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Mikrogeschichte ist eine geschichtswissenschaftliche Forschungsrichtung, die ihre Erkenntnis durch sehr detaillierte Analysen von relativ kleinen beziehungsweise überschaubaren Forschungseinheiten erzielt. Im Zentrum der mikrohistorischen Perspektive steht aber nicht das historische Detail an sich, sondern dieses wird benutzt, um aufgrund der genaueren Betrachtung der kleineren Einheit reichhaltigere und besser begründete Aussagen über Geschichte in größeren Zusammenhängen treffen zu können. Dennoch geht es der Mikrogeschichte nicht darum, den kleineren und strukturell oder quantitativ begrenzten Forschungen wie der Lokalgeschichte oder Einzelbiografien und Anderen ihre Bedeutung abzusprechen, sondern vielmehr sie in einen neuen, größeren Bedeutungszusammenhang zu stellen.

Geschichte und MethodeBearbeiten

EntstehungsgeschichteBearbeiten

Die Mikrogeschichte entstand in Italien als Reaktion auf die vorherrschenden Trends in der französischen Annales-Schule. Beide Denkweisen teilten die Absicht, dass die einfachen bzw. vergessenen Menschen Europas in die Geschichte einbezogen werden müssen. Dabei waren sie sich nicht einig, welcher methodische Weg der Beste ist, um dies zu erreichen. Die Mikrohistoriker/innen wollten sich nicht der Populärkultur anhand der quantitativen Methoden und historischen Demographien annähern, stattdessen konzentrierten sie sich auf die Untersuchungen kleiner Einheiten wie Einzelpersonen, Familien, kleine Gemeinschaften oder einzelnen Ereignissen. Zentrale Figuren der mikrohistorischen Anfänge waren unter anderem Carlo Ginzburg, Giovanni Levi, Edoardo Grendi und Carlo Poni. Der ideelle Kontext zum Ursprung der Bewegung kann durchaus als politisch beschrieben werden. Viele Historiker/innen der italienischen Microstoria waren politisch am linken Spektrum aktiv. Sie distanzierten sich von der marxistischen Geschichtsschreibung und nahmen Abstand von Gedanken an große, kollektive Akteure, was zur Fokussierung auf die Subjektivierung der Akteure führte.[1]

Die Mikrohistoriker/innen verbreiteten ihre Texte mithilfe ihrer Fachzeitschrift Quaderni Storici und einer eigenen auflagenstarken Buchreihe Microstoria, welche beim Verlag Einaudi in Turin erschien. In der mikrohistorischen Historiographie kam es nie zu einer Schulbildung, stattdessen formierte sich die Teildisziplin um einige zentrale Personen und insbesondere um diese beiden Medienkanäle Quaderni Storici und Microstoria. Die Buchreihe Microstoria war nicht nur auf ein Fach- sondern auch auf ein Laienpublikum ausgerichtet. Die internationale Vernetzung wurde durch die frühen Übersetzungen der Werke ermöglicht, welche eine schnelle Verbreitung in den USA und Westeuropa in Gang brachten. Besonders in der nordamerikanischen Historiographie wurde die Mikrohistorie rasch rezipiert und geschätzt. Von der schnellen Verbreitung und der Anpassung an die jeweilig vorherrschenden historiographischen Traditionen angetrieben, differenzierte sich die Mikrogeschichte in viele verschiedene Richtungen aus.[2] Schlussendlich haben die Vielfalt und die differenzierten konzeptionellen Rahmenbedingungen wesentlich zur Entwicklung der Mikrogeschichte beigetragen, wie sie heute in den Geistes- und Sozialwissenschaften bekannt ist.[3]

MethodologieBearbeiten

Methodologisch werden in mikrohistorischen Studien unterschiedliche Wege beschritten, die als gemeinsamen Nenner nur die detaillierte Betrachtung eines überschaubaren Untersuchungsobjekts haben. Aufgrund der vielfach praktizierten Konzentration von mikroanalytischen Untersuchungen auf Individuen („Akteure“) und kleinere soziale Netzwerke und des weitgehenden Aussparens historischer Strukturen (Strukturfunktionalismus) bestehen große Überschneidungen mit der Alltagsgeschichte und der historischen Anthropologie.[4]

Die Mikrogeschichte ist bekannt für einen oft narrativen Erzählstil. Beispiele dafür sind der frühe Klassiker Der Käse und die Würmer (1976) von Carlo Ginzburg, als Ginzburg die Leser eintauchen lässt in die Spurensicherung, die er selber in der Aufarbeitung der Quellen erlebt hat, oder Werke Natalie Zemon Davis' und andere Arbeiten aus der angelsächsischen Mikrogeschichte. Besonders in der italienischen Microstoria waren nebst dem Erzählstil immer auch Reflektionen über methodologische und theoretische Fragen wichtig. Es ging darum, große Narrative durch die mikroanalytische Betrachtung zu testen und umgekehrt, in Grendis Worten, durch „the exceptional normal“ („eccezionalmente ‘normale'“, das „aussergewöhnliche Normale“) Schlüsse auf größere Entwicklungen, Strukturen und Zusammenhänge zu ziehen. Die nordamerikanische Mikrogeschichte dagegen profilierte sich dadurch, dass sie Menschen an der Peripherie ins Zentrum rückte.[5]

Ein in den letzten Jahren verstärkt aufkommender Teilbereich ist die sogenannte Global Microhistory, eine Kombination von Mikrogeschichte und Globalgeschichte. Geprägt wurde dieser Begriff von Tonio Andrade (2010).[6] Schon früher wurden Werke publiziert, die nun im Zusammenhang mit Diskussionen über Global Microhistory immer wieder erwähnt werden, wie beispielsweise Arbeiten Jonathan Spences, unter anderem The Question of Hu (1988, deutsch: Der kleine Herr Hu. Ein Chinese in Paris).[7] Obwohl die Teildisziplin Global Microhistory sich in den letzten Jahren weitgehend etabliert hat, sind nach wie vor viele Fragen offen, wie beispielsweise was unter „micro“ und was unter „global“ zu verstehen sei oder welche Themen und Methoden Bestandteil der Global Microhistory seien.[8]

Mikrogeschichte und MakrogeschichteBearbeiten

Die Mikrogeschichte ist keine Alternative zur Makrogeschichte. Dieser teilweise zu einem forschungsstrategischen Gegensatz zugespitzte Unterschied der Forschungsperspektive ist weitgehend konstruiert, da sich erstere ja gerade darin von der Lokalgeschichte unterscheidet, dass ihr Blick nicht auf die kleine Untersuchungseinheit begrenzt bleibt, sondern immer wieder auf allgemeinere Forschungsfragen bzw. auf größere Forschungseinheiten Bezug nimmt. In der Folge bedeutet das, dass Mikro- und Makrogeschichte nicht komplementäre Teile einer „Gesamtgeschichte“ sind, sondern Forschungsansätze, die sich in Teilen durchaus auch überschneiden können und auch sollen.

Klassische mikrohistorische StudienBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Thomas Kroll: Die Anfänge der microstoria. In: Jeanette Granda, Jürgen Schreiber (Hrsg.): Perspektiven durch Retrospektiven: Wirtschaftsgeschichtliche Beiträge. Festschrift für Rolf Walter zum 60. Geburtstag. Böhlau Verlag, Köln 2013, ISBN 978-3-412-21086-1, S. 280–281.
  2. Thomas Kroll: Die Anfänge der microstoria. In: Jeanette Granda, Jürgen Schreiber (Hrsg.): Perspektiven durch Retrospektiven: Wirtschaftsgeschichtliche Beiträge. Festschrift für Rolf Walter zum 60. Geburtstag. Böhlau Verlag, Köln 2013, ISBN 978-3-412-21086-1, S. 284–287.
  3. Dr. Sigurður Gylfi Magnússon: Biography and projects In: Akademia. 2006.
  4. Martin Scheutz, Harald Tersch: Individualisierungsprozesse in der Frühen Neuzeit? Anmerkungen zu einem Konzept. Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit 2001, S. 38–59
  5. Francesca Trivellato: Is There a Future for Italian Microhistory in the Age of Global History? In: California Italian Studies. Band 2, Nr. 1, 2011 (escholarship.org [abgerufen am 1. September 2019]).
  6. Tonio Andrade: A Chinese Farmer, Two African Boys, and a Warlord: Toward a Global Microhistory. In: Journal of World History. Band 21, Nr. 4, 2010, ISSN 1045-6007, S. 573–591, JSTOR:41060851.
  7. Hans Medick: Turning Global? Microhistory in Extension. In: Historische Anthropologie. Band 24, Nr. 2, 2016, ISSN 0942-8704, S. 241–252, doi:10.7788/ha-2016-0206 (degruyter.com [abgerufen am 1. September 2019]).
  8. Lucas Haasis: Global Microhistory: Great Expectations? In: HSozKult. 27. November 2018, abgerufen am 1. September 2019.