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Kleinkastell Degerfeld

römisches Kastell an der Wetteraulinie des Obergermanischen Limes

Das Kleinkastell Degerfeld (auch Wp 4/35 nach der Benennung der Reichs-Limeskommission) war ein römisches Kastell an der Wetteraulinie des Obergermanischen Limes. Es befand sich im nordwestlichen Stadtgebiet vom jetzigen Butzbach im Wetteraukreis in Hessen.

Kleinkastell Degerfeld
Limes ORL NN (RLK)
Strecke (RLK) Obergermanischer Limes, Strecke 4 (Wetteraustrecke)
Datierung (Belegung) um 100 n. Chr. bis zum Beginn des 3. Jahrhunderts
Typ Kleinkastell
Einheit unbekannt
Größe 0,3 ha
Ort Butzbach
Geographische Lage 50° 26′ 35,9″ N, 8° 39′ 21,5″ OKoordinaten: 50° 26′ 35,9″ N, 8° 39′ 21,5″ O
Höhe 236 m ü. NHN
Vorhergehend Kleinkastell Hunnenkirchhof
Anschließend Kleinkastell Dicker Wald
Rückwärtig ORL 14: Kastell Butzbach
(ostsüdöstlich)
Kleinkastell Degerfeld und Kastell Butzbach

Inhaltsverzeichnis

LageBearbeiten

Das Kleinkastell diente zur Überwachung eines Grenzübergangs an der Weinstraße, einem vermutlich in vorgeschichtlicher Zeit bereits benutzten Weg von Mainz (Mogontiacum) über Friedberg an den Limes. Nördlich führte sie durch das Gießener Becken in das Kerngebiet der Chatten um Kassel und Fritzlar.[1]

Das große Butzbacher Kastell Hunneburg befand sich rückwärtig des Kleinkastells Degerfeld. Der Kastellvicus begann nur 300 m südöstlich. Im heutigen Butzbacher Stadtbild ist die Lage des Kleinkastells durch drei markante Hochhäuser nachvollziehbar. Das Kleinkastell liegt neben dem südlichsten davon.

ForschungsgeschichteBearbeiten

Das Kleinkastell wurde 1893 durch Friedrich Kofler, Streckenkommissar der Reichs-Limeskommission, entdeckt. 1896/97 wurde es eingehender von Wilhelm Soldan untersucht. Umfangreichere Grabungen fanden zwischen 1964 und 1966 statt.

 
Situation 2013 mit Infotafel

AnlageBearbeiten

Holz-Erde-KastellBearbeiten

Als erste Befestigungsanlage entstand um 100 n. Chr.[2] ein Kleinkastell in Holz-Erde-Bauweise. Der Wall schloss eine Innenfläche von 636 m² bei einer Gesamtgröße von ca. 0,1 ha ein. Das einzige Tor befand sich im Nordosten, die übrigen Flanken besaßen mittig kleine Zwischentürme, deren Pfostenstandspuren nachgewiesen wurden. Vor dem Wall verlief ein einfacher Spitzgraben.

Die Innenbebauung bestand aus einem U-förmigen Gebäude mit Innenhof, zu dem sich die Wohnräume der Wachmannschaft hin öffneten.

Das Holz-Erde-Kastell wurde in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts umgebaut, mutmaßlich in der Zeit des Kaisers Hadrian. Nach der Mitte des 2. Jahrhunderts wurde es durch einen Brand zerstört.[3]

SteinkastellBearbeiten

Ein mit 0,3 ha (Außenmaße) etwas größeres Steinkastell ersetzte den Vorgängerbau an der gleichen Stelle. Das Tor befand sich nun auf der dem Limes abgewandten Südostseite. Das Steinkastell bestand bis zum Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr.

Limesverlauf vom Kleinkastell Degerfeld zum Kleinkastell Dicker WaldBearbeiten

Der Limes verläuft vom Kleinkastell außerhalb Butzbachs nach Nordosten entlang eines Feldweges und wird erst am Griedeler Markwald wieder sichtbar. Der dortige gute Erhaltungszustand resultiert allerdings daraus, dass er im Mittelalter in die dortige Solmser Landwehr einbezogen und überformt wurde. Der Limes verläuft hier auf der Wasserscheide zwischen Lahn und Wetter.

Die sehr exakte Linie entstand erst im 2. Jahrhundert n. Chr., weshalb dort auch nur Steinturmstellen zu finden sind. Zuvor bestand eine dem Gelände angepasstere Führung, wo die früheren Holzturmstellen nachgewiesen wurden. Bei ihrer Nummerierung durch die Reichs-Limeskommission wurden die Holzturmstellen deshalb mit einem Stern (*) versehen.

Spuren der Limesbauwerke zwischen den Kleinkastellen Degerfeld und „Dicker Wald“:

ORL[A 1] Name/Ort Beschreibung/Zustand
KK[A 2] Kleinkastell Degerfeld siehe oben
Wp 4/36[A 3] vermutet im Bereich der heutigen B 3
Wp 4/37 Bei dem Stumpfen Turm vermutet auf der Höhe am Beginn des Griedeler Markwaldes mit Aussicht über die Butzbacher Senke[4]
Wp 4/37* Holzturmhügel in 300 m Entfernung zum Pfahlgraben
Wp 4/38 hoher Steinturmhügel, 22 m hinter dem Limeswall
Wp 4/39 Gambacher Wald flacher Steinturmhügel unmittelbar nördlich eines Waldweges, leicht zu verwechseln mit einem mittelalterlichen oder neuzeitlichen Kalkofen, der etwa 80 m südwestlich davon auf dem Limeswall sitzt
Wp 4/39* Reitschule Stark durchwühlte Holzturmstelle 100 m hinter dem Limeswall. Gefunden wurden ein Holzturmhügel und ein kleiner, barackenartiger Holzbau, beide von einem Ringgraben umgeben.
Wp 4/40 gut erhaltener Steinturmhügel
Wp 4/40* Zwei Holzturmstellen 400 m hinter dem Pfahlgraben, eine von ihnen wurde durch einen asphaltierten Forstweg angeschnitten. An der gegenüberliegenden, südwestlichen Seite des Forstweges liegt ein winziges Kleinkastell, wohl ein Holzbau.
KK Kleinkastell „Dicker Wald“ siehe Hauptartikel Kleinkastell Dicker Wald

DenkmalschutzBearbeiten

Das Kleinkastell Degerfeld und die anschließenden Limesanlagen sind als Abschnitt des Obergermanisch-Raetischen Limes seit 2005 Teil des UNESCO-Welterbes. Außerdem sind sie Bodendenkmale im Sinne des Hessischen Denkmalschutzgesetzes. Nachforschungen und gezieltes Sammeln von Funden sind genehmigungspflichtig, Zufallsfunde an die Denkmalbehörden zu melden.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Dietwulf Baatz: Der Römische Limes. Archäologische Ausflüge zwischen Rhein und Donau. 4. Auflage. Gebr. Mann, Berlin 2000, ISBN 3-7861-2347-0, S. 154f.
  • Dietwulf Baatz: Limes. Westliche Wetteraustrecke (Wetteraukreis). In: Ders. und Fritz-Rudolf Herrmann: Die Römer in Hessen. Lizenzausgabe der Auflage von 1982. Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-58-9, S. 401f.
  • Christian Fleer: Typisierung und Funktion der Kleinbauten am Limes. In: Egon Schallmayer (Hrsg.): Limes Imperii Romani. Beiträge zum Fachkolloquium „Weltkulturerbe Limes“ November 2001 in Lich-Arnsburg (= Saalburg-Schriften. 6). Bad Homburg v. d. H. 2004, ISBN 3-931267-05-9, S. 75–92, bes. S. 78.
  • Werner Jorns, Walter Meier-Arendt: Das Kleinkastell Degerfeld in Butzbach, Kr. Friedberg (Hessen). In: Saalburg-Jahrbuch 24, 1967, S. 12–32.
  • Margot Klee: Der Limes zwischen Rhein und Main. Theiss, Stuttgart 1989, ISBN 3-8062-0276-1, S. 96.
  • Vera Rupp, Heide Birley: Wanderungen am Wetteraulimes. Archäologische Wanderungen am Limes vom Köpperner Tal im Taunus bis zur Drususeiche bei Limeshain (= Führer zur hessischen Vor- und Frühgeschichte. 6). Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1551-0, S. 126–137.
  • Hans-Günther Simon: Das Kleinkastell Degerfeld in Butzbach, Kr. Friedberg (Hessen). Datierung und Funde. In: Saalburg-Jahrbuch 25, 1968, S. 5–64.
  • Ernst Fabricius, Felix Hettner, Oscar von Sarwey (Hrsg.): Der obergermanisch-raetische Limes des Römerreiches/Abt. A, Bd. 2,1. Die Strecken 3 bis 5. Petters, Heidelberg/Berlin/Leipzig 1936.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Kleinkastell Degerfeld – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

AnmerkungenBearbeiten

  1. ORL = Nummerierung der Limesbauwerke gemäß der Publikation der Reichs-Limeskommission zum Obergermanisch-Rätischen-Limes
  2. KK = nicht nummeriertes Klein-Kastell
  3. Wp = Wachposten, Wachturm. Die Ziffer vor dem Schrägstrich bezeichnet den Limesabschnitt, die Ziffer hinter dem Schrägstrich in fortlaufender Nummerierung den jeweiligen Wachturm. Ein zusätzliches Sternchen (*) bezieht sich auf einen Wachposten der älteren Limeslinie.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Dietwulf Baatz in: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. 1989, S. 246.
  2. Dietwulf Baatz in: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. 1989, S. 401; Vera Rupp, Heide Birley: Wanderungen am Wetteraulimes. Theiss, Stuttgart 2005, S. 126; Christian Fleer: Typisierung und Funktion der Kleinbauten am Limes. In: Egon Schallmayer (Hrsg.): Limes Imperii Romani. Bad Homburg v. d. H. 2004, S. 78.
  3. Dietwulf Baatz in: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. 1989, S. 401; Hans-Günther Simon: Das Kleinkastell Degerfeld in Butzbach, Kr. Friedberg (Hessen). Datierung und Funde. In: Saalburg-Jahrbuch 25, 1968, S. 16.
  4. Gail Schunk-Larrabee: Standort des römischen Steinturms (Wp 4/37) am Griedeler Wald bei Butzbach. In: Hessen Archäologie 2006, S. 85–86.