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Martin Finkelgruen (5. Mai 1876 in Berlin10. Dezember 1942 in Theresienstadt) war ein deutscher Kaufmann, der im Rahmen der Shoah vom SS-Wachmann Anton Malloth zu Tode geprügelt wurde.

Leben und TodBearbeiten

Martin Finkelgruen war Inhaber eines Kaufhauses in Bamberg. Er war mit der aus Berlin stammenden Julie geb. Löwenstein verheiratet. Das Paar hatte zwei Kinder, Sohn Hans Leo (geb. 1908) und die fünf Jahre jüngere Tochter Dora. Als seine Frau erkrankte und schließlich nach Berlin zurückkehrte, er aufgrund der Weltwirtschaftskrise in geschäftliche Probleme geriet, entwickelte sich eine Liebesbeziehung zu Anna Bartl, einer Christin. In der Folge verliebte sich sein Sohn in deren Tochter Ernestine geb. Bartl (geb. am 1. Juli 1913, auch Esti genannt) und heiratete sie. Beide Beziehungen galten in der Sicht des Nationalsozialisten als sogenannte „Rassenschande“. Die beiden Paare flüchteten zuerst nach Karlsbad, nach der Besetzung des Sudetenlandes durch die Nationalsozialisten nach Prag. „Dort war es für sie noch nicht strafbar, miteinander zu leben. Es war der Beginn ihrer gemeinsamen Flucht. Jetzt waren sie alle auf Reisen“.[1]

Während beide Kinder Martin Finkelgruens flüchten konnte, verblieben er und seine Lebensgefährtin nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei und nach der deutschen Besetzung in Prag. Anna Bartl versteckte ihn und führte seine Geschäfte weiter. Die beiden wurden denunziert, am 30. November 1942 verhaftet und deportiert, Finkelgruen, weil er Jude war, Bartl, weil sie ihn versteckt hatte. Der die beiden verhaftende Gestapo-Mann soll zu Anna Bartl gesagt haben: „Sie werden nicht mit diesem Mann gehen, und Sie werden ihn nie wieder anrühren“.[2] Martin Finkelgruen wurde in die Kleine Festung Theresienstadt deportiert und dort unmittelbar nach seiner Einlieferung vom SS-Wachmann Anton Malloth zu Tode geprügelt.

Anna Bartl überlebte die Konzentrationslager Ravensbrück, Auschwitz und Majdanek.

FamilieBearbeiten

Tochter Dora hatte sich der zionistischen Bewegung angeschlossen und war rechtzeitig mit ihrem Ehemann mit einem Umweg über Schweden nach Palästina emigriert. Sie nannte sich nunmehr Rachel, ihr Ehemann Gerhard nahm den Namen Israel an.

Sohn Hans und dessen Ehefrau Ernestine konnten rechtzeitig nach Shanghai flüchten. Sie gründeten dort einen kleinen Laden für Handschuhe und Lederwaren. Am 9. März 1942 wurde in Shanghai Martin Fingelgruens einziger Enkelsohn, Peter Finkelgruen, geboren. Die Familie lebte in Armut und schlechten hygienischen Umständen, geplagt von Ratten und Krankheiten. 1943 verstarb Hans Finkelgruen im Shanghaier Ghetto. 1946 kehrte Ernestine Finkelgruen, schwer krank, mit dem kleinen Sohn nach Prag zurück, wo ihre Mutter lebte. Sie verstarb am 31. Mai 1950 an den Folge der Entbehrung und der Krankheiten, die sie sich im Ghetto von Shanghai zugezogen hatte. Peter Finkelgruen, der in Prag die Grundschule absolviert hatte, ging 1951 mit seiner Großmutter nach Israel, wo er die Tabeetha School in Jaffa besuchte und das Abitur ablegte. Danach übersiedelten er und seine Großmutter nach Deutschland, er studierte, wurde Journalist und Schriftsteller. 1978 heiratete er die Schriftstellerin Gertrud Seehaus. Als er 1989 seine 90-jährige Tante Bela besuchte, erzählte ihm diese von der Ermordung ihres Mannes und ihres Sohnes in der Kleinen Festung Theresienstadt, einem Gestapo-Gefängnis, aber auch, wie Peters Großvater ebendort ermordet wurde. Daraus resultieren in den 1990er Jahren einerseits zwei autobiografische Bücher, die insbesondere vom Schicksal seines Großvaters und dessen Mörder handelten, der unbelangt in Deutschland lebte, andererseits ein zehn Jahre währender Kampf darum, dass Anton Malloth für seine Gräueltaten zur Verantwortung gezogen werden solle.[3]

Verurteilung des MördersBearbeiten

Mit Ausnahme einer kurzen Auslieferungshaft in Innsbruck lebte der Mörder Martin Finkelgruens, Anton Malloth, unbehelligt bis 1988 in Meran, Südtirol, wo er auch ein Haus besaß. 1988 wurde er von den italienischen Behörden nach München abgeschoben und wohnte danach mit Unterstützung einer Tochter Heinrich Himmlers und mit Sozialhilfe in einem Altenheim in Pullach nahe München. Insgesamt dreimal wurden Verfahren in Deutschland gegen ihn eingestellt. Mehrfache Auslieferungensanträge der Tschechoslowakei bzw. später Tschechiens wurden abgelehnt. Verhaftet wurde Malloth erst 55 Jahre nach dem Untergang des NS-Regimes, am 25. Mai 2000. Ein Jahr später wurde er in München zu lebenslanger Haft verurteilt, verstarb jedoch bereits im Folgejahr.[4]

GedenkenBearbeiten

Im März 2012 wurde in Köln an der Kreuzung von Sülzgürtel und Berrenrather Straße im Rahmen einer feierlichen Zeremonie ein Gedenkstein für Martin und Peter Finkelgruen enthüllt und ein Baum gepflanzt.[5] Auf einem Findling wurde ein metallenes Gedenkschild mit folgender Inschrift angebracht:

„Dieser Baum wurde anlässlich des 70. Geburtstag des in Köln lebenden jüdischen Schriftstellers Peter Finkelgruen gepflanzt, in Erinnerung an seinen im Kleinen Lager Theresienstadt ermordeten Großvater Martin Finkelgruen (1876–1942)“

Im Juni 2016 wurde der Gedenkstein geschändet (durch Übermalung der Plakette mit weißer Farbe). Peter Finkelgruen reagierte mit folgenden Worten: „Es hat vier Jahre und vier Monate seit Errichtung des Gedenksteins gedauert bis zur ersten Schändung. Ein kurzer Zeitraum? Ein langer Zeitraum? So ist die Lage eben in diesem Land. In dieser Stadt.“[6]

Literatur über Martin FinkelgruenBearbeiten

  • Peter Finkelgruen: Haus Deutschland. Die Geschichte eines ungesühnten Mordes. Rowohlt Verlag, Berlin 1992.
  • Peter Finkelgruen: Erlkönigs Reich. Die Geschichte einer Täuschung. Rowohlt Verlag, Berlin 1997.
  • Joshua Sobol: Der schöne Toni, Theaterstück. Uraufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus, 1993.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Finkelgruen: Haus Deutschland, S. 66.
  2. Diese Formulierung stammt aus dem Theatertext von Sobol, wiedergegeben in Finkelgruen: Erlkönigs Reich, S. 98.
  3. Roland Kaufhold: PETER FINKELGRUEN: Von Shanghai über Prag und Israel nach Köln, journal21.ch, 4. März 2012, abgerufen am 9. Juni 2017
  4. Georg Bönisch: SS-VERBRECHEN: Aus Langeweile getötet, Der Spiegel (Hamburg), 26/2000, abgerufen am 9. Juni 2017
  5. Stadt Köln: Zum 70. Geburtstag von Peter Finkelgruen, abgerufen am 9. Juni 2017
  6. hagalil.com (Jüdisches Leben online): Antisemitische Handschrift, abgerufen am 9. Juni 2017

WeblinksBearbeiten