Relatives Risiko

Statistisches Maß zur Beurteilung von Risiken
Risikokennwerte
absolutes Risiko
relatives Risiko (RR)
attributables Risiko (AR)
absolute Risikoreduktion (ARR)
relative Risikoreduktion (RRR)
Anzahl der notwendigen Behandlungen (NNT)
Chance (O)
Chancenverhältnis (OR)

Das relative Risiko (RR), Risk Ratio[1] oder Risiko-Verhältnis[1] ist ein Begriff der deskriptiven Statistik. Es gibt die Relation eines Risikos in zwei verschiedenen Gruppen an, die sich durch das Vorhandenseins eines oder mehrerer Merkmale unterscheiden. Hierbei kann es sowohl zu einer Zunahme (RR > 1) als auch zu einer Abnahme des Risikos (RR < 1) kommen.

BerechnungBearbeiten

In der medizinischen Statistik ergibt sich häufig folgende Datensituation:

  Anzahl der Personen mit Risikofaktor Anzahl der Personen ohne Risikofaktor
Anzahl der erkrankten Personen a b
Anzahl der nichterkrankten Personen c d

Das relative Risiko errechnet sich hier folgendermaßen

 

oder formal ausgedrückt mit Hilfe der bedingten Wahrscheinlichkeit:

 

Man unterscheidet zwischen kumulativer Inzidenz und Inzidenzrate. Die Wahrscheinlichkeit   entspricht der kumulativen Inzidenz der mit dem Risikofaktor exponierten Gruppe und   der kumulativen Inzidenz der nicht exponierten Gruppe.[2] Das relative Risiko lässt sich nur berechnen, wenn Angaben zur kumulativen Inzidenz bekannt sind.[3] Wenn Angaben zur Inzidenz fehlen, wird das Chancenverhältnis verwendet.[3][4] Es wird zwischen relativem Risiko bzw. Risiko-Verhältnis (englisch risk ratio) und Ratenverhältnis (englisch rate ratio) unterschieden.[5] Liegt zur Berechnung die Inzidenzrate vor, kann man Zähler und Nenner nicht als Wahrscheinlichkeiten interpretieren, weshalb man von einem Ratenverhältnis (englisch rate ratio) bzw. relativer Rate, aber nicht von relativem Risiko (englisch oft auch risk ratio genannt) sprechen sollte.[6] In prospektiven Studien (Kohortenstudien und randomisierten kontrollierten Studien) sind die kumulative Inzidenz oder Inzidenzrate bekannt, in retrospektiven Studien (Querschnitt- oder Fall-Kontroll-Studien) jedoch nicht, weshalb in letzteren das Chancenverhältnis verwendet wird.[6]

Das relative Risiko nimmt Werte zwischen 0 und Unendlich an. Ein Wert von 1 bedeutet, dass das Risiko in beiden Gruppen gleich ist. Es besteht dementsprechend kein Anhaltspunkt für einen Zusammenhang zwischen der untersuchten Erkrankung und dem Risikofaktor. Wenn der Wert größer 1 ist, ist das ein Hinweis auf einen möglichen positiven Zusammenhang zwischen einem Risikofaktor wie beispielsweise Rauchen und einer Erkrankung. Liegt das relative Risiko unter 1, hat die Exposition eine schützende (protektive) Wirkung, wie es beispielsweise bei Impfungen der Fall ist.

Inwieweit ein relatives Risiko von über 1 für den Risikofaktorenträger kritisch zu bewerten ist, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab und muss deshalb genauer betrachtet werden. Herzinfarkte sind in Deutschland eine häufige Krankheit und auch Todesursache. „Raucher haben ein etwa 2,5- mal so hohes Infarktrisiko wie Nichtraucher.“ Durch den Risikofaktor Rauchen wird eine häufige Krankheits- und Todesursache somit noch häufiger und relevanter. Eine andere Bedeutung hat ein hohes relatives Risiko, in Fällen, in denen das Risiko Nichtexponierter sehr klein ist. Beispielsweise haben trainierte Läufer 30 Minuten nach einem Marathon ein 15-mal so hohes Risiko eines Herztodes wie im Alltag. Da die Gefahr aber insgesamt sehr gering ist, darf ein hohes relatives Risiko nicht überbewertet werden. Gegenüber dem relativen Risiko zieht das attributable Risiko deswegen auch in Betracht, wie häufig eine Krankheit überhaupt ist.

Ein Beispiel mit fiktiven DatenBearbeiten

Angenommen, man möchte den Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Herzinfarkten und Rauchen untersuchen. Man beobachtet 10.000 Patienten und stellt fest, ob sie rauchen oder nicht, und ob sie schon einmal einen Herzinfarkt erlitten haben. Es ergibt sich folgende Kreuztabelle:

  Anzahl der Personen, die rauchen Anzahl der Personen, die nicht rauchen
Anzahl der Personen mit Herzinfarkt 130 70
Anzahl der Personen ohne Herzinfarkt 1870 7930

Es ergibt sich folgendes relatives Risiko

 .

Das heißt, das Risiko einen Herzinfarkt zu erleiden, ist unter Rauchern etwa 7,4-mal so hoch wie unter Nichtrauchern. Dasselbe Ergebnis erhält man, wenn man die Herzinfarktwahrscheinlichkeit von Rauchern (P = 130 / 2000 = 6,5 %) durch die Herzinfarktwahrscheinlichkeit von Nichtrauchern (P = 70 / 8000 = 0,875 %) dividiert.

VerwendungBearbeiten

Die Änderung des relativen Risikos durch eine bestimmte Behandlung wird in der Medizin häufig verwendet, um Aussagen eindrücklicher darzustellen.[7]

Zum Beispiel wird bei den Untersuchungen zur Früherkennung von Krankheiten die Änderung des relativen Risikos angegeben. Bei der Diskussion über das Mammographie-Screenings zur Früherkennung von Brustkrebs zeigten Untersuchungen eine Reduktion des relative Risikos um 20 %. Das heißt, durch die Untersuchung konnte einer von fünf Todesfällen verhindert werden. Bezogen auf alle untersuchten Frauen konnte durch die Untersuchung aber nur ein Todesfall je 1000 untersuchter Frauen verhindert werden.[8]

Zusammenhang mit dem ChancenverhältnisBearbeiten

 
Unterschied Chancenverhältnis und relatives Risiko mit obigem Beispiel

Das relative Risiko ist verwandt mit dem Chancenverhältnis. Anders als das Chancenverhältnis kann man das relative Risiko aber nur errechnen, wenn die Randwahrscheinlichkeiten der Häufigkeitstabelle zufällig sind. D. h. die Anzahl der Erkrankten darf nicht durch das Studiendesign fest vorgegeben sein. Wenn die Wahrscheinlichkeit zu erkranken gering ist, sind Chancenverhältnis und relatives Risiko ungefähr gleich.

LiteraturBearbeiten

  • Leon Gordis: Epidemiology. Fourth edition. Sauders Elsevier, Philadelphia 2009
  • Robert H. Fletscher, Suzanne W. Fletscher. Klinische Epidemiologie. Grundlagen und Anwendung. 2. Auflage. Verlag Hans Huber, Bern 2007
  • Oliver Razum, Jürgen Breckenkamp, Patrick Brzoska: Epidemiologie für Dummies. WILEY-VCH Verlag, München 2009

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Stefan Weinmann: Evidenzbasierte Psychiatrie: Methoden und Anwendung. W. Kohlhammer Verlag, 2007, ISBN 978-3-17-018855-6, S. 63 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. Alexander Krämer, Ralf Reintjes: Infektionsepidemiologie: Methoden, moderne Surveillance, mathematische Modelle, Global Public Health. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-642-55612-8, S. 50 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. a b Endspurt Vorklinik: PsychSoz: Die Skripten fürs Physikum. Thieme, 2015, ISBN 978-3-13-166743-4, S. 20 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. Siegfried Weyerer, Horst Bickel: Epidemiologie psychischer Erkrankungen im höheren Lebensalter. W. Kohlhammer Verlag, 2006, ISBN 978-3-17-016835-0, S. 33 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. Marcus Müllner: Erfolgreich wissenschaftlich Arbeiten in der Klinik: Evidence Based Medicine. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-7091-3755-0, S. 47–50 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. a b Matthias Egger, Oliver Razum: Public Health: Sozial- und Präventivmedizin kompakt. Walter de Gruyter, 2014, ISBN 978-3-11-033606-1, S. 34 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. Relatives Risiko. In: Flexikon. DocCheck Medical Services GmbH, abgerufen am 7. November 2020.
  8. Odette Wegwarth: Brustkrebsfrüherkennung – Nutzen und Risiken richtig kommunizieren. In: Der Gynäkologe. Band 51, Nr. 5, Mai 2018, ISSN 0017-5994, S. 370–379, doi:10.1007/s00129-018-4199-3 (Volltext online auf springer.com).