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Fischtreppe

Anlage, die Fischen das Aufsteigen in gesperrten Fließgewässern ermöglicht
Kaskaden in der Isar
Fischtreppe im River Fergus in Irland

Eine Fischtreppe oder Fischpass (auch Fischwanderhilfe oder Organismenaufstieg, Fischleiter, Fischlift, in Deutschland amtlich auch Fischweg genannt) ist eine wasserbauliche Einrichtung an Fließgewässern, um Fischen im Rahmen der Fischwanderung die Überwindung von baulichen Hindernissen wie Stauwehren, Wasserkraftanlagen und gegebenenfalls auch Wasserfällen zu ermöglichen.

Alle Fließgewässer-Organismen und auch Kleintiere der Gewässersohle (Makrozoobenthos) sind bei der Wanderung auf solche Fischaufstiege angewiesen. Deshalb sollen in Deutschland die Fischaufstiege nicht nur der Aufwärts-Passage von Fischen dienen, sondern auch der Wanderung von Rundmäulern (Neunaugen) und dem sogenannten Makrozoobenthos.

Europaweit wird die Notwendigkeit ihrer Einrichtung unter anderem durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie begründet. Das daran angepasste Wasserhaushaltsgesetz regelt die Anordnung solcher Anlagen bei der Neuerrichtung von Stauanlagen oder auch im Bestand.

WanderhilfenBearbeiten

 
Mäander-Fischpass an der Schwentinemündung in Kiel
 
Fischaufstiegsanlage an der Aller in Celle

Zu unterscheiden sind prinzipiell Wanderhilfen für den Fischaufstieg (Fischaufstiegshilfen und -anlagen) und für den Fischabstieg (eine Typ wird als Bypässe bezeichnet.).

FischaufstiegBearbeiten

TypenBearbeiten

Bei den Typen der Fischaufstiege unterscheidet man naturnahe und technische Bauweisen. Zu den naturnahen Fischaufstiegshilfen gehören vor allem sogenannte raue Rampen oder raue Gleiten, auch Sohlgleiten und Umgehungsgerinne. Zu den technischen Bauweisen zählen beispielsweise Schlitzpässe, Beckenpässe, Aalleiter, Fischschleusen, Fischlifte oder neuerdings Fischaufstiegsschnecken.

Das derzeit maßgebende Merkblatt DWA-M 509 unterscheidet zwischen beckenartigen und gerinneartigen Fischaufstiegsanlagen. Daneben enthält es auch noch Vorgaben für fischpassierbare Bauwerke.

Bei beckenartigen Fischpässen wird der Höhenunterschied zwischen Ober- und Unterwasser dadurch abgebaut, dass Wasserbecken mit Trennwänden dazwischen so gebaut werden, wobei zwischen diesen Becken bei dem Bemessungsdurchfluss eine kleine Wasserspiegeldifferenz (derzeit laut DWA-M 509 zwischen 9 und 15 cm) entsteht, und sich in der jeweiligen Öffnung in der Trennwand (Schlupfloch oder Schlitz) ein Strahl ausbildet, dessen kinetische Energie im Folgebecken durch Turbulenzproduktion umgewandelt wird. Somit wird in bei diesen Fischpasstypen die gesamte Höhendifferenz in viele kleine Abfälle unterteilt. Dadurch werden die maximal auftretenden Strömungsgeschwindigkeiten im Rahmen gehalten. Bei gerinneartigen Fischaufstiegsanlagen wird die hydraulische Leistung durch verteilte Rauheiten umgewandelt. Dies können flächendeckende Rauheiten, einzelne Störkörper oder bei den Borstenpässen auch Borstenmodule sein.

Eine neuere Technik ist die Kombination von Fischaufstiegsanlage und Bootsgasse, der Fisch-Kanu-Pass.

FischliftBearbeiten

 
Ansicht des Fischlifts am Ausgleichsbecken in Fuhren am Gadmerwasser

Mit einem Fischlift kann auf kleiner Grundfläche ein großer Höhenunterschied überwunden werden. Die Funktionsfähigkeit ist weitgehend unabhängig von Wasserspiegelschwankungen im Oberwasser des Wanderhindernisses, sofern es gelingt, einen für den Fisch günstigen Anschluss zwischen Fischlift und Oberwasser herzustellen. Wie bei anderen Fischaufstiegshilfen führt eine künstlich erzeugte Leitströmung die Fische an den gewünschten Ort.

Sie schwimmen in ein Wasserbecken, dem sogenannten Reusenkorb, der mit einer Vorrichtung das Entweichen verhindert. Regelmäßig wird nun das Wasserbecken aufwärts gefahren und oben schonend ausgekippt. Anschließend fährt die Konstruktion wieder nach unten und öffnet den Einlass für die nächsten Fische. Ein Fischlift befindet sich zum Beispiel am Wasserkraftwerk Wyhlen der Staustufe Augst/Wyhlen, an der Fassung Fuhren am Gadmerwasser,[1] ein anderer in Grellingen.[2] Bei den beiden 2015 in Betrieb genommenen Wasserkraftschnecken von Neubruck (bei Scheibbs) und Retznei ist der Fischlift integrierter Bestandteil der Anlage.

FischaufstiegsschneckeBearbeiten

 
Die größte Fischtreppe Europas in der Elbe bei Geesthacht (Deutschland)
 
Wasserkraftanlage mit Fischaufstiegsschnecke am Heckerwehr/Bayern
 
Drehrohr-Doppelwasserkraftschnecke in der Jeßnitz bei St. Anton. Die außenliegende Schnecke ermöglicht den Fischabstieg und produziert Strom, während die innere Archimedische Schraube einen verletzungsfreien Fischaufstieg erlaubt.

Mit einer Archimedischen Schraube wird Wasser angehoben, in dem sich Fische und andere Lebewesen in das Oberwasser tragen lassen können. Ein Beispiel ist ein Kleinwasserkraftwerk an der Url, in Amstetten in Niederösterreich. Parallel zu der Wasserkraftschnecke, die der Stromgewinnung dient, wurde eine weitere Schnecke für den Aufstieg installiert. Erste Tests zeigen eine fünfmal stärkere Aufstiegshäufigkeit als bei anderen Systemen.[3][4] Allerdings ist eine Eignung der Fischaufstiegsschnecke für schwimmschwache Kleinfische, Neunaugen und das Makrozoobenthos noch nicht nachgewiesen.

Helix-TurmfischpassBearbeiten

Ein Fischweg in Form einer Wendeltreppenturms mit Mäanderbecken ist der Helix-Turmfischpass. Die Kosten des Fischpasses beim Wasserkraftwerk Raisdorf betrugen rund 550.000 Euro und wurden überwiegend aus EU-Mitteln finanziert.[5][6] Die erste Umsetzung in Raisdorf wurde vom Bund der Steuerzahler und dem Landesnaturschutzbund Schleswig-Holstein als Verschwendung von Steuergeldern bezeichnet.[7][8]

Lock - oder LeitstromBearbeiten

Sofern die Fische nicht durch die geometrische oder hydraulische Struktur des Einschwimmbereichs in den Fischpass direkt geleitet werden, was nur in Sonderfällen gelingt, müssen sie mittels einer Leitströmung angelockt werden. Dies geschieht durch den als Strahl austretenden Durchfluss des Fischpasses selber oder mittels einer verstärkten Strömung durch eine Lockstrom-Zusatzdotation. Die optimale Gestaltung dieser Leitströmung ist derzeit noch Gegenstand von Versuchen und Naturbeobachtungen. Da dieser Lockstrom einem nicht unbedeutenden Durchfluss entspricht, werden mitunter zur energetischen Nutzung Turbinen in die Lockstromleitung integriert (Beispiele: Fischpass Koblenz/Mosel oder Fischpass Iffezheim/Rhein)

Die Lockstrompumpe ist ein an der Universität Kassel entwickeltes System, um diesen Leitstrom überwiegend aus dem Unterwasser zu erzeugen.

BeispieleBearbeiten

Die bislang größte Anlage Europas bei der Staustufe Geesthacht finanzierte der Stromproduzent Vattenfall als ökologischen Ausgleich für das weiter stromabwärts liegende Kohlekraftwerk Moorburg.[9][10] Die serpentinenartig verbundenen 45 Wasserbecken ermöglichen Wanderfischen, ein Wehr zwischen dem Mündungsgebiet und der mittleren Elbe zu umschwimmen, das zur Eindämmung des Tidenhubs auf die Wasserstraße gebaut wurde. Das Lahnfenster in Gießen ermöglicht mittels Fensterscheiben den Einblick in eine Fischtreppe in der Lahn bei Gießen.

Seit 2015 sind in Österreich zwei Wasserkraftschnecken mit integriertem Fischlift in Retznei an der Sulm und in Neuburg an der Jesnitz in Betrieb,[11] die sich durch eine besondere Fischverträglichkeit auszeichnen. Studien der Universität für Bodenkultur Wien, in denen keine verletzten Fische festgestellt werden konnten, belegen, dass die meisten Fischarten die Anlagen gut passieren konnten.[12]

LiteraturBearbeiten

 
US-amerikanisches Symbol
  • 1987: Günter Jens: Der Bau von Fischwegen. Fischtreppen, Aalleitern und Fischschleusen. Parey, Hamburg / Berlin 1982, ISBN 3-490-07414-9.
  • 1997: Beate Adam, Ulrich Schwevers: Funktionsüberprüfung von Fischwegen. Einsatz automatischer Kontrollstationen unter Anwendung der Transponder-Technologie. Wirtschafts- und Verlagesellscft Gas und Wasser, Bonn 1997. ISBN 3-89554-069-2.
  • 1999: Jürgen Eberstaller: Fischaufstiegshilfen – Gestaltungskriterien und Funktionsfähigkeit / Nature-like Fish Bypasses – Design Criteria and Effectiveness. Dissertation Universität für Bodenkultur Wien: Institut für Wasservorsorge, Gewässergüte und Fischereiwirtschaft. 1999.[13]
  • 2000: Michael Hütte: Ökologie und Wasserbau. Ökologische Grundlagen von Gewässerverbauung und Wasserkraftnutzung. Parey, Vieweg 2000, ISBN 3-528-02583-2.
  • 2001: Beate Adam, Ulrich Schwevers: Planungshilfen für den Bau funktionsfähiger Fischaufstiegsanlagen (= Bibliothek Natur & Wissenschaft, Band 17). VNW Verlag Natur und Wissenschaft, Solingen 2001, ISBN 3-927889-97-0.
  • 2004: Heinz Patt, Peter Jürging, Werner Kraus: Naturnaher Wasserbau. Entwicklung und Gestaltung von Fließgewässern. 2. Auflage, Springer, Berlin 2004, ISBN 3-540-20095-9.
  • 2016: Matthias Meyer, Steffen Schweizer, Elena Andrey, Andres Fankhauser, Sandro Schläppi, Willy Müller, Martin Flück: Der Fischlift am Gadmerwasser im Berner Oberland, Schweiz. Springer, Wasserwirtschaft (2/3): S. 42–48, ISSN 0043-0978

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Matthias Meyer. Der erste Fischlift im Kanton Bern [1]. Beschreibung des Fischlifts an der Fassung Fuhren. Abgerufen am 8. April 2016
  2. Markus Hintermann. Wenn Fische in den Fahrstuhl steigen ... Erster Fischlift in der Schweiz Archivlink (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive). Detaillierte Beschreibung des Grellinger Fischlifts. Abgerufen am 4. Dezember 2014
  3. Innovativer „Aufzug“ für Fische auf ORF vom 18. April 2015, abgerufen am 18. April 2015
  4. Fischaufstiegsschnecke: Monitoring bringt hervorragende Ergebnisse auf Oekonews.at vom 10. Februar 2015, abgerufen am 18. April 2015.
  5. Helix-Turmfischpass / Wasserkraftwerk Raisdorf. Abgerufen am 12. Februar 2019.
  6. http://www.ruhr-uni-bochum.de/denkposter/68.pdf
  7. Bericht im Schwarzbuch 2005 des Bundes der Steuerzahler (Memento des Originals vom 24. September 2015 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.steuerzahler.de (pdf, ca. 1,77 MB, Seiten 46–47)
  8. Schilda lässt grüßen. Handelsblatt.de, Artikel vom 27. September 2005, 16:55 Uhr
  9. Wanderfische: Nothilfe für Migranten auf zeit.de
  10. Europas größte Fischtreppe bei Geesthacht: Schutz für Elbe und Fische auf vattenfall.de (Memento vom 23. Juli 2012 im Internet Archive)
  11. Patentnr. 512766, Anmeldedatum: 13. Januar 2012, Datum der Veröffentlichung: 15. Februar 2015, Anmelder und Erfinder: Walter Albrecht.
  12. B. Zeiringer: Fish Passage through a Hydrodynamic Double-Screw: An Alternative Solution for Restoring River Connectivity. American Fisheries Society, 145th Annual Meeting in Portland, OR, August 16.-20.2015: Abstract auf der Website der Amerikanischen Fischerei-Gesellschaft. Die Anlage an der Sulm wird vom Verbund betrieben. Die Anlage an der Jesnitz betreibt die Entwickler-Firma Hydroconnect selbst.
  13. abstract