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Als Fünfparteiensystem bezeichnet man generell ein Parteiensystem, in dem fünf Parteien eine bedeutende Rolle spielen. In der Politikwissenschaft denkt man teilweise an bestimmte Konstellationen, beispielsweise in der deutschen Geschichte. In den Medien wird der Begriff vor allem für die Situation im Bundestag von 1990 bis 2013 verwendet.

Inhaltsverzeichnis

Einteilungen nach fünf ParteienBearbeiten

Der Parteienforscher Dieter Nohlen spricht von zwei Bewertungsansätzen zu Parteiensystemen. Marcel Duverger habe gemeint, die Politik dränge zu einem Dualismus, einem Zweiparteiensystem, in dem zwischen zwei Lösungen gewählt werde. Klaus von Beyme jedoch lehnt diese Zweiteilung ab. Seiner Meinung nach könne man oft ein rudimentäres Fünfparteiensystem erkennen, etwa in der Englischen und in der Französischen Revolution. Außer Linken und Rechten beobachtet er auch die Herausbildung eines Zentrums.[1]

Fünfparteiensystem nach Klaus von Beyme[2]
Linke Linke Mitte Mitte Rechte Mitte Rechte
Englische Revolution (Mitte 17. Jahrhundert) Digger Leveller Klassische Republikaner Royalisten Anhänger des divine right of the king
Französische Revolution (Ende 18. Jahrhundert) Hébertisten Jakobiner Girondisten aristokratische Konstitutionalisten Anhänger des ancien régime

Ernst Rudolf Huber sieht für die Zeit seit dem Vormärz (ab 1830) das „Grundgefüge des deutschen Parteiwesens in einem Fünfparteiensystem“. Unter einer Partei sei dabei nicht unbedingt eine einzelne Organisation oder Fraktion zu verstehen, aber „das Wesentliche und Dauernde der deutschen Parteistruktur bis 1918 war doch diese Fünfzahl [...].“ Sehe man von den extremistischen Parteien der Weimarer Republik ab, könne man das System bis 1933 verlängern.[3] Durch die Existenz eines politischen Katholizismus unterscheidet sich die deutsche Parteiengeschichte von der vieler anderer Länder. Trotzdem kennt man auch beispielsweise in Frankreich einen Unterschied zwischen Christdemokraten und eigentlich Konservativen.

Deutsches Fünfparteiensystem
Linke Linke Mitte Mitte Rechte Mitte Rechte
Begriffe bei Huber Proletarischer Sozialismus Demokratischer Radikalismus Politischer Katholizismus Gemäßigter Liberalismus Konservativismus
Parteien des Kaiserreichs 1871–1918 Sozialdemokratie (linksliberaler) Fortschritt Zentrum (rechtsliberale) Nationalliberale Deutschkonservative und Freikonservative
Moderne Entsprechungen Linke, SPD SPD, Grüne Teile von SPD, Grünen, CDU/CSU, FDP FDP, CDU/CSU CDU/CSU, AfD

Solche Übersichten vereinfachen. Das katholische Zentrum beispielsweise hatte zwar in der Wirtschafts- und Sozialpolitik und mit seinen rechtsstaatlichen Forderungen eine Position in der politischen Mitte. In der Kultur- und Gesellschaftspolitik stand das Zentrum jedoch deutlich rechts, unter anderem bei den Themen Ehescheidung und Konfessionsschule.

Situation im BundestagBearbeiten

Von 1990 bis 2013 gab es im Deutschen Bundestag zwar sechs Parteien, jedoch fasst man die Schwesterparteien CDU und CSU aufgrund der gemeinsamen Fraktion im Bundestag oftmals zusammen und spricht in Medien und Politikwissenschaft zumeist von einem oder auch dem Fünfparteiensystem: CDU/CSU, SPD, FDP (jeweils seit 1949), Grüne (seit 1983) und Die Linke (seit 1990; unter verschiedenen Bezeichnungen). Es wird betont, dass die Koalitionsbildung bei diesem System deutlich schwieriger sei als etwa im Dreiparteiensystem der 1970er-Jahre.[4]

Siehe auchBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Dieter Nohlen: Wahlrecht und Parteiensystem. 3. Auflage. Leske + Budrich, Opladen 2000, S. 72.
  2. Klaus von Beyme 1984, nach: Dieter Nohlen: Wahlrecht und Parteiensystem. 3. Auflage. Leske + Budrich, Opladen 2000, S. 72.
  3. Ernst Rudolf Huber: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Band II: Der Kampf um Einheit und Freiheit 1830 bis 1850. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart [u. a.] 1960, S. 318.
  4. Siehe zum Beispiel Karl-Rudolf Korte: Veränderungen im Parteienwesen, Abruf am 8. Oktober 2010.