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Der Neupfarrplatz und die Neupfarrkirche liegen im Zentrum der Regensburger Altstadt und sind umgeben von Stadtbereichen mit engen und engsten Gassen. Die Entstehung des großen Platzes und der Bau der Kirche sind zurückzuführen auf den Abriss des Judenviertels und die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung im Jahr 1519.

Neupfarrplatz
Wappen Regensburg.svg
Platz in Regensburg
Neupfarrplatz
Basisdaten
Ort Regensburg
Ortsteil Innenstadt
Angelegt 1519
Neugestaltet 2005 (Einweihung Denkmal Alte Synagoge Regensburg)
Einmündende Straßen
Gesandtenstraße,
St. Kassians Platz,
Wahlenstraße,
Residenzstraße,
Drei-Helm-Gasse,
Tändlergasse,
Pfarrergasse,
Kramwinkel
Bauwerke Neupfarrkirche,
Denkmal Misrach (Alte Synagoge Regensburg),
Alte Wache,
Palais Löschenkohl
Nutzung
Nutzergruppen Fußverkehr, Radverkehr,
ÖPNV
Platzgestaltung Denkmal Misrach (Alte Synagoge Regensburg), Pflaster
Teil–Stadtplan um 1700 Neupfarrplatz, Neupfarrkirche
Neupfarrplatz mit Neupfarrkirche

Ältere GeschichteBearbeiten

Im Mittelalter befand sich an der Stelle des Platzes das Regensburger Judenviertel. Seit 981 n. Chr. gibt es Belege einer jüdischen Gemeinde in Regensburg. Man geht heute von 39 Häusern aus, darunter einige öffentliche Gebäude, wie etwa die Synagoge. Die Judengemeinde hatte eine eigene Verwaltung, ein Siegel und eigene Richter. Religiöser Judenhass, konstruierte Ritualmordbeschuldigungen, wirtschaftliche Interessen der Einwohner, Kaufleute und Handwerker führten in Regensburg in der Wendezeit vom 15. zum 16. Jahrhundert zur Forderung an den Kaiser, die Juden ausweisen zu dürfen. Kaiser Maximilian I., der gegen Bezahlung durch die Juden als deren Schutzherr fungierte, lehnte den Wunsch der Stadt ab, weil seine finanziellen Interessen hinsichtlich der von ihm erwarteten Ablösungssumme nicht abgesichert waren. Der Rat der Stadt blieb in den Folgejahren bei der Forderung nach Ausweisung der Juden und der Regensburger Domprediger Balthasar Hubmaier heizte die Stimmung gegen die Juden maßgeblich an. Als der Kaiser 1519 starb, nutzte der Rat der Stadt die Gunst der Stunde und es kam in einer geplanten, den kaiserlichen Reichshauptmann Thomas Fuchs von Wallburg angeblich überraschenden Aktion zur Vertreibung der jüdischen Gemeinde (damals ca. 500 Bürger), zum Abbruch der Synagoge und der übrigen Gebäude des Viertels.[1][2]

Bebauung und AusgrabungenBearbeiten

 
Löschenkohl-Palais, ehem. kursächsische Gesandtschaft
 
Fassade der Alten Wache
 
Neupfarrplatz im Jahr 1893 Ausschnitt Nordwest

In der Mitte des Platzes steht die Neupfarrkirche, deren Bau nach der Zerstörung des jüdischen Viertels 1519 begonnen, aber wegen Geldmangels bereits 1528 wieder eingestellt wurde. Der Renaissancebau war ursprünglich als katholische Wallfahrtskirche geplant, denn nach der Zerstörung des jüdischen Viertels hatte eine judenfeindlich geprägte Marien-Wallfahrt begonnen. In der später entstandenen Legende von der wundertätigen Maria wurde die Wallfahrt auf ein angebliches Wunder während der Zerstörung der ehemaligen Synagoge auf dem Platz zurückgeführt. Nach der Einstellung des Kirchbaus wurde die Westfassade des entstandenen Kirchentorsos, der aus Ostchor und unfertigen Türmen bestand, provisorisch geschlossen. Als 1542 der Rat der Stadt zur evangelisch-lutherischen Konfession überging, wurde dieser Kirchentorso als erste evangelische Pfarrkirche der Stadt genutzt. Erst 1860 wurde die provisorische Westfassade nach Plänen des Architekten Ludwig Foltz durch einen neuen Westchor endgültig geschlossen.

Auf der Südseite des Platzes befindet sich das Palais Löschenkohl (Neupfarrplatz 14), das der Regensburger Bankier Hieronymus Löschenkohl 1733 nach Plänen von Johann Michael Prunner im Rokoko-Stil errichten ließ. Nach dem Konkurs des Geschäfts 1743 hatte sich hier bis 1806 die kursächsische Gesandtschaft beim Immerwährenden Reichstag eingemietet, später wurde hier ein Kaufhaus und ein Kino betrieben. Heute befindet sich hier eine Niederlassung der Commerzbank.

Westlich des Löschenkohlpalais bis hin zur Bachgasse erstreckte sich das Areal des Mitte des 13. Jahrhunderts gegründeten Augustinerklosters mit der Augustinerkirche und den zugehörigen Klostergebäuden. Von den Gebäuden ist – in zweiter Reihe liegend – nur noch das ehemalige Refektorium erhalten, das heute als Gaststätte genutzt wird. Alle übrigen Klostergebäude und auch die Augustinerkirche wurden 1838 abgebrochen. Das Areal wurde zur Bebauung an die Fabrikantenfamilie Maffei aus München verkauft.[3]

1939/ 40 wurden beim der Anlage einer Löschwasserzisterne unter dem nordöstlichen Platz und beim Bau eines von den Nationalsozialisten geforderten ringförmigen Luftschutzbunkers viele verbliebenen Restfundamente von Häusern im Judenghetto schwer beschädigt, zumal der Ringbunker durch unterirdische Gänge mit den zu Luftschutzkellern ausgebauten mittelalterlichen Kellern der umgebenden Häuser verbunden wurde.[4]

In den 1970er Jahren wurden an Ost- und Südseite des Platzes zahlreiche alte Bürgerhäuser zugunsten eines umstrittenen Kaufhausneubaues abgebrochen. Teile der Fassade der ehemaligen städtischen Hauptwache, 1818 nach Plänen von Michael Dobmayr – und nicht, wie häufig angenommen, von Emanuel Herigoyen[5] – errichtet, wurden in das Kaufhaus integriert. In den 90er Jahren wurde der Platz verkehrsberuhigt und umgestaltet.

Bei Bauarbeiten zur Neugestaltung des Platzes wurden 1995 westlich der Neupfarrkirche die Mauerreste der 1519 zerstörten gotischen Synagoge und eines romanischen Vorgängerbaus aus dem 11. oder 12. Jahrhundert gefunden. Vorher war die alte Synagoge von Regensburg direkt unter der Neupfarrkirche vermutet worden. Von Albrecht Altdorfer gibt es zwei detailgetreue Radierungen der Synagoge, die die Identifizierung erleichterten. Bei den Ausgrabungen in den Folgejahren wurden große Teile der mittelalterlichen Kelleranlagen des Judenviertels freigelegt und unter anderem ein Goldschatz aus dem 14. Jahrhundert mit 624 Goldmünzen und ein Fingerring mit dem Siegel der jüdischen Gemeinde gefunden. Der Goldschatz ist heute im Historischen Museum zu sehen. Die kommunalpolitischen Auseinandersetzungen um die Ausgrabungen riefen starkes bürgerschaftliches Engagement hervor, was sich auf den Umfang und die Art der Ausgrabungen (1995–97) auswirkte.[6] Das von den Regensburger Architekten Lydia Lehner und Franz Robold konzipierte Informationszentrum document Neupfarrplatz stellt heute multimedial die 2000-jährige Geschichte des Platzes dar.[7] In den unterirdischen Schauräumen sind Mauern des römischen Legionslagers, drei Keller des mittelalterlichen Judenviertels, Fundamente der Neupfarrkirche und Teile des 1940 erbauten Ringbunkers zu sehen. Ein Dokumentarfilm führt den Besucher virtuell durch die Zeiten.

Der israelische Künstler Dani Karavan machte den Grundriss der Synagoge durch ein am 13. Juli 2005 eingeweihtes begehbares Bodenrelief aus weißem Beton sichtbar.

 
Bodenrelief der Synagoge

Der Brunnen am Platz mit kaiserlichem Doppeladler, Stadt- und Reichswappen stammt aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, der obeliskartige Brunnenpfeiler und das Gitter von 1730.

Neuere GeschichteBearbeiten

Der Platz war das Geschäftszentrum der Stadt. Zahlreiche historische Ereignisse fanden hier statt. 1796 ereignete sich hier eine Soldatenrevolte, die sich zu einem allgemeinen Bürgeraufstand auszuweiten drohte. 1919 wurde hier die Räterepublik ausgerufen, 1933 war der Platz Schauplatz der Bücherverbrennung.
Im Herbst 1942 verhaftete die Gestapo über 40 Personen und warf ihnen staatsfeindliches Verhalten vor, das hauptsächlich aus dem angeblichen Empfangen von ausländischen Rundfunksendern und dem Austausch von dabei gewonnenen Informationen bestand. Da sich die Verfolgten, die von KPD, über BVP bis NSDAP allen politischen Lagern angehörten, in loser Folge auf dem Regensburger Neupfarrplatz trafen, gab ihnen die Gestapo den Namen „Neupfarrplatz-Gruppe“. Die Taten der Festgenommenen wurden im Abschlussbericht der Staatspolizei als zersetzende Mundpropanda bewertet, die „viele deutsche Volksgenossen in ihrer Siegeszuversicht ganz erheblich geschwächt“ habe.[8] Zwei der Angeklagten, Josef Bollwein und Johann Kellner, wurden vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet. Sechs weitere Personen kamen im KZ Flossenbürg teilweise unter ungeklärten Umständen zu Tode.[9] Aufgrund der erhaltenen Aussagen der Inhaftierten und ihrer nicht durchdachten bzw. entwickelten politischen Positionen kann man nicht von einem antifaschistischen Volksfrontbündnis sprechen, sondern von einer emotional-weltanschaulichen Opposition.[10]

LiteraturBearbeiten

  • Herbert E. Brekle: Das Regensburger Ghetto. Foto-Impressionen von den Ausgrabungen, MZ Buchverlag, Regensburg 1997, ISBN 978-3-931904-17-3
  • Martin Dallmeier, Hermann Hage, Hermann Reidel (Hrsg.): Der Neupfarrplatz. Brennpunkt – Zeugnis – Denkmal. Beiträge des Regensburger Herbstsymposions zur Kunstgeschichte und Denkmalpflege vom 18. bis 21. November 1999. Regensburg 2002. ISBN 3-9806296-3-5

WeblinksBearbeiten

  Commons: Neupfarrplatz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Tobias Beck: Kaiser und Reichsstadt am Beginn der Frühen Neuzeit, Verlag Stadtarchiv Regensburg 2011, S. 116–122.
  2. Peter Herde, Regensburg (Ortschaftsartikel), in: Germania Judaica (GJ) Band III, 2. Teilband, hg. von Arye Maimon, Mordechai Breuer u. a., Tübingen 1995, S. 1178 – 1229, hier 1202.
  3. Karl Bauer: Regensburg Kunst- Kultur- und Alltagsgeschichte. MZ-Buchverlag in H. Gietl Verlag & Publikationsservice GmbH, Regenstauf 2014, ISBN 978-3-86646-300-4, S. 158 f.
  4. Julia Kathrin Knoll, Christian Greller: Von Hexen, Geistern und Verbrechern. Ein Rundgang zu den unheimlichsten Orten in Regensburg und Umgebung. MZ Buchverlag in der Battenberg Gietl Verlag GMBH, Regenstauf, Regenstauf 2019, ISBN 978-3-86646-340-0, S. 121 f.
  5. Anke Borgmeyer, Achim Hubel, Andreas Tillmann, Angelika Wellnhofer: Stadt Regensburg, Denkmäler in Bayern Band III.37, Regensburg 1997, S. 404
  6. Herbert E. Brekle (1997), S. 6–7
  7. tourismus.regensburg.de: document Neupfarrplatz
  8. Helmut Halter: Stadt unterm Hakenkreuz, Universitätsverlag Regensburg, 1994, S. 215.
  9. Helmut Halter: Stadt unterm Hakenkreuz, S. 215.
  10. Hartmut Mehringer: Die KPD in Bayern 1919-1945, in: Martin Brozat, u. a. (Hg.): Bayern in der NS-Zeit: Die Parteien KPD, SPD, BVP in Verfolgung und Widerstand, Oldenbourg Verlag, 1983, S. 269.

Koordinaten: 49° 1′ 6,8″ N, 12° 5′ 46,2″ O