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Eichenmistel

Art der Gattung Loranthus
(Weitergeleitet von Riemenblume)
Eichenmistel
Eichenmistel (Loranthus europaeus), Illustration

Eichenmistel (Loranthus europaeus), Illustration

Systematik
Eudikotyledonen
Kerneudikotyledonen
Ordnung: Sandelholzartige (Santalales)
Familie: Riemenblumengewächse (Loranthaceae)
Gattung: Loranthus
Art: Eichenmistel
Wissenschaftlicher Name
Loranthus europaeus
Jacq.

Die Eichenmistel[1] (Loranthus europaeus), auch Riemenmistel und Riemenblume genannt, ist eine Pflanzenart innerhalb der Familie der Riemenblumengewächse (Loranthaceae). Sie ist von Europa bis Westasien verbreitet. Als Halbschmarotzer parasitiert sie, wie die im Gebiet bekanntere Weißbeerige Mistel (Viscum album subsp. album), auf den Ästen von Laubbäumen. Im Unterschied zu dieser allerdings meist auf Eichenarten. Sie ist eine zweihäusig getrenntgeschlechtliche Pflanze, was bedeutet, dass sich weibliche und männliche Blüten auf verschiedenen Pflanzenexemplaren befinden. Die weiblichen Blüten werden von Insekten bestäubt. Vögel übernehmen häufig die Ausbreitung der Samen. Aus den Früchten der Eichenmistel wurde früher ein zäher Leim hergestellt, der auf Ruten gestrichen, dem Vogelfang diente.

BeschreibungBearbeiten

Allgemeine MerkmaleBearbeiten

Die Eichenmistel ist eine sommergrüne, zweihäusig-getrenntgeschlechtige Halbschmarotzer-Pflanze. Einen Teil der benötigten Nährstoffe, insbesondere Wasser und Salze bezieht sie von den Wirtspflanzen, in deren Leitungsgewebe sie mit ihren Haustorien (Saugorgane) eindringt. Aufgrund des Chlorophyllgehalts der Laubblätter ist sie zur Photosynthese in der Lage und kann so den Bedarf an Kohlehydraten selber decken.[2] Die Wirtsarten sind hauptsächlich Eichenarten sowie die Edelkastanie (Castanea sativa).[3] Bisweilen entstehen an der Wirtspflanze als Folge der Wirt-Parasit-Wechselbeziehung abnorme Wucherungen, die als Holzrosen bezeichnet werden.[3]

Die Eichenmistel wächst als ausgebreiteter, reichlich gabelig-verzweigter Nanophanerophyt, der 0,30 bis 1 Meter Höhe erreicht. Wurzeln werden keine ausgebildet, vielmehr sitzt die Art ihren Wirtspflanzen basal plattenförmig auf und senkt von dort ihre Haustorien über das Holzgewebe in die Leitungsbahnen der Wirtspflanze.[4][5] Diese verbreitern sich im Kambium und jüngstem Xylem, nicht jedoch im Phloem.[6]

Ihre Äste sind im Gegensatz zu denen der Mistel braun berindet, die zerbrechlichen Zweige braun bzw. schwarzgrau. Die Triebe verholzen sehr stark.[6][3]

Vegetative MerkmaleBearbeiten

 
Blattansicht

Die gestielten dunkelgrünen Laubblätter sind gegenständig angeordnet. Sie entwickeln eine Länge von 2–5 Zentimetern und eine Breite von 1–2,5 Zentimetern. Die Nervatur ist undeutlich fiederförmig ausgeprägt. Sie sind schmal-eiförmig und von ledriger Beschaffenheit. Sie fühlen sich demnach derb an und besitzen eine verdickte Oberhaut. Der Blattgrund ist lang-keilförmig ausgeprägt. Der Blattrand ist ganzrandig. Nebenblätter sind nicht vorhanden. Anders als bei der immergrünen Weißbeerigen Mistel erfolgt ein Blattabwurf im Herbst.[3][7][8][4] Eine Herbstfärbung der Laubblätter unterbleibt.[9]

Generative MerkmaleBearbeiten

 
Blüten einer männlichen Pflanze
 
Eine aufgeschnittene Beere: Erkennbar ist die stark klebrige Substanz, in die ein Same eingebettet ist.

Die Eichenmistel ist zweihäusig getrenntgeschlechtig (diözisch), dies heißt, dass an einer Pflanze entweder nur weibliche oder ausschließlich männliche Blüten gebildet werden. Mitunter werden bei der Eichenmistel auch zwittrige Blüten entwickelt, diese sind jedoch gewöhnlich funktionell männlich. Dies rührt daher, dass nach der Pollenentleerung die Blüten schnell verwelken, so dass kaum Fruchtansatz entsteht. Bei der Eichenmistel überwiegen die männlichen Individuen im Verhältnis 2:1.[3][2]

Die Blüten sind in endständigen Blütenständen angeordnet – die männlichen, sehr kurzlebigen Blüten in lockeren Trauben, die weiblichen zu acht bis zehn in lockeren Ähren.[10][3] Die Blüten beider Geschlechter sind radiärsymmetrisch. Eine Differenzierung in Kelch und Krone erfolgt nicht. Allerdings wölbt sich unterhalb des Perigons um die Basis der Blüte ein ungeteilter, gekerbter Rand hervor (Calyculus), den manche Autoren auch als einen deutlichen kelchartigen Saum beschreiben und auch als Kelch deuten,[4][2] der jedoch als Nektarium fungiert.[2] Das unscheinbar gelbgrüne Perigon kann vier-, selten fünf- oder meist sechszählig ausgeprägt sein. Die Perigonblätter stehen in zwei Kreisen und können eine Länge von 2 bis 4 Millimetern entwickeln.[3] Sie sind innen glatt und analog zu ihrer Anzahl in Perigonzipfel unterteilt.[4]

Die Perigonblätter der männlichen Blüten sind durchschnittlich etwa 1 Millimeter länger als die der weiblichen Blüten.[2] Die Anzahl der Staubblätter entspricht der Zahl der Perigonblätter.[3] Die Staubfäden sind zu etwa zwei Dritteln ihrer Länge mit den Perigonblättern verwachsen. Sie weisen unterhalb der Staubbeutel keine Verschmälerung auf. Ihre Länge entspricht in etwa derjenigen der Perigonblätter. Die ovalen und unbeweglichen Staubbeutel sind elfenbeinfarben und besitzen zwei Theken. Diese öffnen sich über Längsspalten.[4][2] Bei den weiblichen Blüten liegen die Staubblätter in Form von Staminodien vor. Der unterständige, einfächrige Fruchtknoten ist vollständig verwachsen. Er geht in einen einfachen, geraden Griffel mit kopfiger Narbe über.[3] Die Samenanlagen sind nicht ausdifferenziert, was als typische Degenerationserscheinung bei Parasitismus gilt. Gemäß entwicklungsgeschichtlicher Untersuchungen ist die Samenanlage auf eine nackte Samenknospe reduziert. Andere Autoren gehen eher davon aus, dass die Reduktion weiter fortgeschritten ist und sich die Embryosäcke direkt in der Plazenta entwickeln[4][2][11] Die Blüten beider Geschlechter weisen am Blütengrund Nektarien auf.[3] Die Blütezeit erstreckt sich je nach Vorkommen von April bis Juni.[4][8] Sie beginnt nach dem Laubaustrieb.[3]

Als Früchte werden bei den weiblichen Exemplaren 6 bis 10 Millimeter dicke, goldgelbe, ellipsoide, 1-samige Beeren gebildet. Da an der Bildung dieser die Blütenachse beteiligt ist, werden sie auch als Scheinfrüchte oder Scheinbeeren bezeichnet. Sie sind gegenständig im hängenden Fruchtstand angeordnet. Das Fruchtfleisch ist stark klebrig.[4][3] Als Wintersteher verbleiben sie in der kalten Jahreszeit an den Zweigen.[2] Im Gegensatz zu den Misteln der Gattung Viscum fruchtet die Eichenmistel im Herbst.[10]

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 18.[12]

TaxonomieBearbeiten

Die Art Loranthus europaeus wurde 1762 von Nikolaus Joseph Freiherr von Jacquin in dem Werk Enumeratio Stirpium Pleraumque, quae sponte crescunt in agro Vindobonensi[13] wissenschaftlich erstbeschrieben. Sie gehört zur Gattung Loranthus, die je nach Gattungsauffassung 500 bis 200 Arten umfasst. Die meisten dieser sind in den Tropen und Subtropen der Alten Welt (Paleotropis) beheimatet. Bei Loranthus europaeus wurden keine Unterarten oder Varietäten beschrieben. Auch Synonyme sind unbekannt.[2]

ÖkologieBearbeiten

 
Fruchtstand im März

Die Eichenmistel ist ein Halbschmarotzer. Im Unterschied zur Weißbeerigen Mistel, die äußerst selten auf Eichen parasitiert, umfassen Eichenarten und sehr selten die Edelkastanie das Wirtsspektrum der Eichelmistel. Unter den Eichenarten, die parasitiert werden, befinden sich bspw. die Stieleiche (Quercus robur), die Traubeneiche (Quercus petraea), die Flaumeiche (Quercus pubescens), die Roteiche (Quercus rubra) und die Zerr-Eiche (Quercus cerris).[3][8]

BestäubungBearbeiten

Die weiblichen Blüten der Eichenmistel werden gewöhnlich von Insekten bestäubt, denen Nektar angeboten wird. Die Blüten sind aufgeblüht flach ausgebreitet,so dass auch kurzrüsselige Insekten an den Nektar gelangen können. Als typische Bestäuber treten Käfer, Fliegen, Syrphiden, Wespen und mittelrüsselige Bienen in Erscheinung. Besonders häufig stellen sich Bienen der Gattung Halictus ein. Gemäß der Blumenklassen nach Müller werden die Blüten als Blumen mit freiliegendem Nektar bezeichnet. Da männliche und weibliche Blüten auf unterschiedliche Individuen verteilt sind, ist Selbstbestäubung ausgeschlossen.[5][3][2]

AusbreitungBearbeiten

Die Ausbreitung der Samen erfolgt über Verdauungsausbreitung und Klettausbreitung.[8] Die Beeren werden von Vögeln, zum Beispiel Misteldrossel, Wacholderdrossel und Seidenschwanz, gefressen wobei die Samen nach Passieren des Darms auf Äste von Wirtspflanzen gelangen können.[10]

Auswirkungen auf die WirtspflanzeBearbeiten

Der Rückgang des Holzzuwachses kann je nach Mistelbesatz zwischen 20 und 50 Prozent betragen. Stark mit der Eichenmistel befallene Eichen können eingehen.[10]

VorkommenBearbeiten

Die Eichenmistel tritt in Mittel-, Ost- und Südosteuropa sowie in Kleinasien auf. Im deutschsprachigen Raum findet man sie nur in Österreich und Deutschland.[14]

Die nördliche Verbreitungsgrenze verläuft vom Fuß des inneren Karpatenbogens ausgehend nordwestlich über das Erzgebirge und findet dann ihr Ende in Pirna. Im Westen besiedelt sie Niederösterreich und südlich des Pos Italien inklusive dem Nordosten Siziliens. Sie ist auf der Balkanhalbinsel wie im Pannonischen Becken verbreitet. Ihre Vorkommen erreichen Moldavien und Dobrudsa sowie mit einem isolierten Vorkommen die Halbinsel Krim.[2]

In Österreich tritt die Riemenmistel im pannonischen Gebiet sehr häufig auf und ist hier in Zunahme begriffen. Insbesondere im Donautal sind zahlreiche Vorkommen verzeichnet. Sonst findet man sie nur zerstreut bis sehr selten. Die Vorkommen beschränken sich auf die colline bis untermontane Höhenstufe der Bundesländer Wien, Burgenland, Niederösterreich, Steiermark und Oberösterreich. Im nördlichen Voralpengebiet gilt die Eichenmistel als gefährdet.[15]

In Deutschland findet man die Eichenmistel selten in der Sächsischen Schweiz.[8]

Die Eichenmistel braucht zum Gedeihen Sommerwärme und eher Lufttrockenheit.[16]

Inhaltsstoffe und VerwendungBearbeiten

Die Früchte der Eichenmistel weisen außer verschiedenen Zuckern auch Kautschuk auf. Er ist insbesondere in der fleischigen Hülle, die vormalige Blütenachse, und im Endokarp enthalten.[17] Der Kautschuk bewirkt, dass nach dem Trockenvorgang der Schleim seine klebrige Konsistenz beibehält.[3] Aus den Beeren der Eichenmistel wurde früher ein zäher Leim hergestellt, mit dem Ruten bestrichen wurden, die so dem Vogelfang dienten.[18] Die Mistel, insbesondere die auf Eichen wachsende, wurde bereits in der Mythologie der Antike als wirksam gegen Magie und Krankheiten genannt. Im Mittelalter und darüber hinaus war der im 14. Jahrhundert in Süddeutschland entstandene Eichenmisteltraktat, der die Mistel als Wunderdroge unter anderem als Heilmittel zur Verhütung von Krampfanfällen empfiehlt, überregional verbreitet.[19]

BilderBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Annelore Högemann: Der altdeutsche „Eichenmisteltraktat“. Untersuchungen zu einer bairischen Drogenmonographie des 14. Jahrhunderts (= Mittelalterliche Wunderdrogentraktate, II). Wellm, Pattensen; jetzt Königshausen und Neumann, Würzburg 1981, ISBN 3-921456-25-8 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. 19), (Zugleich: Würzburg, Univ., Diss., 1981).
  • Willem Frans Daems, Gundolf Keil: Der Misteltraktat des Wiener Kodex 3811. In: Sudhoffs Archiv 49, 1965, ISSN 0931-9425, S. 90–93.
  • Christian Probst: Der altdeutsche Eichenmisteltraktat in einem baierischen Textzeugen aus dem späten 18. Jahrhundert, in: Licht der Natur. Medizin in Fachliteratur und Dichtung: Festschrift für Gundolf Keil zum 60. Geburtstag, Göppingen 1994 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik, 585), S. 293–305.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Dieser Name ist mehrdeutig, da auch Viscum album sehr selten auf Eichen parasitiert und derartige Exemplare, die angeblich besonders heilkräftig sein sollen, als „Eichenmistel“ bezeichnet werden.
  2. a b c d e f g h i j k Denes Bartha: Loranthus europaeus. In: Enzyklopädie der Holzgewächse: Handbuch und Atlas der Dendrologie. Wiley‐VCH Verlag, 2014, ISBN 978-3-527-67851-8, DOI: 10.1002/9783527678518.
  3. a b c d e f g h i j k l m n o Roland Aprent: Ein Beitrag zur aktuellen Verbreitung von Loranthus europaeus in der Steiermark. In: Joannea Botanik 14, 2017, S. 5–24.
  4. a b c d e f g h Ruprecht Düll, Irene Düll: Taschenlexikon der Mittelmeerflora. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2007, ISBN 978-3-494-01426-5, S. 200 f.
  5. a b Eichenmistel. In: BiolFlor, der Datenbank biologisch-ökologischer Merkmale der Flora von Deutschland.
  6. a b Peter Schütt, Hans Joachim Schuck, Bernd Stimm: Lexikon der Baum- und Straucharten. Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-53-8, S. 278.
  7. Eichenmistel. In: FloraWeb.de.
  8. a b c d e Eckehart J. Jäger: Rothmaler - Exkursionsflora von Deutschland. Gefäßpflanzen: Grundband. 21. Auflage, Springer, 2017, ISBN 978-3-662-49707-4, S. 554 u. 887.
  9. Thomas Pecher: Mistel und Europäische Riemenblume. Ansiedlung halbschmarotzender Wildgehölze im Naturgarten. In: Natur & Garten, April 2009, S. 51–53.
  10. a b c d Loranthus europaeus L. - Eichenmistel, Riemenblume (Memento vom 30. September 2007 im Internet Archive)
  11. Soror Imelda Mayr: Über die Keimung und erste Entwicklung der Riemenmistel (Loranthus europaeus Jacq.)., Botanisches Institut der Universität Innsbruck, 1928
  12. Erich Oberdorfer: Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Deutschland und angrenzende Gebiete. 8. Auflage. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2001, ISBN 3-8001-3131-5. Seite 325.
  13. Eintrag Loranthus europaeus bei IPNI
  14. The Euro+Med PlantBase - the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity., abgerufen am 5. Januar 2014
  15. Manfred A. Fischer, Karl Oswald, Wolfgang Adler: Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol. 3., verbesserte Auflage. Land Oberösterreich, Biologiezentrum der Oberösterreichischen Landesmuseen, Linz 2008, ISBN 978-3-85474-187-9, S. 388.
  16. Dietmar Aichele, Heinz-Werner Schwegler: Die Blütenpflanzen Mitteleuropas. 2. Auflage. Band 3: Nachtkerzengewächse bis Rötegewächse. Franckh-Kosmos, Stuttgart 2000, ISBN 3-440-08048-X.
  17. Roland Aprent: Ein Beitrag zur aktuellen Verbreitung von Loranthus europaeus in der Steiermark in Joannea Botanik 14, 2017; Seite 7, zitiert nach Wagenitz in: Wagenitz Gerhard (Hg.): Gustav Hegi: Illustrierte Flora von Mitteleuropa. Band III, 1. Teil; 3. Aufl. 1981; Paul Parey, Berlin, Hamburg.
  18. Carl Adam Heinrich von Bose: Neues allgemein praktisches wörterbuch der forest- und jagdwissenschaft. J. T. Hinrichs, Leipzig 1810, S. 300 (Eichenmistel auf S. 300 in der Google-Buchsuche).
  19. Wolfgang Wegner: Eichenmisteltraktat. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 337 f.

WeblinksBearbeiten