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Harry Waibel

deutscher Historiker und Sozialforscher
Harry Waibel (2015)

Harry Waibel (* 20. Juni 1946 in Lörrach) ist ein deutscher Historiker. Seine Themenschwerpunkte sind Neonazismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus in der DDR sowie Rassismus in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart.

LebenBearbeiten

Harry Waibel kommt aus einer Arbeiterfamilie, er machte 1962 die mittlere Reife und danach eine Lehre als Industriekaufmann. Nach seiner Entlassung aus der Bundeswehr arbeitete er in verschiedenen Unternehmen als kaufmännischer Angestellter. Er beteiligte sich nach eigenen Angaben in Lörrach im Republikanischen Club und in Basel an Aktionen der außerparlamentarischen Opposition und war 1969 gegen die seit 1968 in den Landtag von Baden-Württemberg gewählte NPD aktiv.

Über den zweiten Bildungsweg begann er an der PH Freiburg ein Lehramtsstudium.[1] Als Mitglied des Sozialistischen Büros Offenbach und des Sozialistischen Bunds Südbaden engagierte er sich politisch in Freiburg, unter anderem auch für Hausbesetzungen. Harry Waibel schrieb für die Zeitungen „Sumpfblüte“ und „Links unten“.

An der Freien Universität Berlin setzte er sein Studium fort und beendete dies als Diplom-Pädagoge.[1] 1993 wurde er bei Wolfgang Benz am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin mit einer Studie über Neonazismus, Antisemitismus und Rassismus in der DDR unter dem Titel Rechtsextremisten in der DDR bis 1989 zum Dr. phil. promoviert.[2] Beide Studiengänge und die Promotion wurden nach eigenen Angaben von der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung finanziell gefördert.[3]

Harry Waibel forscht in den Archiven des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit und im Bundesarchiv (SAPMO) zum Rassismus in der DDR.

Er lebt und arbeitet als freier Publizist und Historiker in Berlin.

Arbeiten und RezeptionBearbeiten

In seinem Buch Rechtsextremisten in der DDR bis 1989 vertritt Waibel unter anderem die These, dass die autoritäre Struktur der DDR, die gegenüber Jugendlichen besonders wirksam gewesen sei, eine wesentliche Voraussetzung war, damit Jugendliche fremdenfeindliche und profaschistische Einstellungen übernehmen konnten.[4] Bürokratismus und Zentralismus seien der ideale Nährboden für rechtsextremistische Einstellungen gewesen. Die DDR-Führung habe einen Obrigkeitsstaat geschaffen, daher sei es für Rechtsextreme ein Leichtes gewesen, gesellschaftliche Anknüpfungspunkte zu finden.[5]

2011 legte Harry Waibel das Buch Diener vieler Herren vor. Darin stellte er 1500 Kurzbiografien von Personen der Jahrgänge 1880–1925 zusammen, die in wichtigen gesellschaftspolitischen Berufen, wie Politiker, Soldaten und Polizisten, Ärzte, Mediziner, Wissenschaftler, Manager, evangelische Theologen und Pfarrer, Künstler und Sportler „sowohl für Nazi-Deutschland als auch in der SBZ/DDR aktiv“ waren. Dafür wertete er Personennachschlagewerke aus und verglich sie mit der Überlieferung des Berlin Document Center.

Dazu ist kritisch anzumerken, dass viele der als NS-Funktionäre angeführten Personen nur funktionslose Parteimitglieder waren, wie Rudolf Bergander und Heinz Bethge oder auch Ludwig Engelhardt, Werner Scheler, Günter Heidorn und andere, die als sehr junge Männer in die NSDAP eintraten und als Soldaten eingezogen wurden. Nach dem Wehrgesetz[6] ruhte dann die Partei-Mitgliedschaft.[7]

„Bloße Mitgliedschaften allein reichen für eine endgültige Einschätzung einer Person nicht aus“.[8] Trotzdem empfahl Kurt Schilde das Werk in seiner Rezension für die Bundeszentrale für politische Bildung als „aktuelle Erweiterung bestehender biografischer Nachschlagewerke“, die zu weiterführenden Untersuchungen anrege.[9] Das Verdienst dieses Werks sei es, so Armin Pfahl-Traughber, dass Waibel anhand der zahlreichen Einzelbeispiele deutlich mache, dass es sich „bei der Auffassung von der konsequenten personellen „Entnazifizierung“ in der DDR um eine historische Legende zur Selbstlegitimation der SED-Diktatur handele.

Gleichwohl dürfen auch kritische Aspekte nicht verschwiegen werden: Für die einzelnen Angaben zu den jeweiligen Personen liefert der Autor keine genauen Belege, sondern verweist im Vorwort und im Anhang pauschal auf genutzte Archive und andere Publikationen. So kann man entweder gar nicht oder nur schwerlich die Angaben prüfen. Darüber hinaus belässt er es in der Einleitung auch bei den erwähnten allgemeinen Aussagen. Die Frage, handelt es sich um politisch nur schwach belastete Personen oder auch um mehrfach schuldhafte Kriegsverbrecher, hätte schon genauer erörtert werden können und müssen“.[10]

VeröffentlichungenBearbeiten

Monografien
Artikel in Sammelbänden
  • Jugendliche Rechtsextremisten in der DDR und die Reaktionen der FDJ. In: Helga Gotschlich (Hrsg.): „Links und links und Schritt gehalten …“ Die FDJ: Konzepte, Abläufe, Grenzen. Metropol Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-926893-60-5, S. 276–289.
  • Neofaschisten in der DDR. In: Manfred Büttner (Hrsg.): Braune Saat in jungen Köpfen. Band 1 Theorie und Ideologie des Rechtsextremismus und Nationalsozialismus in Geschichte und Gegenwart. Schneider Verlag, Baltmannsweiler 1999, ISBN 3-89676-147-1; S. 57–65.
Artikel in Zeitschriften (Auswahl)
  • Neofaschismus in Ostdeutschland. In: Ost-West-Gegeninformationen, Vierteljahresschrift. Nr. 4/1996, Dossier.
  • Rechtsextremismus in der DDR. In: Deutsche Lehrerzeitung (DLZ). 28. März 1996, Ausgabe 13, S. 7.
  • Kritik des Antisemitismus in der DDR. In: Sozial.Geschichte. Heft 3/2006 (online)
  • Kritik des Anti-Faschismus in der DDR. In: sozial.geschichte.extra. 3. Dezember 2007 (PDF).
  • Verleugnende Verdrängung. Rassisten in der DDR und die Folgen bis heute. In: Kritiknetz – Zeitschrift für kritische Theorie der Gesellschaft. 2013 (PDF).
  • Betrachtungen über die Diskussionskultur von Linken in Deutschland. In: Zeitschrift antirassistischer Gruppen (ZAG). Nummer 64/2013, Berlin, S. 18.
  • Krise des Anti-Faschismus. In: Zeitschrift antirassistischer Gruppen (ZAG). Nummer 66/2014.
  • Rassismus in der DDR. Über den gescheiterten Antifaschismus der SED. In: Gerbergasse 18. Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik. Ausgabe 2/2015. Heft 75, Jena, S. 41.
  • Der gescheiterte Antifaschismus der SED. In: Kritiknetz – Zeitschrift für kritische Theorie der Gesellschaft. 2015 (PDF, 232 kB).
  • Rassismus in der DDR. In: Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat. Ausgabe Nr. 39/2016, S. 111.

WeblinksBearbeiten

Einzelnachweise und AnmerkungenBearbeiten

  1. a b Biographie auf: harrywaibel.de
  2. Gesis Datenbank
  3. Harry Waibel: Eine deutsche Misere? Website des Autors, PDF
  4. Steffen Kailitz: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2004, ISBN 3-531-14193-7, S. 203.
  5. Christoph Butterwegge: Rechtsextremismus. Herder Verlag, 2002, ISBN 3-451-05229-6, S. 88.
  6. www.verfassungen.de: Wehrgesetz vom 21. Mai 1935.
  7. Dies galt bis zur Änderung des Wehrgesetz-§26 von 1944.
  8. Martin Munke in: Rezension zu: Diener vieler Herren, Portal für Politikwissenschaft 12. April 2012
  9. Kurt Schilde in: SED-Mitglieder und -Funktionäre mit NS-Vergangenheit, Bundeszentrale für politische Bildung 25. Juli 2012
  10. Armin Pfahl-Traughber: NS-Funktionsträger in der DDR – Ein Lexikon. Rezension In: Humanistischer Pressedienst. 20. Juni 2013
  11. Vollständiger Titel der Dissertation: Rechtsextremisten in der DDR bis 1989. Neofaschistische, antisemitische und xenophobische Einstellungen und Gewalttaten von Jugendlichen unter besonderer Berücksichtigung der DDR-spezifischen historischen, politischen und ideologischen Bedingungen und Ursachen. Zitiert in: Wulf D. Hund, Christian Koller, Moshe Zimmermann: Racisms Made in Germany. LIT Verlag, 2011, ISBN 978-3-643-90125-5, S. 29 und 39.
  12. Interview mit Harry Waibel über Rassisten in Deutschland. freie-radios.net 7. Dezember 2012, Audiodatei
  13. Rezension von Armin Pfahl-Traughber in: Humanistischer Pressedienst. 14. Juni 2013, online
  14. Riccardo Altieri: Rezension, bei: Rosa-Luxemburg-Stiftung, 20. November 2017
  15. Henrike Voigtländer, Harry Waibel: Die braune Saat. Antisemitismus und Neonazismus in der DDR. In: Arbeit Bewegung Geschichte. Zeitschrift für historische Studien. Band 2018/II, Mai 2018, S. 225–228.