführen. Es geht der Sozialethik aber nicht primär um ein isoliertes Handeln einzelner Personen (Individualethik), sondern um die Solidarität, Subsidiarität und Kooperation verantwortlicher Personen unterschiedlicher Sozialbereiche. Diese wird häufig erst dann in gezielter Weise erfolgen, wenn die Öffentlichkeit auf bestimmte Fragen aufmerksam gemacht und für eine bestimmte Materie sensibilisiert ist (z. B. Fragen der Umweltethik). Das Soziale im eigentlichen Sinn setzt eine gewisse Konstanz voraus. Man spricht hier von Institutionalisierung, insofern es hier um überindividuelle Gemeinsamkeiten geht, die im Gegensatz zu spontanen und vorübergehenden Akten der Individuen in zeitlicher und räumlicher Perspektive eine gewisse Dauer aufweisen.

LiteraturBearbeiten

  • Arno Anzenbacher: Christliche Sozialethik, UTB (Schöningh), Paderborn 1998, ISBN 3-8252-8155-8
  • Marianne Heimbach-Steins (Hrsg.): Christliche Sozialethik. Ein Lehrbuch. Bd. 1. Regensburg 2004
  • Friedhelm Hengsbach, Bernhard Emunds, Matthias Möhrung-Hesse: Jenseits Katholischer Soziallehre. Neue Entwürfe christlicher Gesellschaftsethik. Düsseldorf 1993
  • Manfred Hermanns: Sozialethik im Wandel der Zeit. Persönlichkeiten - Forschungen - Wirkungen des Lehrstuhls für Christliche Gesellschaftslehre und des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften der Universität Münster 1893–1997. (= Abhandlungen zur Sozialethik, hrsg. von Anton Rauscher und Lothar Roos; Bd. 49). Schöningh, Paderborn - München - Wien - Zürich 2006. ISBN 978-3-506-72989-7.
  • Martin Honecker: Grundriß der Sozialethik. de Gruyter, Berlin 1995, ISBN 3-11-014474-3
  • Christoph Hübenthal: Grundlegung der christlichen Sozialethik. Aschendorff, Münster 2006, ISBN 3-402-00572-7
  • Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands e.V. (Hrsg.): Texte zur katholischen Soziallehre. 9. erweiterte Auflage. Köln 1992. ISBN 978-3-927494-70-1
  • Walter Kerber: Sozialethik. Kohlhammer, Stuttgart 1998, ISBN 3-17-009967-1 (Grundkurs Philosophie; 13)
  • Ulrich H. J. Körtner: Evangelische Sozialethik. Grundlagen und Themenfelder. 3. verbesserte Aufl. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8252-2107-2
  • Arthur Rich: Wirtschaftsethik. 2 Bde. Gütersloh 2.Aufl. 1984
  • Günter Wilhelms: Christliche Sozialethik. Schöningh, Paderborn 2010, ISBN 978-3-506-76891-9

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Dazu Ernst-Ulrich Huster: Sozialethik, in: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Meiner, Hamburg 2010, ISBN 978-3-7873-1999-2, Bd. 3
  2. Alexander von Oettingen: Querdenker und Charismatiker im Protestantismus des Kaiserreichs. – Kapitel 1, FU Berlin
  3. Vgl. Volker Schweidler: Ethik und Sozialethik. In: Volker Drehsen u. a. (Hrsg.): Wörterbuch des Christentums. Gütersloh 1988, S. 315–320; anders dagegen Martin Honecker: Sozialethik, evang. Sicht. In: Hanfried Krüger Hanfried u.a. (Hrsg.): Ökumene Lexikon. Frankfurt a.M. 1983, S. 1102–1105
  4. Vgl. Clemens Breuer: Christliche Sozialethik und Moraltheologie. Ferdinand Schöningh, Paderborn, München, Wien, Zürich 2003, S. 15
  5. Vgl. Arthur F. Utz: Sozialethik. Teil 1: Die Prinzipien der Gesellschaftslehre (1958), Heidelberg u. a. 2. Aufl. 1964, S. 85–89 (hier S. 87)
  6. Vgl. Andreas Lienkamp: Systematische Einführung in die christliche Sozialethik, in: F. Furger u. a. (Hg.): Einführung in die Sozialethik, Münster 1996, S. 44–45
  7. Zur Begriffsgeschichte vgl.: Friedrich Wilhelm Graf: Sozialethik, in Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 9, Schwabe, Basel 1995, S. 1134–1138
  8. Alexander von Oettingen: Die Moralstatistik und die christliche Sittenlehre. Versuch einer Sozialethik auf empirischer Grundlage 1: Die Moralstatistik. Inductiver Nachweis der Gesetzmäßigkeit sittlicher Lebensbewegung im Organismus der Menschheit (1868)
  9. Vgl. Theodor Meyer: Die Arbeiterfrage und die christlich-ethischen Sozialprinzipien (1895); Heinrich Pesch: Liberalismus, Sozialismus und die christliche Gesellschaftsordnung (1891)
  10. Vgl. Christian Palmer: Rezension von: Alexander von Oettingen: Die Moralstatistik der christlichen Sittenlehre 1 (1868). Jahrbücher für Deutsche Theologie 14 (1869) 372–378; Franz Hermann Reinhold Frank: Ueber Socialethik, in: Zeitschrift für Protestantismus und Kirche NF 60 (1870) 75–109.
  11. Ferdinand Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft – Grundbegriffe der reinen Soziologie (8. Aufl. 1935, ND 1979).
  12. Georg Simmel: Bemerkungen zu socialethischen Problemen. Vierteljahresschrift wissenschaftlicher Philosophie 12 (1888), S. 32–49, in: H.-J. Dahme (Hrsg.): Gesamtausgabe 2 (1989), S. 20–36.
  13. Vgl. Paul Althaus: Religiöser Sozialismus. Grundfragen der christlichen Sozialethik (1921); Karl Barth: Grundfragen der christlichen Sozialethik – Auseinandersetzung mit Paul Althaus (1922), in: H. Finze (Hrsg.): Vorträge und kleine Arbeiten 1922–25 (1990), S. 39–57
  14. Vgl. Heinz Dietrich Wendland: Zur Grundlegung der christlichen Sozialethik, in: Zeitschrift für systematische Theologie 7 (1929), S. 22–56
  15. Homann, Karl / Pies, Ingo (1994a): „Wirtschaftsethik in der Moderne. Zur ökonomischen Theorie der Moral.“ in: Ethik und Sozialwissenschaften, Vol. 5, No. 1, S. 1–13 und Homann, Karl / Pies, Ingo (1994): „Wie ist Wirtschaftsethik in der Moderne möglich? Zur Theoriebildunggsstrategie einer modernen Wirtschaftsethik.“ in: Ethik und Sozialwissenschaften, Vol. 5, No. 1, S. 93–108. Vgl. ferner Petrick, Martin / Pies, Ingo (2007): „In search for rules that secure gains from cooperation. The heuristic value of social dilemmas for normative institutional economics“, in: European Journal of Law and Economics, Vol. 23, S. 251–271.