Naturales quaestiones

Buch von Lucius Annaeus Seneca

Naturales quaestiones ist ein Werk über Erscheinungen und Fragen der Natur, das Seneca 62 n. Chr. bis 63 n. Chr. verfasst hat[1]. Seneca zeigt sich dabei als Sammler der Erkenntnisse zahlreicher, hauptsächlich griechischer Autoren. Der Stoff ist – folgend der Einteilung der Kosmologie in Himmelskunde, Meteorologie und Erdkunde – auf Themen der Meteorologie eingeschränkt. Seneca ist damit in der Tradition älterer Autoren, wie Aristoteles und Poseidonios[2].

Aufbau und GesamtgestaltungBearbeiten

Das Werk besteht aus 8 Einzelbüchern, die unterschiedlichen Themen gewidmet sind. Das Einzelbuch gliedert sich im Allgemeinen in ein Vorwort, den Hauptteil mit den stoffbezogenen Thesen und einen Schlussteil. In allen Büchern außer dem verstümmelten Buch IVb und Buch VII wendet sich Seneca an seinen Freund Lucilius Junior. Das Vorwort und der Schlussteil enthalten meistens philosophisch-ethische Ausführungen, so dass eine einzigartige Mischung naturwissenschaftlicher und ethischer Themen vorliegt.
In den naturwissenschaftlichen Hauptteilen übermittelt Seneca jeweils die Ausführungen mehrerer Autoren. Er bewertet sie auch und legt dar, welcher der häufig sehr kontroversen Theorien er sich anschließt.

QuellenBearbeiten

Seneca nennt circa 40 Namen von Gewährsmännern. Es handelt sich dabei um Philosophen und Naturwissenschaftler, aber auch um ‚Forschungsreisende‘, deren Berichte er zitiert. So berichtet z. B. Euthymenes von Massilia von seiner Reise auf dem Atlantischen Ozean[3]. Viele Namen werden nur einmal genannt. Wichtige Quellen mit mehreren Nennungen sind Anaxagoras (6 Nennungen), Aristoteles (13), Kallisthenes (6), Poseidonius (10) und Theophrastos von Eresos (9)[4].
Häufig bekennt sich Seneca allgemein zu der Lehre der Stoiker, der er anhängt:
„In hac sententia sunt plerique nostrorum…“ wird übersetzt mit
„Dieser Ansicht sind die meisten Stoiker…[5]“.
Mit der Angabe antiqui werden auch ältere Philosophen zitiert.
Auch lateinische Autoren werden, allerdings selten, benutzt. Im Windbuch (V, 16) nennt Seneca den Marcus Terentius Varro. Die lateinischen Namen der Winde in diesem Kapitel (aquilo, septemtrio etc.) lassen auch eine lateinische Quelle wahrscheinlich sein. Seneca erwähnt Papirius Fabianus, den Verfasser der causarum naturalium libri[6] bei seiner Sintflutschilderung (III, 27, (3)).
Trotzdem bleiben einerseits weite Textbereiche, die mit einem allgemeinen manche meinen oder man erzählt auch angeführt werden. Andererseits stellt Seneca auch ausdrücklich seine eigene Meinung dar, stellt sich etwa mit:
„Ego nostris non assentior“ = „Ich stimme unserer Schule hier nicht bei“[7]
in Gegensatz zu der Schule der Stoiker.
Trotz dieser Vielfalt der Quellen ist auch angenommen worden, dass sich Seneca hauptsächlich auf Poseidonius gestützt habe, insbesondere in Buch VII[8].

Inhalt der einzelnen BücherBearbeiten

Buch I – MeteorbuchBearbeiten

Seneca behandelt verschiedene Lichterscheinungen, die hauptsächlich durch das Sonnenlicht in Wolken, Wassertropfen usw. hervorgerufen werden. Zentral steht die Schilderung des Regenbogens und Theorien seiner Entstehung.
Diese naturwissenschaftlichen Beobachtungen werden durch die Praefatio, in der die Beschränktheit des Menschen im Vergleich zu Natur und Gottheit thematisiert wird, und ein moralisierendes Schlusswort eingerahmt. Hier schildert Seneca ausführlich den Gebrauch von Spiegeln bei erotischen Szenen, wobei er auch den Namen des von ihm zutiefst verachteten Mitbürgers nicht zurückhält.

Buch II – GewitterbuchBearbeiten

Thema des Buches sind die Beschreibung von und Theorien zur Entstehung von Blitz und Donner.
In den vorwortartigen Eingangskapiteln (1-11) stellt Seneca seine Einteilung der Materie und der Welt vor, sowie eine Schilderung der Eigenschaften der Luft. Abgeschlossen wird das Buch wieder durch moralische Überlegungen. Diesmal setzt sich Seneca mit der Todesangst auseinander. Ab Kapitel 31 führt Seneca von der für die Antike unerklärlichen physikalischen Eigenschaft des Blitzes, Silber zu schmelzen und dabei das umgebende Holzkästchen unversehrt zu lassen, zu der Blitzmantik über. Dabei vergleicht er den (abergläubischen) etruskischen Standpunkt mit dem (rationalen) Standpunkt der Stoa[9].

Buch III – WasserbuchBearbeiten

Wieder rahmen ein Vorwort (naturwissenschaftliches Schreiben wird gegenüber der Geschichtsschreibung positiv gewertet) und ein Epilog (eine eindrucksvolle Schilderung der Sintflut) die naturwissenschaftlichen Ausführungen ein. Behandelt werden verschiedene Theorien der Entstehung der Flüsse, des Grundwassers und der Eigenschaften des Wassers. Der obligatorische moralkritische Abschnitt dieses Buchs (Kapitel 17-19) geißelt die Unsitte, Fische, vor allem Seebarben, lebendig auf den Tisch zu bringen und sich an ihren im Todeskampf wechselnden Farben zu ergötzen, bevor man sie vor den Augen der Gäste zubereitet.

Buch IVa – NilbuchBearbeiten

Nach Praefatio und einer Schilderung des Nils überliefert Seneca vier der damals bekannten Theorien der Ätiologie der Nilschwelle[10]:
- Schneeschmelze im Äthiopischen Gebirge (Anaxagoras)
- Etesien stauen den Nil (Thales, Euthymenes geht überdies davon aus, dass der Nil mit dem Atlantik verbunden ist)
- Jahreszeitlicher Temperaturwechsel in unterirdischen Wasseradern (Oinopides von Chios)
- Ausgleich der Feuchtigkeit durch unterirdisches Röhrensystem (Diogenes von Apollonia)
Seneca lehnt alle Theorien ab und ist damit im Einklang mit dem gegenwärtigen Wissensstand. Bevor er eine Theorie zitiert, die er billigt, bricht das Buch ab.

Buch IVb – WolkenbuchBearbeiten

Der Anfang des Buches ist verloren. Es setzt mit einer Schilderung des Hagels und des Schnees ein. Ganz entschieden lehnt Seneca in Kapitel 6 die abergläubische Vorstellung ab, durch ein Blutopfer Hagel abwenden zu können.
In Kapitel 8 bis 12 bildet er Theorien über den Temperaturanstieg bei steigender Lufthöhe und die damit zusammenhängende Schneebildung.
Das Buch klingt mit einer harschen Kritik des luxuriösen Lebensstils, durch den Eis und Schnee zur Kühlung von Speisen und Getränken gebraucht – missbraucht – werden, aus.

Buch V – WindbuchBearbeiten

Das Buch beginnt ohne Praefatio direkt mit einer Definition:
ventus est fluens aër.
Wind ist fließende Luft.

In den Kapiteln 2 bis 6 werden Theorien der Windentstehung (Ausdünstung der Erde, Luftabgabe des verdauenden Erdtiers, Lebenskraft der Luft) vorgestellt. Von Kapitel 7 bis 17 beschreibt Seneca unterschiedliche Winde und entwickelt eine Windrose mit 4 bzw. 12 unterschiedenen Winden.
Über eine kurze Schilderung des segensreichen Wirkens des Windes leitet Seneca über in eine lange moralphilosophische Deklamation[11] (Kap.18, (10)):
quousque nos mala nostra rapuerunt? parum est intra orbem suum furere
Wie weit haben uns unsere Übel gebracht? Da reicht es nicht, in der eigenen Welt zu rasen.

Buch VI – ErdbebenbuchBearbeiten

Ausgehend von dem Erdbeben in Kampanien, das vor kurzem sowohl in Pompeji als auch Herculaneum großen Schaden angerichtet hatte, geht Seneca auf die Angst ein, die ein Erdbeben hervorruft.
Ab Kapitel 4 bis 20 werden zahlreiche Erdbebentheorien ausgebreitet, die meisten mit dem Namen eines Philosophen verknüpft, der sie vertritt. Feuer, Wasser, Luft werden als Ursache genannt, auch mehrere zusammenwirkend. Ab Kapitel 21 entwickelt Seneca seine eigene Meinung: eindringende Luft, die unterirdischen Hohlräume unter großem Druck vollständig ausfüllt, sei die Ursache.
Er berichtet auch interessante Beobachtungen von dem Erdbeben in Kampanien – so in Kapitel 27 –, dass Schafe durch die giftigen Dünste gestorben waren und in Kapitel 31, dass die elastischen Lehmmauern letztlich besser standhielten, als die Steinmauern.

Buch VII – KometenbuchBearbeiten

Seneca hat eine große Anzahl von Theorien zusammengestellt, die er diskutiert und zum Teil widerlegt. Die Meinung der Stoiker, vertreten von Zenon (Kapitel 20), dass Kometen eine Feuererscheinung ohne Substanz seien, teilt er nicht. Vielmehr neigt er der Theorie des Apollonios von Myndos (Kapitel 17) zu, dass es sich um Planeten handele, von deren Lauf wir nur einen kleinen Teil sehen.
In den letzten Kapiteln bedauert Seneca, dass dem Menschen nur ein so kleiner Teil der Schöpfung verständlich sei:
neque enim omnia deus homini fecit. quota pars operis tanti nobis committitur?
Nicht alles nämlich hat die Gottheit für den Menschen geschaffen. Welch kleiner Teil dieses Riesenwerkes ist uns zugänglich?
und dass der Mensch sich so wenig bemühe, seine Erkenntnis zu erweitern.

Überlieferung und WeiterlebenBearbeiten

Die Naturales quaestiones wurden im Mittelalter weit weniger rezipiert als andere naturwissenschaftliche, antike Schriften, wie etwa die Meteorologie des Aristoteles. Sie wurde auch weit weniger gelesen als andere Schriften Senecas[12].

Es wurden circa 50 Handschriften aus dem 12. bis 14. Jahrhundert überliefert, die alle dieselbe Textlücke etwa in der Mitte des Textes aufweisen, aber bezüglicher der Anordnung der Bücher in 2 Gruppen zerfallen. Die eine Gruppe gliedert die Bücher: I-II-III-25,6-IVb-V-VI-VII, die andere: IVb-V-VI-VII-I-II-III-IVa[13].
Erst 1907 verfertigte Alfred Gercke eine vollständige Textausgabe.

Textausgabe und ÜbersetzungBearbeiten

  • Paul Oltramare (Hrsg.): Sénèque. Questions Naturelles. Paris, 1. Aufl. 1929, 2. Aufl. 1961, 3. überarb. Aufl. 2003, Les Belles Lettres.
  • L. Annaeus Seneca: Naturwissenschaftliche Untersuchungen. Hrsg. und übers. von Martinus F. A. Brok. Darmstadt 1995.
  • Harry M. Hine (Hrsg.): L. Annaei Senecae Naturalivm qvaestionvm libros. Stuttgart [u. a.] 1996.
  • L. Annaeus Seneca: Naturales quaestiones. Naturwissenschaftliche Untersuchungen. Lateinisch/Deutsch. Übers. und hrsg. von Otto und Eva Schönberger. Stuttgart 1998.

LiteraturBearbeiten

  • Bardo Gauly: Senecas Naturales Quaestiones. Naturphilosophie für die römische Kaiserzeit, München 2004.
  • Nikolaus Groß: Senecas Naturales Quaestiones. Komposition, naturphilosophische Aussagen und ihre Quellen. Stuttgart 1989.
  • Gregor Maurach (Hrsg.): Seneca als Philosoph. Darmstadt 1975.
  • Albert Rehm: Das siebente Buch der Naturales Quaestiones des Seneca und die Kometentheorie des Poseidonios. München 1922.
  • Franz Peter Waiblinger: Senecas Naturales Quaestiones. Griechische Wissenschaft und römische Form. München 1977.
  • Gareth D. Williams: The cosmic viewpoint. A study of Seneca's „Natural Questions“. New York 2012.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Otto und Eva Schönberger: Naturales quaestiones, Nachwort, Die Entstehung der Naturales quaestiones
  2. Franz Peter Waiblinger: Senecas Naturales Quaestiones, II. Der Gegenstand der Naturales Quaestiones und seine traditionelle Struktur
  3. L. Annaeus Seneca, Naturales quaestiones, IV a, 2, (22)
  4. Paul Oltramare: Sénèque: Questions Naturelles, Index des noms propres
  5. Übersetzung Otto und Eva Schönburger
  6. Franz Peter Waiblinger: Senecas Naturales Quaestiones, II, 3
  7. L. Annaeus Seneca: Naturales quaestiones, VII, 22, (1)
  8. Albert Rehm: Das siebente Buch der Naturales Quaestiones des Seneca und die Kometentheorie des Poseidonois
  9. Nicolaus Gross: Senecas Naturales Quaestiones, 2.2 Das Gewitterbuch
  10. Nicolaus Gross: Senecas Naturales Questiones, 2.4. Das Nilbuch
  11. Nikolaus Gross: Senecas Naturales Quaestiones, 2.6.10
  12. Franz Peter Waiblinger: Senecas Naturales Questiones, I. Einleitung
  13. M.F.A. Brok: L. Annaeus Seneca Naturwissenschaftliche Untersuchungen, Einleitung