Debitismus

Wirtschaftstheorie

Debitismus ist eine Bezeichnung innerhalb einer der drei Hauptrichtungen der Theorie des Geldes und der Geldentstehung, die davon ausgeht, dass Geld nicht als Tauschmittel zur Erleichterung des Tausches von Waren und Diensten auf Märkten entstanden ist, sondern als Schuld in einem Machtverhältnis gegenüber dem Machthalter, die von diesem bzw. von dessen beauftragter Institutionen beurkundet wird mittels Münzen, Scheinen oder in elektronischer Form mittels ZB-Guthaben. Deshalb ist Geld ohne Machtsysteme geschichtlich nicht darstellbar und Privatgeld historisch nicht existent. Privat kann nur Kredit vergeben werden, der fälschlicherweise als Kreditgeld bezeichnet wird. Kredit ohne Beurkundung von Forderungen von der Zentralbank im modernen zweistufigen Zentralbanksystem hat aber keinen Geldcharakter. Diese Theorie des Geldes ist auch Fundament der Theorie der kapitalistischen Wirtschaft von Paul C. Martin. Er ging davon aus, das Wirtschaftsteilnehmer nicht auf Märkten Waren und Dienste tauschen, sondern sich dort zu ihren kommenden oder bereits bestehenden Steuerterminen dringend nötiges Abgabemittel/ Steuerzahlungsmittel erwirtschaften müssen, indem sie sich dieses gegenseitig im Rahmen bestehender Regeln und Gesetze gegen das Anbieten von Waren und Diensten abjagen, um es zu den jedem drohenden immer wiederkehrenden Steuerterminen dem Machthaber abliefern zu können, da sie es nicht selbst herstellen können. In einem modernen Land wie der BRD ist jeder Staatsbürger über sein ganzes Leben ununterbrochen steuerpflichtig und sei es nur durch z.B: Mehrwertsteuer, Grundsteuer und CO2-Steuer (Steuern auf lebensnotwendige Ausgaben) neben den Steuern auf Einnahmen und auf nicht lebensnotwendige Ausgaben. Diese Steuereinnahmen sind für den Staat unabdingbar, damit dieser wiederum, seine Staatsbürger nach innen und außen schützend, entsprechende Institutionen (Legislative, Judikative, Exekutive) besichern kann, um sich und seinen Bürger die Chance auf eine Existenz zu erhalten. Sämtliche nicht staatenbildende menschliche Gemeinschaften sind in der Auseinandersetzung mit der Natur und anderen Gemeinschaften und Gesellschaften ausgestorben oder im Aussterben begriffen. Die historisch gewachsene immer globalisiertere Arbeitsteilung ist inzwischen so voran getrieben, dass autonome und autarke Menschengruppen nicht mehr ausreichend gross genug werden können oder sich lange genug reproduzieren können.

Theorie Paul C. MartinsBearbeiten

Der Begriff Debitismus wurde zum ersten Mal 1983 im Buch von Paul C. Martins "Wann kommt der Staatsbankrott?" eingeführt (debitum = Schuld anstelle von Kapital – im sog. Kapitalismus sind alle mehr oder weniger stark verschuldet und selbst "Eigen"kapital entsteht durch Verschuldung und wächst nicht aus dem Nichts). Er greift dabei frühe im Postkeynesianismus wurzelnde Arbeiten der Bremer Professoren Gunnar Heinsohn und Otto Steiger auf und entwickelt deren Eigentumsökonomik weiter zu einem Modell, in dem kapitalistisches Wirtschaften in Analogie zu einem Schneeballsystem mit zwingend erforderlicher Vorfinanzierung von Machtsystemen (kein Imperium entsteht ohne Versprechen = Verschuldung einer Herrscherstruktur an seine Gefolgschaft) und von Nachschuldnerjagd beschrieben wird, weil nur diese die zu jedem beliebigen Zeitpunkt existierenden Altschuldner von ihren Schulden erlösen können, indem sie sich selbst verschulden (ihnen Schuldentilgungsmittel überlassen) und ab diesem Moment ihrerseits auf Nachschuldnerjagd gehen müssen – sich neues Schuldentilgungsmittel verschaffen.[1]

Der Kapitalismus ("freie Wirtschaft") wird daher besser als "Debitismus" bezeichnet oder "debitistischer Kapitalismus", um sein endloses Dilemma klar zu machen, das da lautet: Es müssen sich immer spätere Schuldner (Kapitalisten, aber auch Konsumenten, "Ausland" oder "Staat") finden, die den früheren Schuldnern helfen (von ihren aktuellen Schulden runter zu kommen).

Paul C. Martin erklärte, dass sein Konzept beschreibt, was passiert, wenn in einem System Schulden existieren und dass der "Kapital"ismus ein ursächlich per Waffengewalt etabliertes Abgabensystems mit nachfolgenden Machterhaltungs-Zessionen ist (Versprechen an Gefolgschaft vor Machtergreifung und dann auch Verteilung von sog. ‘Privilegia’ oder ‘fryheiten’ nach Machtergreifung vom Machthalter) und ohne Waffengewalt zur Besicherung von Eigentum und Erfüllung von Kontrakten im Sinne eines Kettenbriefes nicht definierbar ist wie schon erstmals in Sumer/Mesopotamien zu beobachten war.

Der Debitismus Martins betrachtet die Volkswirtschaft nicht als Anzahl von Tauschgeschäften, wie es in der neoklassischen Theorie formuliert wird, sondern als Summe von Schuldverhältnissen – von sehr vielen in den verschiedenen Ebenen gleichzeitig und nacheinander ablaufenden und ineinander verschachtelten Ver- und Entschuldungsprozessen, die zu Schuldsummen zusammengefasst werden können. In der debitistischen Betrachtung gibt es deshalb keine Geldmengen, sondern nur Geldsummen. Die Erhöhung einer "Umlaufgeschwindigkeit des Geldes" bringt darum keine systemische Entlastung der Wirtschaftsteilnehmer oder einen Aufschwung im System, sondern nur die Erhöhung der Anzahl der Nachschuldner, woraus sich ein systemischer und unabänderbarer Wachstumszwang "Kapital"istischer Systeme ergibt.

Im Kern des Martinschen Modells steht eine Beschreibung des Vorgangs der ausschliesslichen Geldschöpfung im heutigen zweistufigen Bankensystem zwischen Geschäftsbanken und Zentralbanken in dem die Geschäftsbanken zwar an private Marktteilnehmer Kredite gegen Sicherheiten und Rückzahlungsversprechen der Kreditnehmer vergeben können, diese aber erst systemrelevant werden können, wenn die dabei entstehenden Schuldsummen von den Zentralbanken danach in den geldpolitischen Operationen beurkundet werden. Nur die Zentralbanken können also Geld schaffen und wieder vernichten – Geschäftsbanken können nur Kredit vergeben, der ohne Einbeziehung der zweiten Stufe des Geldschöpfungssystems, der Zentralbank, keine systemische Relevanz erlangen kann.[2]

Eine Schuld wächst ohne Abtragung im Zeitablauf stets zu. Bedient ein Mensch seine Urschulden nicht ununterbrochen, dann stirbt er. Wird eine Abgabeschuld nicht zum Termin getilgt trifft den Schuldner die Sanktion. Wird eine Kontraktschuld nicht zum Termin wie vereinbart erfüllt erlischt das Vertrauen in den Kontraktpartner für immer und wird eine religiöse Schuld nicht bedient endet dieser soziale Verbund.

Typen von SchuldverhältnissenBearbeiten

Die debitistische Theorie Martins unterscheidet vier Gruppen von Schuldverhältnissen:

UrschuldBearbeiten

Die Urschuld (auch Subsistenzpflicht) bezeichnet die Pflicht des Einzelnen, zur Selbsterhaltung der eigenen Person und seiner Angehörigen (Kinder und nicht ausreichend dazu Befähigte) zu konsumieren zu leben und zu überleben.

Sie kann durch Exploration, Akquirieren von Ressourcen, Produktion, Verteidigung dieser Prozesse und Selbstverbrauch des Produzierten getilgt werden. Die Urschuld entspricht den vom Marxismus definierten Reproduktionskosten der Arbeiterklasse (die aber jeder andere Mensch auch hat und nicht nur ein Arbeiter – auch ein Kapitalist, ein Beamter, ein Soldat und ein König hat Urschulden zu bedienen), während die neoklassische Theorie aus unverständlichen Gründen keinen notwendigen Mindestkonsum jedes einzelnen Menschen definiert. Die Maslowsche Bedürfnispyramide gilt aber für alle Menschen – Grundbedürfnisse müssen alle befriedigen (Hunger, Durst, Temperaturregulierung, Schutz usw.).

AbgabenschuldBearbeiten

Die Abgabenschuld ist nach Martin die vom jeweiligen Machthalter (Herrscher, Staat, Staatenbünde) festgesetzte und mit ausgeübtem oder angedrohtem Gewalteinsatz („coercive power“) eingeforderte Abgabenlast des einzelnen Staatsbürgers zum Steuertermin.

Dem Bürger droht eine Sanktion (Strafzahlung, Gefängnis, Versklavung, Tod). Mit den Abgaben muss die zentrale Machtinstitution ihre Macht besichern. Erhalten kann sie sich nur durch zusätzliches Aufschuldung = Staatsverschuldung, die in der Summe nie zurück gezahlt, sondern immer nur hoch gebucht werden konnte und kann.

Die Einführung eines staatlichen Gewaltmonopols ist Voraussetzung für die Erhebung einer Abgabenschuld, um den Staat mit all seinen Institutionen immer weiter auf-, ausbauen und erhalten zu können (Legislative, Exekutive, Judikative) und somit seine Bürger vor Naturkatastrophen, räuberischen Elementen wie Nachbarstaaten oder anderen kriminellen Vereinigungen schützen zu können und die relativ freie Marktwirtschaft und Entfaltung der produktiven gesellschaftlichen Kräfte zu gewährleisten.

Das geforderte Abgabengut waren in den ersten Staaten Dienste (Armee- und Wald-,Bau-,Felddienst) und Naturalien wie in Mesopotamien z. B. Gerste (ein großer Schekel = 180 Korn Gerste), in Japan Reis, und in anderen Herrschaftsbereichen alles, was Herrscher und Hof zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und zur Verteidigung ihrer Herrschaft brauchten. Zur Vereinfachung der Buchhaltung der Abgabesysteme (Naturalien verrotteten und werden von Schädlingen befallen) wurden zunehmend Edelmetalle in festgelegter Qualität und Wichtung eingeführt Gold aber vor allem Silber. Im nächsten Schritt wurden diese Einheiten mit Nominal und Siegel versehen (Münzen geschlagen). Vom Machthalter wurden diese als Sold an Militär und Gehalt an den Beamtenapparat ausbezahlt, zum gesetzlichen Zahlungsmittel und zum Steuerzahlungsmittel erklärt und zur Begleichung von Steuerschulden wieder eingezugen. Somit konnten die Zahlungsmittel von den Bürgern zur Tilgung von Steuerschulden aber auch zur Tilgung aller anderen Schuldverhältnisse verwendet werden.

In den folgenden Jahrtausenden setzten sich neben den Edelmetallen als Geldträger zunehmend papierne und digitale Geldträger zur Beurkundung von Geldeinheiten durch. Die Abgabenschuld zu den Terminen begründet nach debitistischer Auffassung den Zwang des Einzelnen, seine selbst erzeugten Güter oder seine Arbeitskraft auf Märkten anzubieten um sich das für ihn zum Steuertermin dringend notwendige Abgabemittel zu verschaffen Historisch gesehen, entstanden demnach zuerst Steuerforderungen und als deren Folge dann die Märkte, auf denen jeder versuchte, an das von ihm benötigte Steuerzahlungsmittel zu kommen, indem er seine Waren und Dienste anbot – es wurde nicht getauscht. Steuerzahlungsmittel brauchte jeder Bürger zur Tilgung seiner Abgabenschuld zum durch die Macht festgelegten Termin (Abgabetermin), um nicht die für den Fall der Nichterfüllung angedrohte Sanktion erleiden zu müssen.

Auch historische und moderne mafiöse Strukturen operierten und operieren heute noch nach diesem Prinzip. Sie müssen von den Menschen ihn ihrem Machtgebiet Schutzgeld erpressen, also Forderungen auf Dienste, Waren, Schuldversprechen zum Termin unter Sanktionsandrohung bei Nichterfüllung durchsetzen, um ihren Einfluss und ihre Ordnung mit ihren Regeln und Gesetzen in ihrem Einflussbereich mit diesen Mitteln durchzusetzen und im Gegenzug für die Einzelnen Schutz vor anderen gleichartig erpresserischen Organisationen zu garantieren.

KontraktschuldBearbeiten

Die Kontraktschuld bezeichnet Martin die vertraglich festgelegte Schuld zwischen kontraktfähigen natürlichen oder juristischen Personen nach Abschluss eines entsprechenden Schuldvertrages, der Leistung und Gegenleistung, Termin sowie Sanktion bei Nichterfüllung beinhalten muss (siehe auch: Arbeitsteilung).

Die Vollstreckung einer Kontraktschuld führte auch schon in früheren Jahrhunderten oft zum ökonomischen und sozialen Ruin des Schuldners. Wer in einem Staat oder in einer mafiösen Vereinigung Abgabenschulden tilgen muss, muss bis zum Termin der Zahlung wirtschaftlich sehr aktiv werden und dabei oft noch Verzicht leisten, damit er rechtzeitig das Abgabegut in der geforderten Höhe und Qualität erwerben kann. Er muss eigene Dienste und Waren denjenigen Vertragspartnern anbieten, die diese akzeptieren und die bereit sind, ihm dafür das benötigte Abgabegut in der vereinbarten Höhe zu überlassen (z.B wenn ein Söldner, Beamter oder Sozialhilfeberechtigter eine privatwirtschaftliche Leistung oder Ware verkonsumiert und mit direkt vom Staat zugewiesenen Geldeinheiten bezahlt).

Religiöse SchuldBearbeiten

Als religiöse Schuld bezeichnet Martin die Pflicht des Einzelnen, Zahlungen oder andere Leistungen wie Gebete oder Tätigkeiten/Gaben an religiöse Instanzen zu entrichten (Opfer bzw. Abgaben) um keine angedrohten Sanktionen zum Termin zu erleiden (Fluch, Bann, Ächtung, angedrohte Höllenqualen oder verweigerte Himmelsfreuden). Der Zehnt gehört zu den ältesten Formen einer religiösen Schuld und wird derzeit in Deutschland in abgewandelter Form parallel zum staatlichen Steuersystem von den christlichen Kirchen erhoben. Bei Nichterfüllung erfolgt soziale Ächtung bzw. eine moralische Verurteilung. Im Islam gibt es mit der "Zakat" eine ähnliche Abgabenverpflichtung.

Geschichte und SystematikBearbeiten

Die Geschichte und Systematik der Steuern und Abgaben ist ein Schwerpunkt der debitistischen Forschung Martins und seiner Schüler. Nach debitistischer Auffassung liegt der Ursprung der Steuern im früheren Raub und später im ständigen Fordern von Tribut unterworfener Völker gegen Verzicht auf die Sanktionen. Nach Übernahme der Tributgebiete bzw. Einbeziehung der Tributpflichtigen in das stärkere Machtareal wird der Tribut (nach aussen gerichtet) in eine Steuer (nach innen gerichtet) umgewandelt. Ein Verwaltungsapparat muss installiert und ständig ausgebaut werden, der Steuern erhebt, die das Machtsystem wiederum zum wachsen und überleben braucht, bevor allerdings die Mittel für diesen Apparat überhaupt vorhanden sind (Sold wird am 1. des Monats bezahlt, Steuern kommen aber erst später rein). Das hat Martin als eines der wichtigsten Probleme von Wirtschaftssysteme als "Vorfinanzierungsproblem" beschrieben. Historisch konnte dieses durch Beraubung überbrückt werden "Der Krieg ernährt den Krieg" wie z. B. beim Ausheben der gefüllten persischen Schatzkammern durch den Alexanderzug die aufgefüllt waren durch vorangegangene Tributzahlungen aus den Satrapien an die Perser.

In modernen Staaten kann nicht mehr Tribut nach aussen, sondern nur noch Steuern gegen die eigenen Bürger erhoben werden.

(Heute kein Räuberstaat mehr möglich, wie historisch üblich war)

Unabdingbare Voraussetzung für das Funktionieren einer schuldbasierten Geldwirtschaft ist die Existenz des staatlichen Gewaltmonopols in Gesetzgebung, Rechtsprechung und innerer Sicherheit und Ordnung. Der Staat erzwingt diese Geldwirtschaft, weil sich alle Bürger im Staat ständig zu neuen Terminen Steuerzahlungsmittel erwirtschaften müssen, welches der Staat aber nur an seine Söldner, Beamten und an Bedürftige im Sozialstaat ausreicht sowie an für den Staat privatwirtschaftlich tätige Leistungserbringer und Käufer von staatlichen Schuldtiteln zahlt, ohne dieses Geld selbst zu haben (keine Schatzkammer vorhanden).

Der Staat begründet und verteidigt das Eigentum der Privaten (im Gegensatz zum Sozialismus/Kommunismus der dadurch immer scheitern muss mit seinem falschen Denkansatz des wirtschaftlich für alle nutzbaren Volkseigentums) als staatlich garantiertes Besitzrecht. Zur Finanzierung seiner Machtausübung muss der Staat sich nach debitistischer Auffassung von Anfang an vorfinanzieren und im Vorgriff auf künftige Abgabenschulden immer höher verschulden („Staatsschulden“) und diese immer weiter steigende Verschuldung mit einer immer höheren Steuerlast besichern um nicht das Vertrauen der Märkte in seine zukünftige Befähigung zur Erhebung von Steuern zu verlieren. Das Vertrauen der globalen Märkte in die Befähigung des deutschen Staates zur zukünftigen Steuererhebung ist z. B. so hoch, dass er Staatsanleihen mit negativem Zins anbieten und problemlos verkaufen kann.

Zur Tilgung der vom Machthalter festgesetzten Steuerschulden/ Abgaben müssen die Bürger stets private Schulden aufnehmen (Kreditvergabe durch Private) und mit den damit zur Verfügung stehenden Mitteln sich immer mehr und immer neue Ressourcen verschaffen, diese verarbeiten und die gefertigten Produkte oder Leistungen an Nachschuldner verkaufen um dadurch von diesen Steuerzahlungsmittel zu erhalten für die diese wiederum selbst private Kredite aufnehmen müssen. Der Debitismus wird also als anschwellende Summe von Verschuldungen der Privaten und der öffentlichen Hände betrachtet, deren Abbau in der Gesamtheit, die Systemteilnehmer als Ganzes und das System ruinieren würde.

Daraus resultiert ein nicht änderbarer Wachstumszwang debitistischer Systeme. Wird ein debitistisches System z. B. durch Staatsschuldenrückzahlungswollende oder durch gut meinende das Klima oder die Umwelt retten wollende Politik in die Stagnation getrieben, dann implodiert es aus Mangel an Nachschuldnern. In der Folge brechen die Altschuldner unter der Last ihrer Schulden zusammen, Innovationen werden nicht mehr finanzierbar und neuen Ressourcen (Rohstoffe, neues menschliches Potential) können nicht mehr akquiriert werden – das gesamte System samt seiner Insassen geht in die Rezession und dann Depression – in eine tödliche Abwärtsspirale mit Überalterung in der dann das ganze System unter geht (historisch unzählig zu beobachtender Staatsbankrott mit regelmäßig begleitendem Krieg).

Der Zeitunterschied zwischen dem (frühen) Steuertermin des Bürgers und dem (späten) Zeitpunkt seines Einkommens erklärt und rechtfertigt für Paul C. Martin die Erhebung von Zinsen. Auch ein Staat hat immer zuerst Ausgaben, um später Einnahmen generieren zu können – "Ausgaben vor Einnahmen". Dadurch beginnt mit seinem Start jedes "kapital"istische Wirtschaftssystem mit einer Schuldenspirale, die bisher nur durch periodische Wirtschaftskrisen und damit verbundene Revolutionen Bürgerkriege oder Raubkriege unterbrochen wurde. Dem wirken inzwischen moderne Zentralbanken mit ihrer Geldpolitik und ihren breit aufgestellten geldpolitischen Instrumenten (QE u. a.) effektiv entgegen, um Krisen strecken und Zusammenbrüche hinauszögern zu können. Auch werden vom Staat immer neue Steuern zusätzlich zu den bereits bestehenden eingeführt (z. B. Solidaritätszuschlag, Finanztransaktionssteuer, EU-Finanzierung, Klimarettung, Flüchtlingspolitik, Aufrüstung EU-Armee) um immer höhere Verschuldung in Form von Rettungspaketen oder anderen sog. Sondermassnahmen anschieben zu können, bei denen es aus debitistischer Sicht aber nur vorrangig um Nachschuldnersuche geht.

Der Debitismus lehnt das neoklassische Tausch-Konzept sowie sämtliche daraus entwickelten makroökonomischen Modelle, z. B. die Quantitätsformel mitsamt der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ab (Geld läuft nicht um, sondern Schulden werden weiter gereicht und wachsen dabei in der Summe im System per Zeitablauf unabänderlich an bis es zur Schuldenausbuchung durch Umschuldung oder Gläubigerbeseitigung kommt). Stattdessen werden Wirtschaftstransaktionen als Schuldenaufnahme und Schuldentilgung bilanziert (insbesondere Verbindlichkeiten und Forderungen aus Lieferungen und Leistungen), denen eine entsprechende Guthabenbildung bzw. Guthabenvernichtung gegenübersteht. Geldeinheiten dienen dem Tilgen von zuerst Steuerschulden "dekretiertes inzwischen einziges Tilgungsmittel für Steuerschulden – StZM" und nachrangig zur Tilgung aller anderen auf Geldeinheiten lautenden Schulden "dekretiertes gesetzliches Zahlungsmittel mit Annahmepflicht – GZM". Die Begriffe Zeit und Termin mit drohender Sanktion und Strafe spielen in der debitistischen Theorie eine extrem wichtige Rolle. Jeder Bürger weiss welche Sanktionen und Strafen ihn erwarteten, wenn er seine Steuerschulden nicht zum festgesetzten Termin in festgelegter Höhe und Art tilgt (z. B. Verlust des Eigentums bei Nichtzahlung von Grundsteuer). Erst daraus ergeben sich Werte und Preise im gesamten Wirtschaftssystem weil sich erst daraus der Zwang zum Wirtschaften und die damit verbundene Dynamik des Systems ableitet.

Anfänge debitistischer TheorienBearbeiten

Die im Einklang mit der bankbetriebswirtschaftlichen Realität stehende Konzeptualisierung von Geld als Schuldverhältnis oder Kredit ist nicht neu. Angefangen mit dem merkantilistischen Ökonomen James Steuart gab es in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften eine Reihe von Ökonomen, die diese Auffassung vertreten haben.[3] Als weitere Autoren, die Geld als Schuldverhältnis sehen, wären hier noch Alfred Mitchell-Innes[4], Joseph Schumpeter und Johann Philipp von Bethmann zu nennen. Der Debitismus knüpft aber im Gegensatz dazu an die "Staatliche Theorie des Geldes" von Georg Friedrich Knapp an und betrachtet Geld vor allem als machtbasierte Schuldverhältnisse, aus denen sich privatrechtliche Schuldverhältnisse ableiten (Nur die Zentralbank schafft und vernichtet Geld und der Machthalter definiert Geld und die Rechte und Pflichten der Zentralbank – siehe Gesetzgebung).

Die von der Zentralbank im Zuge der geldpolitischen Operationen an die Privaten heraus gegebenen Geldscheine und Geldmünzen bzw. die Zentralbankguthaben werden aus debitistischer Sicht als das betrachtet, was sie sind – auf verschiedenen Geldträgern (Papier, Metall, EDV-Einheiten) beurkundete Geldeinheiten, die mit notenbankfähigen Sicherheiten hinterlegt wurden (z. B. im WPPG oder Ankauf von Wertpapieren oder Goldforderungen usw.) für die Private haften. Deshalb ist das oft beschworene "Gelddrucken" von Banken ohne Haftung Unsinn und nur noch möglich, indem sich sofort ein Vertrauensverlust in Staat, Wirtschafts- und Finanzsystem mit unweigerlicher Hyperinflation einstellt.

Summen von Bürgern auf Girokonten der Geschäftsbanken werden auch nur als das betrachtet, was sie sind – nur Anspruch auf Geldeinheiten, die sich die Geschäftsbanken auf Forderung der Kunden im Rahmen ihres Geschäftsbesorgungsauftrages gegenüber diesen dann erst zum Termin der Forderung im von der Zentralbank vorgegebenen Verfahren von dieser verschaffen müssen, wenn die Kunden auf Auszahlung bestehen. Bestehen zu viele Kunden gleichzeitig auf Auszahlung kommt es zum Bankrun, da die Geschäftsbank sich sehr schnell per Sicherheitenstellung keine neuen Geldeinheiten verschaffen kann.

Deshalb geht die debitistische Betrachtungsweise auch davon aus, dass in einem funktionierenden System wie z. B. dem US-amerikanischen oder europäischen kein Geld "nach Belieben gedruckt werden kann" und nur die Zentralbanken rechtmäßig Geld schaffen können, wenn dabei stets entsprechende Sicherheiten von den zugangsberechtigten Geschäftsbanken zeitweise oder dauerhaft übereignet werden bzw. dass sie es wieder vernichten, wenn die Sicherheiten von der Zentralbank wieder rückübereignet oder weiter verkauft werden müssen.

Geschäftsbanken können kein Geld schaffen – sie können nur Kredite vergeben und die daraus resultierenden Sicherheiten der jeweiligen Zentralbank zum Pensionsgeschäft oder Forderungen zum Ankauf anbieten, wenn diese notenbankfähig sind.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Martin, Paul C.: Der Kapitalismus – ein System, das funktioniert. Frankfurt am Main.: Ullstein 1990, S. 17, 69.
  2. Enghofer, Stuart&Knospe, Manuel: Verschuldung, Geld und Zins – grundlegende Kategorien einer Wirtschaftstheorie (Memento vom 9. Oktober 2007 im Internet Archive), Universität Bayreuth am Lehrstuhl für Institutionenökonomik, Arbeitspapier No. 2, 2005, S. 8–33 (PDF; 816 kB)
  3. Ein Überblick findet sich in der Dissertation von Charlotte Bruun: "Logical Structures and Algorithmic Behavior in a Credit Economy" web.archive.org Kapitel 1 web.archive.org und 2: "The Nature of Money" und "The Development of the Theory of Credit" web.archive.org
  4. Mitchell Innes (1913): "What Is Money?"ces.org.za; Mitchell Innes (1913): "The Credit Theory of Money"ces.org.za