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Sturm auf dem Meer-Motiv aus dem Hitda-Codex
Majestas Domini, fol. 7r, aus dem Codex

Der Hitda-Codex, auch als Hitda-Evangeliar bezeichnet, gilt als ein Hauptwerk der Kölner ottonischen Buchmalerei.

GeschichteBearbeiten

Das Evangeliar (seit der Säkularisation in Darmstadt, heute Handschrift 1640 in der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt) wurde nach Anton von Euw um 1000 für das Stift St. Walburga angefertigt. Christoph Winterer datierte 2010 den Codex auf die ersten fünf Jahre nach 1000. Dies kann allerdings noch nicht durch eine Schriftuntersuchung oder schriftliche Quellen abgesichert werden.[1] Eine – häufig vertretene – spätere Entstehungszeit (1020 oder nach 1030/1035)[2] steht im Gegensatz zu einem 2013 gemachten Vorschlag, dass die Handschrift durch Erzbischof Gero von Köln (969–976) in Auftrag gegeben wurde, um ein Vermächtnis seiner 969/70 in Jerusalem verstorbenen Mutter Hidda zu erfüllen.[3]

Den Namen hat der Kodex von der Äbtissin Hitda, die vielleicht eine Angehörige des Adelshauses der Grafen von Werl und verwandt mit dem ottonischen und burgundischen Königshaus war. Andere Autoren wie Gerhard Weilandt identifizieren sie mit der ezzonischen Äbtissin Ida († 1060) der Kölner Frauengemeinschaft St. Maria im Kapitol.[4]

Im Darmstädter Hitda-Codex widmet Äbtissin „Hitda“ in einem ganzseitigen Dedikationsbild der heiligen Walburga das Evangeliar, ein wohl gegen Ende des 11. Jahrhunderts aufgeschriebenes „Schatzverzeichnis“ erwähnt weitere Schenkungen der Hitda oder Ida nach Meschede, u. a. eine tragbare goldene Marienstatue, Kleider und Kirchengerät. Ein auf die Zeit um 1500 zu datierender Eintrag weist die Handschrift der Frauengemeinschaft im Sauerland zu. Der Kodex befand sich noch im 18. Jahrhundert in Meschede und gelangte von dort zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach Wedinghausen und schließlich nach Darmstadt.

Inhalt und GestaltungBearbeiten

Großformatige Bibelszenen dominieren, fokussiert auf die Hauptfiguren, in expressiver Formensprache und in eigenwilligem Kolorit. Blaue Dächer und blaue Berge, in bunten Streifen aufgeschichtete Hintergründe und Gegenstände, die zum Leben erweckt scheinen – in der Kunst der Vormoderne gibt dieser koloristische Pathosstil viele Fragen auf, charakterisiert der Kunsthistoriker Rainer Warland den außergewöhnlichen Stil der Prachthandschrift.[5]

Andere sehen in dem Bildzyklus eine gemaltes theologisches Konzept: „Nach der Gesamtauswertung des Hitda-Evangeliars sieht sich der heutige Betrachter vor ein beeindruckendes theologisches Zeugnis gestellt, das ihm vor Augen führt, was das Spezifikum des christlichen Inkarnationsglaubens ist.“[6]

Eines der bekanntestes Bilder ist der Sturm auf dem Meer, ein beliebtes Kunstpostkarten-Motiv.

LiteraturBearbeiten

  • Klaus Gereon Beuckers (Hrsg.): Äbtissin Hitda und der Hitda-Codex (Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, Hs. 1640). Forschungen zu einem Hauptwerk der ottonischen Kölner Buchmalerei. WBG, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-534-25379-1.
  • Leo Eizenhöfer, Hermann Knaus: Die liturgischen Handschriften der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt. Wiesbaden 1968, S. 96–100.
  • Anton von Euw, Evangeliar der Äbtissin Hitda von Meschede. In: Vor dem Jahr 1000. Abendländische Buchkunst zur Zeit der Kaiserin Theophanu, Ausstellungskatalog. Köln 1991, S. 40–45. (Digitalisat)
  • Paulus Gordan: Offenbarung im Zeichen. Neun Bildbetrachtungen. Beuroner Kunstverlag, Beuron 1966, ISBN 3-87071-011-X. (geistliche Deutungen von Bildern des Hitda-Codex)
  • Jeremia Kraus: Worauf gründet unser Glaube? Jesus von Nazaret im Spiegel des Hitda-Evangeliars. (Freiburger theologische Studien, 168). Herder, Freiburg im Breisgau u. a. 2005, ISBN 3-451-28653-X. (Zugleich: Freiburg (Breisgau), Universität, Dissertation. 2004)
  • Michael Schaefer: Der Hitda-Kodex. Evangeliar des Stiftes St. Walburga in Meschede. Handschrift 1640 der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek in Darmstadt. (Entstehung und Bildwelt). Heimatbund der Stadt Meschede, Meschede 2003, ISBN 3-00-012054-8.
  • Rainer Warland: Himmlischer Lichtglanz im Evangeliar. Zum ästhetischen Konzept des Hitda-Codex. In: Thomas Ganschow u. a. (Hrsg.): Otium. Festschrift für Volker Michael Strocka. Greiner, Remshalden 2005, ISBN 3-935383-48-7, S. 433–436. (Digitalisat)
  • Gerhard Weilandt: Wer stiftete den Hitda-Codex (Darmstadt, Hess. Landes- und Hochschulbibliothek, Cod. 1640)? Ein Beitrag zur Entwicklung der ottonischen Kölner Buchmalerei. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein. 190, 1987, S. 49–83.
  • Das Evangeliar der Äbtissin Hitda. Eine ottonische Prachthandschrift aus Köln. Miniaturen, Bilder und Zierseiten aus der Handschrift 1640 der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt. Mit einer Einführung von Christoph Winterer. WBG, Darmstadt 2010, ISBN 978-3-534-23545-2 (= Sonderausgabe, Primus, Darmstadt 2011, ISBN 978-3-89678-763-7).

WeblinksBearbeiten

  Commons: Hitda-Codex – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Paul Leidinger: Hitda und der Hitda-Codex in Meschede. War die Stifterin eine Gräfin von Werl und Tochter Gerbergas von Burgund? In: Sauerland 4/2011, S. 187
  2. vgl. Jeremia Kraus: Worauf gründet unser Glaube?, 59-82.
  3. Dieter Riemer: Neue Überlegungen zu Hitda in: Klaus Gereon Beuckers: Äbtissin Hitda und der Hitda-Codex S. 33–55. zustimmend Ulrich Kuder: Der Hitda-Codex im Zusammenhang der Kölner Buchmalerei des 10. und 11. Jahrhunderts in: Klaus Gereon Beuckers: Äbtissin Hitda und der Hitda-Codex S. 89–111.
  4. Gerhard Weilandt: Der Hitda-Codex und seine Stifterin Ida von St. Maria im Kapitol in: Klaus Gereon Beuckers: Äbtissin Hitda und der Hitda-Codex S. 57–74, ders.: Wer stiftete den Hitda-Codex (Darmstadt, Hess. Landes- und Hochschulbibliothek, Cod. 1640)? Ein Beitrag zur Entwicklung der ottonischen Kölner Buchmalerei In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein Bd. 190 Heft 1 1987 (abgerufen über De Gruyter Online) S. 49–84
  5. Rainer Warland, S. 433.
  6. Jeremia Kraus, S. 395.