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Förderschnecken einer Kläranlage

Die Kanalmorde oder auch „Kläranlagenmorde“ waren eine ungeklärte Mordserie an männlichen Jugendlichen im Rhein-Main-Gebiet der 1980er Jahre.

OpferBearbeiten

Bei den Opfern handelt es sich um sieben Kinder beziehungsweise Jugendliche im Alter zwischen 11 und 18 Jahren, die aus dem Frankfurter (und dem nah gelegenen Baseler Platz um den Spielsalon „Tivoli“) oder Offenbacher Bahnhofs­milieu stammten und vermutlich als männliche Prostituierte arbeiteten. Dort lernten sie vermutlich auch den Täter kennen. Die Jungen waren mit einem Strick beziehungsweise einer Paketschnur mit den Händen am Rücken gefesselt und anschließend erschlagen worden. Bei einigen setzte der Tod jedoch vermutlich erst durch Ertrinken im Abwasser der Kanalisation ein. Durch den langen Aufenthalt im Abwassersystem und durch teilweise starke mechanische Beschädigung der Leichen in den Schnecken der Anlage konnten die Toten erst verhältnismäßig spät identifiziert werden. Die Tötungen erfolgten in den Jahren 1976 bis 1983. Aufgrund der langen Liegezeiten in der Kanalisation konnte nur bei einem Opfer eindeutig festgestellt werden, dass es durch einen „Schlag stumpfer Gewalt“ auf den Kopf ums Leben kam.

LeichenfundeBearbeiten

  • 7. September 1976: männliche Leiche, Identität unbekannt (15–18 Jahre) Stangenrod im Landkreis Gießen. Fund einer nackten Leiche in der Nähe eines Fußweges in einem Waldstück zwischen Atzenhain und Lehnheim während des Militärmanövers „Gordian Shield“[1][2]. Der Tote ist nach einer Liegezeit von vier bis sechs Wochen[Anm 1] stark mumifiziert und teilweise bereits skelettiert. Vermutliche Todesursache: gewaltsame Schädelfraktur. Da die Identität des Toten lange Zeit nicht geklärt werden kann, geht die Polizei davon aus, dass es sich möglicherweise um einen Ausländer handelt, der in der Bundesrepublik Deutschland auf Durchreise war.[3]
  • 23. Mai 1982: Erik (17) Dreieich, Landkreis Offenbach. Die Leiche wurde in schräger Rückenlage hinter dem Schneckenzufluss gefunden. Sie weist erhebliche Verletzungen auf, so ist der rechte Oberschenkel abgerissen, das Becken zertrümmert, die Knochen des rechten Oberschenkels freiliegend und der Schädel ebenfalls zertrümmert. Gemäß Obduktionsbericht ist der Leichnam im fortgeschrittenen Fäulniszustand mit bereits ausgedehnter Fettwachsbildung. Liegezeit vermutlich über sechs Monate. Die Todesursache kann nicht mehr verifiziert werden.[4]
  • 19. September 1982: Bernd Michel (17–18 Jahre) Darmstadt-Erzhausen. Der Auffangrechen ist durch eine bekleidete Leiche blockiert. Vermutlich hat Michel noch gelebt, als er in einen Kanalschacht geworfen wurde. Todesursache wahrscheinlich Ertrinken. Die Identifizierung der nahezu unkenntlichen Leiche ist schwierig. Der junge Mann ist um die 17 Jahre alt und zeichnet sich durch einen deutlichen Überbiss aus. Er stammt aus dem Frankfurter Strichermilieu.
  • 2. Juli 1983: Markus Hildebrandt (17 Jahre) Darmstadt-Erzhausen. Entdeckung einer tätowierten Leiche im Pumpensumpf des Klärwerks von Dreieich-Buchschlag. Nach Meinung der Offenbacher Polizei wurde der Tote durch ein Abwasserrohr angeschwemmt.[5] Seine Hände waren mit Handschellen gefesselt. Ansonsten finden sich keine äußerlich sichtbaren Verletzungen. Die Tätowierungen an den Oberarmen zeigen verschiedene Motive und das Wort „Fuck“.[6] Markus Hildebrandt stammt aus dem Hanauer Raum und hielt sich seit 1981 in der Heroinszene von Frankfurt auf.[7] Hildebrandt, der einen Großteil seiner Jugend in Erziehungsheimen verbracht hatte, machte gerade eine Lehre und führte ein „unstetes Leben“ in Frankfurt. Er soll sich gelegentlich prostituiert haben. Zum letzten Mal wurde er im Januar 1983 in Begleitung von drei Männern gesehen und soll angegeben haben, nach Saarbrücken zu wollen.[8]
  • 9. September 1983: Fuad Rahou (14 Jahre). Frankfurt-Niederrad. Die Leiche eines 14-jährigen marokkanischen Jungen wird in der Kläranlage Niederrad gefunden. Zuerst geht man von einem Unfall durch Ertrinken in der Kanalisation oder dem Einatmen von Faulgasen aus. Erst später wird klar, dass es sich um Mord handeln muss. Der Junge wird seit dem 1. September 1983 von seinen Eltern als vermisst gemeldet.[9]
  • 11. Oktober 1983: Oliver Tupikas (11 Jahre) Frankfurt-Niederrad. Ein weiteres Opfer, welches der Täter unter einem Kanaldeckel verschwinden lässt, wird ebenfalls in der Kläranlage Niederrad gefunden.[10] An der Leiche werden Spuren von Fußfesseln gefunden. Oliver war zuvor von Hause ausgerissen und danach nicht mehr lebendig gesehen worden.
  • 21. Juni 1989: Daniel Schaub (14 Jahre). Offenbach-Rosenhöhe. Knochen und Kleidungsstücke vom letzten Toten der Serie werden in einem Nebenkanal des Entwässerungsnetzes gefunden. Der Jugendliche wurde bereits seit dem Jahr 1983 vermisst.[11]

Mögliches MotivBearbeiten

Der Kriminalpsychologe Rudolf Egg vermutet, dass es sich beim Täter um eine alleinstehende Person im Alter von ca. 50 Jahren ohne familiäre Bindung oder Freunde handeln könnte. Möglicherweise ist der Täter selbst Opfer von sexuellem Missbrauch geworden und könnte daher ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Homosexualität haben oder eine Art „Hassliebe“ gegenüber gleichgeschlechtlichen Personen aus dem Strichermilieu aufgebaut haben.[12] Zu seinen Neigungen gehören anscheinend unter anderem sadistische Fesselspiele. Vermutlich zieht der Täter Ende der 1970er Jahre von Gießen nach Frankfurt am Main und lebt seine Neigungen im dortigen Milieu aus. Er ist des Weiteren ortskundig und hoch mobil. Die Tatsache, dass er seine nach Gewaltanwendung teilweise noch lebenden Opfer in der Kanalisation kaltblütig hat sterben lassen, lässt auf einen tief verwurzelten Menschenhass schließen.

Modus OperandiBearbeiten

Der erste Mord geschieht vermutlich am Fundort der Leiche. Erst danach könnte der Täter entdeckt haben, dass es verhältnismäßig einfach ist, einen Kanaldeckel hochzustemmen und die Leiche, beziehungsweise das sterbende Opfer, in die Kanalisation zu werfen, wo es zugrunde geht. Das rasche Verschwindenlassen der Leichen lassen diese Taten selbst im dicht bevölkerten Frankfurter Ballungsgebiet zu, ohne ein unkalkulierbar hohes Risiko einzugehen, dabei entdeckt zu werden. Die Opfer sind gefesselt. Dann vergeht sich der Triebtäter an ihnen, misshandelt und „entsorgt sie wie Müll nach Benutzung“. Wochen- oder teilweise monatelang liegen die Leichen in der Kanalisation und fangen dort an, sich zu zersetzen. Die Toten verbleiben meist längere Zeit unentdeckt im Abwassernetz, bis sie irgendwann in die Klärwerke gespült werden, wo sie häufig die Schneckenpumpen zum Trennen der festen Partikel blockieren. Die weit fortgeschrittene Leichenfäulnis hat sowohl die Identifizierung der Opfer als auch die Klärung der Tatumstände bei den Ermittlungen stark erschwert. Erst 2,5 Jahre nach Auffinden der Leiche kann das erste Opfer identifiziert werden.

ErmittlungenBearbeiten

Eine Soko um Horst Kropp und die „Arbeitsgruppe (AG) 229“ werden mit den Ermittlungen der sexuell motivierten Morde an den Jugendlichen betraut. Einige Zeit lang wurde ein 40-jähriger, mehrfach vorbestrafter[Anm 2] Lagerist aus Offenbach der Taten verdächtigt, da bekannt wird, dass er obdachlose Jugendliche zu sich in seine Gartenlaube am Frankfurt-Riederwald lockt, um dort mit ihnen sadistische Sexspiele durchzuführen. Er soll dabei sehr brutal vorgegangen sein, doch andererseits hat er sich durch gute Bezahlung das Schweigen seiner Opfer erkauft. Die Ermittler finden heraus, dass der Tatverdächtige und das Opfer Markus Hildebrandt die gleichen Homosexuellenlokale in Frankfurt aufgesucht haben sollen. Dies reicht jedoch für einen hinreichenden Tatverdacht bei weitem nicht aus. Die Blutspuren in der Gartenlaube[Anm 3] passen nicht zu der serologischen Blutuntersuchung von Hildebrandt. In der Wohnung des Verdächtigen, der drei der Opfer gekannt hatte, wurden eine Gaspistole, mehrere Messer, darunter ein Schlachtermesser und Handschellen sichergestellt. Aufgrund mangelnder Beweise kommt es jedoch nicht zur Anklage.

AnmerkungenBearbeiten

  1. womöglich noch länger
  2. überwiegend wegen sexueller Handlungen an Minderjährigen und sexueller Nötigung
  3. Spritzer, die durch das Schlagen von blutenden Wunden oder durch das Reinigen blutbefleckter Stichwaffen zustande gekommen sein könnten

WeblinksBearbeiten

LiteraturBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. REFORGER-Manöver in Osthessen
  2. Gießener Allgemeine Zeitung 8. September 1976
  3. Im Manöver. Soldat entdeckt Leiche, verwest und nur mit Socken bekleidet. Gießener Allgemeine Zeitung, 9. Dezember 1976
  4. Polizeibericht Kripo Frankfurt in Harbort: Mörderisches Profil: Phänomen Serienkiller
  5. Gießener Allgemeine Zeitung, 25. Mai 1982
  6. Langener Zeitung 25. Mai 1982
  7. Langener Zeitung 2. Juni 1982
  8. Harbort: Mörderisches Profil: Phänomen Serienkiller
  9. Gießener Allgemeine Zeitung, 13. September 1983
  10. Gießener Allgemeine Zeitung, 17. November 1984
  11. Gießener Allgemeine Zeitung, 19. August 1989
  12. Filmbeitrag, Kriminalreport Hessen. Abscheuliche Mordserie im Rhein-Main-Gebiet