Olenos (Gatte der Lethaia)

Gestalt der griechisch-römischen Mythologie, möglicherweise phrygischen Ursprungs; Partner oder Gatte der Lethaia

Olenos, Altgriechisch: Ὤλενος, Ōlenos; Deutsch und Latein: 'Olenos oder 'Olenus, ist eine Gestalt der griechisch-römischen Mythologie, möglicherweise phrygischen Ursprungs. Er war Partner oder Gatte der Lethaia. Sein Name ist Ausgang für wissenschaftliche Gattungs- und Familiennamen der fossilen Trilobiten, Singular/Plural: Olenus/i, Deminutiv: Olenellus/i, Olenina/ae, mit Morphem -oid (-artig, -ähnlich): Olenoides, Olenoidea/ae, Olenida/ae.[1]

Olenus micrurus, gefunden in Wales

Die SageBearbeiten

Die Olenus-Lethaia-Sage ist syntaktisch mit einer Zerberus-Sage verbunden. Die beiden sonst unbekannten, kurzen Erzählungen finden sich in den Metamorphosen Ovids, 10. Buch, Vers 64–71.[2]

Sie sind eingebettet in den Mythos des Orpheus, der beim zweiten Verlust seiner Eurydike zu Stein erstarrte, versteinert – so veranschaulicht und vergleicht es Ovid – wie einer, der den kettenbehangenen Höllenhund Zerberus erblickte und – Ovid fährt fort und steigert den Vergleich – wie Olenos und Lethaia. Prosaübersetzung, Verständnishilfen in Klammern:

Nicht anders erstarrte Orpheus über den zweifachen Tod seiner Gattin, als der, der furchtsam die drei Hälse des Hundes (Zerberus) sah – der mittlere (Hals) trug Ketten; (und) den die Angst nicht eher verließ, als sein früheres Aussehen (ihn verließ), und Stein aus seinem Körper erwuchs; und (nicht anders erstarrte Orpheus) als Olenos, der ein Vergehen auf sich zog und als schuldig angesehen werden wollte, und (nicht anders als) du (Lethaea), die du deiner Schönheit vertrautest, o unglückliche Lethaia, beide (wart ihr) einst sehr verbundene Herzen, jetzt (seid ihr) Steine, die das (troische) feuchte Ida-Gebirge[3] trägt.

InterpretationBearbeiten

Ovid nimmt durch den Vergleich des zu Stein erstarrten Orpheus mit anderen Versteinerungen zwei weitere Metamorphosen in sein Epos auf.[4] Während die Verwandlung des Unbekannten beim Anblick des Zerberus nur auf dessen Angst beruht, liegen bei Olenos und Lethaia tiefere Gründe vor. Ovid macht dazu einige Andeutungen und ist nicht bereit, dem Leser mehr zu enthüllen, so dass dieser nur Vermutungen anstellen kann. Zwei Gesichtspunkte kommen in Frage:

Ätiologie: Es ist eine ätiologische Erzählung, die die Entstehung zweier Steine im Ida-Gebirge erklärt, möglicherweise zwei in der Antike bekannte Stein- oder Felsformationen, heute unbekannt. Ähnlichkeit liegt vor mit dem Schicksal der Niobe[5], die auch in Stein verwandelt wurde, ebenfalls angesiedelt in Phrygien.

Hybris: Es ist eine der vielen mythologischen Rachegeschichten der wegen Hybris erzürnten Götter. Lethaia rühmte sich möglicherweise in Konkurrenz zu einer Göttin[6] ihrer Schönheit, Olenos wollte die Schuld für ihr Vergehen auf sich nehmen, um sie zu retten – vielleicht hatte er sie zu ihrem Fehlverhalten ermuntert – und wurde dafür ebenfalls bestraft, Götter kennen kein Erbarmen.

LiteraturBearbeiten

 
Olenus zoppii, Naturhistorisches Museum der Universität Pisa
  • Johan Wilhelm Dalman: Über die Palaeaten oder die sogenannten Trilobiten, 1826 (schwedisch), Nürnberg 1828 (deutsch), Seite 9–10 über seine Anwendung mythologischer Namen, darunter Olenus und Lethäa.
  • Moriz Haupt (Herausgeber): Die Metamorphosen (lateinisch), mit Erklärungen (deutsch), Weidmann, Berlin 1862
  • Rudolf Henneböhl: Stumm vor Schmerz ist die Lyra: Der Gesang des Orpheus und die Entstehung der Liebeselegie – zur Aussageabsicht des zehnten Buches der Metamorphosen Ovids, in: Gymnasium 4 (2005), S. 345–374; zu Olenus: Seite 350 mit Anmerkung 22
  • Reinhard Suchier: Ovids Metamorphosen, übersetzt und erläutert, Krais und Hofmann, Stuttgart 1866

AnmerkungenBearbeiten

  1. In die Paläontologie wurde die Bezeichnung eingeführt 1826 von Dalmann, siehe Literatur.
  2. Ovidtext und Übersetzung in Hexametern nach Suchier, siehe Literatur, betonte Silben in Vers 68–71 durch Unterstrich:
    non aliter stupuit gemina nece coniugis Orpheus,
    65 quam tria qui timidus, medio portante catenas,
    colla canis vidit; quem non pavor ante reliquit,
    quam natura prior, saxo per corpus oborto;
    quique in se crimen traxit voluitque videri
    Olenos esse nocens, tuque, o confisa figurae,
    70 infelix Lethaea, tuae, iunctissima quondam
    pectora, nunc lapides, quos umida sustinet Ide.
    Orpheus aber war starr von dem zweifachen Tode der Gattin,
    65 ähnlich dem Mann, den schreckten des Hundes drei Hälse, von welchen
    Ketten der mittlere trug, und den mit dem früheren Wesen
    erst das Entsetzen verließ, als Stein durchdrungen den Körper,
    o der wie Olenos einst, der Frevler zu scheinen verlangte,
    auf sich nehmend die Schuld, und du, unsel'ge Lethaia,
    70 die zu dreist auf die Schönheit vertraut, treu liebende Herzen
    vormals, Steine zur Zeit, die trägt die bewässerte Ida.
  3. Ide: der troische Berg, πολυπῖδαξ in der Ilias, Haupt, Anmerkung zu Kapitel 2, Vers 218, Seite 64, siehe Literatur.
  4. Henneböhl: „Die Gleichnisse (64-71) sind keinesfalls zufällig gewählt, sind nicht bloßes (episches) Füllwerk, Überleitung oder sonst etwas, sondern sind eine genaue, psychologisch sehr treffsichere Deutung des inneren Zustandes von Orpheus.“ Siehe Literatur.
  5. Niobe: Ovid, Metamorphosen, Buch 6, Vers 303–3011
  6. Vergleiche Kassiope, die sich ihrer Schönheit gegenüber den Nereiden rühmte.