Nationalsozialistischer Lehrerbund

Parteigliederung der NSDAP
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Der Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB) war ein der Parteigliederung der NSDAP angeschlossener Verband. Er entwickelte sich ab 1933 zur alleinigen Lehrerorganisation im NS-Staat und bestand bis 1943.

Organisation und ZielrichtungBearbeiten

Der NSLB wurde 1927 von dem suspendierten oberfränkischen Lehrer und bayerischen Landtagsabgeordneten Hans Schemm (1891–1935) als lose Vereinigung nationalsozialistischer Lehrer ins Leben gerufen. Das oft genannte Gründungsdatum 21. April 1929 beruht auf einer nachträglichen Korrektur, durch die Schemms Nachfolger Fritz Wächtler zum Gründungsmitglied hochstilisiert wurde.[1] Ende 1929 zählte der NSLB gut 200 Mitglieder, deren Zahl bis zum Januar 1933 auf 11.000 anstieg.

Nach der Etablierung des NS-Regimes durch das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 und das sogenannte Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 machte sich Schemm daran, den NSLB zu einer Einheitsorganisation aller Erzieher – unabhängig von Aus- und Vorbildung und Tätigkeitsbereich – auszubauen. Das geschah einerseits durch Werbung von Einzelmitgliedern, die nach der Aufnahmesperre vom Mai 1933 nicht mehr der NSDAP angehören mussten, sodann durch den unter Druck erfolgten korporativen Beitritt der bestehenden Lehrerverbände zu einer vom NSLB dominierten „Deutschen Erziehergemeinschaft“. Nur die Allgemeine Freie Lehrergewerkschaft Deutschlands und der Allgemeine Deutscher Lehrerinnenverein kamen dem durch ihre Selbstauflösung zuvor. Die „Deutsche Erziehergemeinschaft“ wurde am 8. Juni 1933 in Magdeburg feierlich proklamiert und bald als „Potsdam der Lehrerschaft“ bezeichnet. Gegen ihre Gleichschaltung sträubten sich allerdings der Philologenverband, der Bayerische Lehrerverein und einige weitere Organisationen und bildeten im Dezember 1933 unter der Schirmherrschaft von Reichsinnenminister Wilhelm Frick eine konkurrierende Erziehergemeinschaft. Doch Schemm setzte sich im parteiinternen Machtkampf durch. So wurde der NSLB schließlich zu einer Massenorganisation mit rund 300.000 Mitgliedern (1938), von denen 70 Prozent Volksschullehrer waren. Ein Drittel der Lehrerschaft war zusätzlich zur NSLB-Mitgliedschaft auch Mitglied der NSDAP.

Unter dem Dach des NSLB bestanden freilich alte Organisationsstrukturen fort, und zwar in Form von sieben Fachschaften, in denen manche Funktionäre der alten Lehrerverbände ihre Arbeit zunächst fortsetzen konnten. Quer zu dieser Gliederung wurden 1934 zwölf Sachgebiete wie Schullandheime, Lehrerbildung und Rassefragen eingerichtet. Als Hauptaufgabe wurde dem NSLB 1936 in einem Abkommen mit dem Reichserziehungsminister die politisch-weltanschuliche Schulung der Erzieher im nationalsozialistischen Sinne zugewiesen. Diesem Zweck diente das Konzept der sogenannten „Lagerschulung“: In insgesamt 29 Gauschulen und 57 festen Schulungslagern des NSLB (1936) wurden für alle Lehrer obligatorische, jeweils mehrwöchige, themenspezifische „Lehrerlager“ zur weltanschaulichen Schulung der Teilnehmer durchgeführt.[2] Auch organisierte Bergtouren für Lehrer gehörten in sogenannten Reichsaustauschlagern zum Angebot.

Sitz der Organisation war das 1936 fertiggestellte Haus der Deutschen Erziehung in Bayreuth. Das publizistische Zentralorgan des NSLB erschien von 1929 bis 1945 unter drei verschiedenen Titeln: Von August 1929 bis Juni 1933 als Nationalsozialistische Lehrerzeitung. Kampfblatt des nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLZ); von Juli 1933 bis März 1938 als Reichszeitung der deutschen Erzieher. Nationalsozialistische Lehrerzeitung (RZDE) und von April 1938 bis Januar/Februar 1945 als Der Deutsche Erzieher. Reichszeitung des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (DDE).[3] Für Schüler gab der NSLB die Zeitung Hilf mit! heraus, welche eine rassistische und judenfeindliche Propaganda in völkisch-harmonistische Rahmenerzählungen verpackte und mit einer Auflage von fünf Millionen Exemplaren pro Ausgabe jeden Monat annähernd die gesamte Schülerschaft ab dem Alter von 10 Jahren erreichte.[4]

Der Einfluss des NSLB innerhalb des NS-Herrschaftssystems blieb jedoch begrenzt, da die Hitlerjugend der Parteiführung besser geeignet erschien, gesinnungstreue Nationalsozialisten hervorzubringen. So kam ein Angehöriger der Exil-SPD 1938 zu der Einschätzung: „In dem Kampf zwischen Reichsjugendführung und NSLB ist die erstere die stärkere, die aggressivere und die hemmungslos auf den Machtanspruch des Nationalsozialismus eingestellte Organisation.“[5] Nach Kriegsbeginn verlor der NSLB im Machtgefüge des Dritten Reiches weiter an Bedeutung. Sein Versuch, Lehrerinteressen zu vertreten, trug ihm seitens der Parteiführung den Vorwurf „gewerkschaftlichen“ Verhaltens ein. Im Februar 1943 schließlich wurde er im Zuge kriegsbedingter Vereinfachungsmaßnahmen offiziell „stillgelegt“ und damit faktisch aufgelöst.

In der Publikation von Müller/Ortmeyer wird der NSLB gleich im ersten Satz als eine „verbrecherische Organisation“ bezeichnet, „die nach dem 8. Mai 1945 von den Alliierten mit gutem Grund verboten wurde.“[6] Diese Formulierung erweckt den Eindruck, als gehe die Charakterisierung als verbrecherische Organisation auf die Alliierten zurück. Dies ist aber nicht der Fall. Zwar gehörte der NSLB zu den 64 Naziorganisationen, die durch das Kontrollratsgesetz Nr. 2 vom 10. Oktober 1945 verboten wurden, nicht jedoch zu den vier Personengruppen, die im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher als ‘‘verbrecherisch‘‘ beurteilt wurden (Führerkorps der NSADP, Gestapo, SD und SS). Der Bewertung der Autoren fehlt somit jede Begründung. Ebenso fragwürdig ist die wiederholte Behauptung, der Beitritt der alten Lehrervereine zum NSLB sei völlig freiwillig erfolgt. Hier werden Einschüchterung und Terror des NS-Regimes einfach ausgeblendet. Wenn der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Felix Wilhelm Behrend, schon Ende März 1933 seinen Rücktritt erklärte, so war das die Reaktion darauf, dass er zuvor von SA-Leuten überfallen und schwer misshandelt worden war.

PersonalBearbeiten

Der NSLB besaß folgende Organisationsstruktur:[7]

Reichsamtsleiter: Hans Schemm (1929–1935) bzw. Fritz Wächtler (1935–1943)
Stabsleiter/Geschäftsführer (bis August 1936): Max Kolb
Hauptabteilung Erziehung und Unterricht: Georg Roder bis Frühjahr 1935, Hans Stricker (geb. 1897)[8]
Schulung: Carl Wolf[9]
Schrifttum: Paul Georg Herrmann[10], ab 1942 Walter Arnold
Organisation/Geschäftsführer (1936–42): Heinrich Friedmann (gefallen 1942)
Presse und Propaganda: Heinrich Hansen[11], ab 1939 Walter Arnold
Wirtschaft und Recht: Andreas Tränkenschuh
Schatzmeister: Hugo Jünger

Für einzelne Fächer, fachübergreifende Gebiete oder die fünf Schularten wurden, meist im Nebenamt, Reichssachbearbeiter und Reichsfachschaftsleiter ernannt (auch Reichswalter genannt), oft ehemalige Funktionäre der aufgelösten Fachverbände, denen auf der Gauebene Gausachbearbeiter und darunter Kreissachbearbeiter zugeordnet waren, z. B.:

Alte Sprachen: Friedrich Einhorn (1888–1978), Herbert Holtorf (Stv., 1891–1959)[12]
Deutsch: Alfred Huhnhäuser
Neuere Fremdsprachen: Heinrich Fischer[13]
Rassefragen: Karl Zimmermann
Philosophie, Psychologie, Pädagogik: Johann Baptist Rieffert
Geschichte: Moritz Edelmann
Erdkunde: Albrecht Burchard, ab 1940 Friedrich Knieriem[14]
Geopolitik: Johann Ulrich Folkers
Staatsbürgerkunde: Walther Wallowitz (1904–1943)
Kunsterziehung: Robert Böttcher[15]
Musikerziehung: Karl Landgrebe
Leibeserziehung: Hans Berendes (bis 1939), Albert Hirn (Stv.), Otto Stadermann (ab 1942)
Sprecherziehung: Fritz Gerathewohl
Biologie: Ernst Lehmann
Mathematik und Naturwissenschaften: Kuno Fladt
Physik: Karl Hahn (ab 1936)[16]
Weibliche Erziehung: Auguste Reber-Grube
Hauswirtschaft: Grete Buck
Höhere Schulen: Rudolf Benze, ab 1936 Karl Frank
Mittelschulen: Nikolaus Maaßen[17]
Volksschulen: Ernst Bargheer
Sonderschulen: Paul Ruckau, ab 1938 Fritz Zwanziger
Berufs- und Fachschulen: Walter Pipke (geb. 1899)[18]
Sozialpädagogische Berufe: Hans Volkelt 1934–1938
Schullandheime: Rudolf Nicolai bis Oktober 1935[19]
Schulfunk: Georg Brendel

Die mächtige „Reichsreferentin für weibliche Erziehung“ im Verband war Auguste Reber-Gruber, eine von vier führenden weiblichen Nazifunktionären überhaupt.

Im Juli 1935 wurde die zunächst mit organisierte Hochschullehrerschaft ausgegliedert und im Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund (NSDDB) verbunden.

LiteraturBearbeiten

  • Rainer Bölling: Sozialgeschichte der deutschen Lehrer. Ein Überblick von 1800 bis zur Gegenwart, Göttingen 1983.
  • Willi Feiten: Der Nationalsozialistische Lehrerbund. Entwicklung und Organisation. Ein Beitrag zum Aufbau und zur Organisationsstruktur des nationalsozialistischen Herrschaftssystems (Studien und Dokumentationen zur deutschen Bildungsgeschichte 19), Beltz, Weinheim 1981.
  • Henning Heske: Kuno Fladt und das Reichssachgebiet Mathematik und Naturwissenschaften im Nationalsozialistischen Lehrerbund. In: Beiträge zum Mathematikunterricht 2019, S. 361–364.
  • Monika Meister: „Deutsche Erzieherin! Du hast die künftigen Mütter des Volkes zu formen!“ Die Pädagogin Auguste Reber-Gruber (1892–1946). In: Hiltrud Häntzschel, Hadumod Bußmann (Hrsg.): Bedrohlich gescheit. Ein Jahrhundert Frauen und Wissenschaft in Bayern. Beck, München 1997, ISBN 3-406-41857-0, S. 248–255.
  • Saskia Müller/Benjamin Ortmeyer: Die ideologische Ausrichtung der Lehrkräfte 1933–1945. Herrenmenschentum, Rassismus und Judenfeindschaft im Nationalsozialistischen Lehrerbund. Eine dokumentarische Analyse des Zentralorgans des NSLB. Beltz Juventa, Weinheim 2016, ISBN 978-3-7799-3414-1.
  • (PDF) Uwe Schmidt: Lehrer im Gleichschritt. Der Nationalsozialistische Lehrerbund Hamburg, Hamburg 2006.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Vgl. Paul Georg Herrmann, Die Gründung des NS-Lehrerbundes, in: Reichszeitung der deutschen Erzieher, 4. Jg. 1936, Heft 1, S. 22 f.
  2. Andreas Kraas: Lehrerlager 1932–1945. Politische Funktion und pädagogische Gestaltung, Bad Heilbrunn 2004, S. 89ff. und S. 349ff. ISBN 3781513475
  3. Saskia Müller/Benjamin Ortmeyer: Die ideologische Ausrichtung der Lehrkräfte 1933–1945. Herrenmenschentum, Rassismus und Judenfeindschaft im Nationalsozialistischen Lehrerbund. Eine dokumentarische Analyse des Zentralorgans des NSLB. Beltz Juventa, Weinheim 2016, S. 28f.
  4. Benjamin Ortmeyer: Indoktrination. Rassismus und Antisemitismus in der Nazi-Schülerzeitschrift "Hilf mit!" (1933–1944). Analyse und Dokumente. Beltz Juventa, Weinheim 2013, S. 7 u. S. 39.
  5. Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 1934–1940, Frankfurt a. M. 1980, Jg. 1939, S. 308.
  6. Müller/Ortmeyer, S. 11.
  7. Die meisten Angaben nach NS-Lehrerzeitung, 1936, Heft 7, zur Einweihung des Hauses der Deutschen Erziehung
  8. Benjamin Ortmeyer: NS-Ideologie in der NSLB-Zeitschrift »Die Deutsche Volksschule« 1934 –1944 Eine dokumentarische Analyse. 2018, abgerufen am 4. August 2019.
  9. Andreas Kraas: Lehrerlager 1932-1945: Politische Funktion und pädagogische Gestaltung. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2004, ISBN 3-7815-1347-5.
  10. Herrmann (1899–1959) war ein oberpfälzischer Sippenforscher, der das dafür eingerichtete Amt im NSLB leitete. Er wollte die Stammbäume aller deutschen Pädagogen erfassen und auswerten. Daneben wurde ihm die Zensur der gesamten Schulliteratur (Jugendliteratur, pädagogische Zeitschriften, Bibliotheken, Schullehrmittel) übertragen. 1941 wurde er als Hauptmann eingezogen.
  11. Heinrich Hoffmann (Fotograf), Heinrich Hansen (Hrsg.): Das Raumbild. Stereoskopisches Magazin für Zeit und Raum. 1938.
  12. Erich Burck u. a.: Sonderheft zur Geschichte des DAV. DAV, 1987, abgerufen am 22. Juli 2019.
  13. Reiner Lehberger: Englischlernen im Nationalsozialismus. Stauffenberg, 1986, ISBN 978-3-923721-11-5.
  14. Henning Heske: Und morgen die ganze Welt: Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus. Norderstedt 2008, ISBN 978-3-8370-1021-3.
  15. R. Böttcher: Die "Kunsterziehung". Bund Deutscher Kunsterzieher, 1938, abgerufen am 22. Juli 2019.
  16. Hans-Peter de Lorent: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Band 3. Hamburg 2019.
  17. Mein Leben im Dienste der Schule, besonders der Mittelschule, 1959
  18. Matthias Busch: Staatsbürgerkunde in der Weimarer Republik: Genese einer demokratischen Fachdidaktik. Klinkhardt, 2016, ISBN 978-3-7815-2069-1, S. 112 f.
  19. Andreas Pehnke: Biografie von Rudolf Nicolai. In: Sächsische Biografie. Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., abgerufen am 22. Juli 2019.