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Ludwig Grauert (Staatssekretär)

Staatssekretär im preußischen Innenministerium

LebenBearbeiten

Nach dem Schulbesuch studierte Grauert Rechtswissenschaften und legte 1913 sein Referendarexamen ab. Am Ersten Weltkrieg nahm er ab August 1914 zunächst als Soldat des Münsteraner Kürassier-Regiments und danach als Angehöriger der Maschinengewehrabteilung teil. Zuletzt war er als Pilot an der Westfront eingesetzt. Bei der Staatsanwaltschaft Münster wurde er 1921 Gerichtsassessor. Anschließend wurde er in derselben Funktion nach Bochum versetzt.[1]

Grauert wurde 1923 zum Abteilungsleiter des Arbeitgeberverbandes der Hüttenbetriebe Düsseldorf ernannt. In den Jahren 1928 bis 1931 agierte er als Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Arbeitgeberverbände Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller (Gruppe Nordwest). Im Rahmen dieser Tätigkeit förderte er die NSDAP finanziell, ohne dies mit dem Vorstand der Nordwest-Gruppe, Ernst Poensgen, abgesprochen zu haben. Fritz Thyssen erstattete dem Verband den Betrag von 100.000 Reichsmark, den Grauert an die Partei gezahlt hatte; deswegen wurde Grauert nicht von den einflussreichen Männern Poensgen und Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, dem Besitzer der Friedrich Krupp AG, entlassen. Auf Wunsch Poensgens trat er 1930 für die Volkskonservative Vereinigung erfolglos zur Reichstagswahl 1930 an.

Im Frühjahr 1933 trat Grauert mit Eintrittsdatum vom 1. Mai 1933 offiziell in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 3.262.849). Am 22. Februar 1933 wurde er von Hermann Göring als Nachfolger von Erich Klausener zum Ministerialdirektor der Polizeiabteilung des preußischen Innenministeriums ernannt. In dieser Eigenschaft war er in den folgenden Monaten maßgeblich an der Säuberung des preußischen Beamtenapparates, und zumal der Polizei, im nationalsozialistischen Sinne beteiligt. 1934 wurde ihm in Anerkennung dieser "Leistung" öffentlich attestiert, dass unter seiner Leitung die Umordnung der Polizei und der Einbau des Führergedankens in die preußische Verwaltung erfolgt sei.

In der Nacht des Reichstagsbrandes vom 28. Februar 1933 schlug Grauert die Verabschiedung einer „Notverordnung gegen Brandstiftung und Terrorakte“ vor, die schließlich eine der Grundlagen der Reichstagsbrandverordnung bildete, durch welche die Grundrechte der Weimarer Republik außer Kraft gesetzt wurden[2] und somit die Grundlage für die Beseitigung des Rechtsstaates und die Errichtung der NS-Diktatur gelegt wurde. Es ist in der Forschung umstritten, ob Grauert die Verordnung in der Nacht des Reichstagsbrandes spontan vorschlug oder ob sie bereits vorher ausgearbeitet worden war und nur noch "aus der Schublade" geholt zu werden brauchte. Ebenso ist es nicht eindeutig geklärt, ob er in starkem Maße an ihrer inhaltlichen Ausarbeitung und Gestaltung beteiligt war oder ob er lediglich das fertige Dokument der Regierung bei der Ministerbesprechung im Innenministerium in der Nacht vom 27. zum 28. Februar oder der Kabinettssitzung vom 28. Februar vorlegte. Im Ergebnis lieferte die von Grauert vorgelegte Verordnung jedenfalls die juristische Grundlage für die ersten Massenverhaftungen von politischen Gegnern der Nationalsozialisten und die Errichtung der ersten Konzentrationslager.[3]

Am 11. April 1933 wurde Grauert auf Veranlassung Görings zum Staatssekretär im Preußischen Innenministerium ernannt, während der Posten des Ministerialdirektors auf Kurt Daluege überging. In seiner Funktion als Staatssekretär erließ Grauert unter anderem am 22. Juni 1933 die Anordnung zur Errichtung der Emslandlager. Ebenfalls 1933 wurde er zum Mitglied des Preußischen Staatsrates ernannt. Infolge der schrittweisen Übertragung der Kontrolle über die Polizei an die SS und Ermittlungen gegen ihn durch das Oberste Parteigericht wurde Grauert zum 1. Juli 1936 – zu dieser Zeit im Rang des zweiten Staatssekretärs des inzwischen vereinigten Reichs- und Preußischen Innenministeriums stehend – in den einstweiligen Ruhestand versetzt.

Des Weiteren gehörte Grauert zu den Gründungsmitgliedern der Akademie für Deutsches Recht[4] Hans Franks und saß dem Kuratorium für allgemeine und innere Verwaltung der Verwaltungsakademie in Berlin vor.[1] Er trat am 2. Juni 1933 in die SS ein (SS-Nr. 118.475) und wurde – wahrscheinlich aufgrund seiner hohen Position als Staatssekretär – am gleichen Tag direkt zum SS-Oberführer befördert. Am 20. April 1935 folgte seine Ernennung zum SS-Brigadeführer.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst gehörte Grauert dem Aufsichtsrat der Deutschen Continental-GasGesellschaft in Dessau an.[1]

In der Wehrmacht war er von November 1942 bis September 1944 Oberst und Kommandeur des Flugabwehrkommandos Dänemark.

Nach KriegsendeBearbeiten

In den Nürnberger Prozessen wurde er als Zeuge vernommen. Grauert stellte sich auch als Entlastungszeuge für Wilhelm Stuckart bei dessen Verfahren zur Beamtenversorgung 1953 zur Verfügung.[5]

LiteraturBearbeiten

  • Ernst Klee: Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/Main 2005 (Überarbeitete Taschenbuchausgabe). ISBN 3-596-16048-0.
  • Grauert, Ludwig In: Alfons Labisch / Florian Tennstedt: Der Weg zum "Gesetz über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens" vom 3. Juli 1934. Entwicklungslinien und -momente des staatlichen und kommunalen Gesundheitswesens in Deutschland, Teil 2, Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf 1985, ISSN 0172-2131, S. 417–418.

AnmerkungenBearbeiten

  1. a b c Grauert, Ludwig In: Alfons Labisch / Florian Tennstedt: Der Weg zum "Gesetz über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens" vom 3. Juli 1934. Entwicklungslinien und -momente des staatlichen und kommunalen Gesundheitswesens in Deutschland, Teil 2, Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf 1985, S. 417f.
  2. Bundeszentrale für politische Bildung
  3. Hannah Arendt, Günter Gaus: Interview mit Hannah Arendt aus der Reihe Zur Person mit Günter Gaus, 1964 (Memento des Originals vom 30. September 2007 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.rbb-online.de.
  4. Jahrbuch der Akademie für Deutsches Recht, 1. Jahrgang 1933/34. Hrsg. von Hans Frank. (München, Berlin, Leipzig: Schweitzer Verlag), S. 254
  5. Hans-Christian Jasch: Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik - Der Mythos von der sauberen Verwaltung, Oldenbourg, München 2012. ISBN 978-3-486-70313-9. Kurzbio auf S. 471