Gleiskette

endloser Belag eines Raupen-Laufwerks für schwere Fahrzeuge oder für geringen Auflagedruck

Eine Gleiskette (auch Raupenkette, Raupe oder Raupenband genannt) ist zentraler Bestandteil eines Kettenlaufwerks. Die geschlossene Kette dient zum Antrieb und zur Lenkung von Kettenfahrzeugen. Sie ermöglicht eine höhere Traktion und verringert bei gegebener Fahrzeugmasse mit ihrer großen Auflagefläche den spezifischen Bodendruck. Da sich die Gewichtskraft auf einer größeren Fläche verteilt, wird besonders auf weichen Böden ein Einsinken des Fahrzeugs verringert.

Gleisketten eines Bulldozers
Kette eines Panzers vom Typ T-34/85

GeschichteBearbeiten

 
Der Lombard Steam Log Hauler
 
Patentzeichnung von 1901 für den Raupenantrieb von Alvin O. Lombard
 
Gepanzerter IDF Caterpillar D9 der israelischen Armee

Die Erfindung der Gleiskette ist auf eine Idee des englischen Autors und Erfinders Richard Lovell Edgeworth von etwa 1770 zurückzuführen. Im Jahr 1826 ließ der britische Ingenieur George Cayley seine universal railway (engl. universelle Eisenbahn) patentieren.

1837 erdachte der russische Erfinder Dmitri Sagrjaschski (Дмитрий Андреевич Загряжский) eine Kutsche mit mobilen Schienen, die er im selben Jahr patentieren ließ. Auf Grund mangelnder finanzieller Mittel konnte er jedoch nie einen funktionierenden Prototyp bauen, sein Patent erlosch bereits 1839 wieder. Eine ähnliche Idee enthält das Patent für das endless railway wheel (engl. endloses Eisenbahnrad) des britischen Ingenieurs James Boydell aus dem Jahr 1846.1859 erhielt der Amerikaner Warren P. Miller ein Patent auf ein dampfbetriebenes Kettenfahrzeug.[1]

1901 erfand Alvin O. Lombard das erste kommerziell erfolgreiche Fahrzeug mit Gleiskette im heutigen Sinn, den Lombard Steam Log Hauler.[2] Am 23. Juli 1904 ließ Richard Hornsby & Sons Ltd ein ähnliches System patentieren und verbaute es 1905 in ein Lokomobil.[3] Die Kettenglieder konnten nur in eine Richtung abgewinkelt werden, daraus resultierte eine Art Schiene (engl. track), auf der das Fahrzeug dann fuhr. Das Patent wurde von der Holt Manufacturing Company gekauft. Ab 1906 wurde das System von der British Army für Artillerietraktoren genutzt. Aufgrund der Tatsache, dass die Fortbewegung der Kettenglieder von den Soldaten als caterpillar-movement (engl. für Raupenbewegung) bezeichnet wurde, sicherte sich Holt die Marke Caterpillar und benannte sein Unternehmen schließlich 1925 nach einer Fusion in Caterpillar Tractor Company um.

AufbauBearbeiten

Moderne Gleisketten nutzen modulare Glieder, die eine geschlossene Kette bilden. Man unterscheidet hier grundsätzlich zwischen Scharnierketten und Verbinderketten[4] sowie zwischen gespannten und nicht gespannten Ketten.

VerwendungBearbeiten

Zivile FahrzeugeBearbeiten

Gleisketten bzw. mit Raupenfahrwerk ausgestattete Raupenfahrzeuge finden im zivilen Bereich zahlreiche Einsatzgebiete:

MilitärfahrzeugeBearbeiten

 
Gleiskette mit vergossenen Kettenpolstern (M48)
 
Zahnkranz mit Eingriff auf die Kettenendverbinder

Eine frühe Verwendung bei Militärfahrzeugen war die Umlaufkette. Für einige leichte Militärfahrzeuge werden bzw. wurden auch Gummiraupenketten verwendet (z. B. beim M3). Überwiegend kommen jedoch stählerne Gleisketten zur Anwendung. Diese Kampfwagenketten, sind im Gegensatz zu den bei Baumaschinen eingesetzten Ketten Fahr- und keine reinen Transportketten und unterscheiden sich daher erheblich von diesen. Die Kampfwagenkette ist auf Geschwindigkeit, größere Laufruhe und bis zu einem gewissen Grad auf Ergonomie bezüglich der Fahrzeugbesatzung ausgelegt. Bei der Kette von Baumaschinen ist das nicht der Fall, da die an sie gestellten Anforderungen gänzlich anderer Natur sind (bessere Traktion bei geringerer Geschwindigkeit). Gleiskette ist laut den Technischen Dienstvorschriften auch die offizielle Bezeichnung der Bundeswehr.

Die Anzahl der Glieder pro Kette reichte bei Panzern des Zweiten Weltkriegs von etwa 80 bis 110 Gliedern.[6] Die Gleiskette der Leopard-1-Familie besteht aus 88 Kettengliedern, wovon jedes mit den Endverbindern eine Länge von 16 cm abdeckt. Somit ergibt sich eine Gesamtlänge von 14,08 Metern. Durch den Gebrauch längt sich die Kette und muss nachgespannt werden. Nach einer Gesamtlängung von 32 cm hat die Kette den Grenzwert erreicht und muss verschrottet werden.

Typen von KampfwagenkettenBearbeiten

Bei Kampfwagenketten unterscheidet man:

  • Verbinderketten (gespannte Ketten)
  • Scharnierketten (gespannte oder ungespannte Ketten)

Die gespannten Ketten werden als „lebende Ketten“, die ungespannten Ketten als „tote Ketten“ bezeichnet.

In westlichen Staaten sind die Ketten zur Schonung der Straßen in Friedenszeiten meist mit Gummipolstern versehen. Bei sogenannten Kombiketten können diese entfernt bzw. ausgewechselt werden, z. B. gegen neue oder "Schneegreifer". Gefechtsketten sind wegen der besseren Griffigkeit in der Regel nicht mit Gummipolstern versehen. Für einige Verbinderketten gibt es aber auch keine Version ohne Gummipolster bzw. Gummibeschichtung.

VerbinderketteBearbeiten

 
Kettenendverbinder mit Mittelführungszahn

Bei Verbinderketten, sind in entsprechende Bohrungen der Kettenglieder Bolzen mit aufvulkanisierter Gummischicht eingepresst und die Bolzen benachbarter Kettenglieder durch Verbinder starr miteinander verbunden. Die Reibung von Metall auf Metall, sowie das Eindringen von Schmutz wird so verhindert. Jedes Kettenglied hat dadurch jedoch nur eine beschränkte Beweglichkeit innerhalb der Elasitzitätsgrenzen der Gummischicht um die Bolzen. Die erste Verbinderketten wurden in den 1930er Jahren für leichte amerikanische Panzer entwickelt und waren nur an den Enden der Bolzen miteinander verbunden. Für mittlere und schwere Panzer mit breiteren Ketten wird zusätzlich in der Mitte der Glieder ein Verbinder eingesetzt, der in der Regel auch die Zähne zur Führung der Kette auf den Laufrollen trägt.

Die Verbinderkette besteht aus

  • Kettengliedern mit zwei gummigelagerten Kettenbolzen,
  • Mittelführungszähnen bzw. Kettenführungszähnen,
  • Endverbinder und ggf. Mittelverbinder
  • bei Kombiketten zusätzlich aus ein oder zwei Gummipolstern pro Kettenglied.

Die Verbinderkette kann sowohl mit Front- als auch mit Heckantrieb verwendet werden. Ihre Vorteile liegen in einer hohen Maximalgeschwindigkeit, großen Laufruhe, langen Lebensdauer und guten Seitenführung auf dem Laufwerk (die Kette wird im Gelände nicht so schnell geworfen). Nachteile sind, im Gegensatz zur Scharnierkette, der aufwendigere Herstellungsprozess, die kompliziertere Kettenmontage, bedingt durch die höhere Zahl an Einzelteilen, und die Kosten der Fertigung.

 
Schematische Darstellung eines Triebrades (bereits mit Mittelführungskranz)

Ein weiterer Nachteil ist die Möglichkeit des Aufpolsterns im Antriebsrad, beispielsweise bei zähem Lehmboden (jedoch nicht bei Frontantrieb). Dadurch hebt sich die Kette aus der Führung und springt bei starken Lenkbewegungen ab. Um dem entgegenzuwirken erhielten z. B. die Laufwerke der Leopardfamilie Antriebsräder mit einem Mittelführungskranz, der auf die Mittelführungszähne wirkte und ein Auswandern dieser verhindern sollte. Diese Lösung war aber auch nicht gänzlich zufriedenstellend, so dass dann beim Pionierpanzer (der beim Arbeitseinsatz extrem vom Kettenwerfen betroffen war) eine Stahlschiene diagonal über dem Antriebsrad befestigt wurde, so dass die Kette nicht mehr auswandern konnte.

Mittelführungszahn bzw. KettenführungszahnBearbeiten

Kettenführungszähne befinden sich auf der Innenseite der Kette und sorgen dafür, dass die Kette nicht seitlich von den Laufrollen abläuft und abfällt. Bei Fahrwerken mit einfachen Laufrollen, beispielsweise beim M3, sorgt eine doppelte Zahnreihe an den Außenseiten der Laufrollen für die nötige Führung. Bei Fahrwerken mit doppelten Laufrollen, die heute allgemein üblich sind, genügt eine Zahnreihe in der Mitte. Die Führungszähne können fest mit dem Kettenglied verbunden sein (einteiliges Kettenglied) oder sie sitzen auf dem Mittelverbinder der Kette.

EndverbinderBearbeiten

Die beiden Endverbinder werden links und rechts auf die Kettenbolzen aufgeschoben und fixiert. Zusätzlich dienen sie oft dem Eingriff des Antriebszahnkranzes.

ScharnierketteBearbeiten

 
Scharnierkette des Panzers Panther

Die Scharnierkette besteht aus:

  • dem Kettenglied
  • dem Kettenbolzen
  • dem abnehmbaren bzw. auswechselbaren Kettenpolster.

Beim Zusammenfügen der Kettenglieder wird lediglich der Bolzen durch die Passlöcher der Kettenglieder geschoben und auf beiden Seiten fixiert. Bei den Scharnierketten des sowjetischen T-34 wurden die rundköpfigen Kettenbolzen lediglich von innen her eingeschoben. Am Wannenheck befand sich eine gebogene Abstreifplatte, die bei jedem Kettenumlauf die verrutschten Bolzen wieder ganz in die Kette hineinschob.[7]

Eine Scharnierkette kann gespannt oder ungespannt eingesetzt werden.

Der Vorteil dieser Kette liegt in ihrer einfachen Ausführung, der einfachen Kettenmontage und den relativ geringen Beschaffungskosten. Nachteilig sind der hohe Verschleiß, der geringe Fahrkomfort und das hohe Abwurfrisiko im Gelände. Die Scharnierkette wird als Gefechtskette oder als Kombikette eingesetzt, wobei meistens Schraubbolzen als Befestigung für die Gummipolster verwendet werden. Bei der Scharnierkette ist der Mittelführungszahn fest mit dem Kettenglied verbunden.

 
Triebrad Scharnierkette

Dem hohen Abwurfrisiko im Gelände wirkte man entgegen, indem man das Triebrad nach vorn verlegte oder dieses als scheibenförmiges Zahnrad gestaltete, was ein Aufpolstern und das damit verbundene Werfen der Kette verhinderte.

Verbinderkette mit fester GummipolsterungBearbeiten

Bei den Streitkräften der Vereinigten Staaten wurde bereits bei der Einführung des M1 Combat Car im Jahre 1937 eine gummigepolsterte Gleiskette verwendet. Hierzu wurde die einteilige Auflagefläche des Kettengliedes mit einer Gummiplatte versehen (aufvulkanisiert oder aufgeschraubt). Diese Art der Kette war auch noch beim M4 Sherman im Einsatz.

Die Kette mit fester Gummipolsterung und geteilten Kettengliedern wurde erstmals ab 1944 beim mittleren amerikanischen Panzer M4 Sherman eingesetzt, als dieser mit breiteren Ketten ausgerüstet wurde. Dabei wurde die Gummigrundplatte mit einem etwa 4 cm hohen Gummisteg versehen. Dies war die Kette mit dem höchsten Laufkomfort, die bei der Bundeswehr noch bis zum Leopard 1A1 eingesetzt wurde. Ein Nachteil der festen Gummipolsterung lag darin, dass die Kette auf schneeglatten oder vereisten Straßen keinen Halt fand, ein weiterer, dass sie sich in steinigem Gelände schnell abnutzte. Sie musste dann komplett getauscht werden, auch wenn die sonstigen Grenzwerte noch nicht erreicht waren.

Nachteilig wirkte sich zudem aus, dass die Griffigkeit im Gelände den Ansprüchen in einem Gefechtseinsatz nicht gewachsen war und deswegen für jedes Fahrzeug eine sogenannte Gefechtskette vorgehalten werden musste.

Kombikette bzw. Kette mit auswechselbaren KettenpolsternBearbeiten

 
Kombikette mit Kettenpolstern. Nach dem Entfernen der Kettenpolster wird sie zur Gefechtskette

Die Kombikette wurde eingeführt, da sich die bis dahin gängige Praxis der zwei Kettenarten (feste Gummipolsterung und Gefechtskette) als nicht effektiv erwiesen hatte. Die Kette wurde nunmehr so konstruiert, dass sie mit abnehmbaren Gummipolstern und/oder Schneegreifern ausgestattet werden konnte. Die Kettenpolster werden seitlich eingeschoben und mittels einer Federnase fixiert (beispielsweise bei der Leopard-Familie) oder aber mit Hilfe von Gewindebolzen und Muttern befestigt (wie beim Schützenpanzer kurz).
Bei der deutschen Wehrmacht waren zumindest zu Beginn des Zweiten Weltkrieges die Halbkettenfahrzeuge (zum Beispiel Schützenpanzerwagen Sd.Kfz. 251) mit auswechselbaren Gummipolstern ausgestattet.

Andere AnwendungsgebieteBearbeiten

Ein Fensterreinigungs-Roboter, gefilmt durch die Scheibe. Man erkennt die mittige Öffnung der den Ansaugdruck erzeugenden Unterdruckpumpe und die Gummi-Gleisketten.

Auch bei Robotern unterschiedlicher Typen werden teilweise Gleisketten als Alternative zum Vortrieb durch Räder genutzt. Beispiel sind Roboter zur Kampfmittelbeseitigung oder kleine Haushaltsroboter, insbesondere Geräte für die Fensterreinigung.

Siehe auchBearbeiten

QuellenBearbeiten

  • Panzer und andere Kampffahrzeuge 1916 bis heute. Buch und Zeit Verlagsgesellschaft, Köln 1977.
  • Technische Dienstvorschrift der Bundeswehr 2350/051-12 Pionierpanzer Dachs
  • Paul-Werner Krapke: Leopard 2 sein Werden und seine Leistung. Gleiskette Leopard 2, Books on Demand GmbH, Norderstedt ISBN 3-8334-1425-1, S. 72, 73.

LiteraturBearbeiten

  • Wolfgang Merhof: Fahrmechanik der Kettenfahrzeuge. Hrsg.: Ernst-Michael Hackbarth. 2015, ISBN 978-3-943207-13-2 (Link zum PDF-Dokument [abgerufen am 11. März 2020]).
  • Peter Schwarzmann: Panzerketten – Die Gleisketten der deutschen Kettenfahrzeuge des Zweiten Weltkriegs, Brandenburgisches Verlagshaus, ISBN 978-3-943883-00-8

WeblinksBearbeiten

Commons: Gleisketten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Patent US23853: Traction-Wheel. Veröffentlicht am 3. Mai 1859, Erfinder: W. P. Miller.
  2. Lombard Steam Log Hauler (englisch)
  3. David Roberts: Tractor Pioneer Extraordinary (englisch)
  4. ASTRUM – Tank Tracks and Armour Whitepaper (englisch)
  5. 40 Jahre Raupenschlepper, raumfahrer.net
  6. Anzahl der Kettenglieder pro Gleiskette an deutschen Panzern
  7. Matthew Hughes, Chris Mann: T-34-Panzer. Karl Müller, Erlangen 1999, ISBN 978-3-86070-799-9 (96 S., englisch: The T-34 tank. Übersetzt von Jürgen Brust).

WeblinksBearbeiten