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Orgel von St. Cosmae et Damiani (Stade)

Kirchenorgel in Stade in Niedersachsen

Die Orgel von St. Cosmae et Damiani in Stade wurde in den Jahren 1669 bis 1673 von Berendt Hus und seinem Gesellen und Neffen Arp Schnitger gebaut und gilt als eine der bedeutendsten Barockorgeln Norddeutschlands. Sie verfügt über 42 weitgehend original erhaltene Register auf drei Manualen und Pedal.

Orgel von St. Cosmae et Damiani (Stade)
Stade Cosmae Orgel.JPG
Allgemeines
Alternativer Name Schnitger-Orgel
Ort St. Cosmae et Damiani (Stade)
Orgelerbauer Berendt Hus/Arp Schnitger
Baujahr 1669–1688
Letzte(r) Umbau/Restaurierung 1993/1994 durch Ahrend
Epoche Barock
Orgellandschaft zwischen Elbe und Weser
Technische Daten
Anzahl der Register 42
Anzahl der Pfeifenreihen 61
Anzahl der Manuale 3
Windlade Schleiflade, Springlade
Tontraktur Mechanisch
Registertraktur Mechanisch
linker Pedalturm

Inhaltsverzeichnis

BaugeschichteBearbeiten

VorgängerorgelnBearbeiten

Nachweislich ist in St. Cosmae et Damiani für das Jahr 1493 eine Orgel bezeugt. Nachdem Hans Scherer der Ältere zwar mit einem Neubau beauftragt wurde, diesen aber nicht durchführte, baute sein Geselle Antonius Wilde 1606–1607 eine neue Orgel und erweiterte dieses Instrument 1608 auf 28 Register.[1] 1628 arbeitete Hans Scherer der Jüngere an dem Instrument und 1635 ein unbekannter Orgelbauer. Hans Riege aus Otterndorf führte 1656 einen Umbau durch. Mit der Kirche fiel diese Orgel dem großen Stadtbrand von 1659 zum Opfer.[2]

Neubau 1669–1688 durch Hus und SchnitgerBearbeiten

 
Rückpositiv mit bekrönenden Figuren

Nach dem Wiederaufbau der zerstörten Kirche wurde die Orgel von Hus unter Mitarbeit von Schnitger in Etappen gebaut: 1669 errichtete man das Hauptgehäuse mit dem Balghaus, 1670 erfolgten der Einbau der Spielanlage mit den Springladen und des Pfeifenwerks samt Intonation. Vermutlich waren die doppelten Springladen im Oberwerk (= Hauptwerk) Schnitgers Meisterstück.[3] Die anderen Werke sind mit Schleifladen ausgestattet. 1670/1671 folgte das Rückpositiv, 1671 das Pedal und 1672/1673 das Brustpositiv. Für die einzelnen Bauabschnitte wurden vermutlich aus finanziellen Gründen aufgrund des Wiederaufbaus der Stadt einzelne Verträge geschlossen. 1673 wurde vermutlich Christian Flor aus Lüneburg zur Orgelabnahme eingeladen.[4] Womöglich wurde der Neubau erst 1675 vollständig abgeschlossen.[5] Vincent Lübeck, der 1674–1702 Organist an St. Cosmae war, erwirkte im Jahr 1688 für 400 Mark den Austausch einiger Register (Trompete 16′ und Zimbel III im Hauptwerk und Krummhorn 8′ und Schalmei 4′ im Brustwerk) durch Schnitger.[6]

Der Prospekt ist nach Art des Hamburger Prospekts aufgebaut. Das fünfteilige Rückpositiv ist die verkleinerte Form des Hauptwerkgehäuses. Auf den drei Türmen des Hauptgehäuses stehen drei Frauenskulpturen, die die göttlichen Tugenden Glaube (Kreuz), Hoffnung (Anker) und Liebe (Säugling) symbolisieren. Auf dem Mittelturm des Rückpositivs steht der Harfe spielende König David, der von zwei Engeln flankiert wird. Als Vorbild für die bekrönenden Figuren diente offensichtlich die Stadtkirche Glückstadt, wo Hus 1661–1665 eine neue Orgel geschaffen hatte.[7] Die beiden Manualgehäuse haben polygonale Mitteltürme, dem sich zweigeschossige Flachfelder anschließen, die zu den Spitztürmen überleiten. In den Obergeschossen der Flachfelder sind die Pfeifen stumm. Zwei weitere Flachfelder mit stummen Pfeifen verbinden das Hauptwerkgehäuse mit den polygonalen Pedaltürmen, die von einer Volutenkrone mit Kugel verziert wird. Von besonderer Klangqualität sind die Holzflöten im Brustwerk und die neun original erhaltenen Zungenregister. Die 16′-Basis der Orgel verleiht dem Klang Gravität und stellt einen Kontrast zu den brillanten Mixturen im Plenum dar.[8]

Spätere ArbeitenBearbeiten

Otto Diedrich Richborn (Hamburg) führte 1727–1728 eine Reparatur durch, ohne in die Disposition einzugreifen. 1781/1782 wurde die Empore umgebaut und nach vorne erweitert. In diesem Zuge geschah durch Georg Wilhelm Wilhelmy aus Stade ein Eingriff in die Disposition durch den Austausch zweier Register. Die Empore wurde vergrößert, damit „künftighin die Kirchen Musicken auf der Orgel gehalten werden können“.[9] Die Pedaltürme wurden verkürzt und angehoben und durch Rundbögen, die mit der Jahreszahl 1782 bezeichnet sind, mit dem Manualgehäuse verbunden. Ende des 18. Jahrhunderts wurde ein Glockenspiel mit 45 Schalenglocken eingebaut, das vom Manual des Hauptwerks mittels einer Hammermechanik anspielbar ist. Weitere Veränderungen erfolgten 1837–1841 durch Johann Georg Wilhelm Wilhelmy, der die Pedalklaviatur tiefer in das Gehäuse verlegte, die Manualklaviaturen erneuerte, eine Koppel zwischen Hauptwerk und Rückpositiv einbaute und einzelne schadhafte Pfeifen ersetzte. Ein eingreifender Umbau erfolgte 1870 durch Johann Hinrich Röver, der die Disposition und Tonhöhe veränderte und das Rückpositiv auf einer Kegellade ohne Gehäuse hinter die Orgel setzte. Er erniedrigte die Stimmtonhöhe um einen Ganzton.[9] Die Empore wurde 1910 nochmals vergrößert und vor die Orgel gezogen. 1917 mussten die Prospektpfeifen aus Zinn für Kriegszwecke abgeliefert werden; sie wurden 1919 durch Zinkpfeifen ersetzt. Dank Rövers Umsetzung des Rückpositivs ins Hauptgehäuse blieb der Principal 8′ verschont.[10]

RestaurierungenBearbeiten

Paul Ott stellte 1948 die Disposition Schnitgers wieder her und platzierte das Rückpositiv wieder vor das Hauptwerk, allerdings in einem neuen Gehäuse mitten auf der 1910 vergrößerten Empore. Durch die Erniedrigung des Winddrucks griff Ott zudem in die Klangsubstanz und Intonation ein.[11] 1956 wurden die fehlenden Basstöne in den Manualwerken und im Pedalwerk mithilfe von Zusatzladen erweitert, was zu Folgeschäden führte.

Eine umfassende Restaurierung erfolgte 1972–1975 durch Jürgen Ahrend (Leer-Loga), der den ursprünglichen Zustand von 1788 einschließlich der Emporensituation wieder nach strengen denkmalpflegerischen Maßstäben herstellte und die später erneuerten Register rekonstruierte. Ahrend stellte die alten Klaviaturumfänge mit kurzer Oktav' und das Rückpositivgehäuse wieder her.[9] Nach einer Kirchenrenovierung konnte Ahrend 1993–1994 die Orgel nachbearbeiten und das Hintergehäuse wiederherstellen, wodurch verschiedene weitere Verbesserungen erzielt wurden. D. Wellmer (Himbergen) stellte 2007 die alte Farbfassung aus dem Jahr 1727 wieder her.[12]

TemperaturBearbeiten

Jürgen Ahrend legte 1975 eine modifiziert oder erweitert mitteltönige Temperatur, die Harald Vogel für diese Restaurierung entwickelte. Sie erzielt ohne Wolfsquinte eine große Reinheit des Orgelklangs in den Tonarten mit wenigen Vorzeichen, lässt aber auch das Spiel von mehr Tonarten zu, als es in einer strikten mitteltönigen Temperatur gemeinhin für akzeptabel angesehen wird. Diese Temperatur der Stader Cosmae-Orgel ist systematisch der modifiziert oder erweitert mitteltönigen Stimmung ähnlich, die 1985 als Norder Stimmung durch die Restaurierung der Schnitger-Orgel der Ludgerikirche zu Norden bekannt geworden ist und Verbreitung gefunden hat.

Struktur:

  • Sechs um 1/4 syntonisches Komma verengte Quinten von je 696,6 Cent: C–G–D–A–E–H–Fis
  • Zwei um ca. 1/5 syntonisches Komma erweiterte Quinten von je 706,4 Cent:[13] As–Es-B
  • Vier reine Quinten zu je 702 Cent: Fis–Cis–Gis und B–F–C

Ihr Kennzeichen ist ein Kern von drei mitteltönigen, d. h. gleichartig guten Dur-Akkorden auf C, G und D. Die großen Terzen dieser drei Akkorde sind rein. An diesen mitteltönigen Kern schließen sich zu beiden Seiten des Quintenzirkels Tonarten an, die mit zunehmender Vorzeichenzahl graduell immer gespannter klingen (A-, E-, H-Dur bzw. F-, B- und Es-Dur), vergleichbar einer wohltemperierten Stimmung. Die restlichen Terzen der entlegensten Tonarten (Fis-, Cis-/Des- und As-Dur) sind zwar deutlich durch die beiden überschwebenden Quinten geprägt, die die in der Mitteltönigkeit übliche Wolfsquinte aufteilen und weiter vermindern. Sie sind aber je nach musikalischem Satz bzw. Registrierung en passant verwendbar.

Terzen bzw. Quinten über c g d a e h fis cis/des gis/as es/dis b f
Quinte (Cent)
Bruchteil synt. K.[14]
696,6
-14
696,6
-14
696,6
-14
696,6
-14
696,6
-14
696,6
-14
702
0
702
0
706,4
ca. +15
706,4
ca. +15
702
0
702
0
Große Terz (Cent) 386,3 386,3 386,3 391,7 397,1 406,8 416,6 416,6 416,6 406,8 397,1 391,7
Kleine Terz (Cent) 289,7 299,5 304,9 310,3 310,3 310,3 310,3 304,9 299,5 289,7 285,3 285,3

Disposition seit 1975 (= 1688)Bearbeiten

I Rückpositiv CDEFGA–c3
1. Principal 8′ HS/A[Anm. 1]
2. Rohrflöt 8′ HS/A[Anm. 2]
3. Quintadena 8′ HS
4. Octav 4′ HS
5. Sesquialter II A
6. Waltflöt 2′ HS
7. Sieflöt 113 A
8. Scharff V A
9. Dulcian 16′ HS
10. Trechter Regal 8′ HS
II Oberwerk CDEFGA–c3
11. Principal 16′ A[Anm. 3]
12. Quintadena 16′ HS
13. Octav 8′ HS
14. Gedackt 8′ HS
15. Octav 4′ HS
16. Rohrflöt 4′ HS
17. Nassat 3′ HS
18. Octav 2′ HS
19. Mixtur VI HS/A[Anm. 4]
20. Cimbel III A
21. Trommet 16′ S
22. Trommet 8′ HS
III Brustwerk CDEFGA–c3
23. Gedackt 8′ HS[Anm. 5]
24. Querflöt 8’ HS[Anm. 6]
25. Flöt 4′ HS[Anm. 7]
26. Octav 2′ HS
27. Tertia 135 HS
28. Nassat-Quint 112 HS/A[Anm. 8]
29. Sedetz 1′ HS/A[Anm. 9]
30. Scharff III HS/A[Anm. 10]
31. Krumphorn 8′ S
32. Schalmey 4′ S/A[Anm. 11]
Pedal CDE–d1
33. Principal 16′ HS/A[Anm. 12]
34. Sub-Bass 16′ HS/A[Anm. 13]
35. Octav 8′ HS
36. Octav 4′ HS
37. Nachthorn 1′ HS
38. Mixtur V–VI HS
39. Posaun 16′ HS
40. Dulcian 16′ A
41. Trommet 8′ HS
42. Cornet 2′ A/HS
Anmerkungen
  1. CDE kombiniert mit Rohrflöt, F–c3 im Prospekt.
  2. C–H von Ahrend, ab c von Hus/Schnitger.
  3. CDE kombiniert mit Quintadena, F–c3 im Prospekt.
  4. Wenige Pfeifen rekonstruiert.
  5. Eichenholz, gedeckt.
  6. Ab c1, Eichenholz, offen.
  7. Eichenholz, offen.
  8. Bass und oberste Oktave rekonstruiert.
  9. Bass (H), Diskant (A).
  10. 37 Pfeifen rekonstruiert.
  11. e2–c3 (A), Rest (H).
  12. C–H im Prospekt (A), Rest innen (H).
  13. C–Fis (A), Rest (H).
HS = Hus, unter Mitwirkung Schnitgers (1669–1673)
S = Schnitger (1688)
A = Ahrend (1975)

Technische DatenBearbeiten

  • 42 Register
  • Traktur:
    • Klaviaturen (Ahrend)
    • Tontraktur: Mechanisch
    • Registertraktur: Mechanisch
  • Windversorgung:
    • 80 mmWS Winddruck
    • Sechs Keilbälge (Schnitger, vier restauriert), Balgtretanlage
  • Windladen:
    • Doppelte Springladen im Oberwerk (Schnitger)
    • Schleifladen im Rückpositiv, Brustwerk und Pedal (Schnitger)
  • Stimmtonhöhe: a1= 493 Hz (ein Ton über normal)
  • Temperatur: Modifiziert oder erweitert mitteltönig (vgl. Beschreibung im Abschnitt "Temperatur")

LiteraturBearbeiten

  • Cornelius H. Edskes, Harald Vogel: Arp Schnitger und sein Werk (= 241. Veröffentlichung der Gesellschaft der Orgelfreunde). 2. Auflage. Hauschild, Bremen 2013, ISBN 978-3-89757-525-7, S. 18–22, 171 f.
  • Martin Böcker, Peter Golon: Die Orgel-Stadt Stade. Weltberühmte Orgeln und 600 Jahre Orgelbau [Buch mit CD]. Orgelakademie, Stade 2004, ISBN 3-931879-30-5.
  • Harald Richert: Arp Schnitger und Vincent Lübeck in unserer Heimat. In: Lichtwark-Heft Nr. 64. Hrsg.: Bezirksamt Bergedorf. Bergedorf 1999. Siehe jetzt: Verlag HB-Werbung, Hamburg-Bergedorf. ISSN 1862-3549.
  • Harald Vogel, Günter Lade, Nicola Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. Hauschild Verlag, Bremen 1997, ISBN 3-931785-50-5, S. 154–159.
  • Gustav Fock: Arp Schnitger und seine Schule. Ein Beitrag zur Geschichte des Orgelbaues im Nord- und Ostseeküstengebiet. Bärenreiter, Kassel 1974, ISBN 3-7618-0261-7, S. 20–24.
  • Helmut Winter, Cor [=Cornelius] H. Edskes, Heinz Meyer-Bruck: Die Huss-Orgel in Stade, St. Cosmae. Verlag der Musikalienhandlung Wagner, Hamburg 1979, ISBN 978-3-921029-51-0.

Aufnahmen/TonträgerBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Vogel, Lade, Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. 1997, S. 154.
  2. Seite von H.-W. Coordes, abgerufen am 14. Februar 2017.
  3. Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 18.
  4. Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 20.
  5. Vogel, Lade, Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. 1997, S. 156.
  6. Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 21.
  7. Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 20.
  8. Vogel, Lade, Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. 1997, S. 159.
  9. a b c Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 172.
  10. Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 22.
  11. Vogel, Lade, Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. 1997, S. 158.
  12. Orgel in Stade bei NOMINE e.V., abgerufen am 14. Februar 2017.
  13. Genau berechnet sind diese Quinten erweitert um die Summe aus +34 synt. Komma – 12 pyth. Komma.
  14. Angabe der Verkleinerung um den jeweiligen Bruchteil des syntonischen Kommas

Koordinaten: 53° 36′ 6,7″ N, 9° 28′ 34,7″ O