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Frauengeschichte

Forschung und Beschreibung von Frauenrollen mithilfe der Geschichtswissenschaft

Frauengeschichte ist ein Teilbereich der Geschichtswissenschaften und der Geschlechterforschung und hat die Erforschung des Wirkens der Frauen in der Geschichte zum Ziel. Analog zum englischen Wort History wird sie auch Herstory genannt. Frauengeschichtsforschung kann – aber muss nicht zwangsläufig – feministisch motiviert sein.

Entwicklung des FachgebietsBearbeiten

Der Forschungsbereich entstand (von Pionierinnen wie der englischen Mary Beard abgesehen)[1] wie andere Bereiche der Frauenforschung in den 1970er Jahren als Folge der erstarkenden zweiten Frauenbewegung zunächst in den USA als Women’s History.[2] Historikerinnen und Historiker stellten fest, dass Frauen als Gruppe, aber auch als Einzelpersonen in der traditionellen Geschichtsschreibung kaum vorkamen.

Die im dritten Reich aus Österreich nach Amerika geflohene österreich/jüdische Historikerin Gerda Lerner erhielt aus der amerikanischen Geschichte (Sklaven, Rassismus, Grimké-Sisters) ihre Impulse, Frauenforschung zu betreiben. Für den Beginn der amerikanischen Frauenbewegung nannte sie die Zeit um etwa 1850.[3] Sie gründete 1972 in Amerika am Sarah Lawrence College das erste Institut, an dem Frauengeschichte für Graduierte studiert werden konnte. 1990 richtete sie ein Studienprogramm am Wisconsin International University College ein, wo über Frauengeschichte promoviert werden kann. Über Mary Beard hielt sie Seminare und veröffentlichte ein Buch mit Dokumenten über sie.[4]

Den ersten Lehrstuhl in Deutschland für Historische Frauenforschung erhielt 1986 Annette Kuhn in Bonn. Seit den 1980er Jahren wurde das Verhältnis der Frauengeschichte zu einer noch umfassenderen Geschlechtergeschichte diskutiert.[5] Die Frauengeschichte wurde so auch zur Voraussetzung einer kritischen Geschichtswissenschaft. In den Niederlanden existiert das Aletta-Institut für Frauengeschichte, in Deutschland gibt es fünf Regionalverbände des Arbeitskreises historische Frauen- und Geschlechterforschung mit Hauptsitz in Hamburg.

1993 führte Regina Wecker, Professorin an der Universität Basel und Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte, das Fach Geschlechter- und Frauengeschichte auf der institutionellen Ebene in der Schweiz ein.

Die Forschungsergebnisse der Frauengeschichte haben – wie auch andere Teilbereiche der Geschichtsforschung (Alltagsgeschichte, Sozialgeschichte) – bisher nur beschränkt Eingang in den in Schulen gehaltenen Geschichtsunterricht gefunden.

UntersuchungsgegenstandBearbeiten

Frauengeschichtsforschung befasst sich mit den Leistungen einzelner Frauen, mit der Stellung der Frauen in verschiedenen historischen Gesellschaften oder Lebensbereichen sowie mit dem Verhältnis der Geschlechter zueinander. Themen sind beispielsweise:

WeblinksBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Gisela Bock: Frauen in der europäischen Geschichte. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 2005
  • Gisela Bock und Anne Cova (Hrsg.): Écrire l’Histoire des Femmes en Europe du Sud. XIXe-XXe Siècles/Writing Women’s History in Southern Europe. 19th-20th Centuries. Celta Editora, Oueiras 2003
  • Ruth Becker, Beate Kortendiek (Hrsg.): Handbuch Frauen – und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden 2004, ISBN 3-8100-3926-8.
  • Deutscher Juristinnenbund e.V. (Hrsg.), Jüdische Juristinnen, München 2019, Beck Verlag, ISBN: Best-Nr. 33969.
  • Jutta Dick, Marina Sassenberg: Jüdische Frauen im 19. und 20. Jahrhundert. Lexikon zu Leben und Werk, Reinbek bei Hamburg 1993, ISBN 3-499-16344-6.
  • ,Esther Fischer-Homberger: Krankheit Frau und andere Arbeiten zur Medizingeschichte der Frau. Huber, Bern 1979, ISBN 3-456-80688-4
  • Bettina Flitner: Frauen mit Visionen. 48 Europäerinnen. Mit Texten von Alice Schwarzer, München 2004, Knesebeck Verlag, ISBN 978-3-89660-357-9.
  • Andrea Griesebner: Feministische Geschichtswissenschaft. Eine Einführung. Von der Frauen- zur Geschlechtergeschichte. Löcker, Wien 2004, ISBN 3-85409-410-8
  • Helga Grubitzsch, Loretta Lagpacan: „Freiheit für die Frauen – Freiheit für das Volk!“. Sozialistische Frauen in Frankreich 1830–1848, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-8108-0163-1.
  • Helga Grubitzsch, Maria Kublitz, Dorothea Mey (Hrsg.): Frauen – Literatur – Revolution, Herbolzheim 1992, ISBN 3-89085-504-0.
  • Florence Hervé: Frauen im Widerstand 1933 bis 1945, Düsseldorf 2012 (Hrsg. Wir Frauen e.V., Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW e.V., DGB Region Düsseldorf-Bergisch Land u. a.), ISBN 978-3-89438-493-7.
  • Olwen Hufton: Frauenleben: Eine europäische Geschichte. 1500–1800. Aus dem Engl. von Holger Fliessbach. Frankfurt: Fischer, 1998.
  • Annette Kuhn, Gerhard Schneider (Hrsg.): Frauen in der Geschichte, Düsseldorf 1972, Schwann Verlag, ISBN 3-590-18009-9 (sieben Bände).
  • Annette Kuhn, Detlef Appenzeller (Hrsg.): Mehrheit ohne Macht, Düsseldorf 1985, Schwann Verlag, ISBN 3-590-18043-9.
  • Annette Kuhn, Marianne Pitzen, Marianne Hochgeschurz (Hrsg.): Politeia. Szenarien aus der deutschen Geschichte nach 1945 aus Frauensicht, Frauenmuseum, Bonn 1999, ISBN 3-928239-38-4.
  • Annette Kuhn (Hrsg.): Die Chronik der Frauen, Dortmund 1992, Chronik Verlag, ISBN 3-611-00195-3.
  • Nelly Las (Hrsg.): Le féminisme face aux dilemmes juifs contemporains, Sèvres 2013, Editions des Rosiers, ISBN 979-1-09-010812-7.
  • Gerda Lerner: The Majority Finds its Past: Placing Women in History. Oxford University Press, New York 1979
  • Angelika Schaser: Frauenbewegung in Deutschland: 1848–1933, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-15210-7.
  • Angelik Schaser: Der Arbeitskreis Historische Frauen- und Geschlechterforschung 1990–2015. Wissenschaftliche Professionalisierung im Netzwerk, Hamburg 2015, ISBN 978-3-00-050354-2.
  • Bonnie G. Smith: The Gender of History: Men, Women, and Historical Practice, Harvard UP 2000
  • Michael P. Steinberg, Monica Bohm-Duchen: Reading Charlotte Salomon, Ithaca and London 2006, Cornell University Press, ISBN 978-0-8014-3971-1.
  • Gerda Szepansky: Frauen leisten Widerstand 1933–1945, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-596-23741-6.
  • Rita Thalmann: Etre femme sous le IIIe Reich, Paris 1982, Laffont, ISBN 978-2-221-00859-1.
  • Marlene Zinken (Hrsg.): Der unverstellte Blick. Unsere Mütter (aus)gezeichnet durch die Zeit 1938 bis 1958. Töchter erinnern sich, Opladen und Farmington Hills 2007 (Schriften aus dem Haus der Frauengeschichte Bonn, Band 1, Hrsg. Annette Kuhn, Marianne Hochgeschurz, Monika Hinterberger), ISBN 978-3-86649-136-6.
  • Gertrude Aretz: Berühmte Frauen der Weltgeschichte, 1940. Volltext
  • Eva Kolinsky: Women in 20th-century Germany. (Englisch und deutsch), Manchester University Press, New York 1995, ISBN 0-7190-4654-8, teilweise einsehbar bei Google-Books
  • Georges Duby u. a. (Hrsg.): Geschichte der Frauen. 5 Bände, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1993–1995;

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Homepage
  2. Karin Hausen: Women’s History in den Vereinigten Staaten. In: Geschichte und Gesellschaft 7, 1981, S. 347–363.
  3. Alice Schwarzer: Alice Schwarzer porträtiert Vorbilder und Idole, S. 114.
  4. Siehe Alice Schwarzer porträtiert Vorbilder und Idole, 2003, S. 115.
  5. Gisela Bock: Geschichte, Frauengeschichte, Geschlechtergeschichte. In: Geschichte und Gesellschaft 14, 1988, S. 364–391.