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Elementenpsychologie bezeichnet eine Richtung der Psychologie, die komplexes psychisches Geschehen wie z. B. Prozesse der Bewusstseinsbildung auf eine begrenzte Anzahl von kleineren, leichter bestimmbaren Einheiten oder Elementen zurückzuführen versucht.[1](a) Damit erweist sie sich als strukturalistische Psychologie.[2]

Inhaltsverzeichnis

VertreterBearbeiten

Als Vertreter der Elementenpsychologie können in engerem Sinne Wilhelm Wundt (1832–1920) und Edward Bradford Titchener (1867–1927) angesehen werden.[1](b), [3](a)

MethodeBearbeiten

Die Elementenpsychologie verfährt methodisch einerseits ähnlich der älteren rationalen Psychologie und ihrer Aufteilung in einzelne Vermögen, andererseits ähnlich wie bestimmte Naturwissenschaften, die durch Analyse zu immer kleineren Strukturen und Bestandteilen bzw. Elementen gelangt, siehe die Erforschung chemischer und physikalischer Elemente. Das Konzept der Elementenpsychologie wurde in der Psychodynamik, Psychophysik von Gustav Theodor Fechner (1801–1887) mit seinem Werk Elemente der Psychophysik (1860) und in der Experimentalpsychologie von Wilhelm Wundt (1832–1920) mit seinem Werk Physiologische Psychologie (1874) ebenso wie in der Psychoanalyse von Sigmund Freud (1856–1939) mit seiner Instanzenlehre und der psychologischen Topik, vertreten. Freud übte jedoch auch Kritik an der Elementenpsychologie von Wundt, siehe Kap. Kritik.[1](c)

Als solche einfachen Elemente sah Wundt die Assoziationen an. Sie können experimentell durch Assoziationsverfahren geprüft und ausgewertet werden. Als weitere elementare Einheiten galten das Erleben und die Empfindung, vgl. a. → Introspektion. Diese Einheiten erschienen zusammen mit den experimentell reproduzierbaren Assoziationsverfahren als wesentlich zur Erforschung von Bewusstseinszuständen. Die entsprechende Forschungsrichtung wurde auch als Bewusstseinspsychologie bezeichnet.[3](b) Die Elementenpsychologie ist neben anderen psychologischen Richtungen wie der methodisch entgegengesetzten Ganzheitspsychologie Teil der Bewusstseinspsychologie. Außer dem Empfinden hat Carl Gustav Jung (1875–1961) drei weitere Grundfunktionen betont, die des Denkens, Fühlens und Intuierens.[4]

GeschichteBearbeiten

In der Geistesgeschichte gibt es viele Parallelen einer Elementenlehre. Solche sind vor allem die in der Antike entwickelte Vier-Elemente-Lehre und die chinesische Fünf-Elemente-Lehre, deren Anfänge (I Ging, Laotse) bis ins 3. Jahrtausend v. Chr. zurückreichen. Häufiger ist in den Geisteswissenschaften in synthetischer Absicht von Monismus oder Monopluralismus die Rede. Hier wird versucht, die Vielfalt der Erscheinungen auf ein einziges Prinzip oder auf eine kleine Anzahl von Elementen zurückzuführen.[3](c), [5](a)

Die Elementarpsychologen bezogen sich auf die sog. angelsächsischen Assoziationspsychologen. Zu diesen zählten: John Locke (1632–1704), David Hartley (1705–1757), David Hume (1711–1776), James Mill (1773–1836), Thomas Brown (1778–1820) und John Stuart Mill (1806–1873).[3](d)

KritikBearbeiten

Gegen die analytische Methodik der Elementenpsychologie wurden von der Gestaltpsychologie und der geisteswissenschaftlichen Psychologie Einwände im Sinne des Reduktionismus gerichtet. Mit Goethe war diese Kritik am Herstellen immer kleinerer Einheiten bereits im „Fehlen des geistigen Bands“ erhoben worden.[6] Als Reaktion auf diese elementaristische Richtung gab es auch eine mehr holistische Strömung der Elementenpsychologie, die mit der Gestaltpsychologie eher in Einklang stand. Es wird daher zwischen Holisten (Gestaltpsychologie) und Elementaristen unterschieden. Sigmund Freud (1856–1939) und Carl Gustav Jung (1875–1961) widersprachen einer Gleichsetzung von Psyche und Bewusstsein.[7][8]

Die Problematik der Elementenpsycholgie geht zurück auf Aristoteles (ca. 384–322) und seine Theorie von Akt und Potenz sowie der materia prima. Das Ableiten psychischer Phänomene von unveränderlichen Elementen ist bereits von Heraklit (ca. 544–483) kritisiert worden. Ein unveränderliches Sein wurde von ihm als unmöglich betrachtet. Alles Sein vollziehe sich vielmehr im Sinne eines ewigen Werdeprozesses („Alles fließt.“). Auch Wilhelm Wundt vertrat den Standpunkt, dass alle Wirklichkeit letztlich auf Akte ohne zugrundeliegende Substanz zurückzuführen sei.[5](b) Dennoch wurde auch von Vertretern des amerikanischen Funktionalismus Kritik an der Elementenpsychologie geübt, da sie nicht materiell nachweisbare strukturierte Zusammenhänge ablehnten, insbesondere aber die Analyse von Erlebnisinhalten.[9][3](e)

LiteraturBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Wilhelm Karl Arnold et al. (Hrsg.): Lexikon der Psychologie. Bechtermünz Verlag, Augsburg 1996, ISBN 3-86047-508-8:
    (a) Sp. 452 zu Lemma „Elementenpsychologie“;
    (b) Sp. 452 wie (a);
    (c) Sp. 2236 zu Lemma „Strukturalismus“, Stw. „Edward Bradford Titchener“, Sp. 1777 zu Lemma „Psychophysik“ zu Stw. „G. T. Fechner“.
  2. Philip G. Zimbardo, Richard J. Gerrig: Psychologie. Pearson, Hallbergmoos bei München 2008, ISBN 978-3-8273-7275-8; S. 9 zu Stw. „Strukturalismus“;.
  3. a b c d e Peter R. Hofstätter (Hrsg.): Psychologie. Das Fischer Lexikon, Fischer-Taschenbuch, Frankfurt a. M. 1972, ISBN 3-436-01159-2:
    (a) S. 72 zu Lemma „Behaviorismus“, Stw. „Titchener als Vertreter des Strukturalismus (der Elementarpsychologie)“;
    (b) S. 70 f., 77, 263, 348 zu Stw. „Empfindungen“;
    (c) S. 29 zu Lemma „Assoziation“;
    (d) S. 208 zu Lemma „Leib-Seele-Problem“ Stw. „Monismus“;
    (e) S. 72 zu Stw. „Kritik an Titchener“.
  4. Carl Gustav Jung: Definitionen. In: Gesammelte Werke. Walter-Verlag, Düsseldorf 1995, Paperback, Sonderausgabe, Band 6, Psychologische Typen, ISBN 3-530-40081-5; §§ 7, 28, 113, 520 f., 584, 700, 711, 833, 835, 899 ff., 905, 913 f. zu Stw. „Grundfunktionen“.
  5. a b Heinrich Schmidt: Philosophisches Wörterbuch (= Kröners Taschenausgabe. 13). 21. Auflage, neu bearbeitet von Georgi Schischkoff. Alfred Kröner, Stuttgart 1982, ISBN 3-520-01321-5:
    (a) S. 436 zu Lemma „Monopluralismus“;
    (b) S. 10 zu Lemma „Aktualitäts-Theorie“.
  6. Johann Wolfgang Goethe: Faust I. In: Goethe Werke Jubiläumsausgabe, Band 3, „Faust I und II – Die Wahlverwandtschaften“ Insel-Verlag 1998, ISBN 3-458-16913-X; S. 69 Studierzimmer II, Vers 1939 zu Stw. „geistiges Band“.
  7. Sigmund Freud: Das Ich und das Es. In: Gesammelte Werke, Band XIII, „Jenseits des Lustprinzips – Massenpsychologie und Ich-Analyse – Das Ich und das Es“ (1920–1924), Fischer Taschenbuch, Frankfurt / M 1999, ISBN 3-596-50300-0; S. 239 f. zu Stw. „Grenzen der Bewusstseinspsychologie“.
  8. Carl Gustav Jung: Über die Energetik der Seele. In: Gesammelte Werke, Band 8, „Die Dynamik des Unbewußten“, Walter-Verlag, Düsseldorf 1995, Paperback, Sonderausgabe, ISBN 3-530-40083-1; S. 26 f., § 29 zu Stw. „Bewusstseinspsychologie“.
  9. Markus Antonius Wirtz (Hrsg.): Dorsch - Lexikon der Psychologie. 18. Auflage, Verlag Hogrefe, Bern, 2014; S. 594 zu Lemma: „.Funktionalismus“; Online seit 2014 aktualisiert.

Siehe auchBearbeiten