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Horst Streckenbach

deutscher Tätowierer und Piercer
Horst Streckenbach, genannt Tattoo Samy, in seinem Studio in Frankfurt am Main, 1979.

Horst Streckenbach (* 5. August 1925 in Weißwasser/Oberlausitz als Helmut Horst Streckenbach;[1]27. Juni 2001 in Frankfurt am Main), genannt „Tattoo Samy“, war ein deutscher Tätowierer und Piercer. „Samy“ Streckenbach gilt als bedeutend für die Entwicklung des Tätowierens in Deutschland. Von ihm ging die Benutzung von Autoklaven in Deutschland beim Tätowieren aus; er war der erste Tätowierer, der bereits 1976 im medizinischen Bereich arbeitete und nach einer Mammakarzinom-Operation eine Mamillenrekonstruktion vornahm. Der Vorgang wurde als „Streckenbach - Technik“ in die med. Literatur übernommen.[2] Zudem gilt er als „Vater des deutschen Intimschmucks“.[3] Auf ihn geht der Barbell-Piercingschmuck zurück.

LebenBearbeiten

Horst „Samy“ Streckenbach wurde am 5. August 1925 im damals preußischen Weißwasser/Oberlausitz geboren. Im Kindesalter ließ er sich mit zehn Jahren als erstes Tattoo ein Herz auf den Arm tätowieren und begann im Alter von 14 Jahren selbst mit der Tätowiererei.[4] Er erlernte in Häslicht den Beruf des Kraftfahrzeugschlossers und wurde 1943 in die Wehrmacht eingezogen. Nach dem Einsatz an verschiedenen Fronten. Zuletzt eingestezt in Italien wurde Streckenbach schwer verwundet und verlor gänzlich die Sehkraft. Im Mai 1945 geriet er an der Westfront in US-amerikanische Gefangenschaft. Durch eine Operation in Neapel erlangte er seine Sehkraft wieder zurück und wurde in die USA transportiert. Dort durchlief er verschiedene Kriegsgefangenenlager. Im Jahr 1946 wurde er entlassen und reiste nach Europa zurück. Er lebte zunächst in Großbritannien und lernte dort Les Skuse (1912–1973) kennen, der Streckenbach näher mit dem Tätowieren vertraut machte. Ende der 1940er Jahre kehrte Streckenbach nach Deutschland zurück.[5]

Karriere als TätowiererBearbeiten

Wie viele Tätowierer Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts begann er ohne weitere Ausrüstung mit der einfachen Handstecherei. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Samy Streckenbach in Frankfurt neben Christian Warlich und Karl Finke in Hamburg zu den wenigen, bekannten praktizierenden Tätowierern. Im Jahr 1947 ließ sich Streckenbach als zweiter Berufstätowierer offiziell registrieren. 1959 eröffnete er ein Tattoo-Studio in Aschaffenburg und verlegte es 1964 nach Frankfurt. Durch seine Ansiedlung in Frankfurt am Main konnte er sich unter den US-amerikanischen Besatzungstruppen einen festen Kundenkreis schaffen.

„Seinen besonderen Ruf erlangte Samy“, laut dem Schriftsteller Marcel Feige, „weil er alles anders machte als die anderen.“[6] Sein Stil war anfangs von traditionell maritimen Motiven geprägt. Über mehrere Jahre lang war Streckenbach der einzige deutsche Tätowierer, der auch im Ausland tätowierte. Streckenbach war „zweimaliger Weltmeister seines Fachs“.[7][8]

Streckenbach der „Techniker“Bearbeiten

 
Rotationstätowiermaschine (Modell 1978 K)

Streckenbach baute seine Tätowiermaschinen bis zuletzt selber. Von den gängigen Modellen, die Samuel O’Reilly sich hatte patentieren lassen,[9] unterschieden sie sich beispielsweise durch die Antriebsart. So setzte Streckenbach auf Rotation (Antrieb durch einen Elektromotor, der mittels Exzenter die Dreh- in eine Hubbewegung umwandelt) statt durch Magnetspulen (die durch das Prinzip des Wagnerschen Hammers, ähnlich wie bei einer Türklingel, direkt eine Hubbewegung erzeugen).

Der gelernte Automechaniker Streckenbach setzte von Beginn an auf eine Tätowiermaschine mit einem rotierenden Antrieb.[10] Manfred Kohrs, der bei Streckenbach das Tätowieren erlernt hatte,[11] entwickelte die „Urmaschine“ bis zur finalen Version im Jahr 1978 weiter. Auch das Zubehör zu den Maschinen, sowie weitere Ausrüstung für sein Studio, fertigte Streckenbach in seiner Werkstatt an, die dem Studio angegliedert war.

VerbandsarbeitBearbeiten

 
David Allen Yurkew (links) auf der Tattoo Convention in Blackpool, 1979 (rechts Horst Streckenbach)

Im Jahr 1977 forcierte Streckenbach eine Einladung seines Mentees Manfred Kohrs, der alle in Deutschland gewerblich gemeldeten Tätowierer zu einem Informationstreffen nach Hannover eingeladen hatte. Zweck dieses Treffens war die Gründung einer nationalen Vereinigung, um anschließend technische und hygienische Standards einzuführen.[12] Streckenbach engagierte sich auch stark in internationalen Vereinigungen; insgesamt 38-mal besuchte er allein die USA.[13] Dabei wurde er stets von seiner Ehefrau Ella (* 7. Februar 1910 in Ölsnitz als Ella Fuchs; † September 1983 Frankfurt am Main)[14] begleitet, die auch administrative Aufgaben übernahm.[15] Er engagierte sich zunächst im National Tattoo Club of the World[16] sowie bei der European Tattoo Artist Association (E.T.A.A.).

 
Tattoo Meeting 1980 Frankfurt

Die erste „Convention“ des National Tattoo Club of the World wurde vom 24. bis 25. Januar 1976 in Houston (Texas) abgehalten. Als einzige Deutsche waren Streckenbach und Kohrs zu dieser Veranstaltung angereist.[17] Die nächste Convention wurde vom 23. bis 25. März 1979 im Cosmopolitan Hotel in Denver (Colorado) abgehalten. Nach diversen Vorträgen von Terry Wrigley,[18] Peter Tat 2 Poulos, Diane Poulos, Don Ed Hardy, Bob Shaw,[19] Big Walt Kilkucki, Painless Jeff Baker, David Yurkew und Arnold Rubin & Jan Stussy, präsentierte Streckenbach eine Show mit tätowierten Personen.[20]

Streckenbach und der Präsident der E.T.A.A., Terry Wrigley, veranstalteten vom 17. bis 19. Oktober 1980 in Frankfurt am Main die vermutlich zweite Tattoo Convention in Deutschland.

PiercingBearbeiten

 
Barbell mit Außengewinde

Streckenbach stach bereits 1946/47 als einziger bekannter Piercer Intimpiercings.[21][22] Auf einer seiner frühen Reisen in die USA lernte er 1975 Jim Ward kennen, der seit 1967 mit Piercings experimentierte. Streckenbach hatte aufgrund seiner Mechaniker-Ausbildung nicht nur seine eigenen Tätowiermaschinen konstruiert, sondern auch Körperschmuck aus einem Metallstift und Kugeln mit Gewinde angefertigt. Davon inspiriert, arbeitete Ward an der Entwicklung des heute als Barbell bekannten Standardpiercingschmucks. Streckenbach setzte sich selbst das erste dokumentierte Zungenpiercing. Berichte darüber erschienen 1983 im Magazin Piercing Fans International Quarterly.[23]

KunstBearbeiten

Am 2. Juli 1970 ließ sich die Künstlerin Valie Export im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung in Frankfurt von Streckenbach ein Strumpfband tätowieren. „Der eigene Körper wird schmerzhaft und dauerhaft mit einem Strumpfband – einem Fetisch männlicher Sexualfantasien – markiert, um damit Funktionalisierung und soziale Rolle der Frau als Sexualobjekt zu entlarven sowie ihre gesellschaftliche Bestimmung durch den Mann zu reflektieren.“ Die Philosophin Simone de Beauvoir formulierte dazu: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“[24]

Im Jahr 1971 traf Streckenbach anlässlich der 4. experimenta in Frankfurt auf Timm Ulrichs, der sich als „erstes lebendes Kunstwerk“ die Signatur timm ulrichs 1940 - … tätowieren ließ.[25][26] Für sein Mappenwerk internationale Standardmotive aus Muster- und Vorlagebüchern der Tätowierer, 1974, übernahm Timm Ulrichs auch Motive von Streckenbach. Im Rahmen der Ausstellung „Timm Ulrichs: Tätowier-Bilder“ (12. Januar – 9. März 1975) im Kunstverein Hannover fand am 26. Januar 1975 eine Tätowier-Aktion statt, auf der Streckenbach seinen späteren Schüler Manfred Kohrs vor laufender Kamera tätowierte.[27] Am 28. Januar 1975 berichtete der NDR in der Sendung Nordschau-Magazin über das „Happening im Kunstverein Hannover. ‚Sammy‘ aus Frankfurt über seine Kunst und das Tätowieren“.[28]

Auf sein rechtes Augenlid ließ sich Ulrichs 1981 von Streckenbach die Worte „The End“ tätowieren[29][30] – der Abspann für den ultimativ letzten Film.[31] Auch zu dieser Arbeit wurde 1997 ein Foto als Inkjekt-Print auf Leinwand 150 × 150 cm in einer Auflage von 25 nummerierten und signierten Exemplaren, sowie ein Videofilm THE END: Farbe, stumm, 6 Min. 8 Sek., in 3 Teilen: Visueller Text, 1966, Anthologie aus 60 »End«- Einstellungen und Schlussbildern klassischer Spielfilme und Tätowieraktion, erstellt.[32]

Letzte JahreBearbeiten

Streckenbach wurde zu Beginn der 1970er Jahre vom Finanzamt als Künstler anerkannt und eingestuft; dementsprechend musste er nur einen verringerten Umsatzsteuersatz entrichten. Ende der 1980er Jahre wurde ihm dieser günstige Status aber rückwirkend aberkannt, und Streckenbach sollte Steuern in Höhe von über 100.000 Mark nachzahlen. Sein Tattoo-Studio in Frankfurt musste daraufhin Bankrott erklären. Auf der Frankfurter Convention im Mai 2000 initiierten einige Freunde, darunter Lyle Tuttle und Herry Nentwig, eine Spendenaktion.[33] Elf Monate später verstarb Horst Streckenbach im Alter von 75 Jahren.

Nach Streckenbachs Tod rettete Herry Nentwig Teile dessen Nachlasses vor der Vernichtung und bewahrte die Objekte über Jahre im Keller auf. 2018 übernahm Manfred Kohrs diesen Nachlass und wertet ihn zusammen mit Ole Wittmann wissenschaftlich aus.[34] Ausgewählte Objekte, u.A. das erste Vorlagenalbum Streckenbachs aus dem Jahr 1949, werden im Rahmen der Sonderausstellung Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli (2019/20) im Museum für Hamburgische Geschichte gezeigt.[35]

RezeptionBearbeiten

„Streckenbach ist einer der Tätowierer, ohne die die Geschichte der Tätowierung in Deutschland nicht denkbar wäre.“

„Samy Streckenbach war ein wahrer Pionier der Tattoo und Piercing-Szene; man kann ihn geradezu als Avantgardisten bezeichnen.“

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Standesbeamtin der Großen Kreisstadt Weißwasser/O.L., Referat Soziales und Ordnung, Standesamt, Marktplatz, 02943 Weißwasser/O.L.
  2. Geburtshilfe und Frauenheilhunde. Band 36, Ausgabe 1, 1976, S. 13. (books.google.de)
  3. Marcel Feige: Piercing Intim. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2004, ISBN 3-89602-446-9.
  4. Marcel Feige: Das Tattoo- und Piercing Lexikon. ISBN 3-89602-209-1, S. 283.
  5. Marcel Feige: Das Tattoo- und Piercing Lexikon. S. 281.
  6. Marcel Feige: Das Tattoo- und Piercing Lexikon. S. 282.
  7. Matthias Friedrich: Tätowierungen in Deutschland: eine kultursoziologische Untersuchung. S. 51. (books.google.de)
  8. G. S.: Blümchen zieren den Frauenhals. In: Frankfurter Rundschau. 30. Oktober 1976.
  9. Marcel Feige: Das Tattoo- und Piercing Lexikon. S. 282.
  10. Samuel M. Steward: Bad Boys and Tough Tattoos. Routledge, London/ New York, ISBN 0-918393-76-0, S. 190.
  11. M. Carstens: Tätowieren – eine besondere Kunst / Manfred Kohrs. In: HAZ. Ausg. Ost, S. 2, 23. April 1981.
  12. Oliver Paaß: Nadel rein Nadel raus. In: Tattoo Kulture Magazine. No. 29, 20. Januar 2019, S. 79.
  13. Marcel Feige: Das Tattoo- und Piercing Lexikon. S. 282.
  14. Stadt Frankfurt, der Magistrat Rechnaiamt, III/34/343 595929/60
  15. Sabrina Ungemach: ALTE LIEBE ROSTET NICHT - Manfred Kohrs. In: Tattoo Kulture Magazine. No. 22, 29. August 2017.
  16. Der National Tattoo Club of the World wurde 1984 durch Mitgliederbeschluss umbenannt in National Tattoo Association, N.T.A. (Memento des Originals vom 16. September 2012 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.nationaltattooassociation.com (englisch)
  17. Mississippi Gulf Coast´s Observer. Volume 13, Issue 3, September 2012, S. 36.
  18. Terry’s Tattoo Studio (englisch); Terry Wrigley (1932–1999). In: Tattoo Archive. Abgerufen am 11. November 2018 (englisch).
  19. Bob Shaw (1926–1993). In: Tattoo Archive. Abgerufen am 11. November 2018 (englisch).
  20. National Tattoo Association – Full History (Memento des Originals vom 16. September 2012 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.nationaltattooassociation.com (englisch), Absatz 11: After the speakers were finished Tattoo Samy of Frankfurt Germany did a slide presentation of Tattooed People.
  21. Marcel Feige: Das Tattoo- und Piercing Lexikon. ISBN 3-89602-209-1, S. 282 ff.
  22. Alana Abendroth: Bodymodification: Körpermodifikationen im Wandel der Zeit: Tattoos, Piercings, Scarifications. UBOOKS 2009, ISBN 978-3-86608-600-5.
  23. Piercing Fans International Quarterly. Nr. 18 und Nr. 19, 1983.
  24. Thomas Trenkler: VALIE EXPORT: “Ich wollte raus”. Am 14. April 2015 auf thomastrenkler.at (Auszug aus Ich fiel in eine Welt – Gespräche über die Kunst und das Leben. Brandstätter Verlag, Wien 2013, ISBN 978-3-85033-607-9)
  25. Samy tätowierte sieben Häute. In: HAZ. 27. Januar 1975.
  26. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Begleitheft zur Ausstellung Tattoo vo. 13. Februar bis 6. September 2015, Nr. 31. (PDF) Abgerufen am 6. Juni 2015.
  27. Sprengel Museum Hannover (Hrsg.): Timm Ulrichs Die Druckgrafik. 2003, ISBN 3-89169-183-1, S. 154.
  28. Vollinformation des NDR - Produktionsnummer 0007750128, NDR HH Medienbegleitkarte 12.12.2008 St. (1, 2)
  29. Michael Kohler: Tattoo-Kunst in Deutschland Die grosse Freiheit auf der Haut. In: Goethe Institut. Dezember 2016, abgerufen am 28. Juli 2018.
  30. sueddeutsche.de: THE END, Augenlid-Tätowierung, 1970/16. Mai 1981
  31. Christina Sticht, Timm Ulrichs: Pionier der Konzeptkunst. nw-news.de, 31. März 2010.
  32. Dieter Fietzke, Hubertus Müll, 1990/97 Foto: Foto-Hoerner, Hannover © VG Bild-Kunst, Bonn 2010.
  33. Marcel Feige: Das Tattoo- und Piercing Lexikon. S. 282.
  34. Tattoo Kulture Magazine vom 15. Juli 2019: Issue No.33: Manfred Kohrs: Herry Nentwig, Hüter des verlorenen Schatzes.
  35. Stiftung Historische Museen Hamburg: Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli. In: Ruhr-Universität Bochum Wortmarke. 11. April 2018, abgerufen am 29. Juli 2019.
  36. Horst H. Streckenbach der vergessene Pionier. In: Tattoo Kulture Magazine Issue No.32 vom 12. April 2019, S. 28–40.
  37. Verlag Das Wunderhorn: Tattoo & Religion · Verlag Das Wunderhorn. Abgerufen am 8. Februar 2019.