Hilliger (Glockengießer)

Kruzifix von Hans Hillger auf der Karlsbrücke in Prag

Hilliger oder Hilger ist der Familienname einer sächsischen Glocken- und Geschützgießerdynastie, die seit Beginn des 15. Jahrhunderts in Freiberg, zuerst auch unter dem Namen Kanngiesser und später auch in Dresden ansässig war und bis Mitte des 18. Jahrhunderts in Sachsen nachweisbar ist. Der Name Kanngiesser entfiel mit der Wappenverleihung 1521 an Martin I., das Familienwappen zeigte einen weißen Bären in rotem Feld.

Mitglieder der Gießerfamilie HilligerBearbeiten

Begründer der Gießerfamilie ist:

  • Hans I., auch Kanngiesser, der 1412 eine Stiftung für den Dreifaltigkeitsaltar der Nikolaikirche in Freiberg machte. Ihm folgten seine beiden Söhne
    • Hans II., auch Kanngiesser, (1420–1471) sowie
    • Nicol, auch Kanngießer, erwähnt von 1435 bis 1481. Seine Glockengüsse für die Petrikirche gingen bei den Stadtbränden von 1471 und 1484 verloren.[1] Sein Sohn
      • Oswald I., auch Kanngiesser, (um 1450–1517) setzte die Familientradition fort. Er richtete 1482 eine neue Gießerei ein und goss nach dem Freiberger Stadtbrand von 1484 die neuen Glocken für die Kirchen der Stadt, eine von 1487 ist in der profanierten Nikolaikirche erhalten, vier weitere im Freiberger Dom, darunter die Große Susanne von 1488. Seine beiden Söhne folgten ihm in den Beruf.
        • Martin I., (auch Merten Hylger[2] und Kanngießer genannt), (1484–1544) übernahm 1517 die väterliche Werkstatt und erneuerte 1537 zum dritten Mal die Gießerei. Erhaltene Glocken von ihm befinden sich u. a. im Waldpark Kurort Hartha (Fördergersdorfer Glocke von 1517) und in der Naumburger Stadtkirche St. Wenzel (1518). Aber auch die einzige erhaltene alte Glocke der Dresdner Frauenkirche, die Gedächtnisglocke Maria (1518), stammt aus seiner Werkstatt. Seine beiden Söhne wurden ebenfalls Glockengießer:
          • Wolfgang I. (1511–1576) übernahm 1544 die Glockengießerei zunächst gemeinsam mit seinem Bruder Oswald II. Er war ab 1557 mehrmals Bürgermeister der Stadt Freiberg und arbeitete als erster der Familie zeitweilig auch dauerhaft in Dresden, wo er ab 1567 die Gießhütte des Zeughaus leitete. Eine seiner Glocken befindet sich heute noch in der Leipziger Thomaskirche. Als sein wichtigstes Werk gilt das Epitaph für Herzog Philipp I. von Pommern, das sich gemeinsam mit dessen Sarkophag in der St.-Petri-Kirche in Wolgast befindet. Ein Medaillon mit der Darstellung eines Bären im unteren Bereich der Messingplatte trägt die Umschrift „Wolff Hilger czu Freiberg gos mich.“[3] Seine Söhne Martin II., Wolfgang II. und Paul erlernten ebenfalls das Gießerhandwerk
            • Martin II. (1538–1601) vertrat seinen Vater in der Gießhütte in Dresden, arbeitete zeitweilig (1577–1587) auch in Graz für Erzherzog Karl II. von Innerösterreich. Seine Söhne Martin III. und Johannes I. wurden ebenfalls Gießer
              • Martin III. (1565–1620) arbeitete ab 1591 als Stückgießer für Kaiser Rudolf II. an den Höfen in Prag und Wien und verstarb in Wien.
              • Johannes I. (1567–1640) arbeitete zunächst mit seinem Vater Martin II. in der Dresdner Gießhütte. Nach dem Tod des Vaters wurde er kurfürstlicher Büchsengießer und war von 1608 bis 1638 in Dresden Bürgermeister. Sein Sohn
                • Hans Wilhelm (um 1605–1649) wurde als letzter Hilliger Nachfolger seines Vaters in der Leitung der Gießhütte in Dresden.
            • Wolfgang II. (1545–1614) übernahm die Gießhütte in Freiberg von seinem Vater Wolfgang I. Seine Söhne Gabriel I. und Zacharias wurden ebenfalls Gießer.
              • Gabriel I. (1580–1633) übernahm die Freiberger Gießerei von seinem Vater und betrieb sie gemeinsam mit seinem Bruder Zacharias.
                • Gabriel II. (1614–1684), Sohn des Gabriel I. und Gehilfe des Onkels Zacharias. 1648 Alleininhaber der Gießerei in Freiberg, Ratsherr der Stadt. Sein Sohn
                  • Gabriel III. (1677–1756) war der letzte Gießer aus der Familie der Hilliger, arbeitete aber nach dem Niedergang der Gießerei im Bergbau.
              • Zacharias (1581–1648) führte nach dem Tod des Bruders die Freiberger Gießerei selbstständig, später gemeinsam mit dessen Sohn Gabriel II., fort.
            • Paul (1548–1603) begleitete seinen Bruder Martin II. 1577 nach Graz und kehrte 1585 nach Freiberg zurück, wo er für seinen Bruder Wolfgang II später die Geschäfte führte
          • Oswald II. (1518–1546) wurde nach dem gemeinsamen Guss der Luthertafel für die Schlosskirche von Schloss Hartenfels mit seinem Bruder Wolfgang I. (1545) Geschützgießer bei Herzog Philipp I. von Pommern in Stettin, wo er auch früh verstarb.
        • Andreas (um 1486-nach 1560) arbeitete zunächst in der Werkstatt seines Vaters Oswald I. und 1516 gemeinsam mit seinem Bruder Martin I. 1516 in Görlitz. Dann gründete er 1519 in Breslau eine eigene Glockengießerei.

Weitere Glocken-StandorteBearbeiten

  • Zum Geläut der evangelischen Kirche Unser Lieben Frauen (Dahlen) gehört eine Hilliger-Glocke: Die große Glocke (Grundton es') stammt aus dem Jahr 1625, ist 142 cm weit und wiegt 1.600 Kilogramm.[4]

LiteraturBearbeiten

  • Julius Schmidt: Die Glocken- und Stückgießer-Familie Hilliger. In: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins. Heft 4, Gerlach, Freiberg 1866, S. 341–364 (slub-dresden.de).
  • Heinrich Gerlach: Nachrichten über die ältesten bronzenen Kanonen Sachsens, insbesondere die von Wolf Hilger (Hilliger) in Freiberg. Mit Abb. Heft 18, Gerlach, Freiberg 1882, S. 43–72 (slub-dresden.de).
  • Otto Hübner: Die Familie Hilliger. In: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins. Heft 42, Gerlach, Freiberg 1906, S. 1–72 (slub-dresden.de).
  • Karl Walter: Glockenkunde. Pustet, Regensburg 1913.
  • Hilliger (Glocken- und Geschützgießer-Familie). In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 17: Heubel–Hubard. E. A. Seemann, Leipzig 1924, S. 99–100.
  • Horst Pohl: Hilliger. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 9, Duncker & Humblot, Berlin 1972, ISBN 3-428-00190-7, S. 157 f. (Digitalisat).
  • Hans-Georg Eichler: Handbuch der Stück- und Glockengießer auf der Grundlage der im mittleren und östlichen Deutschland überlieferten Glocken. Herausgegeben von Barbara Poettgen, Heft 2 der Schriften aus dem Deutschen Glockenmuseum Burg Greifenstein, Greifenstein 2003.
  • Rainer Thümmel: Glockenguss in Sachsen. Industriemuseum Chemnitz – Museumskurier, August 2006, abgerufen am 19. Februar 2020.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Gustav Eduard Benseler: Geschichte Freibergs und seines Bergbaues. Engelhardt, Freiberg 1843, S. 504 f. (books.google.de).
  2. mv-naumburg.de, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  3. Norbert Buske, Sabine Bock: Wolgast. Herzogliche Residenz und Schloß. Kirchen und Kapellen. Hafen und Stadt. Thomas Helms, Schwerin 1995, ISBN 3-931185-05-2, S. 47–51.
  4. Rainer Thümmel: Glocken in Sachsen. Klang zwischen Himmel und Erde. Hrsg.: Evangelisch-Lutherisches Landeskirchenamt Sachsens. Zweite, aktualisierte und ergänzte Auflage. Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig 2015, ISBN 978-3-374-02871-9, S. 284.