Regent von Frankreich

Titel des französischen Staatsoberhauptes während der Minderheit oder Abwesenheit des Königs

Regent oder Regentin von Frankreich war der Titel, der der Person verliehen wurde, die dazu bestimmt war, königliche Rechte wahrzunehmen und das Königreich Frankreich während der Minderjährigkeit oder Abwesenheit des Königs zu regieren. Prinzen, Königinnen und Bischöfe waren mit der Regentschaft durch verschiedene Arten der Bestellung betraut worden. Das Ende dieser Regentschaft trat durch die Volljährigkeit des Königs, seine Rückkehr nach Frankreich oder sein Tod (im Fall des Königs Johann I.) ein.

Ordonnanz des Königs Karl V., mit der das Volljährigkeitsalter des Königs auf 14 Jahre festgelegt und die Regentschaft organisiert wurde (Archives nationales, AE-II-395)

Der Titel „Regent“ wurde erstmals 1316 nach dem Tod von Ludwig X. verwendet.[1] Der Bruder des verstorbenen Königs, Philipp der Lange, war der erste, der sich als Regent bezeichnete: regis Francorum (oder Francie) filius, regens regna Francie et Navarre – Sohn des Königs von Frankreich, Regent des Königreichs Frankreich und Navarra.[2][1]

Die Bezeichnung wurde üblich und später auch auf Suger von Saint-Denis, Adela von Champagne und Blanka von Kastilien bezogen.[3]

Ab dem 15. Jahrhundert bis zum Ende des Ancien Régime wurden Regentschaften fast durchweg von Frauen ausgeübt, die einzige Ausnahme war Philippe d’Orléans von 1715 bis 1723.[4]

Während der Revolution war der Comte de Provence, Bruder Ludwigs XVI., ausgewandert. Die Gesetzgebende Nationalversammlung entzog ihm mit Dekreten vom 18. Januar 1792 und 17. September 1792 seine Rechte auf die Regentschaft Frankreichs. Eine Woche nach der Hinrichtung Ludwigs XVI., am 28. Januar 1793, nahm der Graf mit der Erklärung von Hamm dennoch den Titel eines Regenten an.

Regentschaften gab es auch im Ersten und Zweiten Kaiserreich

Gründe für eine RegentschaftBearbeiten

Eine Regentschaft wurde eingerichtet, wenn der König rechtsunfähig war. Dabei war Minderjährigkeit der häufigste Grund für eine Rechtsunfähigkeit, andere Gründe waren geistige Umnachtung, Abwesenheit und Gefangenschaft (s. auch Regierungsunfähigkeit).

Regenten und Regentinnen von Frankreich von 885 bis 1870Bearbeiten

  • 885–887: Karl III., ostfränkischer König, während der Minderjährigkeit des westfränkischen Königs Karl III., Bruder des verstorbenen Königs Karlmann; er wurde von den Großen des Reichs nach der Wikingerinvasion abgesetzt.
  • 954–956: Brun von Köln war Regent währende der Minderjährigkeit Lothars.

11. JahrhundertBearbeiten

  • 1060–1066: Balduin V., Graf von Flandern, Onkel von Philipp I. (als Tutor bezeichnet[5]), vielleicht mit Anna von Kiew, Königin von Frankreich, Mutter Philipps I., während Philipps Minderjährigkeit; 1066 teile Philipp Balduin mit, dass er im Alter von 14 Jahren volljährig geworden sei.[6][7]

12. JahrhundertBearbeiten

13. JahrhundertBearbeiten

  • 1226–1235: erste Regentschaft der Königin Blanka von Kastilien, Witwe von Ludwig VIII. und Mutter Ludwigs IX., der beim Tod seines Vaters 12 Jahre alt war.[10][11]
  • 1248–1252: zweite Regentschaft der Königin Blanka von Kastilien, Mutter Ludwigs IX., wegen der Abwesenheit des Königs, der den Sechsten Kreuzzug anführte.[10][11]
  • 1252–1254: Regentschaftsrat (nach dem Tod Blanka von Kastiliens) aufgrund der Abwesenheit Ludwigs IX.[11]
  • 1270: erste Lieutenance Matthieu de Vendômes, Abt von Saint-Denis, und Simon de Nesles wegen der Abwesenheit Ludwigs IX.,[12] unterstützt von einem Regentschaftsrat.[11]
  • 1285: zweite Lieutenance Mathieu de Vendômes und Simon de Nesles, diesmal wegen der Abwesenheit Philipps III.[13]

14. JahrhundertBearbeiten

  • 1316: Regentschaft Philipps des Langen, Graf von Poitiers, und späteren Königs Philipp V.;[11] die Regentschaft begann mit dem Tod Ludwigs X., da die Königin schwanger war, und setzte sich mit der posthumen Geburt Johanns I. als Minderjährigkeits-Regentschaft fort.[14]
  • 1328: Regentschaft Philipps von Valois und späteren Königs Philipp VI.; die Regentschaft begann mit dem Tod Karls IV., da die Königin schwanger war, und endete mit der posthumen Geburt von deren Tochter Blanche
  • 1356–1360: Regentschaft des Dauphin Charles, Herzog von Normandie, des späteren Königs Karl V., Sohn von König Johann II., der in England in Gefangenschaft war; der Dauphin wurde von 1356 bis 1358 al Lieutenant-général du Royaume bezeichnet.
  • 1364: Erneute Regentschaft des Dauphins während der zweiten Gefangenschaft Johanns II.
  • 1380–1388: Ludwig von Anjou, Onkel von Karl VI., wegen der Minderjährigkeit des Königs. Ab der Krönung[15] nahmen seine Onkel (Ludwig von Anjou (bis 1384), Johann von Berry, Philipp von Burgund und Ludwig von Bourbon) die Regentschaft gemeinsam wahr (siehe Regierung der Herzöge); die Regentschaft endete 1388 und damit sechs Jahre nach der offiziellen Volljährigkeit Karls VI.

15. JahrhundertBearbeiten

16. JahrhundertBearbeiten

  • 1515: Regentschaft Luise von Savoyens, Mutter des Königs Franz I., während dessen Feldzugs in Italien.[11]
  • 1524–1526: Regentschaft Luise von Savoyens während des Feldzugs Franz’ I. in Italien und der anschließenden Gefangenschaft.
  • 1552: erste Regentschaft der Königin Caterina de’ Medici, Ehefrau von König Heinrich II. während dessen „Deutschlandreise“ genannten Feldzug.[17]
  • 1560 – 1563: zweite Regentschaft Caterina de‘ Medicis, Witwe von König Heinrich II., und Mutter des Königs Karl IX. während dessen Minderjährigkeit;[11][17] die Regentschaft endete am 17. August 1563 mit dem Lit de justice im Parlement de Rouen.[18][7]
    • 1561–1562: Lieutenance-générale von Antoine de Bourbon, König von Navarra und Premier prince du sang;[19] Am 27. März 1561 trat Antoine de Bourbon als Regent zurück und wurde i Gegenzug zum Lieutenant-général du Royaume ernannt.[19]
  • 1567: Lieutenance-générale des Herzog von Anjou, späterer König Heinrich III.;[19] beim Tod des Connétables Anne de Montmorency wurde der 16-jährige Heinrich zum Lieutenant-générale du Royaume ernannt.[19]
  • 1574: dritte Regentschaft Caterina de’ Medicis, während der Abwesenheit sdes Königs Heinrich III.[11] bis zu dessen Rückkehr aus Polen, zu dessen König er gewählt worden war.
 
Maria de’ Medici als Regentin, Porträt von Frans Pourbus dem Jüngeren, 1611, Uffizien

17. JahrhundertBearbeiten

  • 1610–1614: Regentschaft der Königin Maria de’ Medici, Witwe von Heinrich IV. und Mutter von Ludwig XIII. wegen dessen Minderjährigkeit;[11] am 13. Mai 1610, dem Tag ihrer Krönung, vertraute Heinrich IV. ihr die Regentschaft mündlich an;[17] am Tag darauf wandelte die Ermordung Heinrichs IV. diese Regentschaft in einer Regentschaft wegen Minderjährigkeit um;[17] die Regentschaft endete am 2. Oktober 1614 mit dem Lit de justice im Parlement de Paris.[20][21] Maria de’ Medici regierte bis 1617.
  • 1643–1651: Regentschaft der Königin Anne d’Autriche, Mutter von Ludwig XIV. während dessen Minderjährigkeit;[11] die Regentschaft endete am 2. Oktober 1641 mit dem Lit de justice im Parlement de Paris;[21] der Kardinal Mazarin regierte bis 1661.
  • 1672: Regentschaft der Königin Marie-Thérèse d‘Autriche, Ehefrau Ludwigs XIV., während der Abwesenheit des Königs[11] während des Holländischen Kriegs; die Regentschaft dauerte vom 12. Juni bis zum 13. August 1672.
 
Philippe d’Orléans als Regent, Porträt nach Jean-Baptiste Santerre, 1717, Schloss Versailles

18. JahrhundertBearbeiten

  • 1715–1723: Regentschaft von Philippe d’Orléans, genannt le Régent, Onkel von Ludwig XV., Regent während dessen Minderjährigkeit;[7] diese Regentschaft konstituierte ein politisches Regime in sich: die Régence. Sie endete mit dem Lit de justice im Parlement de Paris vom 23. Februar 1723.[22][21]
  • 1793–1795: Die Regentschaft de jure des Comte de Provence und späteren Königs Ludwig XVIII., Onkel von Ludwig XVII., während dessen Minderjährigkeit.[23]
    • 1793–1814: Lieutenance-générale des Comte d’Artois und späteren Königs Karl X., Bruder Ludwigs XVIII.;[23] am 28. Januar 1793 übertrug Ludwig XVIII. seinem Bruder das Amt des Lieutenant-général du Royaume;[19] er behielt sie bis in die ersten Wochen der Restauration.[19] Im März 1814 ging er Ludwig XVIII. nach Frankreich voraus,[19] am 12. April 1814 zog er in Paris ein,[19], am 14. April 1814 übertrug ihm der Senat – ohne ihn als Lieutenant général du royaume anzuerkennen – die provisorische Regierung.[19] Er nahm die Aufgabe bis zum 5. Mai 1814 wahr, dem Tag der Ankunft Ludwigs XVIII.[19]

19. JahrhundertBearbeiten

  • 1812–1814: Marie-Louise d'Autriche, Kaiserin der Franzosen, zweite Ehefrau Napoleons übt während der Koalitionskriege die Regentschaft aus.
  • 1815: Joseph Bonaparte, ehemaliger König von Neapel und von Spanien, Bruder Napoleons, übte die Regentschaft für seinen minderjährigen Neffen Napoleon II. am Ende der Herrschaft der Hundert Tage aus.
  • 1830: Louis-Philippe, Herzog von Orléans, Lieutenant général du royaume seit dem 31. Juli 1830, von König Karl X. als Regent nominiert, der am 2. August abdankte, nach dem Verzicht von dessen Sohn, des Duc d'Angoulême (Ludwig XIX.) und der Thronbesteigung seines zehnjährigen Enkels Henri d’Artois. Am 9. August 1830 wurde der Herzog von Orléans selbst König der Franzosen.
  • 1859: erste Regentschaft der Kaiserin Eugénie de Montijo, Ehefrau von Napoleon III., während dessen Abwesenheit im Sardinischen Krieg.[11] Die Regentschaft begann am 10. Mai und endete am 17. Juli.[24]
  • 1865: zweite Regentschaft der Kaiserin Eugénie de Montijo, während der Reise Napoleons III. nach Algerien. Die Regentschaft begann am 3. Mai 1865 und endete am 9. Juni 1865.[24]
  • 1870: dritte Regentschaft der Kaiserin Eugénie de Montijo, während der Teilnahme des Kaisers am Deutsch-Französischen Krieg.[11] Die Regentschaft endete am 4. September 1870 mit der Proklamation der Republik.[24]

LiteraturBearbeiten

  • Bernard Barbiche, Lieutenant général du royaume, in: Lucien Bély (Hrsg.), Dictionnaire de l'Ancien Régime: royaume de France, XVIe – XVIIIe siècle, Paris, Presses universitaires de France, Collection Quadrige / Dicos poche, Oktober 2003 (Neudruck Februar 2005), ISBN 978-2-13-054033-5
  • Élie Berger, Le titre de régent dans les actes de la chancellerie royale, Bibliothèque de l'École des chartes, Band 61, 1900, S. 413–425
  • Frédéric Bidouze, Claude Mengès-Mironneau, Le lit de justice en image et en décor, un peintre « galant » pour un règne majeur, Parlement[s]: revue d'histoire politique, Nr. 15, 2011, S. 136–143
  • André Corvisier, Pour une enquête sur les régences, Histoire, économie et société, 21. Jahrgang, Nr. 2, 2002, S. 201–226
  • Fanny Cosandey, De lance en quenouille: la place de la reine dans l'État moderne (XIVe – XVIIe siècles), Annales. Histoire, Sciences sociales, 52. Jahrgang, Nr. 4, 1997, S. 799–820
  • Fanny Cosandey, Puissance maternelle et pouvoir politique: la régence des reines mères, Clio. Histoire‚ femmes et sociétés, Nr. 21: Maternités, 2005, S. 69–90
  • Jean Étèvenaux, Les trois régences de l'impératrice Eugénie, Revue du Souvenir Napoléonien, Nr. 492, Juli–September 2012
  • Stéphane Lebecq, La charte de Baudouin V pour Saint-Pierre de Lille (1066): une traduction commentée, Revue du Nord, Nr. 356–357, 2004, S. 567–583
  • Friedemann Pestel, Monarchiens et monarchie en exil: conjonctures de la monarchie dans l'émigration française, 1792-1799, Annales historiques de la Révolution française, Nr. 382, 2015, S. 3–29
  • Alain Rey (Hrsg.), Dictionnaire historique de la langue française, Paris, Dictionnaires Le Robert, Juli 2010 (Neudruck 2011), 4. Ausgabe, ISBN 978-2-84902-646-5 und ISBN 978-2-84902-997-8, s.v.régent.

AnmerkungenBearbeiten

  1. a b Cosandey, S. 806
  2. Berger 1900, S. 416f
  3. Berger, 1900, S. 424f
  4. Cosandey, 1997, Fußnote 58, S. 818
  5. Lottin; Douxchamps, Cécile, Josait; diese Autoren datieren Balduins Amtszeit auf 1060 bis 1065
  6. Der Duc de Castries weist darauf hin, dass die Königin die Regentschaft nicht ausübte.
  7. a b c Corvisier 2002, S. 214
  8. a b Berger 1900, S. 414
  9. a b c Corvisier 2002, S. 212
  10. a b Berger 1900, S. 415
  11. a b c d e f g h i j k l m n Corvisier 2002, Tab 4., S. 207f
  12. Berger, 1900, S. 415/416
  13. Berger, 1900, S. 416
  14. Corvisier 2002, S. 204
  15. Calmette, Joseph, Les grands ducs de Bourgogne, Albin Michel, Paris, 1949
  16. Autrand, Françoise, Charles VII, Fayard, 2007; währende den Zeiten der „folie“ Karls VI. gab es keine Regentschaft, die Regierung wurde durch den Conseil royal sichergestellt.
  17. a b c d Corvisier 2002, S. 213
  18. Bidouze/Mengès-Mironneau, 2011, § 8
  19. a b c d e f g h i j k Barbiche 2003, s.v. Lieutenant-général du royaume, S. 741
  20. Bidouze/Mengès-Mironneau, 2011, § 7
  21. a b c Corvisier 2002, S. 215
  22. Bidouze/Mengès-Mironneau, 2011
  23. a b Corvisier 2002, S. 216
  24. a b c Étènvaux 2012