Schwellwerk

Teil einer Orgel
Orgel mit geöffnetem Schwellkasten unterhalb des Hauptwerks
Balanciertritt des Schwellwerks (rechts)
Detailansicht

Der Begriff Schwellwerk bezeichnet ein Teilwerk einer Orgel, das in seiner Lautstärke durch eine zusätzliche Einrichtung reguliert werden kann. Die Pfeifen dieses Teilwerkes befinden sich in einem verschlossenen Holzkasten, dem Schwellkasten, dessen Vorderseite sich mit Hilfe verschiedener Techniken öffnen und schließen lässt. Bisweilen können ebenfalls die Schmalseiten und die Oberseite geöffnet und geschlossen werden.

BedienungBearbeiten

Im Normalfall erfolgt das Öffnen und Schließen der Jalousien über einen Fußregler, den Schwelltritt. Dieser Balanciertritt befindet sich etwas oberhalb der Pedaltasten meist etwa in der Mitte der kleinen Oktave, große Orgeln können über mehrere Schwelltritte verfügen. Auch andere Bauformen sind möglich wie etwa der so genannte Löffeltritt der Cavaillé-Coll-Orgel in St. Sulpice (Paris). Dieser Tritt ist nicht ausbalanciert und es gibt drei einrastbare Stellungen: Der Schwellkasten kann nur geschlossen, halb geöffnet oder ganz geöffnet werden. Dies bedingt natürlich eine erhebliche Schwierigkeit, ein homogenes Crescendo bzw. Decrescendo zu erreichen. Ähnlich gestaltete Tritte findet man auch bei Instrumenten Friedrich Ladegasts.

KonstruktionBearbeiten

Eines der gebräuchlichsten Verschlusselemente (auch Schweller genannt) sind Holzjalousien (beim sogenannten Jalousieschweller), jedoch gibt es einige andere Systeme wie Holztüren, die sich zu den Seiten schieben oder falten und so die gesamte Vorderseite freigeben.

Der Kasten selbst ist besonders schallisoliert, was je nach Orgelbauer unterschiedlich ausfällt. Die wohl effektivste Methode ist, aus mehreren Holzschichten zwei Wände zu bilden, in deren Zwischenraum Sand eingefüllt wird. Ebenfalls sollten die Holzjalousien aus mehreren Holzschichten recht stark angefertigt werden und deren Kanten beispielsweise mit Filzstreifen versehen werden, um einen dichten Verschluss zu gewährleisten. Für die gleichmäßige Lautstärkeregelung empfiehlt es sich, den Schwelltritt mechanisch mit den Jalousien zu verbinden und so einzustellen, dass bereits die kleinste Veränderung Auswirkungen auf die Lautstärke hat.

Seit dem 19. Jahrhundert werden Orgeln gebaut, bei denen mehrere Schwellkästen gleichzeitig mechanisch betätigt werden können, sogenannte Kollektivschweller. Dadurch kann eine erheblich größere Anzahl von Klängen gemeinsam zum Anschwellen gebracht werden.

Klangliche WirkungBearbeiten

 
Ein Schwellwerk mit Falttüren (Albiez-Orgel von Ende der 1970er Jahre in St. Verena, Lindau)

Mit Hilfe des Schwellwerks lässt sich die sonst unveränderbare Dynamik einzelner Register oder Registerkombinationen verändern, und die Starrheit eines Teilwerkes kann weitgehend aufgehoben werden. Von ihrer Natur aus bereits leise klingende Register wie die Vox coelestis können, sofern sie im Schwellwerk platziert sind, bis zum minimalen pianissimo reduziert werden und so fast sphärische Klänge erzeugen. Außerdem dämpfen geschlossene Schwelltüren das hohe Obertonspektrum stärker als die tiefer liegenden Teiltöne, so dass neben der dynamischen Wirkung auch eine Änderung der Klangfärbung auftritt. Ein Tutti der im Schwellkasten befindlichen Register bei geschlossenen Jalousien bildet ein kraftvolles, wenngleich verhaltenes Klangspektrum, dessen Dynamik sich beim Öffnen des Schwellkastens steigert und etwas geradezu Majestätisches an sich hat. Dazu ist das Schwellwerk meist mit reichlich Registern ausgestattet, oft zahlenmäßig das größte Teilwerk. Werden bei der Disposition genügend Zungenstimmen (möglichst 16′, 8′ und 4′) verwendet, ist der Crescendoeffekt besonders intensiv.

GeschichteBearbeiten

Geschichtlich hat das Schwellwerk seine weite Verbreitung wohl im Laufe der romantischen Epoche erfahren. Zwar war das Konzept der Schwellkästen bereits vorher bekannt (in Spanien sind einige bedeutend ältere Exemplare zu finden), sie wurden jedoch nicht für die Regulierung der Dynamik während des Spiels gebraucht, sondern für Echo-Effekte und dynamische Abstufungen, die im Laufe des Stücks beibehalten und nicht verändert wurden. Vergleichbare Wirkungen hatten an vielen Orgeln der Renaissance Flügeltüren, welche in der Fastenzeit geschlossen blieben und so den Klang dämpften.

Die ersten Schwellwerke mit der heutigen Funktionsweise wurden um 1720 in England konstruiert. Erst im 19. Jahrhundert wurden Schwellwerke auch bei kontinentaleuropäischen Orgeln gebaut. Abbé Vogler beschreibt 1801, dass in der Neuruppiner Orgel der Versuch vorgenommen werden soll, die Pfeifen in einen großen Kasten mit einem beweglichen Dach zu stellen, der mit einem Fußtritt geöffnet werden kann.[1] Im Angebot für die neue Orgel der Frankfurter Paulskirche berief Eberhard Friedrich Walcker sich auf die Ideen Voglers.[2] Diese 1833 von ihm vollendete Orgel war die erste mit einem großen Schwellwerk, das über einen Fußtritt zu bedienen war.[3][4] In der Folgezeit erhielten jedoch nur sehr wenige einzelne Instrumente in Deutschland ein Schwellwerk.

Das erste von Aristide Cavaillé-Coll gebaute Schwellwerk befindet sich in der 1838 in der Pariser Kirche Notre-Dame-de-Lorette erbauten Orgel. Die von Walcker 1845 erbaute Orgel in der evangelischen Kirche in Hoffenheim erhielt ein Register Physharmonika, dessen Schalldeckel über einen Fußtritt zu betätigen und original erhalten ist.[5]

Das 1855 von Friedrich Ladegast in der Orgel im Merseburger Dom erbaute schwellbare Brustwerk ist möglicherweise das älteste in Deutschland erhaltene Schwellwerk.[6]

Erst nach 1890 konnte sich eine Schwellvorrichtung für das 2. oder 3. Manual in Deutschland etablieren.

Siehe auchBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Hinter der Dekorazion (vergoldeter Pfeifen) werden alle klingenden Pfeifen in einem Kasten von kubischer Figur zu 18 Rheinländischen Schuhen eingesperrt [...] [Die Aufstellung] hindert, daß die Baßpfeifen nicht unmittelbar ihren Ton in die Kirche schicken und den Diskant überstimmen können. Der Kasten erhält zwey Dächer, ein nubewegliches [sic!] für die Baßpfeifen und für die Diskantpfeifen ein bewegliches, das der Organist vermittelst eines Fußtritts öffnen und schließen kann. In: Allgemeine musikalische Zeitung, Band 3, S. 568f. https://books.google.de/books?id=YBVDAAAAcAAJ&pg=PA523&q=Orchestrion#v=onepage&q=schwellkasten&f=false, gesehen am 14. April 2020.
  2. Willibald Gurlitt: Die Frankfurter Paulskirchen-Orgel von 1827. In: Frankfurter Zeitung vom 7. Januar 1940. http://blog.ef-walcker.de/wp-content/uploads/2009/01/gurlitt.PDF, gesehen am 14. April 2020.
  3. Im Werkstattbuch Walckers heißt es Crescendokasten fürs III. Clavier und Crescendofußtritt z. III. Clav. http://blog.ef-walcker.de/wp-content/uploads/2009/01/opus01_ffm.PDF gesehen am 14. April 2020.
  4. Eine Skizze des Spieltisches zeigt vier Tritte: https://gewalcker.de/SpieltischWeb/00000098ab0919101/5360859847100c101/index.html gesehen am 14. April 2020.
  5. Foto siehe: https://www.orgelbau-lenter.de/projekt.php?id=94, gesehen am 14. April 2020.
  6. Die Disposition der großen Friedrich-Ladegast-Orgel im Merseburger Dom. Freundeskreis Musik und Denkmalpflege in Kirchen des Merseburger Landes, abgerufen am 31. März 2020.