Dioiketes

im griechisch-römischen Ägypten der Finanzminister mit Amtssitz in Alexandria

Der Dioiket, auch Dioiketes (altgriechisch διοικητής, von altgriechisch διοικέω, „ein Amt verwalten“ beziehungsweise διοίκησις „Finanzressort, Staatshaushalt“) war im griechisch-römischen Ägypten der Finanzminister mit Amtssitz in Alexandria.

Der Dioiket in ptolemäischer ZeitBearbeiten

Der höchste Zivilbeamte im ptolemäischen Ägypten war der Dioiket, der seinen Sitz in Alexandria hatte. Er war der Finanz- und Innenminister des Königs.[1] Sein ägyptischer Vorläufer war der snty (senti).[2]

Der Dioiket war in erster Linie für die allgemeine Staatskasse (altgriechisch βασιλικόν - basilikon) zuständig. Seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gab es eine „private“ königliche Schatzkammer, den idios logos (grie. ἴδιος λόγος); ihre Einnahmen bezog diese Kasse aus Geldstrafen und herrenlosen, beziehungsweise konfiszierten Gütern.[3] Sie wurde von einem speziellen Beamten, dem ho pros tô idiô logô (grie. ὁ πρὸς τῷ ἰδίῳ λόγῳ - „der für die königliche Schatzkammer [Zuständige]“), verwaltet, der dem Dioiketen unterstand.[4] Der Dioiket war unter anderem für die Bearbeitung von Eingaben an den König (Enteuxeis) und deren Weiterleitung an die Gerichte zuständig,[5] zumal die Chrematisten (Richter) wahrscheinlich dem Dioiketen unterstellt waren.[6]

Der bekannteste Dioiket der Ptolemäerzeit war wohl Apollonios (3. Jh. v. Chr.).[7] Seine Landgüter wurden von Zenon aus Kaunos verwaltet, dessen Archiv zu großen Teilen erhalten geblieben ist.[8]

Gleichfalls Dioiketen (wahrscheinlich die Kurzform für Hypodioiketen,[9] das heißt Unterdioiketen) genannte Beamte standen der Finanzverwaltung mehrerer Gaue vor, die aber im 2. Jahrhundert v. Chr. von Hypodektai abgelöst wurden.

Der Dioiket in römischer ZeitBearbeiten

In römischer Zeit fällt die oberste Finanzverwaltung zunächst dem Praefectus Aegypti anheim. Dies zeigt, dass das Procuratorenamt nicht von den Ptolemäern übernommen worden ist. Erst seit Hadrian hat der Dioiket, ein römischer Ritter, die Finanzverwaltung wieder inne und fungiert auch als Richter in Finanzangelegenheiten. Er beriet zudem den Praefectus Aegypti auf Konvent-Reisen und vertrat den Iuridicus als Richter. Ein weiteres Aufgabengebiet des Dioiketen war die Überprüfung der Finanzverhältnisse der Liturgen der Römerzeit (zu dieser Zeit war die Liturgie quasi ein Zwangsbeamtentum, bei der die Inhaber mit ihrem gesamten Vermögen für etwaige Verluste hafteten). Auch für Besitzkonfiskationen, ihre Verwaltung und Versteigerung war der Dioiket zuständig. Der Dioiket führt das Rangprädikat altgriechisch κράτιστος - kratistos (lateinisch vir egregius, das heißt „vortrefflicher Mann“).[10]

284/285 n. Chr. wird der Dioiket vom Katholikos (lateinisch rationalis) abgelöst.

QuellenBearbeiten

Dioiketenlisten für die Ptolemäerzeit (mit Quellenangaben)
  • Richard Seider: Beiträge zur ptolemäischen Verwaltungsgeschichte. Heidelberg 1938.
  • Prosopographia Ptolemaica I (= Studia Hellenistica. 6). Leuven 1950, S. 2–8, Nr. 14–57.
  • Prosopographia Ptolemaica VIII (= Studia Hellenistica. 21). Leuven 1975, S. 13–17 (Nachträge zu Band I).
Dioiketen für die Römerzeit
  • Dieter Hagedorn: Zum Amt des διοικητής im römischen Aegypten. In: Yale Classical Studies. Nr. 28, 1985, S. 167–210 (PDF; 688 kB).

LiteraturBearbeiten

  • Roger S. Bagnall: The Oxford Handbook of Papyrology. Oxford University Press, Oxford/ New York 2009, ISBN 978-0-19-517838-8.
  • Sandra Lippert: Einführung in die altägyptische Rechtsgeschichte (= Einführungen und Quellentexte zur Ägyptologie. Bd. 5). Lit, Berlin/ Münster 2008, ISBN 978-3-8258-0747-4.
  • Hans-Albert Rupprecht: Kleine Einführung in die Papyruskunde (= Altertumswissenschaft.). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994, ISBN 3-534-04493-2.
  • Dieter Hagedorn: Zum Amt des διοικητής im römischen Aegypten. In: Yale Classical Studies. Nr. 28, 1985, S. 167–210 (PDF; 688 kB).

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. M. R. Falivene: Geography and Administration in Egypt (332 BCE – 642 CE), In: Roger S. Bagnall: The Oxford Handbook of Papyrology, Oxford 2009, S. 521–540; hier S. 526.
  2. S. Lippert: Einführung in die altägyptische Rechtsgeschichte (Einführungen und Quelltexte zur Ägyptologie, hrsg. v. L. Gestermann und C. Leitz, Bd. 5), Berlin-Münster 2008, S. 177. vergleiche auch G. Vittmann: Der demotische Papyrus Rylands 9, In: Ägypten und Altes Testament Band 38, Wiesbaden 1998, S. 296–298.
  3. Dieter Hagedorn: Zum Amt des διοικητής im römischen Aegypten, in: Yale Classical Studies Band 28 (1985), S. 167–210; hier S. 171.
  4. H.-A. Rupprecht: Kleine Einführung in die Papyruskunde, Darmstadt 1988, S. 73.
  5. Wolff: Justizwesen, p. 10; Seidl: Ptolemäische Rechtsgeschichte, S. 74 und 79.
  6. Seidl, Ptol. Rechtsgeschichte, p. 76 mit Anmerkung 4.
  7. PP Nr. 00016+add. = 01844 = 09670 = 10064 = 12725 = 13436. Vergleiche Prosopographia Ptolemaica
  8. Zu Zenon siehe Trismegistos (Archive)
  9. J. Hengstl: Petitions to the Dioiketes?, in: Bulletin of the American Society of Papyrologists 33, 1996, S. 111–116, hier p. 115–116
  10. Hagedorn, S. 186. Zu Ausnahmen siehe dort. Zu den Ehren- und Rangprädikaten siehe O. Hornickel: Ehren- und Rangprädikate in den Papyrusurkunden. Ein Beitrag zum römischen und byzantinischen Titelwesen, Gießen 1930.